Das Hundetraining ist tot, lange lebe das Hundetraining.

Thomas und Stephan haben eines gemeinsam: Beide haben an einer renommierten Universität Medizin studiert. Ihre Professoren waren jeweils Koryphäen auf ihrem Gebiet, die Universitätsbibliothek ist weltweit anerkannt und nicht zuletzt haben beide sehr viel Geld und Zeit in ihr Studium investiert. Der Unterschied? Während Stephan heute ein anerkannter Chirurg in einer Privatklinik ist, muss sich Thomas vor Gericht in einem Kunstfehlerprozess verantworten, weil er einen Patienten auf dem Gewissen hat.

Die Geschichte ist (hoffentlich) frei erfunden, soll jedoch verdeutlichen, worauf ich hinaus will.

Immer wieder lese ich in sozialen Netzwerken die Frage nach der „besten Ausbildung“, die angehende Hundetrainerinnen buchen können. Genannt werden in der Regel die üblichen fünf oder sechs Verdächtigen. Und die eine oder andere Institution nennt sich in dem Zusammenhang auch mal selber gerne „die Elite“.

Doch nur, weil jemand mehrere Tausend Euro für eine Ausbildung übrig hat, macht dieser Umstand denjenigen noch nicht zum Teil einer wie auch immer gearteten Elite. Vielmehr steht die finanzielle Hürde diesem Wunschdenken im Weg.

Auf der einen Seite gibt es keine ernstzunehmenden Aufnahmetests, die diesem Anspruchsdenken Gewicht verleihen würden. Auf der anderen Seite – warum sollte jemand, der wirklich ambitioniert ist, so viel Geld für etwas ausgeben, das man sich für wenige Euro selber erarbeiten kann?

Im Ernst! Du möchtest Hundetrainerin werden?

Dann leihe Dir die entsprechende Fachliteratur aus der Bibliothek (Ja, die gibt es noch!) und vor allem lies sie.

Schaue Dir auf Youtube die verschiedenen Techniken an und sieh vor allem zu, dass Du das Gelernte verstehst und das Verstandene in die Praxis umsetzen und erklären kannst.

Sei dabei offen für alles, probier vieles aus und erkläre fachlich, was Dir komisch vorkommt oder Deiner Meinung nach nicht funktionieren kann.

Das lernst Du in keinem Ausbildungsinstitut, sondern durch Erfahrungen, die du machst.

Mach Praktika – in der Hundepension, im Tierheim, als Gassigänger. Wenn Du eine Methodik interessant findest, dann buche ein paar Einzelstunden. Danach bist du schlauer.

Das, was du theoretisch in einer Ausbildung lernen kannst, findest du in Büchern.

Praktisch geht es vor allem um eines: Technik.

Die eine ist vielleicht „nett“, die andere „böse“. Aber es bleibt Technik

Beratungstechniken, Leinenführigkeitstechniken, Rückruftechniken, Belohnungstechniken usw.

Die Technik bringt man dem Kunden bei und dieser wiederum glaubt, dass sich sein Problem in Luft auflöst, weil er auf Technik vertraut. Das kann nicht funktionieren und funktioniert in vielen Fällen auch nicht.

Der Grund dafür ist einfach. Erziehung ist nichts technisches, vielmehr findet sie im Alltag statt. Ganz nebenbei. Es sind die kleinen Momente, die den Unterschied machen. Und nicht Trainingseinheiten.

Man „trainiert“ nicht mit dem Kind, dass man keine alten Omas ausraubt. Würde das funktionieren, dann gäbe es in der Schule das Fach „Erziehung“ und es gäbe keine Arschlochkinder mehr.

Erziehung heisst, Werte vorzuleben, in der Lage zu sein, sich in Konflikten durchzusetzen, ohne unfair zu werden und vor allem so zu belohnen, dass es keine leere Floskel ist.

Durch Training eignet man sich derweil praktische Fähigkeiten wie Fahrradfahren, Klavierspielen oder Kochen an.

Wer also glaubt, den bissigen Hund mit einem „Anti-Aggressionstraining“ in den Griff zu bekommen, der sollte einfach mal einen Blick auf die Rückfallquote jugendlicher Straftäter werfen, die erlebnispädagogisch korrekt zum Kite-Surfen nach Mallorca geschickt wurden.

Ein Hund wird seinen Menschen nicht ernster nehmen, nur weil dieser beim Spaziergang nonverbal und ritualisiert hin und her marschiert oder zum hundertsten Mal „Sitz“ übt.

Techniken sind für den Erziehungserfolg zweitrangig. Vielmehr sollten sie als Vehikel dienen. Sie sollen kleine Erfolge produzieren, um dem Hundebesitzer Selbstbewusstsein mit auf dem Weg zu geben. Denn Selbstbewusstsein erlangt man durch Handlungsfähigkeit. Wer weiss, wenn ich das geschafft habe, wozu bin ich noch in der Lage?

Hundetraining, wie es heute vielfach durchgeführt wird, kommt daher schnell an seine Grenzen.

Alle haben den Behaviorismus kritisiert, doch geändert hat sich wenig. Es wird konditioniert auf Skinner komm raus, ohne die inneren Vorgänge des Hundes zu berücksichtigen oder ihm die Möglichkeit zu geben, eigene Erkenntnisse zu gewinnen.

Wir palavern über kontextspezifisches Lernen und wundern uns, warum das auf dem Hundeplatz in Anwesenheit des Trainers prima funktioniert und auf der Wiese im Stadtpark nicht.

In den letzten Wochen habe ich gleich mehrere Menschen mit ihren Hunden kennengelernt, die jahrelang eine Technik nach der anderen trainiert haben.

Jede einzelne davon, jeder Satz und Begriff, der mir geschildert wurde, war nahezu identisch. Jeden Ablauf, jede einzelne der durchkonfektionierten Übungen konnten die Hunde rauf und runterbeten.

Aber erzogen waren diese Hunde deshalb noch lange nicht. Nur strategischer und kreativer, wenn es darum ging, ihrem Besitzer auf der Nase rumzutanzen.

Alles war trainiert: Leinenführigkeit, Dranbleiben ohne Leine, Rückruf, Sitz, Platz etc. Aber mal so nett sein und beiseite gehen, wenn der Besitzer mit dem Tablet voller Kaffeetassen vorbeiwill – Pustekuchen.

Der Grund dafür ist der, dass viele Hunde schlicht zu schlau sind und die Übertragung von Technik in den Alltag meiner Meinung nach nicht funktionieren kann.

