DogTalking Nr. 1, 2013 – Thema Emotionen

“Make Love – Not War”

In der Hundeerziehung erlebt wohl so ziemlich jeder Hundehalter immer wieder Momente, die einen emotional stark belasten können. Sei es, weil der Hund in den Wald verschwunden ist und Rehe hetzt oder weil Waldi in einer Tour quengelt, während der Besitzer noch etwas Wichtiges erledigen muss. Im Alltag erleben wir jedoch auch immer wieder, dass Hundebesitzer sprichwörtlich ausrasten und völlig unangemessen und übertrieben agieren. Häufig wird diesen Menschen im Nachhinein bewusst, dass sie falsch gehandelt haben. Was bleibt, sind Schamgefühl, Selbstvorwürfe und ein schlechtes Gewissen. Ein Bericht über Menschen, Hunde und Gefühle.

„Ich will so nicht sein!“

Vor einiger Zeit bekam ich einen Anruf von einer Kundin. Ihre junge Hündin ist sehr agil, um es mal vorsichtig auszudrücken, und tanzt ihrem Frauchen gerne mal auf der Nase herum. An diesem Nachmittag wollte die Besitzerin mit ihrem Hund nur „schnell“ eine Runde drehen, bevor sie zu einem wichtigen beruflichen Termin musste. Frauchen also im Stress und unter Zeitdruck und die Junghündin auf Abenteuer aus. Und so kam es, wie es kommen musste. Während des ganzen Spaziergangs wuselte die Hündin umher, ließ sich nicht abrufen und hatte tausend Dinge im Kopf – nur nicht ihre Besitzerin. Als dann plötzlich ein Kaninchen über den Weg schoss, startete der Hund durch und ließ sein Frauchen am Waldrand stehen.

Den Termin im Nacken und voller Sorge um den Hund harrte meine Kundin am Waldrand aus, bis der Vierbeiner nach ungefähr 15 Minuten aus dem Dickicht kam. Als meine Kundin den Hund dann anleinen wollte und dieser mit einem Fangenspiel auf ihre Versuche reagierte, platzte ihr der Kragen und sie verprügelte den Hund.

Nun hatte ich sie am Telefon und sie war am Boden zerstört. So etwas sei ihr noch nie passiert und sie wollte ihrem Hund doch niemals Schmerzen zufügen. Aber in dieser Situation, da wurde sie so wütend und vergaß sich total. Das Schlimmste neben dem Schock über das eigene Verhalten war für sie, dass die ansonsten so anhängliche Hündin den Rest des Tages einen großen Bogen um sie machte und wenn sie gerufen wurde, ganz geduckt und zögerlich gekommen war.

Ursachen für emotionale Ausbrüche

Wie es dazu kommen konnte, dass die an sich sehr liebevolle Hundebesitzerin dermaßen „ausrasten“ konnte, liegt natürlich auf der Hand. Sie war im Stress und an sich schon angespannter als in normalen Situationen. Dieser Stress hat sich auf die Hündin übertragen, die zum einen unruhiger und damit weniger auffassungsfähig als sonst war und zum anderen auf Grund der Gereiztheit der Besitzerin versucht hat, auf die „witzige Tour“ aus diesem Konflikt zu entkommen. Diese unglückliche Konstellation aus hoher Anspannung auf beiden Seiten und der hohen emotionalen Belastung der Hundehalterin aufgrund des jagenden Hundes brachte schließlich das „Fass zum Überlaufen“ und hatte die unangemessene Reaktion des Menschen zur Folge.
Eine solche Kurzschlusshandlung bezeichnet die Psychologie „als eine Handlung, die durch emotionale Impulse ausgelöst wird“ und die „ohne Überlegung oder bewusstes Wollen geschieht. Hierbei ist die intellektuelle Kontrolle weitestgehend ausgeschaltet.“ (Quelle: Uni Hamburg).

Das der Besitzerin die Sicherungen durchgebrannt sind, ist menschlich nachvollziehbar und angesichts der Situation verständlich, wenn ihre Handlung auch alles andere als angebracht war.

