„Ey Finn, tut mir echt leid, aber die meinen das wohl ernst“, sagte ich. Finn ist ausnahmsweise mal kein Hund, sondern ein Pferd. Vielmehr ein sogenanntes „Reitsofa“, wie mir Denise versicherte. Und in den nächsten zwei Stunden sollte ich auf ihm sitzen, denn die Damen des Hauses hatten einen Ausritt geplant und mich kurzerhand eingeplant.

Normalerweise würde ich dankend ablehnen, aber ich hatte es mal jemand wichtigem versprochen und wollte nicht als derjenige dastehen, der seine Versprechen nicht hält.

In meiner Fantasie würden wir gemeinsam dem Sonnenuntergang entgegen reiten. In der Realität musste ich in den nächsten Stunden feststellen, dass die Sonne längst untergegangen ist, bis ich den Gaul mal in Bewegung gesetzt habe.

Davon abgesehen, wir wohnen auf einem Ponyhof, wo kämen wir denn dahin, wenn ich nicht wenigsten ein bisschen reiten könnte.

Das größte Glück der Erde soll ja bekanntlich auf dem Rücken eines solchen Zossen zu finden sein. So ganz sicher war ich mir meiner Sache allerdings nicht. Nun standen wir da, Finn und ich. Er nicht mehr der jüngste, ich nicht nicht gerade der leichteste. Ob das wohl gut geht?

Meine Erfahrung mit Pferden im Nahbereich beschränkt sich weitestgehend auf eine unheilvolle Begegnung mit einem Shetlandpony. Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, machte nämlich ein Wanderzirkus bei uns im Dorf halt und hatte eben dieses Vieh im Schlepptau. Als ich es streicheln wollte, biss es mir herzhaft in den Oberschenkel.

Das war’s dann auch mit der Horse-Experience, ansonsten hatte ich als Jugendlicher mal hier, mal da mit irgendwelchen Mädchen zu tun, die Reitunterricht nahmen und die „Wendy“ lasen – meist nur so lange, bis sie das Pferd gegen einen Freund und die „Wendy“ gegen wertvolle Ratschläge vom Dr. Sommer-Team eintauschten.

Davon abgesehen habe ich als bekennender Kontrollfreak naturgemäß ein Riesenproblem damit, eben diese abzugeben und meine Vergangenheit als kleiner, dicker Junge auf dem Land hat sich ebenfalls als nicht besonders förderlich herausgestellt, wenn es darum geht, sich als absoluter Anfänger vor anderen Menschen sportlich zu betätigen.

Aber versprochen ist versprochen. Und so würde ich also ausreiten.

Glücklicherweise ist Finn nicht allzu groß, so dass ich es auch ohne hochnotpeinliche Aufstiegshilfe in den Sattel schaffte. Unglücklicherweise ist Finn wiederum groß genug, um mich daran zu erinnern, dass ich ziemlich höhenängstlich bin.

Als erfahrenes Reitpferd merkte mein getreuer Gaul natürlich sofort, dass ich überhaupt keine Ahnung cavon habe, was ich da tue und beschloss, meinen „Kommandos“ entsprechend exakt Folge zu leisten.

Und da sich die Einweisung von Denise auf „Rechts“, „Links“, „Vorwärts“ und „Stopp“ beschränkte, signalisierte ich wohl auch genau das: „Finn, lauf mal rechts, links, geradeaus und stopp – und zwar gleichzeitig“.

Finn tat wie geheißen, mit dem Ergebnis, dass wir nicht so richtig mit den anderen mithalten konnten und zunächst erstmal mehr oder weniger Slalomgehend hinter der Gruppe hertrotteten. Das Finn sich überhaupt bewegte lag wohl eher am Herdentrieb und nicht meinen souveränen Anweisungen.

Zwischendurch war ich etwas besorgt, ob der gute Finn vielleicht eine Pause bräuchte, ich jedenfalls brauchte eine.

So saß ich auf der Suche nach dem großen Glück auf dem Rücken des Pferdes, versuchte meine Unsicherheit mit dummen Sprüchen zu kaschieren und gleichzeitig mit den anderen Schritt zu halten, während ich mir von meiner Höhenangst getrieben beinahe in die Hosen machte.

Vor meinem inneren Auge stellte ich mir vor, wie ich gleich runterfallen und mir sämtliche Knochen brechen würde, wie ich regungslos auf meinem Krankenbett sitze, von Kopf bis Fuss eingegipst, und von einer schlechtgelaunten Krankenschwester gegen meinen Willen mit schwedischen Stockfisch gefüttert werde.

Selbstverständlich während meine Reitkumpanen immer noch am Ort des Geschehens auf dem Rücken liegen und sich vor Lachen die Bäuche halten.

Finn zeigte derweil viel Verständnis für meine Ängste und Sorgen, hin und wieder blieb er mal stehen und schüttelte mich samt Sattel wieder in eine aufrechte Sitzposition. Dann schaute er mich fragend an, ich vermute, unter einem echten Cowboy hat er sich auch was anderes vorgestellt.

Im Laufe der Zeit erlangte ich eine jedoch gewisse Souveränität und schaffte es tatsächlich kurzfristig meinem Wünschen die entsprechenden Taten folgen zu lassen – oder Finn hatte gelernt, meine kruden Kommandos zu lesen.

Telepathie sozusagen, immerhin hatte die Reitlehrerin ja auch gesagt, dass man ein Pferd nicht mit den Händen sondern mit dem Kopf führt …

Irgendwie ganz cool, so auf nem Pferd, dachte ich mir jedenfalls, machte es mir etwas bequemer und gab etwas mehr Zügel – so dass es Finn plötzlich ziemlich eilig hatte, lostrabte und ich mich just in der Sekunde schon wieder stockfischgefüttert im Krankenhaus sah.

Die Strecke, die die anderen ritten und die Finn und ich irgendwie zu überbrücken versuchten, nennt sich „Zauberwaldweg“. Klingt total romantisch.

Doch mit einem Mal stoppte Denise und sagte: „Das war der Zauberwald, nun kommen wir zum ‚Highway to Hell'“. Aha, ist ja saukomisch!

Die nächsten 300 Meter ging es querfeldein und meine Aufgabe war es, Finn elegant an den Hindernissen vorbei zu lotsen. Da das mit dem „vorbei“ nicht so recht klappen wollte, entschied sich das kluge Pferdchen dafür, einfach untendrunter durch zu gehen, während ich diverse Äste und Zweige aus nächster Nähe begrüßen durfte.

Mit der Lernerfahrung, dass Tanne überhaupt nicht nach Weihnachten schmeckt, verließ ich den „Highway to Hell“ weitestgehend heile und saß den Rest der Zeit sozusagen auf einer Arschbacke ab, weil ich nämlich einen Mordskrampf im Oberschenkel hatte und mich nicht traute, vom Pferd zu steigen.

Finn, der gnadenvolle alte Zosse, gab sich aber jede Mühe, es mir so bequem wie möglich zu machen – gaaaanz in Ruhe – und jemand wichtiges erbarmte sich, mich den Rest der Strecke auf meinem Geschwindigkeitsniveau zu begleiten.

„Vorwärts“ klappte nämlich immer noch nicht so richtig und ehrlicherweise hatte ich Angst, dass Finn gleich einfach umkippt und einschläft.

Reiten ist toll. Überhaupt ist mir ein Sport, bei dessen Ausübung man rauchen kann, sehr sympathisch.

Und es ist tatsächlich ein merkwürdig erhebendes Gefühl auf so einem Pferd. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es tatsächlich das großes Glück sein kann – vorausgesetzt, man hat verstanden hat, was man tut.

Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, wurden mir dann auch zwei Dinge sofort klar:

1. Es gibt im Oberschenkel- und Beckenbereich Muskeln, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte und die sauweh tun können.

2. Ich brauche Reitunterricht. Das bin ich Finn schuldig. Und ja, ich will den verdammten Sonnenuntergang einholen.

Das „Wendy“-Abo ist bestellt.

Ich hatte beschissen geschlafen und deshalb entschieden, den Wecker auszuschalten und mich nochmal umzudrehen. Gerade als ich wieder einschlafen wollte, hörte ich plötzlich ein klopfen und ein leises „Hallo“. Verdammt.

Ich hasse es, wenn fremde Menschen unangemeldet vor der Tür erscheinen. Dafür vereinbare ich Termine. Und nun dieses „Hallo“.

Also zog ich mir etwas über und schaute nach.

Vor der Haustür stand eine Frau, vielleicht Mitte Dreißig, Sie wirkte tough, aber sie atmete schwer und kämpfte mit den Tränen. Ihr Name war Elisabeth.

Es war ungefähr zwei Stunden her, als ihr Leben schlagartig geändert hatte und ihre schlimmsten Befürchtungen wahr wurden. Um kurz nach Sieben war sie mit ihrem Hund spazieren gegangen, als sich dieser plötzlich losriss und ein siebenjähriges Kind schwer verletzt hatte.

Das Kind wurde mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht und seitdem war Elisabeth auf der Suche nach einer Lösung.

Sie hatte rumtelefoniert, bis sie um diese Uhrzeit schließlich jemanden erreicht hatte, der ihr geraten hatte, sich an mich zu wenden.