Die Technik ist nicht für die Erziehung des Hundes wichtig, sondern für den Trainer, der sie vermittelt und deshalb Teil einer Peer Group ist. Eines für alle. Egal, ob es passt. Man hat schliesslich eine Menge Geld dafür bezahlt. Zeig mir Deine Leinenführigkeit und ich sage dir, was sie Dich gekostet hat. Da wären wir dann wieder bei den Eliten.

Viele Hunde sind heute so austrainiert, dass sie nach spätestens fünf Minuten durchschaut haben, wessen Geistes Kind da vor ihnen steht. Sie kapieren sofort, ob sie sich in einer Trainingssituation befinden oder nicht und wissen ganz genau, was zu tun ist. Sie sind leinenschlau, maulkorbschlau, hasenzugmaschinenschlau und diealtepasstgeradenichtauf-schlau.

Was glaubst du, wie weit Du kommst, wenn du die hundertste Übung eintrainierst?

Der Begriff Hundetraining als solcher ist irreführend, weil er suggeriert, man würde etwas mit Hunden tun. Auch „Verhaltensberater“ ist Blödsinn. Toll, wenn der Kunde weiss, warum der Hund etwas tut. Aber eigentlich will er doch wissen, wie er damit umgehen soll. Vielleicht wäre „Erziehungsberater“ passender.

Ich weiss es nicht.

Eines jedoch wird mir jeden Tag aufs Neue klar. Die Idee des Trainings ist überholt. Wir müssen zugeben, dass wir die Viecher unterschätzt haben. Je mehr Raum Hunde bei ihren Menschen einnehmen, je weniger sind sie für Dressur empfänglich.

Kein Wunder, schliesslich wollen sie Sozialpartner und keine Dompteure.

Wir müssen runter von den bequemen Hundewiesen.

Wir müssen weg von Reiz-Reaktions-Mustern.

Wir müssen weg von simplen Belohnungsprinzipien.

Die Trainingstechnik ist der fleischgewordene Knopfdruck.

Offenlegung:

Ich selber habe eine sehr kostspielige Ausbildung gemacht, in der mir dieselben Techniken vermittelt wurden, wie hunderten Auszubildenen vor mir und hunderten nach mir. Außerdem habe ich eine Ausbildung mit entwickelt und bis vor kurzem selber eine angeboten.

Das Hitzedilemma

Tierschutzuschi, die; seltener Tierschutzuli, der (Definition): Tierliebe – häufig weibliche – Person, die meist sehr emotional, jedoch selten sachkundig handelt. Man unterscheidet die Tierschutzuschi digitalis, deren natürlicher Lebensraum Onlineforen und soziale Netzwerke sind und die Tierschutzuschi vitalis, die sich im öffentlichen Raum verhält und verstärkte Aktivität bei Temperaturen ab ca. 20° Celsius zeigt. Häufig kommt es zu Mischformen, in der Regel witterungsabhängig.

„Öffnen’se mal Ihr Auto, ich bin vom Tierschutz.“ herrschte mich die merkwürdige Dame an. Einigermaßen verwundert schaute ich sie an und fragte sie, von welchem Tierschutz genau sie denn sei.

Ich bin nämlich auch vom Tierschutz, aber wohl von dem anderen, denn ich für meinen Teil habe keine Polizeibefugnisse und darf einfach so Autos kontrollieren. Ich glaube, ich muss den Tierschutz wechseln.

Diese kleine Anekdote spielte sich 2014 ab, um genau zu sein Anfang März 2014 gegen 21 Uhr. An dem Tag hatte ich einen Workshop gegeben und wollte mit ein paar Teilnehmerinnen noch eine Kleinigkeit essen gehen.

Dann kam sie. Sie stürzte ins Restaurant und brüllte uns an, wem die Hunde da draussen im Auto gehören würden.

Wenig später stand ich – gemeinsam mit zwei per Notruf hinzuzitierten Polizisten und einigen Gästen aus dem Restaurant – immer noch etwas ungläubig bei ungefähr 2 Grad und Schneeregen auf dem Parkplatz. Die Dame klärte uns auf, dass die Hunde im Auto zu ersticken drohen.

„Ja nee, is klar. Es ist ja allseits bekannt, dass man bei längeren Autofahrten alle 30 Minuten durchlüften muss, weil man sonst erstickt“, versuchte sich einer der Polizisten in Ironie.

Mit dem Ergebnis, dass wir uns darauf einigten, dass ich das Auto woanders parke und die Dame schließlich mittels Platzverweis entfernt wurde, weil sie mit Ironie nicht so viel anfangen konnte (und weil sie „Schlampe“-brüllend auf die Veranstalterin des Workshops losgegangen war).

Nun wird es langsam Sommer. Und damit kommt die perfekte Jahreszeit für Tierschutzuschis wie meine von damals, aktiv zu werden. Es ist angenehm warm und bei Facebook ist bei gutem Wetter eh nicht viel los.

Selbstredend sollte mittlerweile auch der letzte Depp begriffen haben, dass man den Hund (und das Kind, Oma, Opa oder die Frau) bei höheren Temperaturen nicht längere Zeit im Auto lassen sollte.* 

Doch sobald das Thermometer mehr als 19 Grad anzeigt, scheinen die Uschis und Ulis auszuschwärmen und Jagd auf unverantwortliche Hundehalter zu machen, die es wagen, ihren vierbeinigen Liebling auch nur einen Wimpernschlag lang der todbringenden Hitze auszusetzen.

Zum Beweis dient ihnen eine Tabelle, die besagt, dass bereits ab 20 Grad das Auto zur tödlichen Falle wird. Um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, legen sie großen Wert darauf, möglichst laut, hysterisch, feindselig und unsympathisch zu erscheinen.

Schließlich wissen wir von Facebook, dass uns niemand hört, wenn wir nicht mindestens eine abfällige Bemerkung und fünf Ausrufezeichen in unsere Kommunikation einbauen.

Da ich harmoniesüchtig** bin, gebe ich mir natürlich große Mühe.

Dem entsprechend lasse ich meine Hunde bei höheren Temperaturen a) entweder zuhause oder b) nehme sie mit aus dem Auto.

Damit befinde ich mich jedoch in einem Dilemma.

a) Den Hund längere Zeit alleine zuhause zu lassen geht nämlich auch nicht. Dem Internet zufolge ist es nämlich dem Bedürfnis des Hundes nach Nähe zum Menschen nicht zuträglich, wenn er mehr als zwei oder maximal drei Stunden alleine bleiben muss. Diese Tatsache ist im übrigen so gravierend, dass es für den Hund allemal besser ist, in einem Tierheim zu hocken als bei egoistischen Menschen, die es wagen, einer Arbeit nachzugehen.***

b) Zuerst muss ich natürlich den „Handflächentest“ machen. Ist der Untergrund zu heiss, kann sich der Hund fiese Verbrennungen zuziehen. In dem Fall muss entweder b1) meinen Hund tragen oder b2) wieder nach Hause fahren und ihn ans Katzenklo gewöhnen, bis der Sommer vorbei ist.

