Als Michael am Abend nach Hause kam, fiel ihm als erstes diese häßliche Porzellanfigur auf, die im Flaur auf dem Telefonschränkchen stand. „Wo hast du das denn her?“ fragte er und zweifelte ein bisschen am Geschmack seiner Frau. Gut, dass man mit Kleinkind und Kampfhundesteuer keine Bo-Concept-Einrichtung mehr zahlen könnte, war ihm ja klar. Aber wenn sich das Leben der beiden mittlerweile derart armselig gestalten würde, dass sie sich so einen Kitsch ins Haus stellen müsste, würde er sich Paul schnappen un mit ihm einen Kiosk ausrauben. Ein Blick auf diese Figur und jeder Richter hätte Mitgefühl.

Sabine erklärte ihm, was sie an dem Tag erlebt hatte. Sie erzählte von Herrn Gutmuts Sohn, von dem alten Haus und davon, dass es nun leerstünde. Und sie erklärte, dass Gutmut Junior ihr diese Figur geschenkt hatte. Außerdem erklärte sie Michael, warum sie in letzter Zeit emotional so angespannt war. Der Test aus dem Drogeriemarkt hatte es ergeben. Sie war schwanger. Und nun musste sie lächeln. Das erste Mal seit Wochen.

Es muss irgendwann im Frühling gewesen sein, jedenfalls war es endlich etwas wärmer geworden, als Sabine in einem der Kartons den Impfausweis von Paul fand. „Mensch Paul“, sagte sie zu ihrem Hund. „Heute hast du Geburtstag“. Sie musste lachen. „Aber glaub nicht, dass Du eine Torte kriegst“. Sie ging runter ins Erdgeschoss, in dem Michael gerade versuchte, den neuen Herd anzuschliessen. Die Betonung lag auf „Versuch“, denn bereits seit zwei Stunden waren alle Sicherungen ausgeschaltet.

Als die beiden das Haus gekauft hatten, hatte Michael gewusst, dass hier viel zu tun sei.  Aber hatte sich gedacht, dass man viel Geld sparen könnte, wenn man vieles selber macht. Naja, das hatte er jedenfalls gedacht. Sein erster Versuch, eine Wand zu verputzen endete darin, dass der Handwerker, den er schliesslich bestellen musste, erst Michaels „Kunstwerk“ von der Wand entfernen musste. Aber Heinz war schliesslich einiges gewöhnt. Schliesslich kannte er das Paar noch aus der Zeit, in der Sabine mit Marie schwanger war. Und Michael war hat ein Denker und kein Macher. Auch diesmal musste Heinz zur Hilfe eilen. Nachdem Sabine gesehen hatte, dass es trotz angeblich rausgezogener Sicherungen bedenklich funkte, bestand sie darauf.

Sie lebten nun schon zwei Jahre in diesem Haus und die neue Küche war die letzte der großen Anschaffungen gewesen, die dringend notwendig waren. Und sie wollte weder den teuren Herd noch ihren handwerklich ungeschickten Mann verlieren. Nicht jetzt, wo es so gut lief.

In diesem Sommer würde Marie in den Kindergarten kommen und Felix, wie ihr Sohn hieß, entwickelte sich prächtig. Seitdem sie ihre piefigen Nachbarn losgeworden waren, fühlte sich das Paar freier. Michael sagte mal „Endlich kann ich wieder durchatmen.“ Sabine hatte die Gartenarbeit für sich entdeckt, auch wenn sie zugeben musste, dass sie in diesem Bereich ungefähr so begabt war wie Michael in Sachen Renovierung.

Und heute hatte Paul Geburtstag. Mit zwei Kindern und der niemals endenden Baustelle im Haus kam er in den letzten Monaten immer etwas zu kurz. Aber Paul ertrug sein Schichsal tapfer. Überhaupt war er in seiner stoischen Gelassenheit seinen Menschen gegenüber der perfekte Familienhund. Ruhig und gelassen – egal, ob er gerade als Hüpfburg für die kleinen herhalten musste oder als Joggingpartner für Sabine, die sich fest vorgenommen hatte, die Pfunde, die der Nachwuchs hinterlassen hatte, wieder loszuwerden.