Vor ungefähr einer Stunden hatte ich einen Anruf in Abwesenheit, weil ich beschlossen hatte, mich wieder hinzulegen. Da Elisabeth nur meine Mailbox zu hören bekam, setzte sie sich in ihrer Verzweiflung ins Auto und fuhr die knapp Vierzig Kilometer, bis sie schließlich vor meiner Tür stand und mir schilderte, was geschehen war.

Sie versuchte sich zusammenzureißen und den Vorfall zu sachlich wie möglich zu schildern. Sie war sofort zu dem Kind gelaufen und wollte den Notruf wählen. Doch in der Schocksituation wollte ihr einfach die 112 nicht einfallen. Wie versteinert habe sie da gestanden, sagte sie, habe sich an ihrem Hund festgekrallt und war völlig hilflos.

Ein Passant, der zur Hilfe geeilt war, wählte schließlich den Notruf. „Warum ist mir diese Nummer entfallen?“ fragte sie mich verzweifelt und ihr lief eine Träne die rechte Wange hinunter.

Vor einigen Jahren bestand der Hauptteil meiner Kundschaft aus Menschen, deren Hunde an der Leine pöbelten oder jagten. Heute bin ich immer öfter mit richtigen Schicksalen konfrontiert, mit Menschen, die wirklich verzweifelt sind und sich in ausweglosen Situationen wägen.

Dem entsprechend habe ich gelernt, mit hochemotionalen Situationen umzugehen. Wenn mein Gegenüber anfängt zu weinen, fühle ich mit ihm, versuche dabei aber objektiv und sachlich zu bleiben.

Bei Elisabeth halfen all die Strategien, die ich im Laufe der Zeit erarbeitet habe, kein Stück weiter.

Anhand ihrer Schilderungen konnte ich jeden einzelnen abwertenden Blick der gaffenden Masse förmlich spüren, konnte das Wimmern des Mädchens hören und Elisabeths Verzweiflung und Sorge, diese Ausweglosigkeit konnte ich fast greifen.

Sie stand vor mir und weinte. Ich war wohl der letzte Halt, bevor sie den Weg zum Tierarzt antreten würde, um ihren Hund einschläfern zu lassen.

Das Problem sei ihr bewusst gewesen, sagte sie, sie habe förmlich aufgepasst wie ein Schießhund, und nun das.

Sie hatte in einem Forum ihre Sorgen geschildert und auch, dass sie jemanden suche, jemand sachkundiges, der ihrem Hund eine Chance geben würde. Die Reaktionen der anderen Nutzerinnen waren ernüchternd bis verletzend.

Ihr wurde durch die Internetgemeinde vor Augen geführt, dass sie ein schlechter Mensch sei, dass sie sich nicht wirklich bemühe.

Jemand hatte sie als verantwortungslos bezeichnet. Dabei wollte sie doch Verantwortung übernehmen. Für den Hund und vor allem für die Umwelt, für die er eine Gefahr darstellte.

Und sie hatte wirklich vieles probiert, angefangen von tierärztlichen Untersuchungen bis hin zu Futterumstellungen, hatte Kurse besucht und Workshops, Einzelstunden genommen und viel Geld und Zeit investiert, um die Probleme in den Griff zu kriegen.

Sie mochte ihren Hund wirklich und ich konnte spüren, wie enttäuscht sie war – von ihrem Hund, aber vor allem von sich selber –, dass es nun soweit gekommen war.

Elisabeth sagte, dass sie mal mit ihrem Hund auf dem Sofa gelegen und er sie traurig angesehen hatte. In dem Moment hat sie in angefleht, sie doch bitte zu verstehen.

Während sie mir das erzählte, mischte sich ihre Verzweiflung mit einem stockenden Lachen.

Ich stand vor ihr, sie hatte mich gefangen in ihrer traurigen Geschichte. Vielleicht lag es daran, dass ich schlecht geschlafen hatte, wer weiß. Doch hatte sie mich mit ihrer Trauer angesteckt. Und in diesem Moment hätte ich sie gerne in den Arm genommen und versprochen, dass alles gut wird.

Doch leider war mir das unmöglich. Mit belegte Stimme erklärte ich ihr, dass ich ihr leider nicht helfen könne und das ich keine Möglichkeit habe, ihn aufzunehmen.

Manchen Menschen neigen zur Theatralik und zu großen Gesten, um ihrer Gefühlslage Ausdruck zu verleihen. Doch dieser Zusammenbruch war echt. Elisabeth brach in diesem Moment innerlich wie äußerlich zusammen und ich stand vor ihr. Ratlos, fassungslos, hilflos.

Sie setzte sich auf das kleine Mäuerchen vorm Haus, kraulte ihren Hund und hatte jeden Versuch, die Fassung zu wahren, aufgegeben.

Es gibt nur wenige Momente, in denen ich wirklich sprachlos bin. Dieser gehörte dazu und wird mich noch einige Zeit verfolgen. Aber was hätte ich auch sagen sollen?

Man kann sie nicht alle retten, das ist mir klar. Es sind zu viele und man muss den Tieren, die einem anvertraut sind, auch irgendwie gerecht werden. Und vor allem sich selber. Niemanden ist damit geholfen, wenn man sich selber übernimmt, im Versuch zu helfen.

Ich stand mit Elisabeth fast eine Stunde auf dem Hof und hörte, fühlte und sah ihren Leidensweg.

Einen solchen Moment, in dem jemand anders einen so nah an sein Schicksal läßt, ist Belastung und Geschenk zugleich. Ihre Geschichte hat mich mitgenommen, aber auf der anderen Seite war ich dankbar. Dafür, dass sie sich mir anvertraut hat.

Und nein, ich weiß nicht, was Elisabeth getan hat, nachdem sie den Hof verlassen hat, leise „Trotzdem Danke“ schluchzend ins Auto gestiegen ist und losfuhr.

Aber ich weiss, das es das richtige war.

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„Komm doch mal vorbei und guck ihn dir an“, sagte Rolf am Telefon und versuchte mir einen Hund anzudrehen.

Also setzte ich mich irgendwann letztes Jahr ins Auto und besuchte meinen Schäferfreund. Mit mir im Auto ein Welpe, der später noch zu Berühmtheit in diesem Blog gelangen sollte.

Rolf führte mich zu den hinteren Zwingern und zeigte mir den imposanten, viel zu dicken Elmo, den er einige Zeit zuvor von einer Dame bekommen hatte, um ihn dahingehend zu testen, ob er zum Hüten geeignet wäre. War er nicht.

„Ach weißt du“, sagte ich zum Rolf, „der ist ja ganz nett, aber wir sind voll bis unters Dach.“

Rolf ließ nicht locker und machte mir das in meinen Augen unverschämte Angebot, dass ich ja den Welpen da lassen und dafür den pummeligen Tiger mitnehmen könne.

Am Arsch die Räuber, mit Verlaub. So einen Welpen, den kann man gut vermitteln. So einen Hüteklops muss man erstmal auf Diät setzen und Manieren beibringen. Denn, das hatte die Besitzerin gesagt, der Elmo wäre nicht ganz einfach.

Rolf konnte das nicht bestätigen. „Is’n toller Hund, taugt aber nix zum Hüten.“

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Überhaupt, die Besitzerin. Die rief ungefähr zwanzig mal am Tag an, erklärte mir der Schäfrmeister und konnte kaum verbergen, wie dermaßen ihm das auf den Senkel ging. Irgendwann war ihm dann der Kragen geplatzt und er verlangte, dass sie ihren Hund wieder abholen müsse.

Für mich ein weiterer Grund, dankend abzulehnen. Also sagte ich Rolf, dass er diesen Tausch – Welpe gegen Klops – vergessen könne, einige Minuten später killte Arco sein erstes Huhn.

Also fuhr ich nach Hause und die Sache war vergessen. Bis vor einigen Wochen.

Da nämlich erzählte mir F., dass wir einen Altdeutschen Hütehund übernehmen würden. Von einem anderen Tierschutzverein. Für Umme. Ich war in etwa so begeistert wie eine Mutter, die erfährt, dass ihr Sohn 15 Banken ausgeräumt hat.

Denn das Problem in solchen Fällen ist oft, dass der Verein den Hund bei uns ablädt und sich dann in Ruhe zurücklehnen kann. Kostet ja nix.

Als F. mir dann erzählte, dass der Hund mehrfach „aus dem Nichts heraus“ gebissen habe und nun darüber nachgedacht würde, ihn einzuschläfern, steigerte dies meine Laune nicht unbedingt. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon, wie wir den erst dreijährigen Hund die nächsten 10 Jahre am Bein hätten.

Na super.

Als ich an dem Abend nach Hause kam und den Neuzugang erblickte, war ich – gelinde gesagt – fassungslos. Da stand er: Elmo. Der Hüteklops, den ich ein Jahr zuvor bei Rolf gesehen hatte.

In der Zwischenzeit war er einige Male vermittelt worden, hatte dann irgendwann zugehappst und wurde wieder zurück an den Verein gegeben. Da die Heftigkeit des Happsens von Mal zu Mal heftiger wurde, hieß es nun „Hopp oder Topp“. Aha.

Nun lebt Elmo seit einiger Zeit bei uns und weiß sich zu benehmen. Dabei könnte er, wenn er wollte. Aber tut’s nicht.