Wie man es macht, macht man es falsch.

Vorgestern habe ich lernen dürfen, dass es nicht mal einen Hund benötigt, um eine Tierschutzuschi zu aktivieren. In dem Fall reichte mein Auto, in dem unter Umständen ein Hund sitzen könnte, um mich mal ordentlich anzupampen. Da ich nämlich selber nicht ersticken respektive den Hitzetod sterben wollte, hatte ich das Fenster einen Spalt weit auf, so dass die Dame einen Blick auf die Hundebox im Auto werfen konnte.

Um eine akute Straftat zu vermeiden zog ich es schließlich vor, die keifende Dame einfach stehen zu lassen. Soll sie doch das leere Auto retten.

Aber mal Spaß beiseite.

Ich habe nie verstanden, warum manche Menschen ihre Hunde ständig und überall dabei haben müssen. Das gilt für den einstündigen Großeinkauf im Supermarkt im Hochsommer genauso wie für den Besuch eines überfüllten Weihnachtsmarktes in der Adventszeit. Was genau soll der Hund davon haben?

Wenn ich irgendwo hin möchte, wo es nicht um den Hund geht – warum sollte ich ihn dann mitnehmen? Hat er Freude daran, im Auto zu warten, während ich mir ein paar neue Schlüpfer kaufe? Findet er es toll, dass ihm Leute auf den Pfoten rumtreten, weil ich am Glühweinstand unbedingt so ein süßes Gesöff kaufen muss? Ist es eine Wonne für ihn, im Restaurant unterm Tisch zu liegen und nicht auffallen zu dürfen?

Andererseits – wenn ich mit meinen Hunden unterwegs bin und einen Zwischenstopp einlege, brauche ich auch nicht gleich selbsternannte Tierschützer, die mit der Stoppuhr an der Zapfsäule (oder vorm Bäcker) warten und den Autofahrer beschimpfen, weil der Hund fünf Minuten warten musste, während der ehrliche Mensch seine Tankrechnung bezahlen war.****

Ein Typ hat mal versucht mein Auto aufzubrechen, während ich daneben stand.

Außerdem – Warum sollte ich mit meinen Hunden auf Asphalt spazieren gehen? Selbst in Großstädten gibt es Grünflächen, die sich nicht dermaßen erhitzen, dass der Vierbeiner sich gleich die Pfoten verbrennt? Und wenn nicht, dann fährt man eben raus oder überdenkt seine Wohnsituation.

Abgesehen davon, was für eine Art Spaziergang ist das denn, der ausschließlich oder größtenteils auf Asphalt stattfindet? Die Seele baumeln lassen auf dem Pannenstreifen der Autobahn?

Diese Grafik, die jeden Sommer in den sozialen Netzwerken verteilt wird, ist nicht nur grenzwertig, weil sie von den Uschis und Ulis dieser Erde als Killerargument genutzt wird, sondern vor allem auch, weil sie die trügerische Sicherheit vermittelt, dass bis 20°C alles takko wäre.

Doch wie heiss es in einem Auto wird, hängt von vielen Faktoren ab und nicht nur von der Außentemperatur und der Zeit, die vergeht.  Ich hatte mal einen schwarzen Hochdachkombi mit vielen Fensterflächen. Der wurde auch bei 17 oder 18° sehr schnell sehr ungemütlich, wenn die Sonne schien. Im weissen Kastenwagen war es auch bei 25° noch angenehm und gut auszuhalten.

Davon abgesehen hängt es doch auch davon ab, wie wettertauglich der Hund ist, der da gerade wartet.

Mit meinem Border Collie brauche ab 25° nicht mehr raus gehen. Der verträgt Hitze nicht und den würde ich dem entsprechend nicht eine Minute im Auto warten lassen. Meine Altdeutschen sind im wahrsten Sinne des Wortes wetterhart. Auch bei 35° rennen die stundenlang mit und wenn ich ihnen im Anschluss Wasser anbiete, gucken die mich nur komisch an.

Es ist natürlich gut und wichtig, über Gefahren zu informieren! 

Auf der anderen Seite möchte ich nicht wissen, wie viele Hunde bei knappzwanziggrad in irgendwelchen schwarzen SUVs vor sich hin hecheln, weil der Hund im Backofen laut Tierschutz erst zwei Grad später gart.

Ein bisschen Augenmaß wäre ja schön.

Steht der Hund nicht gerade kurz vorm Kollaps, könnte man ja mal vier oder fünf Minuten warten, bevor man in Aktionismus fällt. Oder vielleicht fragen. Und total revolutionär, das Ganze vielleicht höflich.

Das gilt im übrigen für Uschi und Uli genauso wie für Hundehalter, die jetzterstrecht nicht darauf achten, was auf dem Parkplatz gerade vor sich geht. Die gibt es nämlich auch.

In diesem Sinne, ich geh mal meine Oma aus dem Auto holen.

* Den Absatz habe ich extra fett gesetzt, bevor mir noch jemand unterstellt, dass ich es OK finde, meine Oma im überhitzten Auto warten zu lassen.
** Ja, wirklich!

*** Diejenigen, die viel Freizeit haben, bekommen den Hund natürlich auch nicht. Denn die haben entweder zu wenig Geld oder sind zu alt. Das ist das Hauptproblem im deutschen Tierschutz: zu wenige arbeitslose Einkommensmillionäre mittleren Alters.
**** Ohne  Quatsch, das habe ich schon erlebt.

Kurz – polemisch – angemerkt (3)

Ja, ich gebe offen und ehrlich zu: In diesem Haus gibt es Hundeboxen!

Bei neun Hunden finde ich die äußerst praktisch, denn ich kann deutlich ruhiger schlafen, mal eben einkaufen gehen oder auch weniger hundeaffinen Besuch empfangen, wenn die Knalltüten derweil gut verpackt sind.

Da ich selbiges vor kurzem kundgetan habe, wurde ich auch auf einen bemerkenswerten Artikel aufmerksam gemacht.

Denn wenn es nach dem Willen des Tierschutzbeirats des Landes Rheinland-Pfalz geht, dann ist eine Hundebox sowas von Pfuibäh und noch schlimmer – sie verstösst sogar gegen die TierschutzHundeVerordnung.

Die Mitglieder waren nämlich fleissig:

„Der Tierschutzbeirat Rheinland-Pfalz hat sich mit der Frage beschäftigt, ob die Verwendung der geschlossenen Hundebox tierschutzrechtlich erlaubt ist?“

Für diejenigen, die diese Verordnung noch nicht kennen.

