Das Zusammenleben mit einem Junghund ist spannend. Besonders spannend ist das Zusammenleben mit einem Junghund, der unglaublich schnell wächst und in kürzester Zeit sein Gewicht verdoppelt hat. In Verbindung mit Allradantrieb und dem unbändigen Drang, immer schnell zu sein aber niemals, wirklich niemals auszuweichen, entwickelt sich das Leben stellenweise sogar extrem spannend.

Wenn sich dann noch ein alternder 45-Kilo-Hund dazu berufen fühlt, mitzuhalten und sämtliche Lektionen im Bereich „Leute nicht umnieten“ über Bord geworfen hat, dann wird das Leben unter Umständen sogar gefährlich. Wenn sich die nicht minder stürmische Rottweilerdame dann noch beteiligt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert.

„Es war nur eine Frage, bis etwas passiert“, sagte dann auch Erika etwas erschöpft, als sie auf dem Parkplatz bei Sabines und ihrem „Stammsee“ von den netten Sanitätern verarztet wurde.

Einen lauten Knall und ein „Autsch“ hatte Sabine bemerkt und dann im Augenwinkel gesehen, wie Erika im hohen Bogen durch die Luft flog und sehr unsanft auf dem Steißbein landete.

Die Hunde schauten noch etwas irritiert, hatten sie doch im Spiel garnicht mitbekommen, dass sie die Frau übern Haufen gerannt hatten.

Jetzt wo sie da so lag konnte man die Einladung ja annehmen und sie mal so richtig herzen. Sabine hatte einige Mühe, die Hunde von Erika wieder runterzuziehen, die mit schmerzverzerrten Gesicht versuchte, ihren Humor zu wahren.

„Immerhin haben sie mich noch sauber gemacht.“ lachte sie gequält und versuchte aufzustehen. „Autsch“ wiederholte sie und konnte kaum gerade stehen.

Nun lag sie bauchlinks auf der Trage und der junge Mann, der sich als Notarzt vorgestellt hatte, sagte ihr, dass sie jetzt ins Krankhaus gefahren würde. Vermutlich wäre das Steißbein durch, aber das würde das Röntgenbild zeigen. Doch auch wenn es nur angeknackst sei, hätte sie jetzt erstmal Zwangspause.

Selbstverständlich würde sich Sabine so lange um Maya kümmern, Michaels Laune hatte sich in den letzten Tagen etwas gebessert und er würde es bestimmt verstehen, dass nun drei Hunde vorübergehend bei ihnen leben würden.

Das Zusammenleben mit drei Hunden ist spannend. Vor allem, wenn die drei jeden einzelnen Moment des Tages in ein gemeinsames Spiel verwandeln. Und das überall. Im Garten, auf der Gassirunde und im Haus.

Immer, wenn einer der Hunde endlich mal müde war, tobten die beiden anderen wie wild durch die Gegend. „Die spielen im Schichtdienst“, dachte Sabine, seufste und rieb sich die Schläfen.

Nachmittags besuchte sie Erika im Krankenhaus. Ihre Freundin hatte sich tatsächlich das Steißbein gebrochen, als sie zwischen die Hunde gelangt war. Sie könne das Krankenhaus zwar bald verlassen, aber sich um Maya kümmern, dass ging wirklich nicht.

Natürlich sagte Sabine zu, dass Maya so lange bleiben könnte. Zumal sie sich nicht sicher war, ob es nicht Paul gewesen war, der Erika den finalen Stoss gegeben hatte.

Als sie erfuhr, dass es sich um etwa sechs Wochen handeln würde grinste sie etwas schief bei dem Gedanken, dieses Chaos noch eineinhalb Monate im Haus zu haben.

Das Schöne an Hunden ist, dass sie viel voneinander lernen können. Nicht ganz so shcön ist die Tatsache, dass sie auch viel Mist voneinander lernen können.

Maya hatte zum Beispiel die unangenehme Angewohnheit, sobald man die Türe öffnete direkt ins Haus zu rennen und auf das Sofa zu springen. Vornehmlich dann, wenn es draussen regnete. Es dauerte ungefähr drei Tage, bis auch Paula sich an Michael und Sabine vorbeiquetschte, um das Sofa einzusauen. Nach fünf Tagen sagte Michael resigniert zu Paul: „Na los, geh durch.“ Was Paul sich nicht zweimal sagen lies.