In allererster Linie stellte sich der Besitzerin natürlich die Frage, welche Folgen Ihr Ausraster für ihre Beziehung zum Hund hat. Aufgrund der Einmaligkeit dieser Situation ist davon auszugehen, dass der Hund keine negative Lernerfahrung im Sinne einer bedingten Aversion o. ä. aus dieser Situation gezogen hat. Zumal es eher unwahrscheinlich ist, dass die verschiedenen Faktoren, die den Vorfall verursacht haben, sich in dieser Konstellation kurzfristig wiederholen. Der Hund wird also kein „Trauma“ davon tragen. Auch ist davon auszugehen, dass die gute Beziehung zwischen Hund und Halter keinen Schaden genommen hat.
Stress ist niemals ein guter Hundeführer

Doch wie kann meine Kundin verhindern, dass sie erneut in eine solche Situation gerät und wieder unangemessen reagiert? Einen Hinweis auf diese Frage findet man in der Sachkundeprüfung gemäß §11 TSchG für Menschen, die beruflich mit Hunden zu tun haben. Im Fragenkatalog wird ein besonders stressiger und anstrengender Arbeitstag geschildert, an dem der Prüfling die Aufgabe hat, mit einem aggressiven Hund zu arbeiten. Die richtige Antwort auf diese Frage, wie vorzugehen ist lautet, dass man die Arbeit mit dem Hund auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt.

Was bei der Arbeit mit gefährlichen Hunden unter Umständen lebensrettend sein kann, lässt sich relativ einfach auf das Zusammenleben mit dem eigenen Hund übertragen. So hätte meine Kundin den Spaziergang auf eine Runde um den Block verkürzen oder darauf verzichten können, die Hündin abzuleinen. Auch hätte sie den Spaziergang so verlegen können, dass sie erst den Termin wahrnimmt und dann – entspannt und in Ruhe – den Hund rauslässt.

Dass es anders kam, ist auch wieder emotional begründet. Die Sorge, dass der Hund sich dringend lösen muss, sorgte dafür, dass die Halterin trotz mangelnder Zeit und eh schon schlechter Laune mit dem Hund loszog. Die Gewissheit, dass ein Hund ein Lauftier ist und Bewegung braucht, war der Auslöser dafür, dass sie ihre Hündin ableinte. Und das ihr nicht aufgefallen ist, dass sich der Vierbeiner an dem Tag eher weniger zugänglich gezeigt hat, wurde im allgemeinen Stress schlicht und ergreifend übersehen.

Doch nicht nur in solchen Alltagssituation kann es angebracht sein, seine Pläne zu verschieben. Gerade wenn es um Hundetraining geht, ist es meines Erachtens besser, eine Trainingseinheit zu verschieben, anstatt unter ungünstigen Voraussetzungen zu arbeiten. Hier sind insbesondere auch Hundetrainer und Übungsleiter gefragt, den Menschen im Blick zu haben und auch mal auf einen Stundenlohn zu verzichten, wenn der Kunde unter starker Anspannung steht.

Mit Blick auf den Lernerfolg innerhalb einer planbaren Trainingssituation ist es immer besser, wenn der Hund nichts lernt, als wenn er etwas Ungünstiges lernt, was im Alltag ja oft genug passiert. Abgesehen davon, dass vermeidbare falsche Lernerfahrungen, z. B. weil der Besitzer in einer Situation nicht handlungsfähig ist, weder für den Trainingsablauf noch für den Hundebesitzer von Vorteil ist, ist es auch nicht gut für den Ruf der Hundeschule, wenn der genervte Besitzer im Beisein des Trainers unangemessen mit dem Hund umgeht.

Zu den Aufgaben einer guten Hundeschule gehört es, möglichst optimale Übungssituationen zu schaffen. Und hier spielen neben Ort, Zeit, möglicher Ablenkung natürlich auch eine entspannte Arbeitsatmosphäre dazu. Und in meiner Zeit in der Arbeit mit Hundehaltern habe ich es noch nie erlebt, dass ein Kunde negativ reagiert hätte, wenn man z. B. eine Stunde abbricht bzw. den Vorschlag macht, den Termin zwecks Nervenschonung zu verschieben.

Nerven schonen

Ein klassisches Beispiel, wie eine vermeintlich harmlose Situation eskalieren kann, schilderte mir ein Bekannter vor Kurzem. Er arbeitet von zuhause aus und hat mit seinem Hund das Problem, dass der Vierbeiner häufig wenig Verständnis dafür zeigt, das sein Mensch wichtigere Dinge zu tun hat, als den Hund zu beschäftigen.

Während mein Bekannter also am Schreibtisch saß und arbeiten wollte, lag der Hund in seinem Korb und fing an, leise zu fiepen. Nach einigen Minuten war der Hundehalter bereits leicht genervt, ignorierte das Verhalten seines Hundes jedoch zunächst. Einige Zeit später rief er dann ein leicht gereiztes „Sei ruhig“ in den Nebenraum. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Hund das Geräusch von einem leisen Fiepen in ein enervierendes Winseln steigerte, vergingen weitere Minuten und einige immer deutlich werdende Aufforderungen, endlich still zu sein.