„(1) Diese Verordnung gilt für das Halten und Züchten von Hunden (Canis lupus f. familiaris).“

Abgesehen davon, dass der Canis Familiaris schon seit Jahren nicht mehr Canis Lupus Forma Familiaris heißt, geht es also um Hunde. Und wie der erste Teil des Satzes schon aussagt, um das „Halten und Züchten“ von selbigen.

Nun schreibt der „Tierschutzbeirat“ auf seiner Internetseite also, dass die Hundebox als solche gegen die TierschutzhundeVO verstösst und beruft sich dabei auf §6, der das Halten von Hunden in Zwingern regelt und – grob zusammengefasst – Mindestgrößen für Hundezwinger vorschreibt.

Und kommt zu folgendem Ergebnis:

Die Unterbringung eines Hundes in der geschlossenen Hundebox ist möglich. Sie darf nur auf tierärztliche Anordnung (nicht auf Anordnung eines Hundeerziehers oder –therapeuten, der nicht auch Tierarzt ist) erfolgen. Der Tierarzt muss den Einsatz begleiten.

Dieses ist – mit Verlaub – doppelt daneben. Denn:

  1. Die TierschutzHundeVO regelt die Haltung von Hunden und nicht temporäre Zustände. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Man darf also seinen Hund temporär an einen Zaun binden, ohne dass die Anbindevorrichtung den Anforderungen der Verordnung genügen muss. Selbiges gilt für einen Zwinger (z.B. Fundhundezwinger in Tierheimen, auf Polizeistationen etc.).
  2. Da eine Hundebox in der Regel in einem Raum und nicht im Freien steht, würde – wenn überhaupt – §5 (Haltung von Hunden in Räumen) greifen. Tut er aber auch nicht, weil es dort eindeutig um Räume, „die nach ihrer Zweckbestimmung nicht dem Aufenthalt von Menschen dienen“ geht. Die Wohnung oder das Wohnhaus fallen – hoffentlich – nicht darunter. Sollte jemand tatsächlich seinen Hund in der Garage oder sonstwo halten, wo Menschen in der Regel nicht wohnen, greift §5 und nicht §6. Mit der Hundebox als solche hat das immer noch nichts zu tun.

Liest man sich die Liste der Mitglieder des „Tierschutzbeirats“ durch, dann finden sich diverse Doktortitel (überraschenderweise Tierärzte),  was voraussetzen sollte, dass diese Menschen in der Lage sind, einen Gesetzestext genau zu lesen und zu interpretieren. Und den Unterschied zwischen einer Verordnung und einem Gesetz zu kennen.

Stellt sich also die Frage, warum eine solch fragwürdige „Rechtsauffassung“ ihren Weg in die Öffentlichkeit findet.

Liest man sich den Artikel – und insbesondere das „Fazit“ – genauer durch, finden sich ein paar Hinweise:

Der Tierarzt soll also derjenige sein, der entscheiden darf, ob ein Hund in einer Box – ja, was denn? gehalten? untergebracht? – werden darf. Und bitte nicht der „Hundeerzieher“ oder gar Therapeut, „der nicht auch Tierarzt ist“. Verrückt, dass einige Mitglieder Tierärzte sind.

Logisch, denn das dauerhafte Halten eines Hundes in einer Box wäre schließlich ein Verstoss gegen das Tierschutzgesetz. Denn da steht gleich in §2 geschrieben:

„Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden“

Das Tierschutzgesetz schließt im Übrigen den „vernünftigen Grund“ aus, weswegen solche „Grundrechte“ für Hühner, Schweine und Rinder in der Massentierhaltung nicht gelten.

Den vernünftigen Grund kann der Tierarzt festlegen, weswegen auch tausende Hunde jedes Jahr ohne Not auf Anraten von Tierärzten kastriert werden.

Die Aussage, dass ein Hundetrainer eine solche Empfehlung gar nicht geben dürfe, ist nichts anderes als ein weiterer billiger Versuch, verunsicherte Hundehalter in die Tierarztpraxen zu locken.

Denn „tierschutzrechtlich“ ist es erstmal völlig wumpe, ob man einen Hund zeitweise in eine Box packt oder nicht. Es stellt nicht mal eine Ordnungswidrigkeit dar, da die TierschutzHundeVO gar nicht regelt, was minuten- oder stundenweise im Haushalt vor sich geht.

Eine Box mit einem Zwinger gleichzusetzen ist derweil völliger Blödsinn. Der Sinn des Zwingers ist die dauerhafte Unterbringung, weswegen die TierschutzHundeVo an diesem Punkt sinnvoll ist.

Der Sinn einer Hundebox ist, den Hund ohne Aufsicht und ggf. seine mit im Haushalt lebenden Artgenossen sowie das Inventar vor Schaden zu bewahren.

Daraus auf Tierleid zu schliessen, ist ziemlich hanebüchen.

Die dauerhafte Unterbringung eines Hundes in einer Box wäre – falls sich denn ein Richter fände – ein Verstoss gegen §2 des Tierschutzgesetzes, und viel wichtiger: Das gehört sich einfach nicht.

Ps.: Die Mitgliedschaft im Tierschutzbeirat ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, vermutlich wurde aus diesem Grunde darauf verzichtet, die Freiwilligen auf Objektivität und Sachkunde zu überprüfen.

Provinz beginnt da, wo Viechdoktoren als Wissenschaftler angesehen werden.

Ich pack jetzt meine Hunde in ihre Boxen und geh schlafen.

Das bisschen „Drumrum“

Eine gute Freundin meinte neulich zu mir, ich würde langsam aber stetig altersmilde werden. Das mag schon sein, antwortete ich kurz und knapp – bevor ich sie 20 Minuten mit geschmacklosen Witzen, blöden Sprüchen und schändlichen Spott überzog.

Spaß beiseite, man wird ja nicht jünger und im Laufe der Jahre vielleicht nicht unbedingt milder, aber dafür gelassener. Oder müde, wie man es nimmt. Und überhaupt: Wer will schon mit 40 seinen ersten Bypass?

Trotzdem gibt es immer und immer wieder mal Momente, in denen ich auch heute noch an mich halten muss, um nicht in die Tastatur zu brechen (online) oder mich auf die Finger setzen muss, um mein Gegenüber nicht zu schütteln oder schlimmeres (offline).

Neulich zum Beispiel, als ich meinen halben freien Samstag gemeinsam mit gefühlt einer Millionen Touristen auf der A7 verbrachte, um mir in einem Tierheim einen Hund anzusehen, der nach einem innerfamilären Beißvorfall nun das Zeitliche segnen sollte.

