Bevor ich mich in die Osterfeiertage verabschiede, noch eine kleine „Anekdote“ aus dem Tierschutzalltag …

Da gab es mal eine Schäferhündin, die bei uns abgegeben wurde, nachdem sie

  1. ein Kind heftig gebissen hatte
  2. sich die Besitzer nicht um Wesenstest und Sachkunde gekümmert hatten
  3. die Behörden irgendwann die Schnauze voll hatten und die Fortnahme des Hundes verordnet hatten.

Die Klischee-Vorbesitzerin fuhr an dem Vormittag samt nicht minder klischeebehafteten Lebensgefährten am Tierheim vor, in der einen Hand die Leine mit Hund, in der anderen Hand eine kleine PET-Flasche, gefüllt mit Wein. Sie schilderte den Beißvorfall, empörte sich noch über die bösen Menschen, deren Kind gebissen wurde und schnell war uns klar, dass es besser war, dass der Hund nun im Tierheim sitzt. So landete die Hündin also bei uns.

Nun verhält es sich mit Schäferhunden im Tierheim so, dass sie bei Interessenten ungefähr so begehrt sind wie die Zeitung von gestern. Dafür gibt es sehr viele davon. Wenn sie dann auch noch auffällig geworden sind, kann man das Thema Vermittlung nahezu abhaken. Immerhin muss der Hund und damit der neue Besitzer mit dem Stigma „gefährlich“ ein Leben lang klarkommen und ich kann verstehen, dass sich kaum jemand freiwillig so etwas antut.

Umso erfreuter war ich, als dann eines Abends das Telefon klingelte und ein Herr sich nach Maya erkundigte. Er hätte schon einen Rüden, einen echten Prachtkerl. Schon seit 25 Jahren würde er Schäferhunde halten und man könne mit Fug und Recht behaupten, dass er Ahnung hat. Das klang erstmal nicht schlecht.

„Wie sieht es denn mit Kindern in Ihrer Familie aus? fragte ich. „Oder leben Kinder in ihrem unmittelbaren Umfeld? Die Hündin darf auf keinen Fall zu Kindern vermittelt werden, da sie diese angeht und ein Kind bereits heftig gebissen hat.“

Nein, nein, versicherte mir der Herr, Keine Kinder in der Familie oder im engen Freundeskreis. Auch in der Nachbarschaft eher wenige Kinder. Außerdem sei das Grundstück gut umzäunt, das hätte er im Griff. Gut, dachte ich und vereinbarte mit dem Herrn, dass ich jemanden suche, der bei ihm eine Vorkontrolle machen würde. Immerhin wohnte er 300 Kilometer weit weg, aber so ein Platz ist Gold wert, im Zweifel hätte ich den Hund dahin getragen!

Einige Telefonate später erklärte sich meine gute Bekannte Gabi bereit, den Besuch zu machen. Der Herr wohnte zwar auch nicht gerade in ihrer Nachbarschaft, aber 90 km einfache Strecke waren zu verschmerzen. Alles für den Hund, alles für den Klub! Und wie beschrieben, eine sachkundige Endstelle für einen als gefährlich eingestuften Schäferhund, das ist wie ein Sechser im Lotto!

Was dann folgte habe ich bis zu dem Zeitpunkt und auch danach nie wieder erlebt. Am Abend nach dem Hausbesuch rief Gabi mich noch an und eröffnete das Telefonat mit den Worten: „So ein Vollhorst!“.

Der Termin hatte zunächst ganz gut angefangen, der bereits im Haushalt lebende Rüde zeigte sich von seiner netten Seite und machte einen propperen Eindruck. Der Herr erzählte von seiner Erfahrung mit Schäferhunden, dass schon sein Großvater welche gehabt hätte und das sein Rüde ein echtes Prachtexemplar wäre.

Auf die Frage nach Kindern wiederholte er das am Telefon gesagte, keine Kinder im Haus, keine Kinder in der Nachbarschaft, alles tutto paletti. Auf die Frage nach dem Sandkasten im Garten, wusste er zu berichten, dass früher, die Vorbesitzer wohl Kinder gehabt hätten, er müsse im Garten noch was machen, der Sandkasten kommt noch weg.

Eigentlich alles in Ordnung, dachte sich Gabi und wollte gerade wieder los, als plötzlich oben am Treppenansatz ein kleines Mädchen neugierig auf sie runterschaute. „Datt glaubbich getz ja nich“ rutschte es Gabi im feinsten Ruhrpottslang raus, bevor sie sich noch verabschiedete und nach Hause fuhr.

„Der hat tatsächlich seine Tochter versteckt, sach mal, hat der ne Macke?“ fragte Gabi und ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich ruf ihn mal an und hör mir an, was er dazu zu sagen hat“ erwiderte ich und war froh, dass dieser Schwindel aufgefallen war.

Am Telefon zeigte sich der Herr sehr erbost, als ich ihm mitteilte, dass er die Hündin nicht bekommen würde. Was mir einfallen würde, er hätte Fünfundzwanzig Jahre Erfahrung, er hätte bisher noch jeden Hund erzogen und überhaupt, es wäre doch sein Risiko. „So eine Frechheit“ brüllte er noch und legte auf. Uff, dachte ich mir und habe zum ersten Mal einen Interessenten in der „Schwarzen Liste“ eingetragen.

Ich habe etwas gebraucht, um zu verstehen, was in dem Schädel von dem Typen vorgeht und wie man ihm hätte klarmachen können, dass es wirklich keine gute Idee ist, diesen Hund mit einem Kind zusammenzubringen. Vielleicht vortanzen, oder in ein Gedicht verpacken … Vielleicht hätte man das auch aufmalen können. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er dermaßen davon überzeugt war, dass er die Schäferhundeerziehung erfunden hat, dass im Falle eines Bisses der Hündin bestimmt die Tochter schuld gewesen wäre.

In dem Sinne hatte Gabi recht: Vollhorst!

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