Irgendwann war dann der Punkt erreicht, an dem dem Hundehalter die Nerven durchgingen, er ins Wohnzimmer polterte und den Hund wüst beschimpfte, mit Tierheim und Schlimmerem drohte, um dann wild fluchend wieder zurück an seinen Arbeitsplatz zu gehen. Nach kurzer Zeit der Stille war wieder ein leises Fiepen aus dem Wohnzimmer zu hören.

Bei unserem Treffen erzählte er mir dann, dass der Hund ihn damit in den Wahnsinn treiben würde und er den Köter am liebsten erschlagen hätte, was natürlich nicht stimmt, weil er seinen Hund sehr liebt. Aber dieses Gefiepe, das nerve ihn gewaltig.

Wenn wir uns die Situation im Detail anschauen, stellen wir fest, dass der Hund gar nicht wissen konnte, dass das Fiepen unerwünscht war und das durch die Reaktion des Besitzers auch nicht lernen konnte. Über mehrere Minuten konnte er schließlich ungestört machen, wonach ihm war, bis dann ganz plötzlich und ohne einen für den Hund ersichtlichen Grund das Donnerwetter losbrach.

Um hier eine Lernerfahrung und damit eine Verhaltensänderung beim Hund zu erreichen, hätte der Besitzer das unerwünschte Verhalten in dem Moment unterbinden müssen, in dem es begann. Ein Hund unterscheidet nicht zwischen einem akzeptablen Fiepen und einem, dass nicht mehr toleriert wird. Durch die unmittelbare Reaktion des Besitzers hätte der Hund eine Chance gehabt, zu lernen, dass fiepen nicht erwünscht ist.

Auch in diesem Beispiel möchte ich festhalten, dass der Hund durch die falsche Reaktion seines Menschen sicherlich keinen Schaden davon getragen hat. Aber er hat eben auch nichts gelernt.

Tatsächlich ist es so, dass Trainingserfolge bei Tierschutz-Hunden, die schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, einfacher zu erzielen sind, als mit solchen, die in ihrem Leben gar keine Erfahrungen mit Menschen gemacht haben.

Die Sache mit der Liebe

In der Theorie ist es natürlich einfach, einen Ratschlag zu geben – vor allem im Nachhinein und wenn man die Situation nicht selbst erlebt hat. Und wenn ich ehrlich bin, gerate ich immer wieder in Situationen, in denen ich feststelle, dass ich zu spät, zu langsam oder zu falsch reagiert habe. Glücklicherweise sehen unsere Hunde im Normalfall über solche kleineren Fehler hinweg und haben uns trotzdem lieb. Oder nicht?

Denn mit der Liebe ist das so eine Sache. Das Gefühl, dass wir unseren Hunden gegenüber empfinden, kann durchaus als Liebe bezeichnet werden. Doch wenn der Hund sich daneben benimmt, haben viele Menschen das Gefühl, dass ihre Liebe nicht erwidert wird.

Häufig höre ich von frustrierten Menschen, dass sie alles für ihren Hund tun und dieser trotzdem immer wieder macht, was er will. Man fühlt sich allein gelassen, ungeliebt und kommt oft zu dem Schluss, dass der Hund das Verhalten mit Absicht zeigt.

Angst zu Scheitern

Gerade wenn wir mit Besitzern aggressiver Hunde zu tun haben, aber noch viel öfter, der Hund sehr ängstlich ist, befinden wir uns mitten in einer hochemotionalen und belastenden Beziehungskonstellation.

Ein Rückschlag nach monatelangem Training, das Gefühl, für die ängstliche Kreatur seine Seele zu verkaufen und dann das: Ein kurzer Moment, etwas Unvorhersehbares und scheinbar jedes Vertrauen, welches man zu dem Hund aufgebaut hat, ist wie verpufft.

Halter ängstlicher Hunde sind häufig doppelt betroffen, wenn sie einen Rückschlag erleiden. In vielen Fällen stammen solche Hunde aus dem Tierschutz, haben eine Vergangenheit und wurden in der Absicht angeschafft, dem Tier mit viel Liebe und Geduld eine Umgebung zu schaffen, in dem es Vertrauen fassen und zur Ruhe kommen kann.

In den Gesprächen mit den Betroffenen stellt sich häufig heraus, dass sie zum einen Selbstzweifel haben, ob es ihnen gelingt, dem Tier die nötige Geborgenheit und Wärme zu geben, damit es seine Angst abbauen kann. Denn trotz der oft monate- oder gar jahrelangen Arbeit, hat der Hund immer noch Angst. Auf der anderen Seite haben sie oft Schuldgefühle, wenn der geliebte Hund sich ihnen gegenüber ängstlich verhält. Kommt es zu einem Missgeschick, ein Topf fällt auf den Boden oder man stolpert versehentlich über den Hund, dann bricht für solche Menschen eine Welt zusammen.