Lediglich der Postbote konnte sich nicht so recht mit Paul anfreunden. Und Paul nicht mit ihm. Die beiden hatten so etwas wie eine Übereinkunft getroffen. Wenn der Bote ein Paket lieferte, stellte er  es direkt hinterm Gartentor ab. Das bedeutete, dass er die Türe aufmachen, das Paket ablegen und die Türe wieder schliessen musste. Der erfahrene Postler hatte errechnet, dass er dafür ungefähr zehn Sekunden brauchte. Paul hatte errechnet, dass er in zehn Sekunden ungefähr 15 Leckerchen fressen konnte. Und so kam der Postbote, sagte: „Hol’s Dir“, Paul holte sich das Futter und der Postbote hatte das Paket abgelegt, bevor Paulchen wieder am Tor war.

Der heutige Tag, der sollte Paul gehören, dachte sich Sabine und öffnete den Kofferraum des Kombis. „Komm Paul“ sagte sie und der Hund sprang in den Kofferraum.

Mit dem Auto fuhr Sabine zu dem etwa 15 Minuten entfernt gelegenen See, den sie im letzten Winter entdeckt hatte. Paul war eine wahre Wasserratte und liebte es, im See zu planschen. „Ein bisschen wie ein Rentner auf Kneipp-Kur“ sagte Sabine mal, als sie ihren Hund dabei beobachtete, wie er gemächlich seine Runden zog. Schon am Parkplatz stellte sie fest, dass hier doch ganz schön was los war, sobald es etwas wärmer wurde. Also musste Paul erstmal an die Leine.

Nach ungefähr einem Kilometer gemütlichen Spaziergangs tauchte am Horizont der erste Hundebesitzer auf. Glücklicherweise einer der vernünftigen Sorte, der seinen Hund gleich an die Leine nahm. „Ist Ihrer verträglich?“ fragte die Frauenstimme. Sabine antwortete „Rüde oder Hündin?“ Hündin, gut, das klappte meistens. Die Hundehalterin stellte sich als Erika vor und ihre Hündin als „Maya“. Maya war eine große und nicht minder beeindruckende Rotti-Hündin und Paul machte den Anschein, als sei er verliebt.

Nach kurzem Überlegen leinte Sabine ihren Paul ab und die beiden Hunde tobten durch den Wald. Die beiden Frauen entschlossen sich dazu, die Runde am See gemeinsam zu gehen.

Erika war nett und Sabine verstand sich auf Anhieb mit ihr. Sie war etwas älter und ihre Kinder, die sie scherzhaft als „Brut“ bezeichnete, gingen zur Schule. Ihre Tochter sei in der Pubertät, ein Kotzbrocken, wie er im Buche steht, lachte Erika. Und „Jungsverrückt“. Aber, wenn das Kind irgendwann einen mit nach Hause bringen würde, hatte sie da schon einen Plan. „Maya darf dann mit ins Kinderzimmer, dann packt er die Jenny schon nicht an.“

Am See angekommen setzen sich die beiden auf eine Bank unterhielten sich angeregt, während die Hunde durch die Büsche, durchs Wasser, über die kleine Wiese und wieder durch die Büsche tobten. Das war ein schöner Geburtstag für Paul, dachte Sabine. Übrigens, wo ist er überhaupt?

Erika rief ihre Maya zu sich, die auch irgendwann widerwillig auftauchte. Nur Paul lies sich nicht blicken. Sabine ging am See auf und ab, suchte in den Büschen, rief nach Paul, doch nichts tat sich. Also ging sie in das Waldstück rein und rief nach Paul. Keine Reaktion. „Paaaauuuul!!! Der war doch gerade noch hier! Dieser blöde Hund“ fluchte sie vor sich hin, als sie einen Blick zwische eine Gruppe junger Bäume warf und ihn schliesslich fand.

(Fortsetzung folgt)

Hier geht es zu den anderen Teilen von Paul.

3 Kommentare
  1. Antje Herchenhahn
    Antje Herchenhahn sagte:

    hey hey, Dramen sind out. Bisher hast du die Klippen gut umschifft, keinen Quatsch jetzt! Es braucht auch für die Pauls dieser Welt mal ein Happy-End.

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  2. Josie
    Josie sagte:

    Nein, Normen, das kannste jetzt echt nicht machen! Er liegt da und knabbert an
    einem alten Stock, altem Hasen oder sonstwas oder fand seine Pauline,
    aber nicht das Schicksal von Herrn Gutmut! Toll und nun heißt es wieder
    warten bis Montag. DAs nächste Mal warte ich bis die Story fertig ist – und fange
    dann erst an zu lesen ;-)

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