Elmo ist einer von den Hunden, die sich einen Komplizen suchen, um dann gemeinsam die Welt zu erobern und jedem zu zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Geht man darauf ein, dann duldet er nach kurzer Zeit keine vermeindlichen Eindringlinge mehr, die das „Dream-Team“ gefährden könnten. Nett ausgedrückt ist er außerordentlich kooperationswillig und vergisst halt nur nachzufragen, was denn nun der gemeinsame Plan ist. Weniger nett ausgedrückt zeigt er eine sozial motivierte Aggression gegen Menschen

Umso fataler, dass mit ihm so lange „Bindungs-Training“ praktiziert wurde, bis er zuverlässig zugebissen hat. Und so bestätigte der Hundetrainer noch mal, dass er noch nie einen so anhänglichen Hund kennengelernt hätte, während Elmo sich an ihm anlehnte und jeden fixierte, der sich nähern wollte.

Eigentlich ist Elmo alles andere als ein Held und will eigentlich nur ein Hund sein. Mit seiner vermeindlichen Aufgabe, alles Unheil dieser Erde von sich und SEINEM Menschen fernzuhalten, ist er heillos überfordert.

Loslassen zu können, mal abzuschalten, das gute Gefühl zu geniessen, dass es nichts zu regeln gibt und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen – diese Erfahrung durfte Elmo bei uns machen.

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Auf seine sehr charmanten Freundschaftsangebote sind wir erstmal nicht eingegangen, sondern haben erstmal auf unsere Individualdistanz bestanden. Denn eine Freundschaft mit Elmo kann im wahrsten Sinne des Wortes erdrückend sein, wenn man nicht von vorneherein klarstellt, dass das erste Date nicht mit einem Heiratsversprechen gleichzusetzen ist.

Denn dann wird Elmo zum liebeskranken Psychopathen – erst Freund, dann Stalker und schließlich folgt die Beziehungstat.

Eine tiefe und wahrlich große Liebe muss sich entwickeln und benötigt wesentlich mehr Zeit als die kurze Phase der Verliebtheit. Die große Liebe besticht durch Momente, in denen man seinen Standpunkt vertreten kann, mal Freiraum in Anspruch nimmt und über Distanz erst richtig spürt, wie nah man sich ist.

Wenn man das verinnerlicht, findet man in Elmo einen ganz tollen Hund, der einfach nur dabei sein will und außerordentlich nett und zuvorkommend mit Artgenossen und anderen Menschen umzugehen weiß.

Hunde wie Elmo gibt es zu Hauf. Angeschafft, weil er etwas besonderes ist, mit seinem gemerlten Fell, dem blauen Auge, der seltenen Rasse, der er angehört. Angeschafft, weil etwas wichtiges im Leben seiner Menschen fehlte, angeschafft, um eine Lücke zu füllen. Überfrachtet mit Emotionen und Erwartungen.

Oh ja, in Elmo wurden viele Erwartungen gesetzt – Erwartungen, die ein Hund nicht erfüllen kann und selbst einen Menschen dazu bringen könnten, sich einer Beziehung zu entziehen.

Aber Elmo, der hat sich reingekniet, hat alles in seiner Macht stehende versucht, um diesen Erwartungen gerecht zu werden. Nur ist er eben ein Hund und kein Therapeut, kein Ehepartner und erst recht nicht die beste Freundin, die sich bereitwillig als emotionaler Mülleimer zur Verfügung stellt, wenn es einem schlecht geht.

Elmo hat die in ihn gesetzten Erwartungen enttäuscht. Dabei hat er sich so viel Mühe gegeben, hat versucht Verantwortung zu übernehmen, Schutz zu bieten und den Alltag zu regeln. Mit dem Ergebnis, dass er immer wieder ins Tierheim gebracht wurde.

Also hat er sich noch mehr angestrengt, wurde noch enger zum Menschen, noch unfreundlicher zu Fremden und noch kontrollierender seiner Umwelt gegenüber.

Elmo wäre – das steht fest, denn so wurde es gesagt – im wahrsten Sinne des Wortes für seinen Menschen in den Tod gegangen.

Was für ein dramatischer Irrtum.

Dieser Blog dient nicht als Vermittlungsportal, doch für Elmo, meinen Freund Elmo, wünsche ich mir endlich Menschen, die ihn behandeln wie einen Hund. Und dafür genau das bekommen – einen tollen Hund!

Wer ihn kennen lernen möchte, klicke hier!

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Erster Akt: Der Höllenschnauzer

Es gibt so Tage, an denen ich ernsthaft darüber nachdenke, das Mobiltelefon in den Müll zu werfen und den Festnetzapparat gleich mit zu entsorgen. Habe ich aber bisher nicht getan. Und so hab ich das davon. „Das“ heißt „Butterfly“ ist eine reizende Mittelschnauzerhündin. „Reizend“ wie CS-Gas, denn im Zusammenleben mit ihr hat man des Öfteren Tränen in den Augen. Mal vor Schmerz, mal vor Wut, mal vor Verzweiflung. Aber von Anfang an.

Letzte Woche war es, als ich es mal wieder getan habe. Ich ging ans Telefon, als es läutete. Am anderen Ende war eine nette Dame, die mir berichtete, dass ihr Nachbar einen Unfall hatte und nun dringend eine Unterkunft für seinen Hund gesucht würde.

Kurzerhand sagte ich zu, denn der Mann tat mir leid. Und der Hund auch. Und man hilft ja gerne.

Also fuhr ich kurzerhand nach Tupfingen im Taunus und holte „Butterfly“ ab. Abholen wiederum bedeutete, dass Madam mich am Gartentor erstmal mit aller Empörung begrüßte, die so ein Hund an den Tag legen kann. Spontan entschied ich, dass die Moxonleine das Mittel der Wahl wäre, um sich dem Tierchen zu nähern. Als ich sie dann „eingefangen“ hatte, stellte sie sich jedoch erstmal als freundlich aber reserviert heraus.

Und nun ist sie bei uns.

Auf dem ersten Blick ist Butterfly ein Zuckerstück. Zum zweiten Blick kommt es meist nicht, weil Butterfly dann schon weg ist. Zuerst dachten wir, sie sei taub, denn sämtliche freundschaftlichen Versuche, sie davon zu überzeugen, uns auch nur eines Blickes zu würdigen, schlugen gänzlich fehl.

Ich glaube, in Butterfly steckt so eine Identitäts-Problematik für Hunde. Butterfly muss ein Chow Chow oder ein Akita gefangen im Körper eines Mittelschnauzers sein. Im Gegensatz zu ihr sind Labbis hochsensible Seelen und Owtscharkas hochkooperativ. In meinem Leben habe ich noch nie einen Hund kennengelernt, der dermaßen eigenständig, stur und ignorant ist.

Das gilt jedoch nur, wenn man etwas von ihr möchte. Wenn sie etwas möchte, sieht das etwas anders aus. Dann wird sie nämlich nachdrücklich, wenn man es denn so nennen möchte. Im Laufe ihrer Jahre als Prinzessin hat sie diverse Strategien entwickelt, wie man auf sich aufmerksam machen kann.

Schritt 1: Fiepen
Schritt 2: Heulen
Schritt 3: Alle anderen Hunde zum Heulen animieren.
Schritt 4: Das Chorheulen durch lautes Gebell übertönen.
Schritt 5: Eine maximale Wirkung erzielt diese Vorgehensweise zwischen zwei und drei Uhr morgens.

Dafür ist sie verträglich mit Artgenossen. Nunja, vielmehr war es für sie wohl ein Schock zu sehen, dass es noch andere von ihrer Sorte zu geben scheint. Also hat sie für sich entschieden, dass wenn es schon andere Hunde auf der Welt gibt, dann muss sie logischerweise die Königin über das Hundevolk sein.

Artgenossen werden maximal geduldet. Und wenn irgendeiner unseres vierbeinigen Fußvolks meint, in die königliche Aura einzudringen, schaut sie ihn empört an, macht „Pfft“ und schwebt von dannen.

Madam zeigt nicht mal den Hauch eines Ansatzes, zu kommen, wenn man sie ruft. Stattdessen lässt sie sich lieber abholen, so wie es sich gehört. Aber bitte auch erst dann, wenn es ihr beliebt.

Also habe ich irgendwann beschlossen, dass ich sie einfach anleine, um sie ins Haus zu holen. Irgendwann will man ja auch ins Bett. Diese Gräueltat meinerseits quittierte das Schnauzerchen seelenruhig mit einem beherzten Griff in mein Handgelenk und einem Lächeln im Gesicht bei dem Hinweis „Ich bin zehn Jahre alt und habe schlechte Zähne.“

Vier Löcher und eine eitrige Entzündung später bin ich wieder bei der anfangs erwähnten Moxonleine, wenn es darum geht, das Hündchen ins Haus zu holen.

Als ich dann Freitag nacht von einem langen Vortragsabend nach Hause kam, berichtete mir F., dass Butterfly einen Weg gefunden hat, irgendwie auszubüxen. Glücklicherweise hatte sie das rechtzeitig gemerkt und Madam wieder eingefangen.

Und so rätselten wir noch, wie der Hund das wohl geschafft hatte, als wir uns plötzlich anschauten und uns fragten: „Wo ist die eigentlich.“

Charakterlich tendiert Butterfly zwar irgendwo zwischen Hartholz, andalusischen Esel und mitteleuropäischer Hauskatze, ihre Fähigkeiten, sich unsichtbar zu machen, entsprechen jedoch eher denen eines Ninjas.

Irgendwie hatte sie es geschafft, erst aus dem Wohnzimmer, dann aus dem Flur und schließlich vom Grundstück auszubrechen. Und das während wir darüber diskutierten, wie sehr wir aufpassen müssten, damit der Hund bloß nicht abhaut.

