Schwerpunkt-Thema ” Wenn Hunde zu Tyrannen werden” in DogTalking Nr. 1 – ich war dabei :-)

“Früher war alles besser?”

Ja, früher war alles besser. Früher herrschte noch Anstand und Moral, Zucht und Ordnung und beim Bäcker gab es noch Brötchen für 10 Pfennig. Und früher waren auch die Hunde besser erzogen. Zumindest ist das eine Meinung, mit der man immer wieder konfrontiert wird.

Als Begründung für diese These wird gerne angeführt, dass früher ein pragmatischerer Umgang mit Hunden gepflegt wurde und dass nicht alles so psychologisiert und analysiert wurde, wie heute. Der Hund der sich daneben benommen hat, der bekam einen Tritt und hat das nie mehr gemacht.

Doch stimmt das? Ist es richtig, dass wir mit unseren modernen pädagogischen Methoden kleine Tyrannen heranzüchten? Gilt das etwa für unsere Hunde genau wie für unsere Kinder? Und – war früher wirklich alles besser?

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Dieses Zitat stammt nicht etwa aus dem Jahr 2012, sondern vom Philosophen Sokrates, der von etwa 469 – 399 v. Chr. gelebt hat.
Wie man sieht, wurde also auch schon lange vor unserer Zeit über die unerzogene Jugend geschimpft und ich frage mich, was Sokrates wohl über die Erziehung von Hunden im antiken Griechenland gesagt hätte.

Tatsächlich könnte man den Eindruck gewinnen, dass mit der Zahl der Hundeschulen auch die Zahl der unerzogenen Hunde stetig steigt. Und man hat auch zweifelsfrei das Gefühl, dass immer mehr Menschen mit der Erziehung ihrer Vierbeiner überfordert sind. Doch ist das ein neues Phänomen oder war das schon immer so?

Erinnerung an eine Dorfkindheit

Ich kann mich gut daran erinnern, dass in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, einige wirklich „böse“ Hunde gelebt haben. Wir Kinder wussten genau, an welchem Haus man besser schnell vorbeiradelt, wenn man nicht einen wütenden Dackel oder Terrier in der Wade hängen haben wollte. Jeder Landwirt, der etwas auf sich hielt, hatte einen Hofhund, der Eindringlingen gegenüber alles andere als nett war.

Doch auch im familiären Bereich lebte so manch garstiger Köter. Der Dackel meiner Eltern war bei Besuch gefürchtet, weil er sich von einer Sekunde zur nächsten augenscheinlich ohne Grund vom Schoßhund zum Beißer verwandeln konnte. Und der Schäferhund-Mix, der auf den Dackel folgte, war ein begnadeter Jäger, der viele Stunden „auf der Pirsch“ verbracht hat, während wir Kinder im Regen den Hund suchen durften.

Damals, Ende der 1970er Jahre, gab es einen wesentlichen Unterschied zu heute: Hundeerziehung war kein Problem, sie passierte automatisch und ganz nebenbei. Außerdem herrschte gerade im ländlichen Raum die Meinung vor, dass Hunde nun mal so sind.
Wenn überhaupt fand Erziehung, wenn man sie so bezeichnen wollte, auch eher im Rahmen von Unterordnung und Schutzdienst auf den Hundeplätzen statt. Das änderte sich Mitte der 1980er Jahre schlagartig, als aus den USA der Trend des Clickertrainings und die Philosophie der positiv bestärkenden Erziehung nach Deutschland schwappte.

Nach und nach eröffnete eine Hundeschule nach der anderen. Und wenn bis dahin Stachelwürger und Leinenruck die Erziehungsmittel der Wahl waren, wurde nun auf den Hundewiesen geklickert, gelobt und positiv bestärkt.
Zeitgleich wuchs auch die Zahl der Zoofachgeschäfte und der Hunde-Literatur. Und während meine Eltern ihren Dackel 1976 noch bei „Quelle“ bestellten, gab es nun jede Menge Ratgeber über Hunderassen, Erziehung, Ernährung und das passende Zubehör für Hund und Mensch.