Der Delinquent, nennen wir ihn der Einfachheit halber Hasso, entpuppte sich nach eingehender Überprüfung als typischer unerzogener junger Hund, der nicht gelernt hatte, Grenzen zu akzeptieren oder Frust zu ertragen und schließlich zugebissen hatte, als seine Besitzerin anderer Meinung war als er.

Mit solchen Fällen habe ich es, seitdem ich was mit Tierschutz mache, nahezu täglich zu tun und anhand von Hassos Geschichte lässt sich der alltägliche Wahnsinn „drumrum“ ganz gut beschreiben.

Fangen wir mit dem Kennenlernen an. Der Grund, warum ich bei 28 Grad drei Stunden im Stau verbracht habe, war, dass das Tierheim, in dem Hasso zu dem Zeitpunkt untergebracht war, keine Kapazitäten hatte, um ihn längerfristig unterzubringen.

Die Tierheime sind immer noch nicht verpflichtet, Abgabehunde aufzunehmen und bekommen ihr Geld auch nur für die Unterbringung von Fundtieren. Und wenn es sich um ein kleines Tierheim wie in diesem Fall handelt, haben die Kolleginnen und Kollegen auch schlicht keine Kapazitäten, einen Hund zu übernehmen, der auf Grund der Vorkommnisse lange Zeit bleiben wird.

Das ist im Übrigen auch der Grund, warum viele Tierheime mittlerweile Abgabegebühren nehmen, die die Kosten für die Unterbringung und Verpflegung bei weitem übersteigen.

Die Reaktionen lassen natürlich nicht lange auf sich warten:

Frau B. aus Facebook wirft dem Tierheim vor, herzlos zu sein. Frau S. schreibt mir per E-Mail, dass Tierheime Geldmacherei betreiben, anders kann sie die Abgabegebühr nicht erklären. Aha.

Kommen wir zur Einschätzung von Hasso mit Blick auf eine Übernahme durch uns:

Hierbei geht es darum, zu überprüfen, wie und ob der Hund zu managen ist, wo seine Auslöser liegen und wie er auf Ansprache, Berührung, Bewegungsreize, Artgenossen, Einschränkung und Unterbrechung reagiert. Immerhin müssen die Tierpfleger/innen später mit ihm arbeiten können, ohne das Gefahr für Leib und Leben besteht. Und vermittelt werden soll er ja auch irgendwann mal.

Zu diesem Zweck sichere ich den Hund mit Maulkorb ab, denn wenn so ein 30-Kilo-Hasso losmarschiert, ist das auch mit Maulkorb schon unangenehm genug, wenn man nicht aufpasst. Und es ist nicht die Aufgabe des Hundetrainers oder Tierpflegers, sich von fremder Leute Hunde zerlegen zu lassen.

Frau A. schreibt dazu, dass der Maulkorb tierschutzrelevant ist.

S. schreibt dazu, dass es „voll gemein ist, die Fellnase“ während der Einschätzung einzuschränken und sie (die Fellnase) „natürlich beissen muss, wenn man sie derart quält“.

Interessant, ich persönlich finde es nicht nur außerordentlich gemein, sondern extrem fahrlässig, mit Rücksicht auf die arme Hundeseele auf eine allumfassende Einschätzung zu verzichten.

Es ist Aufgabe des Tierschutzvereins, seine Schützlinge so gut zu kennen, dass böse Überraschungen für Mitarbeiter/innen und Interessent/innen ausgeschlossen werden können.

Wenn die neue Familie es ist, die im ganz normalen Alltag den Auslöser für eine Attacke findet, ist das nicht nur peinlich, sondern grob fahrlässig und sollte bestraft werden können. Und zum ganz normalen Alltag gehört nunmal dazu, dass man mal im Weg steht, beiseite gehen muss oder – bewusst oder unbewusst – begrabbelt wird.

L. schreibt was zum Thema Individualdistanz und gelber Schleife.

Ein Hund, der guten Gewissens in eine Familie vermittelt werden soll, muss ein bisschen mehr als Alltag abkönnen. Kann er das nicht, darf er das lernen.

Am Ende des Tages haben wir entschieden, dass wir Hasso übernehmen würden.

Frau B. ist der Meinung, dass Hasso nun ganz viel Liebe braucht, die wir ihm sicherlich nicht geben.

Voraussetzung für die Übernahme ist jedoch, dass seine Besitzerin damit einverstanden ist. Diese jedoch hat – meiner Meinung nach verständlicherweise – Angst vor ihrem Hund und Sorge, dass sich so ein Vorfall wiederholen könnte. Deshalb möchte sie erst nochmal darüber nachdenken, ob sie ihn nicht doch lieber einschläfern lässt.

M. schreibt dazu: Sollen die doch die Frau einschläfern.

Während dessen bringen sich in den sozialen Netzwerken die jeweils religiös-fundamentalistischen Hundeerziehungsexperten in Stellung.

Herr S. vertritt die Meinung, dass Hasso „nur mal richtig einen auf die Mütze braucht“.

Frau S. (nicht verwandt, vermutlich nicht verschwägert) hat gleich eine ganze Reihe Tipps zum Thema Desensibilisierung und Gegenkonditionierung parat.

Zu diesem Zeitpunkt sitzt Hasso noch im Tierheim und ausser den Mitarbeitern, seiner Besitzerin und mir  hat ihn noch niemand zu Gesicht bekommen – dennoch scheinen ihn einige schon persönlich zu kennen.

Selbstverständlich dürfen auch Mutmaßungen dahingehend, welche/r Hundetrainer/in an Hassos Schicksal beteiligt war, nicht fehlen, so dass sich in einer Facebook-Gruppe ein eigener Thread mit ihm befasst – inklusive Verhaltenseinschätzungen, Ratschlägen, Verhaltenskastrationsforderungen und „Wenn ich was zu sagen hätte“-Kommentaren.

Vermutlich sind sie nachts heimlich ins Tierheim eingestiegen und haben ihn ihrerseits eingeschätzt.

Außerdem finden sich die ersten „Wenn ich nicht schon zwei hätte“-Interessenten, die Hasso ja auf der Stelle ein Zuhause geben würde, wenn nicht … (bitte ausfüllen).

Am Abend schreibt O: Ist das nicht frustrierend? 

Ja, aber nicht in dem Sinne.

Nur die Guten

An anderer Stelle habe ich es schonmal aufgeschrieben. Die Gründe, sich einen Hund anzuschaffen, sind sicherlich mannigfaltig, aber kein Mensch schafft sich einen Hund an, um sich ein dauerhaftes Problem aufzuladen.

Selbst solche Hundebesitzer, die einen wahren „Problemhund“ aufnehmen, tun dies mit dem Ziel, das Problem zu lösen und nicht aus dem Gedanken heraus, nie wieder Besuch empfangen zu können oder die nächsten 10 Jahre aufpassen zu müssen wie ein Schliesser.