Es war kurz vor Eins Nachts, am nächsten Morgen musste ich terminbedingt um spätestens Acht raus und wir suchten Butterfly – einen grauen Hund in einem Wald im Dunkeln. Gegen drei Uhr gaben wir die Suche auf und entschieden, dass wir alle Tore auflassen und hoffen, dass sie von alleine zurückkommen würde.

Das tat der Hund auch – und zwar exakt drei Mal in der Nacht. Zum ersten Mal schlugen die anderen Hunde um Vier, das zweite Mal um Viertel nach Fünf und das dritte Mal um halb Sieben an.

Um halb Acht stand schließlich eine Nachbarin vor der Tür, die uns berichtete, dass Butterfly weiter unten auf der Straße in der Sonne läge und döse.

F. sprang sofort auf, um Butterfly vor einem elenden Tod in der freien Wildbahn zu bewahren, kam jedoch etwa 15 Minuten später wieder. Ich glaubte ein paar neue Adern an ihren Schläfen entdeckt zu haben, die pochten. Sie war so stinksauer, dass für diesen Zustand ein neuer Begriff erfunden werden müsste und berichtete mir – unterbrochen von diversen Flüchen, die ich hier nicht wiedergeben möchte – von den letzten Minuten.

Butterfly lag auf der Wiese und genoss das schöne Wetter, als sie F. erblickte, ließ sie sie bis auf ungefähr drei Meter rankommen, um sich dann gemütlich und in bester Altdamenmanier einen anderen Platz zu suchen. Das Spiel wiederholte sich einige Male, nun brauchte F. wahlweise eine Pause oder ein Gewehr.

Um 10 vor Acht liefen wir zu Dritt durchs Dorf, jeder mit einer Leine bewaffnet und fühlten uns bestätigt, dass der Hund wirklich ein Ninja sein musste. Oder tatsächlich eine Katze, die zum Fressen mal vorbeischaut, aber ansonsten eher ihre Ruhe haben möchte.

Um Fünf nach Acht machte Butterfly dann einen entscheidenden Fehler. Angelockt von irgendwas Interessantem landete sie im Garten eines Anwohners, der unsere Slapstickeinlage vorher beobachtet und genossen hatte. Der resolute ältere Herr machte kurzen Prozess – und das Gartentor zu.

So war es ein leichtes, Madam Butterfly wieder habhaft zu werden.

Auch wenn das Schnauzerchen den Ausflug bestimmt toll fand, haben wir entschieden, dass Madam die Zeiten unserer Abwesenheit besser in einer Box verbringen sollte, um so zu verhindern, dass sie wieder freigängig wird.

F. hatte bei eBay eine schicke Schmidt-Box ersteigert, diese sollte nun das neue Apartment für den Schnauzer werden. Der Freilauf wurde derweil gestrichen, ab sofort gabs Hofgang nur noch an der Leine. Hasse davon!

Als ich nun heute mittag nach Hause kam, wunderte ich mich noch, warum das Chorheulen irgendwie anders klang als die fünfzehn mal davor. Und als ich vorsichtig die Haustür öffnete, stand sie da und freute sich wie ein Keks: Butterfly! Als ich dann einen Blick ins Wohnzimmer warf, fand ich die funkelnigelnagelneue arschteure Schmidt-Box fachmännisch verlegt vor.

Kein Ninja, nein, ein graubärtiger McGyver! Ehre, wem Ehre gebührt, dachte ich bei mir. Respekt!

Butterfly wohnt derweil nicht mehr im Wohnzimmer bei den anderen Hunden. Sie nennt nun das Gästezimmer ihr eigen und war so nett, auf ein Körbchen zu verzichten. Sie hat nun ein Bett für sich. Das passt auch besser …

 

Manche Ereignisse führen einem vor Augen, dass die Zeiten, in denen man noch jung und hip war, eindeutig vorbei sind.

Ein solches Ereignis warf seine Schatten voraus, als ich vor ein paar Monaten in meinem Briefkasten eine Einladung fand – zur Silberhochzeit meiner Schwester.

Wow, dachte ich. Fünfundzwanzig Jahre, alter Schwede, wie die Zeit vergeht.

Während es mich vor einigen Jahren in den Hochtaunus verschlagen hat, ist meine Schwester unserer Heimat treu geblieben und lebt auch heute noch am Niederrhein, um genauer zu sein in dem kleinen, aber umso katholischeren Städtchen Kevelaer.

Aufgewachsen sind meine Schwester und ich derweil in dem noch kleineren, aber mindestens genauso katholischen Örtchen Twisteden unweit der niederländischen Grenze. Da habe ich meine Kindheit verbracht – eine typische Kindheit auf dem Lande, möchte man sagen. Auf Grund der falschen Konfession blieb mir der Zugang zu den Messdienern versperrt, so dass mir nur die Mitgliedschaft im Fußballverein blieb, nachdem ich mich für die Tuba im Musikverein nicht so recht entscheiden konnte.

Hier wurde ich auch zum ersten, zum zweiten und zum dritten Mal von einem Hund gebissen.

Achje, ich bin ewig nicht mehr da gewesen, und wenn, dann um an Geburtstagen oder zu Weihnachten meine Familie zu besuchen, was viel zu selten vorkommt. Und nun, am letzten Samstag saß ich in meinem Auto, Hüte-Tussie Barney Yapp Yapp-machend im Kofferraum, in Richtung Nordrhein-Westfalen.

Ausnahmsweise hatte ich mir mal etwas Zeit genommen und vor, einige Orte zu besuchen, die mir prägend in Erinnerung geblieben sind. Den Sportplatz des „DJK“, die LuGa, das Schulzentrum, den alten Bunker und, das „Vogelhäuschen“, das so genannt wurde, weil hier die Schützenfeste stattfanden und das wir in „Vögelhäuschen“ umgetauft hatten, weil man hier als noch zuhausewohnender Jugendlicher prima erste Erfahrungen in Sachen Beziehungen vergeigen sammeln konnte.

Zeiten ändern sich und mit ihnen die Orte, die uns geprägt haben. Und so musste ich die Erfahrung machen, dass so mancher besser eine schöne Erinnerung bleiben sollte. Das Dorf hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Dort, wo wir als Kinder zwischen Tannenbäumen fangen gespielt haben, steht heute ein Wohngebiet mit unzähligen, völlig identisch aussehenden Häusern wie aus Lego gebaut. Aus dem Bolzplatz, auf dem wir so ziemlich jeden Mittag verbracht haben, wurde ein „Sportpark“ und selbst das gute alte „Vögelhäuschen“ wurde renoviert und ist nun von schicken Eigenheimen umgeben.

Ich fuhr mit dem Auto die Wege ab, die ich erst als Kind und später Jugendlicher auf mich genommen habe. Mein Weg führte mich an Bauernhöfen vorbei, die heute Hofladen oder Bauerncafé heißen, an Weizenfeldern, die heute dicht bebaut sind und an meinem Lieblings-Plattenladen, in dem sich heute ein „1-Euro-Shop“ befindet.

Irgendwann gab ich auf und beschloss, dass ich besser mal den Barney lüfte, bevor er noch platzt. Ich fuhr von der Hauptstraße runter auf einen geteerten Feldweg und ließ Barney tun, was Hunde so tun.

Tatsächlich, dachte ich bei mir, ich werde alt. Die Orte unserer Kindheit verschwinden nach und nach genauso wie unsere Erinnerungen. Unwiederbringlich weg.

So langsam musste ich mich beeilen, schließlich sollte die Feier pünktlich beginnen und ich wollte nicht zu spät kommen. Ich packte Barney ins Auto und startete Richtung Gaststätte zwecks Feier der silbernen Hochzeit.

Manchmal gibt es merkwürdige Zufälle. Zum Beispiel ein Navigationssystem, das einfach nicht funktionieren möchte. Und so kam es, dass ich mich zwar noch etwas wunderte, dass der Kasten mich jetzt quer durch die Pampas führt, aber man ist ja technikhörig.

Und stand sie plötzlich vor mir. Die Brücke. Und ich hatte sie komplett vergessen.

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Zwischenzeitlich hatte es angefangen zu regnen und eigentlich hatte ich es mittlerweile eilig. Doch parkte ich das Auto, holte Barney aus dem Kofferraum und schaute mich um.

Hier war ich bestimmt 20 Jahre nicht mehr und es war, als wenn die Zeit stehengeblieben wäre.

Der Kanal führt bis zur Niers und mein Kumpel Christian und ich sind oft mit unseren Fahrrädern und Tiger, dem Schäferhundirgendwas-Mix unserer Familie, hierher gefahren.

Während Tiger Vögel jagte oder halsbrecherisch in den Kanal sprang, bauten wir Flosse, die nie länger als drei Minuten schwimmfähig waren, oder Schwerter und Lanzen aus den Ästen der Bäume am Wegesrand. Später – ich war pubertär und wollte gut aussehen – ging ich hier mit Jens joggen. Jens, der sich dann das Leben genommen hatte, wie ich Jahre später erfahren habe.

Während Barney ziemlich ungebremst die Umgebung erkundete, versuchte ich mich daran zu erinnern, ob ich damals jemals Tiger abgerufen oder bei irgendwas unterbrochen hätte. Gut, es wäre ein ziemlich sinnloses Unterfangen gewesen, denn Tiger ließ sich nie abrufen. Und blödsinnig obendrein, denn hier, an der Brücke gibt es keinen Grund, irgendetwas zu unterbrechen.

