Die nächsten Stunden verliefen wie ein schlechter Traum. Die von den Nachbarn alarmierten Rettungskräfte versorgten den jungen Mann, der in seinem Auto eingeklemmt war. Die Polizisten löcherten Sabine mit Fragen, doch sie konnte sich nicht mehr erinnern. Nur das Jaulen von Maya und dann der Knall. Keine Ahnung, wo das Auto auf einmal herkam. Keine Ahnung, wie der Hund sich losgerissen hatte. Das kann doch alles gar nicht wahr sein. Ihr Blick wanderte über die abgesperrte Straße auf der Suche nach Erika. Doch sie konnte sie nirgendwo sehen. Erst später würde sie erfahren, dass Erika und ihre Tochter im nahe gelegenden Wald nach Maya suchten, die angefahren und in Panik geflüchtet war.

Ebenfalls später würde sie erfahren, dass Erika für ihre Hündin keine Haftpflichtversicherung abgeschlossen hatte und schon allein der Einsatz der Feuerwehr und der Rettungskräfte ihren finanziellen Ruin bedeuteten. Doch all das war in den nächsten Tagen nicht wichtig. Maya war jetzt seit drei Tagen verschwunden und von ihr fehlte jede Spur. Sabine ging jeden Tag mehrmals mit Paul und Paula die Strecke im Wald ab und hoffte, dass sie Maya finden würde.

Jeder Schatten, jedes ungewöhnliche Geräusch machte ihr Hoffnung, doch es blieb dabei. Die Hündin war weg. Abends teilte Sabine Fotos von Maya in den sozialen Netzwerken, doch abgesehen von ein paar Spinnern, die behaupteten, sie sonstwo gesehen zu haben, ohne Ergebnis. Die ganze Umgebung hatte sie mit Flugblättern tapeziert, alle Tierärzte im Umkreis von 30 Km angerufen und jedes einzelne Tierheim persönlich aufgesucht.

Man könnte nicht behaupten, dass Erika Sabine Vorwürfe gemacht hätte. Einmal hatte sie sie angeschrieen und gebrüllt, dass Maya vielleicht verletzt im Wald liegen und niemand ihr helfen würde, Das war nach zwei Wochen. Danach hatte sie sich jedoch schnell beruhigt und seitdem nichts mehr dazu gesagt. Aber es lag auf der Hand, irgendwas in ihrer Freundschaft war anders, seitdem dieser Unfall passiert war. Sabine war bemüht, Erika nach Kräften zu unterstützen, doch merkte sie auch, dass ihre beste Freundin sich von ihr distanzierte. Sabine hoffte, dass alles wieder gut werden würde, wenn sie nur Maya finden könnte.

„Alles wird gut“ hatte auch die alte Dame gesagt, als sie den verletzten Hund im Wald gefunden hatte. Sie hatte das Tier mit nach Hause genommen und die blutende Wunde sauber gemacht. Nun lag der Hund in dem kleinen Wohnzimmer der alten Dame, die sich freute, jemanden für sich zu haben.

Beate, wie ihre Tochter, die sie schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Nun lag „Beate“ auf dem kleinen Läufer und winselte. „Du hast bestimmt Hunger“ sagte die alte Frau. „Warte, ich hol dir was.“ Langsam bewegte sich Getrud, so hiess die Dame, in die Küche und nahm ein paar von den Pellkartoffeln aus dem Topf auf einen Teller. Darauf tat sie einen großen Schlag Sauce und stellte dem Hund das Essen vor die Nase. „Hast Du keinen Hunger, mein Kind? Du musst doch was essen, damit du wieder gesund wirst. Schau doch mal, Pellkartoffeln, die hast Du doch früher so geliebt“ sagte Gertrud und schüttelte mit dem Kopf. „Beate, Beate, mein Kind, was soll nur aus dir werden?“ Die Dame liess sich auf ihr altes Sofa fallen und ihr Blick wanderte in eine andere, bessere Zeit.

Maya war jetzt schon vier Wochen verschwunden.