Noch vor 50 Jahren gab es keine Hundetrainer und wäre jemand 1960 auf die Idee gekommen, eine Hundeschule zu eröffnen und Geld für Beratung in Sachen Erziehung und Beschäftigung des Hundes zu nehmen, wäre der- oder diejenige mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell bankrott gegangen.

Klar, auch vor 50 Jahren gab es Hunde, die gebissen, Wild gehetzt und an der Leine gezogen haben. Und sicherlich ist es so, dass Hundebesitzer heute auf Grund von Rasselisten, Hundegesetzen und Co. wesentlich sensibler sind, was das Verhalten ihrer Vierbeiner angeht.

Ebenso klar ist, dass Hunde heute eine ganz andere soziale Rolle in unseren Leben spielen als noch vor ein paar Jahrzehnten. Und ja, wir treffen heute in Familien auf Hundetypen, die noch vor garnicht langer Zeit Schäfern, Jägern oder Polizisten vorbehalten waren.

Doch sollen das die Ursachen dafür sein, warum so viele Menschen heute mit einem Tier überfordert sind, dass uns – je nach Schätzung – schon über 30.000 Jahre oder gar länger begleitet?

Wer sich heute einen Hund anschaffen möchte oder ein Problem mit dem vorhandenen Vierbeiner hat, der informiert sich in aller Regel – und die Liste der Ratgeber ist so lang wie die Ratschläge unterschiedlich sind.

Während die Tierschützerin sehr gute Argumente dafür hat, einem Hund aus dem Tierheim ein Zuhause zu geben, hat der VDH ebenso gute Argumente, sich lieber für einen Welpen vom Züchter zu entscheiden.

Und die Frage, was für einer es denn sein soll, ist noch garnicht beantwortet.

Es gibt in Sachen Hund jede Menge Themen, über die gestritten wird. Angefangen bei der Gesunderhaltung über das Futter bis hin zum richtigen Zubehör, der Beschäftigung und natürlich der Erziehung.

Zwischen all diesen unterschiedlichen Positionen steht ein Mensch, der eigentlich „nur“ einen Hund haben will, diesen – man kann es deutlich so sagen – von Herzen liebt und nur das beste für ihn will.

Wenn es mit dem besten Freund nicht so klappt wie gewünscht, spielen Emotionen wie das Gefühl von Scheitern, das Zweifeln an der eigenen Fähigkeit und das schlechte Gewissen eine riesengroße Rolle.

Die eigene Wahrnehmung verzerrt sich dahingehend, dass man nur noch wohlerzogene, nette Hunde sieht, die scheinbar nichts aus der Ruhe bringen kann, während der eigene Hund vielleicht an der Leine ausflippt, als fände gerade eine Alieninvasion statt.

Also sucht man Hilfe.

Und schon stehen sie wieder parat – all die Ratgeber im Internet, die Experten in Funk und Fernsehen mit der einzig richtigen Lösung und die mitleidig kopfschüttelnden Nachbarn mit den entscheidenen Tipp.

Im Versuch, alles richtig zu machen, gehen schlimmstenfalls Bauchgefühl und gesunder Menschenverstand und der Mensch verliert sich selbst und das eigentliche Problem auf der Suche nach Lösungen aus dem Auge.

In einem anderen Text habe ich mal etwas ketzerisch geschrieben, dass Altruismus nicht funktioniert und Menschen in den allermeisten Fällen eigene Ziele verfolgen, auch wenn sie vordergründig erstmal gutes tun.

Um zu verhindern, in der Flut der Informationen zu ertrinken, kann es daher hilfreich sein, mal zu hinterfragen, welches Ziel diejenigen verfolgen, die einen mit Ratschlägen versorgen.

Die nette Verkäuferin im Zoofachgeschäft empfiehlt auch deshalb das „Premium“-Hundefutter der Eigenmarke, weil sie dafür eine Provision bekommt. Dem Fernsehsender geht es darum, Werbeminuten zu verkaufen und nicht, den Zuschauer mit Erziehungstipps zu versorgen. Und der Hundetrainer – und zu denen gehöre ich ja auch – wäre ohne die Probleme, die Menschen mit ihren Hunden haben, schlicht arbeitslos und könnte sich einen anderen Job suchen.

Doch auch die Menschen, die vermeintlich uneigennützlich bei Facebook und sonstwo ihre Meinung äußern, ziehen natürlich einen Nutzen aus ihrem Handeln.

Wer sich zum Beispiel besonders intensiv mit der Fütterung seines Hundes beschäftigt, erhöht die eigene Person bewusst oder unbewusst moralisch gegenüber denen, die schnödes Trockenfutter kaufen.

Das eigene Handeln macht einen zum besseren Menschen und die Tatsache, dass andere scheitern bestätigt einen darin, dass man schon immer gewusst hat, wo der Hase lang läuft.

Die im sozialen Netzwerk propagierte Erziehungsmethode bestätigt einen darin, dass man über Expertise verfügt, die andere nicht haben. Und der Bestätigungsfehler unterstützt uns in der Annahme, dass das, was wir für richtig halten auch richtig ist.

Das ist nur menschlich. Wir sind nicht perfekt, wir sind nicht mal nahe dran.

Doch mittendrin steht ein Mensch mit seinem Hund, der nur das beste will. Umgeben von unzähligen Ratgebern, die mehr oder weniger offensichtlich eigene Ziele verfolgen, die oft nichts oder nur wenig damit zu tun haben, tatsächlich zu helfen.

Es stünde uns allen – mich eingeschlossen – gut, wenn wir uns beim dringenden Impuls, einen Ratschlag geben zu müssen, öfter mal zurückhalten würden. Wenn wir uns darauf beschränken würden, Fragen zu beantworten anstatt neue aufzuwerfen, nur um uns darüber aufzuwerten.

Überhaupt sollten wir nicht vergessen, dass unsere Idee davon, wie Hunde gehalten werden sollten, eine regional sehr begrenzte westeuropäische ist, die sich nur auf Grund unseres Wohlstandes und mangels wirklich existentieller Probleme verbreiten konnte.

Unsere Vorstellungen von einem Hundeleben anderen aufzuzwingen ist ganz schön arrogant – und mit Blick auf die Lebensrealität anderer Menschen in anderen Ländern auch ziemlich aus der Wirklichkeit gerissen.

Die von mir hochgeschätzte Dorit Feddersen-Petersen sagte mir mal , dass zwei kritische Fragen meistens weiterhelfen: „Wo haben Sie das her? Und können Sie das belegen?“

 

 

Eine unbequeme Wahrheit

Es gibt Dinge, die – sagen wir mal – etwas merkwürdig anmuten, wenn man sich mit ihnen ein wenig intensiver beschäftigt. Eines davon ist das Tierschutzgesetz.

