Erster Akt: Der Höllenschnauzer

Es gibt so Tage, an denen ich ernsthaft darüber nachdenke, das Mobiltelefon in den Müll zu werfen und den Festnetzapparat gleich mit zu entsorgen. Habe ich aber bisher nicht getan. Und so hab ich das davon. „Das“ heißt „Butterfly“ ist eine reizende Mittelschnauzerhündin. „Reizend“ wie CS-Gas, denn im Zusammenleben mit ihr hat man des Öfteren Tränen in den Augen. Mal vor Schmerz, mal vor Wut, mal vor Verzweiflung. Aber von Anfang an.

Letzte Woche war es, als ich es mal wieder getan habe. Ich ging ans Telefon, als es läutete. Am anderen Ende war eine nette Dame, die mir berichtete, dass ihr Nachbar einen Unfall hatte und nun dringend eine Unterkunft für seinen Hund gesucht würde.

Kurzerhand sagte ich zu, denn der Mann tat mir leid. Und der Hund auch. Und man hilft ja gerne.

Also fuhr ich kurzerhand nach Tupfingen im Taunus und holte „Butterfly“ ab. Abholen wiederum bedeutete, dass Madam mich am Gartentor erstmal mit aller Empörung begrüßte, die so ein Hund an den Tag legen kann. Spontan entschied ich, dass die Moxonleine das Mittel der Wahl wäre, um sich dem Tierchen zu nähern. Als ich sie dann „eingefangen“ hatte, stellte sie sich jedoch erstmal als freundlich aber reserviert heraus.

Und nun ist sie bei uns.

Auf dem ersten Blick ist Butterfly ein Zuckerstück. Zum zweiten Blick kommt es meist nicht, weil Butterfly dann schon weg ist. Zuerst dachten wir, sie sei taub, denn sämtliche freundschaftlichen Versuche, sie davon zu überzeugen, uns auch nur eines Blickes zu würdigen, schlugen gänzlich fehl.

Ich glaube, in Butterfly steckt so eine Identitäts-Problematik für Hunde. Butterfly muss ein Chow Chow oder ein Akita gefangen im Körper eines Mittelschnauzers sein. Im Gegensatz zu ihr sind Labbis hochsensible Seelen und Owtscharkas hochkooperativ. In meinem Leben habe ich noch nie einen Hund kennengelernt, der dermaßen eigenständig, stur und ignorant ist.

Das gilt jedoch nur, wenn man etwas von ihr möchte. Wenn sie etwas möchte, sieht das etwas anders aus. Dann wird sie nämlich nachdrücklich, wenn man es denn so nennen möchte. Im Laufe ihrer Jahre als Prinzessin hat sie diverse Strategien entwickelt, wie man auf sich aufmerksam machen kann.

Schritt 1: Fiepen
Schritt 2: Heulen
Schritt 3: Alle anderen Hunde zum Heulen animieren.
Schritt 4: Das Chorheulen durch lautes Gebell übertönen.
Schritt 5: Eine maximale Wirkung erzielt diese Vorgehensweise zwischen zwei und drei Uhr morgens.

Dafür ist sie verträglich mit Artgenossen. Nunja, vielmehr war es für sie wohl ein Schock zu sehen, dass es noch andere von ihrer Sorte zu geben scheint. Also hat sie für sich entschieden, dass wenn es schon andere Hunde auf der Welt gibt, dann muss sie logischerweise die Königin über das Hundevolk sein.

Artgenossen werden maximal geduldet. Und wenn irgendeiner unseres vierbeinigen Fußvolks meint, in die königliche Aura einzudringen, schaut sie ihn empört an, macht „Pfft“ und schwebt von dannen.

Madam zeigt nicht mal den Hauch eines Ansatzes, zu kommen, wenn man sie ruft. Stattdessen lässt sie sich lieber abholen, so wie es sich gehört. Aber bitte auch erst dann, wenn es ihr beliebt.

Also habe ich irgendwann beschlossen, dass ich sie einfach anleine, um sie ins Haus zu holen. Irgendwann will man ja auch ins Bett. Diese Gräueltat meinerseits quittierte das Schnauzerchen seelenruhig mit einem beherzten Griff in mein Handgelenk und einem Lächeln im Gesicht bei dem Hinweis „Ich bin zehn Jahre alt und habe schlechte Zähne.“

Vier Löcher und eine eitrige Entzündung später bin ich wieder bei der anfangs erwähnten Moxonleine, wenn es darum geht, das Hündchen ins Haus zu holen.

Als ich dann Freitag nacht von einem langen Vortragsabend nach Hause kam, berichtete mir F., dass Butterfly einen Weg gefunden hat, irgendwie auszubüxen. Glücklicherweise hatte sie das rechtzeitig gemerkt und Madam wieder eingefangen.

