Michael hatte Kopfschmerzen und massierte sich die Schläfen. Vor ihm lag das Schreiben vom Ordnungsamt. „Muss von einer Gefährlichkeit ausgegangen werden“ stand da. „Gefährlich“, dachte Michael und schaute auf Paul, der in seinem Körbchen lag und schnarchte. Nunja, besonders freundlich war Paul ja wirklich nicht, aber gefährlich? Michael musste an das gemeinsame Kind denken, das in vier Monaten zur Welt kommen würde. „Gefährlich“, murmelte er und streichelte Paul über den Kopf.

In dem Schreiben stand, dass Sabine, Michael und jeder andere, der Paul ausführen würde, eine Sachkunde nachweisen müsse und das Paul einen Wesenstest absolvieren sollte. Michael beschloss, dass er am nächsten Tag zum Ordnungsamt fahren würde, um sich zu erkundigen, wie das von Statten gehen würde und an wen er sich wenden müsse.

Alles ist für irgendetwas gut. Der Morgen hatte miserabel angefangen. Sabine war beruflich unterwegs und Michael war im Treppenhaus mit einem Nachbarn aneinandergeraten, weil Paul ihn angebellt hatte. Der Nachbar hatte sich furchbar aufgeführt, geschimpft und getobt. Und Michael als Asozialen bezeichnet. So ein Idiot. Mit jeder Menge Wut im Bauch setzte sich Michael ins Auto, knallte die Tür zu und fuhr schwungvoll rückwärts aus der Einfahrt. Geradewegs in ein parkendes Auto. „So ein verfluchter Mist“ schimpfte Michael über sich selber, als er ausstieg, um den Schaden zu begutachten.

Der Fahrer des anderen Autos war etwas baff, aber blieb entspannt und erwiderte nur, dass es ja nur Blech sei und Michael bestimmt versichert. Er warf einen Blick auf das kaputte Rücklicht von Michaels Kombi und warf dann einen Blick auf Paul, der ihn missmutig anblickte. „Einen schönen Hund haben Sie da“, sagte der Mann und Michael könnte bis heute nicht sagen, warum er dem Fremden die Geschichte von Paul erzählt hat.

„Oh, er muss also einen Wesenstest machen?“ fragte der Mann, der sich als Herr Maier vorstellte und fuhr fort. „Ich hatte mit meinem Hund auch das Problem, aber das ist eine andere Geschichte. Wissense, ich kenn da jemanden, die kennt sich aus. Rufen Se da mal an, bevor Sie noch den selben Rattenschwanz mit machen müssen wie wir damals.“

Am Abend tat Michael wie ihm geheissen und rief jemanden an. Er schilderte sein Problem und die Person am anderen Ende lachte herzlich und sagte: „Ich liebe solche Hunde. Kommse mal vorbei!“

Einige Wochen später konnten sich Sabine und Michael ein Grinsen nicht verkneifen, als sie mit Paul die Praxis der Tierärztin und Sachverständigen wieder verliessen. Bestanden. Mit Sternchen sozusagen. Paul ist ein intelligenter Hund. Das wussten sie schon immer. Nichts konnte ihn an dem Tag aus der Ruhe bringen. Weder die bedrohliche Annäherung durch die Prüferin, noch der viele Verkehr beim Stadtgang und selbst die kläffenden Hunde hatte Paul heute komplett ignoriert. Er hatte sofort begriffen, was hier lief. Und so schnell läßt sich ein gestandener Herdenschutzhund nicht aus der Ruhe bringen.

In den letzten Wochen waren sie öfter zu jemanden hingefahren und hatten für den Wesenstest geübt. Es war erstaunlich gewesen. Paul verhielt sich so wie immer, nur Sabine und Michael hatten gelernt, sich so darzustellen, dass Paul keine Veranlassung mehr hatte, die Konfrontation mit fremden Menschen in seinem Sinne zu regeln.

Das Paar fühlte sich erleichtert und auch ein bisschen beschwingt. Jeden Abend hatten sie im Internet die Testfragen für die Sachkunde durchgebüffelt, tagsüber hatten sie mit Paul geübt. Bestanden! Yeeeees!

Diese Erleichterung hielt bis in den Abend, und selbst als Sabine den Brief von der Hausverwaltung aus dem Briefkasten fischte, dauerte es noch etwas, bis sich ihre Laune wieder eintrübte.

Einige Nachbarn hatten so etwas wie eine Eigentümerversammlung einberufen, allerdings ohne Sabine und Michael einzuladen. Alle waren sich einig. Der Hund muss weg. Und alle hatten sie unterschrieben. Schliesslich ging es um die Sicherheit in der Nachbarschaft. Gegen Hunde hätten sie ja nichts. Aber so ein gefährliches Tier stelle ein Risiko für die Kinder und die alten Leute dar, die ja hier lebten.