Zu dieser Zeit hatte Michael das Regiment über den Haushalt übernommen, da Sabine mittags unterwegs war, um Erika zu unterstützen, die auf dem Sofa lag und sich mit ihren pubertierenden Kindern stritt.

Die meiste Zeit verbrachte er damit, zu putzen und Gegenstände aufzusammeln, die einer der Hunde umgeworfen hatte. Er kam sich etwas vor wie ein Tierpfleger im Zoo. Allerdings einer, der keine Ahnung hatte, was zu tun sei. Noch vier Wochen, dann wäre Erika wieder fit und könnte ihren Hund zurück zu sich nehmen. Vier Wochen. Irgendwie kam ihm das verdammt lang vor, als genau in diesem Moment irgendetwas im Flur laut schepperte. Paula hatte eine Lampe umgeworfen. Schade, die fand Michael immer sehr schön und er hatte sie sich damals für seine erste Studentenbude gekauft. Die Lampe hatte viel ausgehalten. Mehrere Umzüge, kleine Kinder, nur Paula, die war stärker als die Lampe. „Power-Paula“, dachte Michael, als er die Scherben zusammen fegte.

Währenddessen saß Sabine an Erikas Sofa und die beiden unterhielten sich. „Ganz schön leer, so eine Wohnung, wenn kein Hund da ist.“ sagte Erika. „Naja, bei uns tobt im Moment der Bär, kannst du dir vorstellen. Die Kleine zusammen mit den Großen, das ist das Trio Infernale.“ erwiderte Sabine. „Oh ja“ lachte Erika, „das kann ich mir gut vorstellen. Aber mittlerweile bin ich schon beinahe wieder fit und bald kann ich Maya zurücknehmen.“ Sabine beruhigten diese Worte ein wenig. „Du weisst ja, ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos!“

Wahre Worte, dachte Sabine noch bei sich, als sie an diesem Abend viel zu spät nach Hause kam und die drei Hunde sie stürmisch begrüßten.

Sabine freute sich auf den morgigen Abend. „Frauenabend“ war die Idee von Erika gewesen. Sie wollte ihre Kinder und ihren Mann ausquartieren, eine Kömodie ausleihen und eine oder zwei Flaschen Sekt einkaufen „und mal wieder in Ruhe über Kerle lästern.“

Zu dem Zeitpunkt wusste Erika noch nicht, dass der nächste Abend ihr noch lange in sehr trauriger und schmerzhafter Erinnerung bleiben würde. Auch als Michael Sabine auf die Stirn küsste und „Gute Nacht“ flüsterte, bevor er todmüde ins Schlafzimmer verschwand, hatte er keinen blassen Schimmer, dass morgen kein schöner Tag werden würde. Und Marie, die ihrer Mutter noch gute Nacht sagen wollte und Felix, der auf eine Geschichte, „nur eine ganz kurze“, bestand, konnten nicht wissen, was morgen geschehen würde.

Der junge Mann, der sich gerade am Telefon mit seinen Freunden verabredet hatte, um endlich mal wieder „richtig einen zu saufen“, freute sich derweil auf morgen. Das würde so geil werden!

(Fortsetzung folgt)

Hier geht es zu den anderen Teilen von Paul.

 

6 Kommentare
  1. Mandy
    Mandy sagte:

    ja lass es! Eigentlich sah ich Paul bereits wieder bei seiner Herde, als es um die Bus-Geschichte ging…
    Aber jetzt willst du irgend einem Hund was antun und bedrohst auch uns damit! ;)
    Du hättest es als Buch heraus geben, signieren und bei einer Schüssel Buntes versteigern sollen.

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  2. Pia
    Pia sagte:

    Beeil Dich mit den Schreiben …… Meine Familienmitgliedern (Mann und Tochter) können nur schwer ohne Vorlesestunde einschlafen…… und jetzt ist hier erstmal Schluss…. Das ist blöd.
    Die Taschentücher stehen bereit,….. Ich erwarte heftiges..

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