Der Regen legte den Wald in leichten Nebel und das Geräusch der Regentropfen verdichtete sich zu einem monotonen Rauschen. In dem Moment schaute ich mir Barney an, der – fast wie Tiger damals – durch den Kanal tobte.

Hunde haben’s gut, dachte ich. Barney denkt nicht darüber nach, dass das Haus finanziert werden muss. Er muss keine E-Mails schreiben, Deadlines einhalten, Anrufe beantworten und Steuererklärungen machen. Ein Hund ist nicht Teil des Hamsterrades, in dem wir – zu totaler Flexibilität und maximaler Belastungsfähigkeit verdonnert – tagein tagaus versuchen, mitzuhalten.

Barney ist scheißegal, was mein Nachbar von seinem Gekläffe hält und ehrlicherweise ist im auch egal, dass ich Nachbarn habe.

Barney hatte gerade eine Frühlingsblume entdeckt, die in seiner Nase kitzelte. Er musste niesen und kläffte sie an. Er lebt im Hier und Jetzt und fand die Blume spannend. Das zählt.

Ich musste lachen. Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel an Barney nehmen und die Blumen geniessen. Ich schaute mich um. Mein Gott, ist das schön hier.

Und einen Moment lang, war sie da, diese Unbeschwertheit, wie ich sie als Kind erlebt habe. Die wohl nur Kinder erleben können, das gute Gefühl, dass jetzt gerade eben nichts von Belang ist und das uns nichts passieren kann. Das alles gut wird.

Gleichzeitig dieses bittere Gefühl, dass wir so viel davon verlieren – durch all den Alltag, unsere Verantwortungen, Verpflichtungen und selbstauferlegten Zwänge.

Meine Schwester hat silberne Hochzeit gefeiert. 25 Jahre, alter Schwede. Wir werden alt.

In den 25 Jahren bin ich wohl erwachsen geworden, durfte erleben, dass manche Träume Träume bleiben und Dinge, die man nicht zu träumen gewagt hätte, plötzlich wahr werden. Dass wichtige Menschen irgendwann verschwinden und andere auftauchen, die einem wichtig werden. Ich habe gelernt, dass aus Liebe Gleichgültigkeit werden kann und das man sich innerhalb einer Sekunde unsterblich verlieben kann. Ich habe geflucht, gehofft, geweint und gelacht. Und einmal sogar gebetet – und das in Kevelaer.

Ich stand auf der Brücke und mir fiel auf, dass ich nie auf der anderen Seite des Kanals war. Verrückt, ich war früher bestimmt hundert Mal hier, doch habe ich nie geguckt, was hinter der Brücke kommt. Die Brücke war immer das Ziel, nie der Weg. So soll es bleiben.

Am Abend ging dann auf der Feier meiner Schwester eine Leinwand rum, auf die jeder etwas schreiben sollte. Ich schrieb „Auf die nächsten 25 Jahre – Viel Spaß!“.

 

Nachdem ich mich zunächst mit der Geschichte von Frau Ertel und einigen – meiner Meinung nach – fragwürdigen Ansichten und Regeln für das Zusammenleben mit dem Hund auseinandergesetzt habe, möchte ich mich in diesem dritten Teil mit vermeintlichen Beweisen und den Menschen beschäftigen, die die Rudelstellungen betreiben.

Zur Zeit erleben die vererbten Rudelstellungen so etwas wie einen Hype, was zum Einen daran liegt, dass die Hundeflüstererin Frau Nowak diese Philosophie in der gleichnamigen Sendung vertritt.

Zum anderen wird im Moment von Seiten der Rudelstellungsverfechter gerne auf eine Studie verwiesen, die den vermeintlichen Beweis antreten soll, dass die vererbten Rudelstellungen wissenschaftlich belegbar sind.

Die Studie mit dem schönen Namen „Leadership and Path Characteristics during Walks Are Linked to Dominance Order and Individual Traits in Dogs“ kann im Internet nachgelesen werden und ist leider nur auf Englisch verfügbar.

Die Wissenschaftler haben mittels GPS-Daten Bewegungsmuster einer Hundegruppe bestehend aus 5 Vizslas und einem Mix sowie ihres Besitzers bei 14 Spaziergängen zwischen 30 und 40 Minuten erstellt und dabei gut 800.000 GPS-Punkte gesammelt.

Um die Persönlichkeiten der Tiere zu quantifizieren bedienten sich die Forscher zum einen des sogenannten „Dog Personality Questionnaire“ und des „Dominanz-Fragebogens“ aus der Studie „How does dominance rank status affect individual and social learning performance in the dog (Canis familiaris)?„.

Sehr viel Arbeit also, doch allein die Tatsache, dass es sich bei den Erforschten um exakt eine Gruppe von Hunden handelt, lässt vrmuten, dass es den Wissenschaftlern nicht um die Rudelstellungen gegangen sein kann.

Meiner Meinung nach beschreibt diese Arbeit – grob zusammengefasst – lediglich das, was eigentlich alle wissen, nämlich dass Hunde hochindividuell und anpassungsfähig sind und dass es unterschiedlichste Persönlichkeiten mit ihren jeweiligen Eigenarten gibt. Hierbei gibt es „Führungspersönlichkeiten“ genauso wie es Individuen gibt, die „folgen“.

Soweit sogut, mit vererbten Rudelstellungen hat die Studie meiner Meinung nach also nichts zu tun, aber ich bin ja auch kein Biologe.

Aber dafür eine gute Bekannte von mir, die so nett war und das Ganze auch noch mal hinsichtlich der vererbten Rudelstellungen durchforstete.

Sie kam schließlich zu dem selben Schluß, nämlich das aus den Ergebnissen der Studie nicht auf die Theorien der vererbten Rudelsstellungen geschlossen werden kann.

Soweit zur Theorie, aber es gibt ja unzählige Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht wissenschaftlich erklärbar sind.

Daher bleibt als Bewertungsgrundlage nur das, was die Verfechter der vererbten Rudelstellungen von sich geben, wenn sie Hunde einschätzen. Vor einigen Jahren hätte ich einmal beinahe selber das Vergnügen gehabt, unsere eigenen (Tierschutz-)Hunde bei Frau Ertel persönlich einschätzen lassen.

Dazu ist es jedoch nicht gekommen, dafür hatte ich ich vor knapp zwei Jahren mal die Gelegenheit, der Präsentation einer Rudelstellerin zu lauschen, zudem sind einige Menschen in meinem Freundeskreis das Wagnis eingegangen und haben ihre Hunde einschätzen lassen.

Als dritte Quelle dient mir das Forum auf Frau Ertels Internetseite, allerdings muss ich gestehen, dass ich keinen Zugriff mehr darauf habe. Verständlich, denn was man dort noch vor garnicht langer Zeit, bevor es Beschränkungen gab, so lesen durfte, war schon interessant.

Fazit: Man muss sich darauf einlassen – sozusagen sind die Rudelstellungen dei Globuli unter den Hundeerziehungsmethoden.

Die in verschiedenen Berichten genannte „Hundetauschbörse“ gab es zu dem Zeitpunkt – also vor ca. 2 1/2 Jahren –  tatsächlich, die zumeist weiblichen Nutzer schienen immer auf der Suche nach dem perfekten „Rudel“ zu sein. Da wurde mal hier ein Hund ausprobiert, da wurde mal da ein Hund eingeschätzt. Und wenn es nicht funktioniert hat, wurde er wieder abgegeben.

So war das Argument FÜR die Einschätzung von Tierheimhunden durch Frau Ertel auch, dass den Mitgliedern quasi egal wäre, welche Rasse oder welches Alter der Hund hätte, so lange er die gesuchte Position im Rudel einnehmen würde.

Das dem nicht so ist, konnte mir eine befreundete Tierheimleiterin bestätigen, bis Dato wurde bei ihr noch kein Hund vermittelt, weil er ein MBH oder sonstiges wäre.

Abgesehen davon, aber das ist meine persönliche Meinung, finde ich es grenzwertig, einen Hund einzig und allein auf Grund seines vermeindlichen Nutzen für ein nicht funktionierendes „Rudel“ anzuschaffen.

Mindestens genauso grenzwertig fand ich die Diskussionen, wenn es mit dem perfekten Rudel nicht so klappte.

Natürlich hat jeder das Recht, in einem persönlichen Forum die Regeln für die Streitkultur selber festzulegen, zusammengefasst wurden Kritikerinnen relativ schnell mit dem Stigmata der Ahnungslosigkeit belegt und ihnen – da isses wieder – unterstellt, dass sie sich nicht „einliessen“. Was auch immer das bedeuten mag.

Außerdem wurde immer gerne das Argument vorgebracht, dass die armen Hunde in ihrer wahren Persönlichkeit eingeschränkt würden und deshalb nicht ihrer Rolle gerecht werden dürften.

Nun leben wir in einer Welt, in der Hunde bestimmten gesellschaftlich aufoktruierten Regeln zu folgen haben. Da diese Regeln zumeist nicht viel mit den Vorstellungen unserer Hunde gemein haben, müssen wir sie wohl oder übel erziehen.

Und selbst in dem Moment, in dem wir versuchen nicht auf sie einzuwirken, tun wir es trotzdem. Frei nach dem ersten Axiom von Paul Watzlawick kann man nämlich nicht nicht kommunizieren, selbiges gilt für unseren erzieherischen Einfluss auf unsere Hunde.