Und so rätselten wir noch, wie der Hund das wohl geschafft hatte, als wir uns plötzlich anschauten und uns fragten: „Wo ist die eigentlich.“

Charakterlich tendiert Butterfly zwar irgendwo zwischen Hartholz, andalusischen Esel und mitteleuropäischer Hauskatze, ihre Fähigkeiten, sich unsichtbar zu machen, entsprechen jedoch eher denen eines Ninjas.

Irgendwie hatte sie es geschafft, erst aus dem Wohnzimmer, dann aus dem Flur und schließlich vom Grundstück auszubrechen. Und das während wir darüber diskutierten, wie sehr wir aufpassen müssten, damit der Hund bloß nicht abhaut.

Es war kurz vor Eins Nachts, am nächsten Morgen musste ich terminbedingt um spätestens Acht raus und wir suchten Butterfly – einen grauen Hund in einem Wald im Dunkeln. Gegen drei Uhr gaben wir die Suche auf und entschieden, dass wir alle Tore auflassen und hoffen, dass sie von alleine zurückkommen würde.

Das tat der Hund auch – und zwar exakt drei Mal in der Nacht. Zum ersten Mal schlugen die anderen Hunde um Vier, das zweite Mal um Viertel nach Fünf und das dritte Mal um halb Sieben an.

Um halb Acht stand schließlich eine Nachbarin vor der Tür, die uns berichtete, dass Butterfly weiter unten auf der Straße in der Sonne läge und döse.

F. sprang sofort auf, um Butterfly vor einem elenden Tod in der freien Wildbahn zu bewahren, kam jedoch etwa 15 Minuten später wieder. Ich glaubte ein paar neue Adern an ihren Schläfen entdeckt zu haben, die pochten. Sie war so stinksauer, dass für diesen Zustand ein neuer Begriff erfunden werden müsste und berichtete mir – unterbrochen von diversen Flüchen, die ich hier nicht wiedergeben möchte – von den letzten Minuten.

Butterfly lag auf der Wiese und genoss das schöne Wetter, als sie F. erblickte, ließ sie sie bis auf ungefähr drei Meter rankommen, um sich dann gemütlich und in bester Altdamenmanier einen anderen Platz zu suchen. Das Spiel wiederholte sich einige Male, nun brauchte F. wahlweise eine Pause oder ein Gewehr.

Um 10 vor Acht liefen wir zu Dritt durchs Dorf, jeder mit einer Leine bewaffnet und fühlten uns bestätigt, dass der Hund wirklich ein Ninja sein musste. Oder tatsächlich eine Katze, die zum Fressen mal vorbeischaut, aber ansonsten eher ihre Ruhe haben möchte.

Um Fünf nach Acht machte Butterfly dann einen entscheidenden Fehler. Angelockt von irgendwas Interessantem landete sie im Garten eines Anwohners, der unsere Slapstickeinlage vorher beobachtet und genossen hatte. Der resolute ältere Herr machte kurzen Prozess – und das Gartentor zu.

So war es ein leichtes, Madam Butterfly wieder habhaft zu werden.

Auch wenn das Schnauzerchen den Ausflug bestimmt toll fand, haben wir entschieden, dass Madam die Zeiten unserer Abwesenheit besser in einer Box verbringen sollte, um so zu verhindern, dass sie wieder freigängig wird.

F. hatte bei eBay eine schicke Schmidt-Box ersteigert, diese sollte nun das neue Apartment für den Schnauzer werden. Der Freilauf wurde derweil gestrichen, ab sofort gabs Hofgang nur noch an der Leine. Hasse davon!

Als ich nun heute mittag nach Hause kam, wunderte ich mich noch, warum das Chorheulen irgendwie anders klang als die fünfzehn mal davor. Und als ich vorsichtig die Haustür öffnete, stand sie da und freute sich wie ein Keks: Butterfly! Als ich dann einen Blick ins Wohnzimmer warf, fand ich die funkelnigelnagelneue arschteure Schmidt-Box fachmännisch verlegt vor.

Kein Ninja, nein, ein graubärtiger McGyver! Ehre, wem Ehre gebührt, dachte ich bei mir. Respekt!

Butterfly wohnt derweil nicht mehr im Wohnzimmer bei den anderen Hunden. Sie nennt nun das Gästezimmer ihr eigen und war so nett, auf ein Körbchen zu verzichten. Sie hat nun ein Bett für sich. Das passt auch besser …

 

3 Kommentare
  1. Rike
    Rike sagte:

    Willkommen bei den Schnauzerbesitzern. Habe von diesen ehrwürdigen Viechern schon einiges gehört und mich dann immer gefreut, das mein Hund so eine Flachpfeife ist.

    Antworten

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