Im §1 steht geschrieben, dass „niemand (…) einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“ darf. Das ist erst mal gut und richtig.

Aber was ist ein vernünftiger Grund?

Jedes Mal, wenn eine Novellierung des Gesetzes ansteht, bringen sich verschiedene Gruppen in Position, um ihre jeweiligen Interessen in die Gesetzgebung einfliessen zu lassen. Dann gibt es Petitionen und Aufrufe und jede Menge Arbeit für die Lobbyisten.

Wie das dann aussieht, erkennt man am besten an den Forderungen, die es nicht ins die Neufassung schaffen.

Ein paar Beispiele:

Als es das letzte Mal darum ging, den Tieren etwas vermeintlich gutes zu tun, kämpfte der Deutsche Tierschutzbund dafür, das Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden dürfen und startete eine große Kampagne, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Resonanz darauf war eher sparsam, insbesondere, wenn man den Erfolg der Kampagne mit anderen Petitionen vergleicht. So kam der Deutsche Tierschutzbund bei Openpetition nur auf einen Bruchteil der Unterschriften, die die Initiative erreicht hatte, die sich für ein Verbot von sexuellen Handlungen mit Tieren einsetzte.

Auch die Forderung, das Brandmarken von Pferden zu verbieten, wurde in der Neufassung des Gesetzes nicht berücksichtigt. Tradition und so. Und überhaupt, wie sähe das denn aus, ein Pferd mit Ohrmarke?

Nun fände ich persönlich – aber das ist vielleicht so ein Männerding – es außerordentlich sinnvoll, das Ferkelchen zu betäuben, bevor man ihm die Eier abklemmt. Und auch wenn dem einen oder anderen Reiter der Gedanke nicht gefällt, für die Kennzeichnung von Pferden gibt es weit weniger schmerzhafte Möglichkeiten, sie identifizierbar zu machen, ohne ihnen gleich die Initialen auf den Arsch zu brennen.

Wenn man sich mal die Mühe macht und versucht, das ganze emotionale Gewäsch bei Seite zu lassen, wird einem relativ schnell klar, der „vernünftige Grund“, warum die Ferkel auch weiter betäubungslos kastriert werden, schlicht und ergreifend der ist, dass die Betäubung Geld kostet.

Geld, welches die „Erzeuger“ nicht haben angesichts der Tatsache, dass unsereins sein Schweinefleisch für 1,99 das Kilo kaufen möchte.

Und der Grund, warum 20.000 Leute für die Schweine voten und 150.000 Leute gegen Sex mit Tieren, ist auch schnell erklärt: Die einen Tiere werden gefüttert, die anderen werden verfüttert.

Und so stelle ich mir bildlich vor, wie ein paar politisch Verantwortliche am runden Tisch sitzen und darüber diskutieren, wie das nächste Tierschutzgesetz aussehen soll:

„Wenn wir das mit den Ferkeln aufnehmen, kriegen wir Ärger mit den Bauern. Das kostet Wählerstimmen“

„Stimmt“.

„Lass uns doch die Nummer mit dem Sex reinnehmen. Kostet nix und die Tierschützer glauben, sie hätten Erfolg.“

„Gute Idee, und von den Z***genf***ckern kommt bestimmt keiner auf die Idee, sich zu beschweren.“

Gesagt, getan.

Tierschützer feiern ihren Erfolg, während die Bauern die Kohle und die Politiker den Ärger sparen.

Besonders merkwürdig werden unsere Gesetze, wenn sie mit anderen Interessen kollidieren. Wie dem Recht auf freien Handel zum Beispiel.

Im Falle der Straßenverkehrsordnung ist es so, dass die Benutzung von so genannten „Radarwarnern“ zwar verboten ist, man diese Teile aber überall kaufen kann.

Im Tierschutzgesetz ist geregelt, dass der Einsatz von Telereizgeräten verboten ist. Auch diese Teile kann am an jeder Ecke kaufen. Jemand, der mit den Dingern handelt, hat mir mal erzählt, dass er jede Woche ein paar Dutzend davon verhökert.

Natürlich nur so als Partygag oder für die Verwirklichung sadomasochistischer Phantasien. Nicht.

Hier komme ich als Hundetrainer dann in meine persönliche, kleine Zwickmühle.

Immer wieder mal kommen Menschen auf mich zu, die ihrem jagenden Hund diese schlechte Angewohnheit abgewöhnen möchten und sich zu diesem Zweck so ein Gerät gekauft haben.

Gemäß Tierschutzgesetz verliere ich meinen Job, wenn ich nun mit ihnen trainieren würde.

Schön und gut, also schicke ich die Leute nach Hause mit dem Hinweis, dass ich ihnen nicht helfen darf und dass der Einsatz der Dinger verboten ist.

Das Blöde daran ist nur, dass vermutlich die wenigsten Hundehalter das Halsband in der Folge zusammen mit einem bösen Brief zurück an den Händler schicken oder es für immer und alle Zeiten in den Keller verbannen.

Also werden sie dann eben ohne zu wissen, was sie tun, versuchen, ihr Problem mittels Knopfdruck zu lösen. Sowas endet dann oft richtig gruselig, vor allem, wenn die Menschen dann auf die Idee kommen, dass das, was beim Jagen (zufällig) funktioniert hat, dann bestimmt auch bei Sitz, Platz und Fuss klappt.

Es gibt immer irgendeinen Nachbarn, Experten auf der Hundewiese oder Bekannten, der vermeintlich weiss, was zu tun ist. Dabei ist die Arbeit mit so einem Teil alles andere als einfach und „mal eben“.

Vor einigen Jahren habe ich mal eine Hundehalterin gesehen, die ihrem Hund ein Teletakt als „Motivator“ umgeschnallt hatte, damit er im Agility schneller rennt, wenn er im Nacken eine gebretzelt bekommt …

Mit den Hilfsmitteln in der Hundeerziehung ist es wie mit vielen anderen Dingen auch. Mit einem Messer kann ich ein Brötchen schneiden, ich kann aber auch jemanden damit umbringen.

Bestimmte Dinge gehören sich einfach nicht, egal ob sie verboten sind oder nicht. Mangelnde Sachkenntnis und vor allem die Faulheit mancher Hundebesitzer sind die Hauptgründe, warum im übertragendem Sinne aus Messern Tatwerkzeuge werden.

Das gilt für Trainingsdics und Wurfketten heute genauso wie vor ein paar Jahren für die Teletakts.