Selbst wenn wir unseren auf Grund eines Fehlbesatzes an der Leine pöbelnden Hund einfach nur festhalten, haben wir uns schon eingemischt.

Aber man muss sich nunmal darauf einlassen. Und das ist genau mein Problem.

In einer Zeit immer neuer Methoden, die das Zusammenleben mit unseren Hunden erleichtern sollen, habe ich mir angewöhnt, erstmal zu hinterfragen.

  1. Auf welchen Studien, Quellen, Dissertationen etc. beruht eine Theorie?
  2. Werden die Ergebnisse durch andere Studien unterfüttert?
  3. Werden die Studien etc. vollständig wiedergegeben oder wird da was verschwiegen?
  4. Sind die Ergebnisse wiederholbar?

Im Falle der vererbten Rudelstellungen reicht eigentlich die Beantwortung einer der Fragen aus, um zumindest skeptisch zu werden.

Zumal die Einschätzungen nicht belastbar sind und im Zweifelsfalle auf die – störende – Einmischung des Menschen verwiesen wird. Allein die Tatsache, dass Hunde wieder abgegeben werden, obwohl sie per Einschätzung perfekt in die Gruppe passen müssten, zeigt doch, dass ein Sozialverband wesentlich komplexer ist, als dass man in in sieben Positionen unterteilen könnte.

Und wenn Frau Nowak einem völlig überforderten Besitzer eines ungebremsten Junghundes die Anschaffung eines zweiten empfielt, muss das schon als verantwortungslos bezeichnet werden.

Dennoch gibt es einige Menschen, die daran glauben, dass die Rudelstellungen tatsächlich funktionieren und ihre Meinung durch nichts, aber auch garnichts in Wanken bringen lassen.

Dabei ist die Einschätzung von Hunde-Persönlichkeiten sehr hilfreich, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Gruppe im Tierheim zusammenzustellen. Doch wäre doch die Vorgehensweise, erst den Hund einzuschätzen und im Anschluss anhand der Ergebnisse individuell der Gruppe entsprechend ein Soziogramm zu erstellen.

Mit dem Ergebnis, dass Hund A beispielsweise in dieser Konstellation eine bestimmte Rolle einnimmt, in einer anderen aber vielleicht eine völlig andere. Warum man erst den Schuhschrank baut und dann versucht, die Schuhe da rein zu stopfen, erklärt sich mir nicht.

Sehr wohl verstehen kann ich indes, dass viele Menschen das Bedürfnis haben, Hilfe zu erfahren, dass sie verzweifelt sind und vielleicht sogar Schuldgefühle in sich tragen.

Und im Bereich des Seelestreichelns sind die Rudelstellungen unschlagbar. Denn wenn es unter den Hunden nicht klappt, dann liegt das nicht an fehlenden Management-Qualitäten des Halters, sondern an der ungünstigen Konstellation des Rudels.

Nicht nur, dass der Mensch aus seiner Verantwortung heraus entlassen wird, nein, im Falle der Rudelstellungen ist das Entziehen der eigenen Persönlichkeit sogar ausdrücklich erwünscht.

Fragen, die sich jeder Mehrhundehalter stellt, nämlich ob ein Hund vielleicht zu kurz kommt und wie man allen gerecht werden kann, können beruhigt vergessen werden.

Laut Frau Ertel und anderen Rudelstellerinnen tut menschliche Fürsorge den Hunden nämlich garnicht so gut, wie wir denken – ganz im Gegenteil, sie hindert die Vierbeiner in ihrer Entwicklung.

Dass die Entwicklung unserer hochanpassungsfähigen Hunde in den letzten Jahrzehnten hin zu Sozialpartnern, die ja auch züchterisch vorangetrieben wird, dabei ausser Acht gelassen wird, finde ich nicht unproblematisch.

Unter diesem Gesichtspunkt allerdings verstehe ich sehr gut, dass einige Menschen, die sich mit der Anschaffung mehrerer Hunde vielleicht übernommen haben, die vererbten Rudelstellungen für sich entdeckt haben.

Alle anderen aber, die verstehe ich nicht.

Es wird Frühling und das ist eigentlich gut. Nur habe ich ein kleines Problem – sein Name ist Barney und ist vor ein paar Wochen bei uns eingezogen. Barney ist ein Borderline-Collie mit ein paar kleinen aber uncharmanten Macken.

So zeigt er die ausgezeichneten Eigenschaften dieser tollen britischen Koppelgebrauchshunde. Fixieren, in Deckung gehen und blitzschnell losstarten. Nur eben nicht in den schottischen Hihglands an einer 1000-köpfigen Schafherde, sondern bei Autos, Radfahrern, Spaziergängern, ICEs und Rollerbladern. Und – diese Erfahrung haben wir heute gemacht – bei startenden Rettungshubschraubern, aber denen begegnet man ja nicht allzu oft.

Wenn Barney nicht gerade todbringende Fahrzeuge zu hüten versucht, frisst er für sein Leben gern – blöderweise sich selber. Aber naja.

All das ist nicht neu und jeder Hundetrainer, der sich mal mit Border Collies beschäftigen durfte weiss, dass Genie und Wahnsinn bei solchen Spezialisten oft eng beieinander liegen.

Das kriegt man hin und mittlerweile läuft es auch schon besser … Aber:

Mein Problem ist eher anders gelagert. Denn Barney hat die Eigenheit, dass er jeden noch so geringen Hauch von – nennen wir es Einwirkung – mit einem lautstarken Jaulen und Schreien quittiert.

Und ich schreibe nicht über körperliche Einwirkung, nein, es reicht, wenn Barney sich selber im Weg steht. Ein Beispiel:

Neulich war ich mit Barney beim Tierarzt. Als wir ins Wartezimmer kamen, berührte Barney mit einem Hauch von Fell die Tür und jaulte so laut auf, dass die Tierärztin aus dem Behandlungszimmer gestürmt kam, weil sie glaubte, dass jemand mit einem Notfall reingestürmt gekommen wäre.

Glücklicherweise kannte sie sich aus und sagte beruhigt: „Achso, ein Border Collie.“

Es wäre nicht so, dass Barney ein besonders feingeistiger und sensibler Hund wäre. Nein, das ist Masche. Und ich könnte wetten, dass ich schonmal beobachtet habe, wie er mich heimlich ausgelacht hat, als ich mich mal wieder rechtfertigen durfte.

Sähe Barney aber zum Beispiel einen Tennisball hinter einer Rolle Natodraht, so bin ich mir sicher, dass es ihm die Stacheln scheißegal wären. Wenn er etwas will, dann wird er stumpf wie ein Klischee-Labbi und rumpelt alles um. Zum Beispiel wenn es um Hündinnen geht, die entweder gerade läufig sind, es mal waren oder irgendwann werden. Oder um Rüden. Gucken die ihn auch nur böse an, schreit er übrigens auch wie angestochen und ergreift die Flucht, präventiv quasi. Nur um dann grad nochmal angedödelt zu kommen.

Nun ist Barney nicht ohne Grund bei mir. Denn meine Idee war es, dass er meine Schafe hüten soll. Immerhin entstammt er einer Arbeitslinie und zeigt sich prinzipiell auch interessiert an den Schafen. Naja, eigentlich vielmehr an dem, was die so ausscheiden.

Trotzdem habe ich ihn mitgenommen zu Tom, der Border Collies ausbildet und mich mit den Worten begrüßte: „Ist das eine Hündin?“ Damit war er nicht der einzige. ALLE halten Barney für eine Hündin, als ich neulich einen unserer Welpen dabei hatte, wurde ich auch prompt gefragt, ob Barney die Mutter wäre.

Pff, ich stelle mir vor, wie die Welpen an die Milchleiste wollen und Barney schreiend wegrennt, weil die Nasen so kalt sind.

Vielleicht liegt diese Verwechslung darin begründet, dass Barney ein bisschen, nunja, tussimäßig rüberkommt. So überkreuzt er immer die Beine, sogar wenn er Schafe hütet und ins „Lie Down“ geht. Weniger diplomatische Geister finden bei Anblick von Barneys „Style“ minderheitendiskriminierende Redewendungen, aber die gebe ich hier nicht wieder.

Es ist allerdings faszinierend, wie sich solche Hunde wie Barney in kürzester Zeit ändern, wenn sie einmal gemerkt haben, wofür sie mal gezüchtet wurden. Arbeitet er an der Herde sind ihm vorbeirasende Autos herzlich egal, können ganze Armadas von Roller Bladern an ihm vorbeiziehen und ernten maximal ein „Pfft“ von ihm.

Sind keine Ziegenartigen in der Nähe sieht das Ganze etwas anders aus.

Heute mittag ging ich mit Barney in einer auf Grund des schönen Wetters stark frequentierten Grünanlage spazieren. Um uns herum all die schönen Dinge, die man als „auslösenden Reiz“ bezeichnet. All die Radfahrer, Jogger, Nordic Walker, der startende Rettungshubschrauber – kurz, eigentlich alles, was sich bewegt, mal bewegt hat oder unter Umständen bewegen könnte. Barney würde die Kontinentalspalte hüten, wenn man ihn ließe.

Und natürlich die üblichen Hundebesitzer.