25.000 Ratgeber mit 36.000 Meinungen

Heute gibt es etwa 25.000 Hundeschulen in Deutschland, die unterschiedlichste Philosophien und Konzepte verfolgen. Der Besuch einer Hundeschule ist mittlerweile für die meisten Menschen obligatorisch. Ein großes Problem in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass der Beruf des Hundetrainers nach wie vor nicht geschützt ist und jeder noch heute eine Hundeschule eröffnen kann, ohne eine wie auch immer geartete Qualifikation vorweisen zu müssen.

Landen unerfahrene Hundebesitzer bei einem Trainer, der vielleicht nicht in der Lage ist, das Tier richtig einzuschätzen, dann spielen sich häufig Familiendramen ab. Menschen, die sich als Versager fühlen, weil der Hund ihnen auf der Nase herumtanzt und die Frustration, wenn trotz all der Trainingsstunden einfach kein Fortschritt erzielt werden will.

Wirklich unschön wird es, wenn der Hundetrainer den Hund mangels Kenntnis schließlich als untherapierbar abstempelt und erschütterte Hundehalter sich mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, das Tier abzugeben oder – gerade bei Aggressionsproblemen – gar einschläfern zu lassen. Ein Vorgang, der weit häufiger geschieht, als man denken sollte und oft nur durch umsichtige Tierärzte verhindert wird, die die Euthanasie verweigern.

Hilfe, mein Hund wird zum Tyrannen

Weitere Ratschläge rund um den Hund findet man auf der Hundewiese, in Büchern, Zeitschriften, auf DVD, im Fernsehen und vor allem im Internet. Eine Vielzahl von Quellen für den ambitionierten Hundehalter sollen dabei helfen, den Hund zu einem angenehmen Begleiter zu erziehen.

Doch genau hier liegt die Krux. Das Thema Hund und vor allem Hundeerziehung wird sehr emotional und in vielen Fällen nahezu fundamentalistisch diskutiert. Schon bei der Frage, ob man seinem Hund lieber ein Geschirr oder ein Halsband anzieht, entladen sich hitzige Diskussionen.

Und wie in so vielen Bereichen des Lebens hat jede Seite gute Argumente, belegende und widerlegende Studien und natürlich jede Menge eigene Erfahrung. Das Problem ist nur, dass die Qualität der verschiedenen Argumente nicht überprüfbar ist. Wer am lautesten schreit, hat Recht und wer rhetorisch versiert ist, hat das bessere Argument. Nur ob der Ratschlag weiterhilft, oder vielleicht sogar für Mensch und Hund kontraproduktiv ist, kann man kaum überprüfen.

Für hundeliebe Menschen, die den Entschluss gefasst haben, mit einem Vierbeiner ihr Leben zu teilen, ergeben sich aus der Flut der Informationen und Meinungen jede Menge Fragen, insbesondere auch solche, die sie sich vielleicht vorher gar nicht gestellt haben. Mit dem Ergebnis, dass viele Menschen verunsichert sind, wenn es darum geht, wie die Erziehung funktionieren soll. Aus allen Ecken prasseln gut gemeinte Ratschläge auf das Mensch-Hund-Team und das Ergebnis ist dann „nicht Fisch nicht Fleisch“.

Aus den verschiedenen Quellen ergibt sich nicht selten ein pädagogischer Ansatz aus positiv bestärkendem, unerwünschtes Verhalten ignorierendem und gleichzeitig futterbelohnendem und strafenden Allerlei, das bei Nachfrage nicht erklärbar ist, nicht funktioniert und den Besitzer und seinen Hund nur frustriert. Wenn mir Kunden beim ersten Telefonat oder im Erstgespräch ihr Problem schildern, ist meine erste Frage häufig: „Haben Sie es ihm schon mal verboten?“

Was auf dem ersten Blick beinahe so klingt, als wolle ich mein Gegenüber verschaukeln, sorgt oft für einen Aha-Effekt. Bei all den Dingen, die man da ausprobiert hat, ist man auf die einfachste Möglichkeit nicht gekommen. Doch wie auch?
Bauchgefühl und gesunder Menschenverstand

Wenn es einen Unterschied zu „früher“ gibt, dann doch sicherlich den, dass wir viel mehr Informationen zur Verfügung, aber auch zur Verarbeitung haben. Und es liegt auf der Hand, dass wir bei der Suche nach einer Problemlösung dazu tendieren, möglichst zeitgemäß und modern vorzugehen. So etwas Simples, wie dem Hund einfach zu verbieten, was einem nicht passt, ist erstmal nicht modern und zeitgemäß.