In der Beratung erleben wir oft heftigen Widerstand der Betroffenen, wenn es darum geht, das ängstliche Verhalten des Hundes als Teil von ihm zu akzeptieren und das Tier trotzdem bzw. gerade deshalb als Hund zu begreifen und auch so zu behandeln.
Das es dem Vierbeiner einfacher fällt, sich einem angstauslösenden Reiz zu stellen, wenn der Mensch nicht darauf eingeht, ist für den Besitzer auf den ersten Blick schwierig zu erfassen.

Oft muss eine Verhaltensänderung zuerst beim oberen Ende der Leine einsetzen, damit der Hund aus seinem inneren Käfig raus kann.

Es gibt keine bösen Hunde

Auch wenn fast jeder von uns schon mal das Gefühl hatte, dass unser Hund uns gerade mit purer Absicht lächerlich macht, bleibt festzuhalten, dass es so etwas wie böse Hunde nicht gibt.

Der Hund, der gerade in dem Moment mit uns Fangenspielen will, wenn wir ihn anleinen wollen, macht das genauso wenig aus Bösartigkeit wie ein Hund, der beißt. Gerade vom eigenen Hund gebissen zu werden, stellt ein einschneidendes Erlebnis dar, was in den meisten Fällen in einer Abgabe ins Tierheim (oder Schlimmerem) gipfelt.

Doch gehen solchen Situationen immer Ereignisse und Lernvorgänge voraus, die schließlich dazu führen. Leider verschließen viele Menschen die Augen vor dem nahenden Unheil. So wird hingenommen, dass der Vierbeiner weg gesperrt werden muss, wenn Besuch kommt, das man sich dem Hund nicht mehr beim Fressen nähern darf und das man im Flur einen Bogen laufen muss, wenn der Vierbeiner dort liegt und einen arglistig geäugt. Würde man hier schon frühzeitig eingreifen, so könnte man verhindern, dass es tatsächlich zum Schlimmsten kommt.

Und Besitzern bissiger Hunde ist auch häufig klar, dass ihr Tier eine Gefährdung darstellt. Doch haben sie oft große Schwierigkeiten damit, an dem Problem zu arbeiten und sich Hilfe zu suchen. Zu groß ist die Angst vor den Reaktionen der Umwelt. Was sollen die Nachbarn denken, wenn der Hund plötzlich mit Maulkorb gesichert geführt wird? Während andere Menschen einen gut erzogenen und sozialverträglichen Begleiter haben, müssen sich diese Menschen die mitleidigen bis verständnislosen Blicke und Kommentare ihrer Umgebung anhören.

Wenn in der Familie Kinder leben, kommt erschwerend hinzu, dass den Hundehaltern jegliches elterliche Pflichtgefühl abgesprochen wird. Was passiert, wenn der Hund das Kind verletzt?

Und während viele Besitzer für die Attacken ihres Hundes auf Außenstehende noch jede Menge Erklärungen und vor allem Begriffe wie „Zwicken“ oder „Schnappen“ finden, gehen diese bei einem innerhäuslichen Vorfall meist schnell zu Neige. Was folgt ist häufig Wut und Frust über das Geschehene. Und Angst. Bei meiner Arbeit habe ich häufig mit Familien zu tun, in denen eines oder mehrere Mitglieder wortwörtlich Angst vor dem eigenen Hund haben. Hunde beißen, so wie kleine Kinder sich hauen, Politiker sich streiten und vermeintliche Erwachsene sich im Internet beschimpfen.

R-E-S-P-E-C-T

Aretha Franklin sang in Ihrem gleichnamigen Hit von 1967 über „Respect“. Im englischen hat dieser Begriff zwei Bedeutungen, nämlich „Achtung“ im Sinne jemanden respektieren, aber auch „Beziehung“.
Wir sollten respektieren, dass wir es mit Menschen zu tun haben und dass diese ihre Schwächen und Stärken haben. Es ist leicht, sich über den Hundehalter aufzuregen, dem die Nerven durchgehen und über den Menschen zu tuscheln, der mit einem abgesicherten Hund durch den Park läuft.

Doch sollte man akzeptieren und respektieren, dass wir es hier mit Menschen zu tun haben, die über Stärken und Schwächen verfügen. Und die ihren Hund mögen und häufig sogar lieben. Auch wenn er kläfft. Oder jagt. Oder beißt.

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