Mit einem Hund wie Barney in einem solchen Umfeld unterwegs zu sein, ist eh schon die Pest am Bein anspruchsvoll, ein einziges Gezerre, Gehechel und Gefiepe, nur unterbrochen von fürchterlichen Gejaule, weil so ein verdammter Grashalm es gewagt hat, Barney am Bauch zu kitzeln oder er mal wieder planlos ins Ende der Leine gerannt ist.

Dieses wiederum wird mit den düsteren Blicken aller Anwesenden gestraft, ich bin mir sicher, dass sogar der Blinde auf der Parkbank seinen Blindenführhund angewiesen hat, mich böse anzugucken.

Reglementieren? Hier? Bin ich bekloppt?

Das schöne an der Sache ist allerdings, dass man mit Barney jede noch so positiv arbeitende TsD-Fundamentalistin als elende Tierquälerin dastehen lassen kann, weil der gute selbst auf den sanftesten Geschirrgriff mit qualvollen Sterben reagieren würde.

Und so dauerte es auch nicht lange, bis mich die erste junge Frau anfauchte: „Wie könn’se nur so brutal mit dem Hund umgehen?“

Ich überlegte kurz und antwortete: „Sie machen sich Sorgen um den Hund? Machen Sie sich lieber Sorgen um meine Frau!“ Das hatte gesessen. Ruhe im Karton, danke an Schäfer Franz für den Tipp.

Trotzdem wünsche ich mir, dass es noch mal richtig kalt wird, so Minus fünf Grad wären gut. Zum einen wären dann weniger Leute unterwegs, Vor allem aber könnte ich mit Kaputzenpulli, Schal und Sonnenbrille einigermaßen entspannt die Mittagspause geniessen.

Gestern war es, als ich im wohl letzten Raucherbüro Deutschlands saß und bemerkte, dass ich meine Zigaretten vergessen hatte. Das freute mich besonders, denn der Aufzug ist kaputt. Also, die dreieinhalb Stockwerke runter zum Auto, die Suchtmittel vor dem Kältetod retten.

In dem Bürogebäude, in dem ich arbeite gibt es auch ein paar Mieter, einer von denen hat sogar einen Hund, und zwar einen ziemlich unfreundlichen Pinscher, der den 5 Meter Flexileinenradius zu nutzen weiß und jedem, der sich ihm nähert zeigt, wo der Frosch die Locken hat.

Als ich das Treppenhaus betrat hörte ich denn auch schon den vertrauten Dialog zwischen überforderter Halterin und unerzogenem Hund. „Sammy, nein, lasses, nein, Sammy.“

Da ich schon ein paar Mal das Vergnügen hatte, das Dou Infernale live zu erleben, habe ich es vorgezogen, zu warten, bis sich die beiden zum Ausgang vorgekämpft haben.

Als endlich Ruhe herrschte bin ich also raus, rechts zu meinem Auto und da standen sie. Frauchen hing kopfüber im Müllcontainer und tat irgendwas. Nur nicht auf ihren Hund achten.

Sammy erkannte mich, knurrte kurz und kam mir Dank tiefenentspanntem Flexileinenkabel entgegengeflogen. Da ich kein Interesse an einem Besuch der Bad Homburger Notaufnahme hatte, hab ich ihm kurzer Hand eine geschallert.

Frauchen hat denn auch mal begriffen, dass da gerade etwas semioptimal läuft und versuchte mehr oder weniger ambitioniert, Sammy wieder einzufangen.

Leicht angesäuert sagte ich zu ihr, dass ein bissiger Hund an der Flexileine wohl eine Scheißidee wäre, wenn man damit nicht umgehen kann. Sie schaute mich mit an und erwiderte zu meinem Erstaunen: „Selber Schuld, man fasst auch nicht einfach fremde Hunde an.“

Kennt Ihr noch die Fernsehserie „Der unglaubliche Hulk“?

Ungefähr so fühlte ich mich in dem Moment, am liebsten wäre ich explodiert und hätte ihr die Flexileine um die Ohren gehauen. Und ihren Sammy zum Spielen auf die Autobahn gejagt.

Aber habbichnich. Stattdessen stand ich ziemlich verduzzt da und sagte nur verdattert: „Ich hab den nicht angefasst, ich dem eine geschallert, weil er mich beissen wollte.“

Das hörte Sammys Frauchen jedoch nicht mehr, den sie ließ mich einfach stehen und ging.

Als ich das F. erzählt habe, sagte sie: „Und heute abend erzählt sie ihrem Freund von dem Idioten, der einfach so den Hund angefasst hat.“ Stimmt wohl.

In meiner Phantasie läuft sie mir die Tage übern Weg und ich werde sie mit dem Auto überfahren. Und nach ihrer Logik werde ich sie danach anschnauzen. Selber Schuld, warum rennt man auch gegen parkende Autos.

Apropo Auto.

Unser Nachbar, Herr Piefke, kann Hunde ja nicht leiden. Was natürlich doof ist, wenn man unser Nachbar ist. Unsere Hunde haben das relativ schnell bemerkt und begrüßen ihn dem entsprechend unhöflich, wenn er mal wieder schlecht gelaunt am Grundstück vorbeiläuft.

Da Höflichkeit nicht so Piefkes Stärke ist und er sich auch schonmal gerne darüber beschwert, dass „da ein Hund fiept“, den außer ihm keiner hört, geht mir das relativ am Arsch vorbei.

Um den lieben Frieden zu wahren und da er eh immer relativ früh zur Arbeit fährt, warten wir im Normalfall ab, bis er weg ist und lassen die Bande danach zur allmorgendlichen Kuhfliegerei in den Freilauf.

Im Normalfall wie gesagt. Und heute war es eben nicht der Normalfall, so dass es zum Duell am Gartenzaun kam. Während unsere Hunde Herrn Piefke anschnauzten, schnauzte er zurück, um dann empört ins Auto zu stürzen und wild hupend die Straße runter zu fahren.

Nun sind wir ja eigentlich ganz verträglich, aber die Piefkes gehen mir fürchterlich auf den Senkel. Zum Einen behandeln sie andere Menschen wie Dienstboten und zum anderen mischen sie sich in Dinge ein, die sie einfach nichts angehen.

Dazu kommt, dass sie sich über alles und jeden beschweren. Sei es der Bauer, der Gülle fährt, der Nachbar, der seine Bäume fällt oder eben wir, die wir „fiepende Hunde“ haben.

Früher mal, als ich noch etwas „wilder“ war, hätte ich so etwas alttestamentarisch gelöst und Piefkes Hupe einfach demontiert und ihm als Zeichen guter Nachbarschaft in den Briefkasten gesteckt. Heute jedoch bin ich ja etwas ruhiger, man wird ja nicht jünger.

Deshalb machen wir das beste da raus und laden Herrn Piefke herzlich ein:

hupen

Wäre man bösartig, was wir ja alle nicht sind, dann könnte man behaupten, dass so mancher Hundebesitzer eine leicht verschobene Wahrnehmung hat, was seinen Hund angeht.

Zunächst sind da diese furchtbaren Verniedlichungen, die jeder ambitionierte Forenposter natürlich aus dem Effeff kennt.

Die alles um sich herum niederwalzende 45-Kilo-Dampframme heisst „Labbi“, der durchgeknallte, hysterisch kläffende Tapetenfresser ist ein „Hüti“, und das Tierchen, dass den Postboten gerade an den Zaun nagelt, ist ein kuscheliger „Scharki“, ein kaukasischer Owtscharka.

Dann gibt es noch „Howis“, „Rottis“, „Malis“, „Schäfis“ und „Listis“, also Hunde, die auf einer der unsinnigen Rasselisten stehen. Hierbei gilt es zu bedenken, dass ein „Listi“ seinen Spitznamen relativ schnell verlieren kann, zum Beispiel, wenn seine Besitzer in ein anderes Bundesland ziehen oder die zuständigen Politiker irgendwann zur Vernunft kommen. Dann wird fluchs aus dem „Listi“ wieder ein „Dogi“, ein Dogo Argentino.

Dann gibt es noch den „Ausi“, nicht zu verwechseln mit dem „Aussie“. Der nämlich ist ein Australian Shepherd, während ersterer aus dem Ausland gerettet wurde.

Bei anderen Hunden wiederum braucht es gar einen Beinamen, um die Zugehörigkeit zu klären: So gibt es Bullis in „French“, „English“, „Pit“ und von VW.

Wenn der Hund jemanden getackert hat, nennt man ihn dann allerdings nicht „Beissi“, sondern ein „Schildi“, weil es an der Schilddrüse liegen muss und nicht etwa am Unvermögen des Besitzers, ähm, ich meine natürlich des Besis, dem Köter, tschuldigung, dem „Köti“ klarzumachen, dass man nicht beisst, huch, ich meine zwickt.

Übrigens, bevor die arme Schilddrüse als Verursacher für allerlei Greueltaten des Hundes herhalten musste, war mal eine ganze Zeit lang der – vermutete – Hirntumor Hauptverdächtiger in Sachen die Wurzel allen Übels sein. Hat sich aber nie so richtig durchgesetzt.

Zum Einen, weil es wirklich seeehr selten vorkommt, dass tatsächlich ein Tumor Schuld daran ist, wenn ein junger ansonsten gesunder Hund zum Arsch wird, außerdem wird der Besi im Laufe der Jahre unglaubwürdig, wenn er sagt, „das ist ein ‚Tumi‘, der kann nichts dafür“.