Ein Verbot ist altmodisch, Ablenkung, positive Verstärkung und Desensibilisierung – das klingt gut! Und solche Begriffe kommen auch einem Bedürfnis entgegen, nämlich dem, etwas für den Hund zu tun, den wir so lieben. Für den tapsigen Welpen sind wir gerne bereit, Geld in Literatur und Zeit in Recherche zu investieren. Natürlich sind nur die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft gut genug für den Kleinen.

Dass jedoch die „neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse“, die gerne als Verkaufsargument von Zeitschriften aber auch von Erziehungskonzepten herhalten müssen, in Bezug auf verhaltensbiologische Aspekte beim Hund alle gar nicht mehr so neu sind, wird gerne verschwiegen. Die Biologie hat ihren Fokus in den letzten Jahrzehnten immer weiter in Richtung Mikrobiologie verlagert. Heute gibt es kaum noch Programme, die sich mit Canidenforschung auseinandersetzen.

Bezogen auf die vielen neuen Trends und Erziehungswege, mit denen sich der Neu-Hundebesitzer konfrontiert sieht, heißt dies nichts anderes, als das alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird.

Um bei dem Bild zu bleiben: Es handelt es sich um den selben Wein, der vor 20 Jahren schon getrunken wurde – nur das er etwas reifer ist.

War jetzt früher alles besser?

Auch früher gab es unerzogene Hunde, überforderte Hundehalter und jede Menge Ratschläge. Und auch früher landeten Hunde im Tierheim oder wurden eingeschläfert. Die Vergangenheit zu romantisieren, hilft uns nicht weiter.

Doch der Trend, aus der Hundeerziehung eine philosophische Disziplin zu machen, ist in dieser Dimension relativ neu. Und auch die Anforderungen an unsere Hunde haben sich gewandelt.

Insbesondere vor dem Hintergrund der schlimmen Beißvorfälle Ende der 1990er Jahre muss ein Hund heute friedlich, unauffällig und am besten für unser Umfeld unsichtbar sein.

Um nochmal ein Beispiel aus meiner Kindheit zu bemühen: Auf einem Bauernhof wurde ich damals von einem Kettenhund gebissen. Die Reaktion auf mein Klagen war, warum ich auch so nah an den Hund herangehe. Dabei fiel auch das Wort „Depp“. So etwas wäre heute undenkbar.

Gepaart mit diesem Generalverdacht, unter dem unsere Hunde stehen und dem Druck, dass unsere Hunde sich immer und überall gut benehmen müssen, werden viele Menschen unsicher. Dazu kommen die Unmengen an Ratschlägen, Hinweisen und Philosophien, die ALLE richtig sind und für jeden Hund funktionieren.

Begrifflichkeiten wie Grenzen setzen, Autorität und Verbot, also Dinge, die nah am Hund sind und ihm die faire Chance geben würden, zu verstehen, was der Mensch von ihm will, passen nicht mehr in unsere von Harmonie und Gemeinsamkeit geprägte Gesellschaft.

Und ein Mensch, der seinen Hund im Park reglementiert, weil der sich auf einen Artgenossen stürzen will, muss sich wahlweise als unmenschlicher Rohling titulieren lassen oder wird als unfähiger Idiot abgestempelt, der seine unberechenbare Bestie nicht im Griff hat.

Und so erlebe ich heute viele Menschen, die sich solchen Situationen lieber entziehen und ihr Heil in den unzähligen Diskussionsforen suchen, ihren Hund nur noch nachts rauslassen und bei all der Liebe, die sie ihrem Vierbeiner gegenüber empfinden und all dem Engagement, dass sie in diese besondere Freundschaft investiert haben, nur eines erreicht haben: Sie haben sich einen Tyrannen gebastelt.

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