Als Erika der Brief mit der Rechnung für den Feuerwehreinsatz erreichte, setzte sie sich ruhig an den Tisch und zündete sich eine Zigarrette an. Dreizehntausendfünfhundert Euro. Zahlbar binnen vierzehn Tagen. Sie atmete tief durch und heftete die Rechnung zu den anderen. Sie würden ihr Haus verkaufen müssen. Der junge Mann hatte sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen und lag noch im Krankenhaus. Doch schon allein die bisher angefallenden Rechnungen beliefen sich auf einige Zehntausend Euro. Sicherlich wusste Erika, dass eine Tierhalterhaftpflichtversicherung sinnvoll war. Und sie hatte sich auch oft vorgenommen, eine abzuschliessen. Aber die Fünfzig Euro waren viel Geld. Sie hatten gerade das Dach neu decken lassen, dann ist die Waschmaschine kaputtgegangen und schliesslich musste sie auch zugeben, dass sie es schlicht und ergreifend vergessen immer wieder auf später verschoben hatte.

In der Zwischenzeit hatte Sabine einen Mann engagiert, der sich auf die Suche von vermissten Haustieren spezialisiert hatte. Er wusste zu berichten, dass Hunde normalerweise immer dahin zurückkommen, von wo sie losgerannt sind. Deswegen hätten Jäger früher ihre Autos offen im Wald stehen gelassen, wenn ein Hund ausgebüxt war. Am nächsten Morgen wartete der vermisste Hund dann auf sein Herrchen. „Heute geht des nimmer,“ sagte der Pettrailer, „denn heut würd’ns am näschste Morsche Ihr Auto nimma find’n.“

Erst wenn der Hund seinen Besitzer nicht antreffen würde, würde er in immer größeren Kreisen um den Ort des Geschehens laufen und sich so immer weiter entfernen. „Am beschte iss, wenn imma eener am Ort wadden tut“

Mit Hunden, die ein Trauma hätten, verhielte sich das natürlich anders. Wie in Trance würden diese Tiere laufen und laufen, bis sie irgendwann zu Sinnen kommen. Doch dann wäre es oft zu spät und sie könnten sich nicht mehr zurück orientieren. So hätte er erst vor ein paar Monaten das vermisste Tier sage und schreibe 120 km von seinem Zuhause entfernt gefunden.

„Schlafe mein Baby, schlafe nun ein …“ Gertrud saß auf ihrem Sofa und sang das Lied, dass sie ihrer Tochter immer vorgesungen hatte, vor ihr lag Maya, die nun Beate hieß. Die alte Dame hatte sich furchtbar aufgeregt und hatte jetzt ein schlechtes Gewissen. Sie war in ihr Wohnzimmer gekommen und ihr Baby hatte den ganzen Teppich dreckig gemacht. Daraufhin hatte sie geschimpft. Sie war immer eine gute Mutter gewesen, etwas streng, aber liebevoll. Doch Beate hatte die ganze Nacht durchgeweint und dann das, nun reichte es der alten Frau. „Warte nur, bis Vati nach Hause kommt.“ hatte Gertrud Beate gewarnt. „Dann kannst du was erleben.“ Nun war Beate ruhig und Gertrud sang ihr das Schlaflied vor.

„Morgen, ja morgen wird alles besser“ flüsterte Gertrud liebevoll. „Morgen kommt Vati zurück. Wie der sich freuen wird, dass du hier bist.“ Langsam erhob sich Gertrud aus ihrem Sofa und schlenderte in die Küche. Sie hatte ihren Rock verkehrt herum angezogen und lief barfuss. Manchmal hatte sie schlechte Tage, an denen ihr Kopf einfach nicht so wollte, wie sie. Doch heute war ein guter Tag. „Endlich sind wir wieder zusammen. Vati wird sich freuen.“

(Fortsetzung folgt)

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8 Kommentare
  1. Marie-Jeanne
    Marie-Jeanne sagte:

    Sach ma? Hast du zuviele Horrorfilme geschaut? Drama find ich ja ganz gut, aber alte Frauen die im Wahn den Hund für ihr Kind halten? Neeee…. ;)

    Ich bin schon froh das in der Schweiz eine Haftpflichversicherung Obligatorisch ist und Haustiere automatisch mitversichert sind!

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  2. Antje Herchenhahn
    Antje Herchenhahn sagte:

    Ist das der Teil, wo Pauls Urururururenkelin denWarp-Antrieb sabotiert und die Menschheit daran hindert, bei den armen Zylonen einzumarschieren? ;-)

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