Wenn der Besi und sein Labbi Langeweile (Frusti) haben, dann wird etwas unternommen, zum Beispiel „Obi“ oder „Agi“. Oder „Schutzi“ (Schutzhundesport) und für die ganz harten gibts dann „Mondi“ (Mondioring), und der „Ludi“ mit seinem „Kampfi“ veranstaltet „Hukis“ …

Und wenn der geliebte Vierbeiner mal kacken muss, dann macht er ein „Kacki“ oder noch besser: „Ein Drückerli“.
Für den echten Power-User ist all das natürlich Kokolores. Denn wer parallel bei Facebook, im Dogs-Forum, in der KS-Gemeinde und auf vier verschiedenen Tierschutzseiten unterwegs ist, der fasst sich kurz: Der HH geht mit seinem DSH in die HS, weil er ein LP hat, die Trainerin empfiehlt darauf hin Z&B, sowie FB nur auf der HW.

Aber noch mal zurück zur Eingangs erwähnten verschobenen Wahrnehmung.

Während Hunde früher Namen hatten, verfügen sie heute über so etwas wie eine Produktbeschreibung. Das ist praktisch, denn der andere Hundehalter muss den Hund gar nicht mehr sehen, alleine der Name reicht aus, um abzusehen, ob man sich besser vom Acker macht oder ob man bleiben darf.

Glauben Se nicht? Zwei Beispiele: Pepper und Emma – um welche Rassen handelt es sich?

Ruft man seinen Hund, dann ruft man nicht einfach einen Namen, nein, heutzutage teilt man der ganzen Hundewiese mit, wie kreativ, gebildet und gleichzeitig selbstironisch man doch ist.

Neulich habe ich mal einen Hund kennengelernt, der hieß „Lawan“. Zur Erklärung hiess es, dass es sich hierbei um einen Ritter aus einer Sage handeln würde. Laut Google heißt der arme Hund wahlweise wie ein schwedischer Fußballspieler, ein nigerianischer Politiker oder wie ein thailändischer Frauenname.

Herzlichen Glückwunsch!

Die meisten Hundebesitzer versuchen jedoch eher, etwas von der Aura ihres Hundes einzufangen. So hat der Ridgeback einen afrikanisch klingenden Namen, der mit etwas Glück gar nicht und mit etwas Pech mit „Mundfäule“ übersetzt werden könnte. Andere sind total witzig und nennen ihren Chihuahua „Brutus“ oder ihre Deutsche Dogge „Piccolo“.
Wiederum andere machen es sich leicht und gehen mit Rocky 3 Gassie, Rocky der Rotti, versteht sich.

Es ist aber auch kompliziert mit den Hundenamen. Schliesslich will niemand das Schicksal der umzähligen Luna und Paul-Besitzer teilen, die einen Hund rufen und fünf bekommen.

Überhaupt Luna, eigentlich ein toller Name, doch so verbraucht. Das ist wohl auch der Grund, warum mir in letzter Zeit so viele „Moons“ über den Weg laufen. Gleiche Bedeutung anderer Name. Ich plädiere ja für „Ay“, das heisst auch Mond, aber auf türkisch. Und klingt fast, wie das Geräusch, dass der Jogger macht, wenn „Ay“ ihn  durch den Stadtpark jagt. Dann ist „Ay“ übrigens ein Jagi …

Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass derjenige, der seinen als erstes „Luna“ genannt hat, sich bis heute darüber ärgert, dass er sich den Begriff nicht hat schützen lassen.

Überhaupt muss ich bei manchen Hundenamen, die mir so begegnen, an Johnnie Cash denken. „A Boy named Sue.“
So stelle ich mir vor, wie so manche Hunde von ihren Artgenossen auf der Hundewiese ausgelacht und gehänselt werden, jedes Mal wenn ihr „Frauli“ sie ruft, weil sie jetzt zum „Obi“ müssen. So lernt man Frustrationstoleranz. Ganz einfach.

Jeder Superheld hat irgendeine Schwäche, bei Superman war es Kryptonit, bei Siegfried, dem Helden aus der Nibelungensage war es ein Blatt, bei Achilles war es die Ferse und sogar K.I.T.T wurde einst mittels Elektrostrahlen außer Gefecht gesetzt.

Nur einer ist unverwundbar – außer Chuck Norris, mein ich. Nämlich unser SPL (Selbstmörderischer Paket Lieferservice)-Bote, der uns mit Hundefutter beliefert und augenscheinlich der festen Überzeugung ist, dass die gefühlten Zehn Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht bissiger Hund!“ für ihn nicht gelten.

Mit schöner Regelmäßigkeit läuft er sehenden Auges ins Unglück und der einzige Grund, weshalb er noch nie gebissen wurde – außer seinen Superkräften natürlich – ist der, dass er immer irgendwie gerettet wird.

Mittlerweile hat sich in Sachen Warenanlieferung so etwas wie Routine eingestellt. Sobald der weisse Lieferwagen vorfährt, stürzen F. oder ich aus dem Haus und sehen zu, dass wir die Hunde wegsperren, bevor unser Held mit einer erstaunlichen Gelassenheit zwei Türen hinter sich lässt und dann samt Paket mitten im Freilauf steht.

Und bei jeder Lieferung erklären wir dem freundlichen Herrn, dass er bitte NICHT einfach aufs Grundstück kommt und das die Schilder durchaus ernstgemeint sind. Jedes Mal nickt er freundlich, murmelt „Sie müssen hier noch unterschreiben.“ und geht wieder. Beim nächsten Mal stürzt dann wieder jemand zur Rettung des Wahnsinnigen aus dem Haus.

Oder eben nicht. Denn heute morgen war es, als ich aus dem Badezimmer kam und die Meute zwecks Pinkeln in den Freilauf scheuchen wollte – nicht wissend, das ein weisser Lieferwagen vorm Haus parkte. Alle Hunde sortiert, Haustür auf und da stand er, der SPL-Mann mit unserem Paket.

Wie er es geschafft hat, von den Hunden unbemerkt über das ganze Grundstück bis zur Haustür zu gelangen, ist mir ein Rätsel, vielleicht war es auch ganz anders.

Tacker: „Da kommt die Sau.“
Aleo: „Jetzt alle schön leise sein.“
Peggy: „Ok, ich fang an zu fiepen, dann denkt Normen, dass ich pinkeln muss.“
Afra: „Guter Plan, harhar.“
Isa: „Häh?“
Reggae: „Ok, ich stell ihn von vorne und einer von Euch beisst von hinten rein.“
Nanook: „Ich will als erster.“
Diego: „Nein, ich.“
Baboo: Ruhig jetzt, Normen kommt.“
Boris: „Das wird voll cool.“

Ein paar erfrischende Fakten:

Dreizehn Hunde á 42 Zähne = 546 Argumente, nicht ungefragt das Haus zu betreten. Vier Löcher im Hintern des Boten machen eine Trefferquote von ca. 0,8% aus, sein Aufschrei entsprach 100 dB, also in etwa der Lautstärke einer Kreissäge, mein „Pfuiauslasstdas“, entsprach dem Grenzwert für Hörschäden, wie er in der EU festgelegt ist. Die Worte, die ich schliesslich für den Lieferanten gefunden habe, lagen ausserhalb messbarer Werte … Außerdem die Feststellung, dass auch Superhelden schreien wir Mädchen, aber nunja.

Ein „Vorsicht bissiger Hund“-Schild am Zaun entbindet den Halter nicht von der Haftung, das gilt auch für zehn „Vorsicht bissiger Hund“-Schilder.

Ein Griff in die Trickkiste der psychologischen Kriegsführung hilft im Fall des Falles schon weiter.

Schritt 1: Erstmal alles verharmlosen.
Schritt 2: Den Schuldigen ausmachen
Schritt 3: Merkwürdige juristische Argumente vorbringen
Schritt 4: Möglichst unauffällig auffällig darauf aufmerksam machen, dass man da jemanden kennt, der für Ärger sorgen könnte.

  1. Also, eigentlich haben die Hundis sich ja nur gefreut, immerhin ist der Lieferant ja mittlerweile so etwas wie ein Freund der Familie und obendrein hatte er auch noch Futter bei sich.
  2. Darüber hinaus wisse er, der Freund der Familie ja, dass hier Hunde leben, schliesslich hängen da Schilder und man habe ihn ja auch mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass der eine oder andere „nicht so nett“ wäre.
  3. Zudem, wenn man es jetzt ganz eng sehen würde, hätte die eine Fellnase sich ganz schön erschreckt, ja, dem armen Tier einfach so den Hintern ins Gebiss zu drücken wär ja ganz schön tierquälerisch und er würde Tiere doch mögen, oder?
  4. Aber wir wollen mal nicht so sein, ist ja nichts weiter passiert, ach der Kratzer, der heilt doch wieder. Aber was mir aufgefallen ist, sind das Sommerreifen da an dem Transporter? Uiuiui, wenn das der Lothar sehen würde, ja, der eine Polizist, auch ein Freund der Familie, das gäbe sicherlich ein Bußgeld.

Treffer versenkt.

Wahre Helden wissen, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen. Und so guckte der Lieferwagenfahrer etwas verduzzt und fuhr wieder. Vorher nickte er noch freundlich und murmelte „Sie müssen hier noch unterschreiben.“ Aber ich bin mir sicher, dass er eines ganz gewiss weiss. Irgendwo muss Kryptonit rumgelegen haben, denn eigentlich ist er unverwundbar.