Und gemäss der Versammlung vom Zwölften hätten sich alle darauf geeinigt, dass die Haltung eines solch gefährlichen Hundes hier nicht erwünscht sei und Michael und Sabine ihren Paul deswegen abgeben müssten.

„Recht haben und Recht bekommen sind zwei unterschiedliche Dinge“ murmelte Michael vor sich hin. „Die können uns den Paul nicht verbieten, immerhin sind wir auch Eigentümer.“ Er war sauer, stinksauer. Er, der Feingeist, der überzeugte Pazifist, verspürte in diesem Moment Gewaltphantasien sondergleichen.

Seit Paul im Treppenhaus auf Heinz gestossen war, konnte man förmlich spüren, wie sich das Klima in der Nachbarschaft verschlechtert hatte. Diese Blicke, dieses Getuschel, dieses verlogende bigotte Pack, das freundlich grüßte, um sich dann im nächsten Moment das Maul zu zerreissen. Sabine und Michael hatten schon extra darauf geachtet, dass sie niemanden im Treppenhaus begegneten, dass Paul ja keinen Mucks von sich gab, wenn jemand an der Wohnungstür vorbei lief und das es ja keinen Grund zur Beschwerde gab.

Sie hatten sich solche Mühe gegeben und alles getan, was man von ihnen verlangt hatte.

Nun waren die beiden müde, sie hatten es satt. Wenn irgendein Hund in der Nachbarschft bellte, war es Paul, wenn irgendein Hund irgendwo iregndwen gebissen hatte, dann musste es Paul gewesen sein und wenn irgendjemand die Hinterlassenschaften seines Hundes hat liegen lassen, dann waren es natürlich Michael und Sabine. Und dann das ungeborene Kind. Wie ein Damoklesschwert verfolgte Sabine der immerwährende Verdacht, dass sie eine Rabenmutter sein müsse, wenn sie ihr Kind mit so einer Bestie aufwachsen liesse.

Sabine streichelte Paul, der seinen Kopf auf ihren Schoß legte und sie mit seinen melancholischen Bernsteinaugen anblickte. Sie atmete tief durch und griff zum Telefon.

(Fortsetzung folgt)

Hier geht’s zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

10 Kommentare
  1. Ute Neffgen
    Ute Neffgen sagte:

    och, immer auf die Fortsetzung warten, das ist soooo gemein ;)

    Ich hoffe, die Geschichte geht nicht wie üblich aus und Paulemann gehen muss… :(

    *räusper*… sollte jetzt keine Einflussnahme sein =D

    Antworten
  2. Mandy
    Mandy sagte:

    ich liebe es schon jetzt!
    Der Vorteil, dich nicht täglich zu besuchen, ist: ich muss nicht mehr auf die Fortsetzungen warten :)
    *weiter lesen*
    Ps.: wie ist es eigentlich bei dir um Abmahnungen bestellt, wen ein Vollhorst wie ich, dein Vorhaben „nichts als die ganze Wahrheit“ samt BILD in z.B. FB veröffentlicht? Über eine interne Abmahnung freut sich, wer Geld nur vom darüber reden kennt ;)

    Antworten
  3. Valentina Fürst
    Valentina Fürst sagte:

    Tierschmutz, wie er leibt und lebt….. Was bei 3 nicht auf dem Bäumen ist, wird gerettet, ob es will oder nicht. Bitte möglichst bald eine Fortsetzung und verfilmt werden muss es auch ;-).

    Tipp für die Fortsetzung: Wenn die Beiden das Problem mit Paul gelöst haben, versuchen die Tierschmutzer Paul während der Nachkontrolle im Zuge eines Roll- und Räumkomandos zu „retten“ und bringen ihn in so einer Notfallstation unter, in der dann richtig mit ihm gearbeitet wird. 1x pro Woche, den Rest der Zeit sitzt er im Zwinger.

    Wenn er dann Glück hat, wird er an einen neue Familie ohne Hundeerfahrung gegen eine saftige Schutzgebühr erneut vermittelt. Vielleicht wird er auch so zu einem Wanderpokal, der jedesmal wieder Geld in die leeren Kassen der Tierschutzorganisation spült.

    Wer rettet eigentlich Tiere und neue Halter vor solchen Tierschmutzern?

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  4. Sibylle
    Sibylle sagte:

    Mensch, jetzt hab ich diese ganze Geschichte gespannt durchgelesen, aber wo ist die Fortsetzung? Wie geht es weiter mit Paul??

    Toll geschrieben – und trifft leider ziemlich ins Schwarze… Hier bei uns (im Ballungsraum) laufen auch immer mehr Hunde rum, die eindeutig Herdenschutzhunde und deren Mixe sind – das wird interessant, wenn die alle erwachsen sind.

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