Das war übrigens ursprünglich sogar mal eine Tierschutzmaßnahme. Ein pfiffiger Jäger, der später einen großen Haustierzubehörversand gründete, hatte es in den 1950er Jahren satt, seine Jagdhunde mittels „Strafschuß“ aus der Hatz zu unterbrechen, weil immer wieder Hunde durch die Schrotladung schwer verletzt wurden.

Also entwickelte er dieses Gerät, um seinen Hunden dies zu ersparen.

Bis zum Verbot dieser Teile fand man sie dann auf vielen Hundeplätzen weit ausserhalb ihrer ursprünglichen Verwendung. Da wurden Hunde in die Unterordnung gestromt, weil die Menschen, wie bereits erwähnt, schlicht zu faul waren, vernünftig zu trainieren.

Und faul, das sind viele auch heute noch. Verbot hin oder her.

Aber es gibt halt auch einige Menschen, die nicht zu faul sind, sondern Hilfe bei der Lösung eines Problems suchen und die ich nach Hause schicke.

Wohl wissend, dass sie dann im stillen Kämmerlein mit einem Gerät hantieren, das – falsch eingesetzt – tatsächlich jede Menge Schaden anrichtet.

Im Idealfall würde man die Hundehalter vernünftig beraten und so dafür sorgen können, dass das Telexakt ggf. gar nicht erst zum Einsatz kommt und wenn doch, dann so, dass keine unnötigen Schmerzen, Leiden oder Schäden entstehen.

Also frage ich mich, ob „der vernünftige Grund“ dafür, Menschen dabei anzuleiten, ihren Hund mit Strom zu arbeiten, nicht der ist, wesentlich erheblichere – mangels Kenntnis – hinzugefügte „Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zu verhindern?

Diese Frage habe ich übrigens auch meinem zuständigen Veterinäramt weitergeleitet. Bin mal gespannt.

 

Von Unhunden

Barendorf ist schön. Das kleine Dörfchen besteht fast ausschließlich aus Ferienhäusern, so dass es außerhalb der Saison so gut wie ausgestorben ist.

Ein perfekter Ort also, um die Seele baumeln zu lassen und den Hund einfach mal einen guten Mann sein zu lassen. Kein Wunder, dass ich den Winter über nahezu täglich hier war.

Neulich dachte ich mir, ich nutz die Gelegenheit, dass die Saison noch nicht eröffnet und so alle Strände auch Hunde frei zugänglich sind, und verbringe einen entspannten Nachmittag an der Ostsee.

Blöderweise war ich nicht der Einzige, der die ruhige Umgebung nutzen wollte.

Während ich da so vor mich hin lief und meine Hunde sich derweil amüsierten, bekamen wir plötzlich Besuch. Ein großer dicker Hund mit Schlappohren (ich will nicht ständig dieses Labbi-Klischee bedienen) kam von hinten angewalzt und wollte ausgerechnet Tacker „Guten Tag“ sagen, in dem er ihm die Nase in den Hintern rammte.

Experten sprechen hier von Ano-Genital-Kontrolle, in diesem speziellen Fall war es eher eine proktologische Untersuchung. Des Proktologen Frauchen stellte sich derweil als kleiner, hektisch auf und ab hüpfender Punkt am Horizont dar, der langsam – aber ganz langsam – näher kam.

In solchen Fällen haben meine Hunde und ich eine arbeitsorganisatorische Rollenverteilung erarbeitet:

  1. Wir reissen uns zusammen und ignorieren den Störenfreak, bis er sich trollt.
  2. Kommt er wieder, bin ich derjenige, der ihm zu verstehen gibt, dass er gerade unsere Individualdistanz unterschreitet. Zwar bin ich dabei nicht annähernd so beeindruckend wie meine Bande, aber dafür mache ich ihm auch keine Löcher in den Pelz! Und im Normalfall reicht das, um direkt zu Punkt 5. weiterzugehen.
  3. Im dritten Wiederholungsfall nutze ich all meine mir zur Verfügung stehende Stimmgewalt und informiere den am Horizont auf und ab hüpfenden Punkt darüber, dass er exakt drei Sekunden Zeit hat, seinen Hund einzufangen, wenn er seinem kleinen Liebling unendliche Schmerzen, Qualen und Leiden ersparen möchte. So ganz unter uns, das Tackerchen ist zwar sehr beeindruckend, wenn es auf Boden-Boden-Raketenmodus umschaltet, aber dafür äußerst klar und fair im Umgang mit seinem Opfer. Aber das weiß ja der besagte hysterische Punkt ja nicht und ein bisschen Motivation hilft immer.
  4. Wenn all das nicht fruchtet, darf das Tackerchen seines Amtes walten und dem „Tutnix“ ein Lerngeschenk bereiten.
  5. Man kann übrigens durchaus lernen, sich der Gestalt darzustellen, dass das menschliche Gegenüber nicht auf die Idee kommt, loszupoltern und mit Tierschutz, Polizei, NSA oder den imperialistischen Truppen zu drohen, sondern seine Fellnase zu nehmen und das Feld zu räumen.

Eigentlich könnte ich mir diesen ganzen Aufwand auch einfach sparen. Dann käme der besagte Hund, rammt Tackerchen die Nase in den Poppes, die beiden hauen sich nach alter Kneipenschlägermanier und der DBHmS (dicker, brauner Hund mit Schlappohren) trollt sich. Das wäre artgerecht, einfach und wesentlich entspannter.

Doch so läuft das nicht. Voraussetzung hierfür wäre erstmal, dass auch der DBHmS weiß, wie man kultiviert streitet. Die Wahrscheinlichkeit, dass dem so ist, tendiert jedoch stark gegen Null.

Selbst wenn sein Punkt am Horizont sehr engagiert und ambitioniert ist, die meisten Hunde haben in der Wurfkiste das letzte Mal artgerecht kommuniziert.

Wo finden sich denn heute noch Welpengruppen, in denen die lieben Kleinen sich auch mal prügeln dürfen, ohne, dass die Hälfte der Besitzer in Schnappatmung und hysterische Anfälle verfallen?

In der Regel wird jegliche Form von aggressiver Kommunikation sofort unterbunden. Hier geht es um Harmonie, um Bällebäder, Spielen (aber bitte nicht so wild) und man freut sich einen Keks, wenn der kleine Scheißer kommt, nachdem man „hiiiieeerr <3“ geflötet hat.

Die guten Hundetrainer in Welpengruppen erinnern ein wenig an Don Quichotte und seinen Kampf gegen Windmühlen. Es gibt kaum einen härteren Job in diesem Business! Hund beißt? Jagt? Ist phobisch? Pffft. Das ist nichts gegen die Sisyphusarbeit mit Welpenbesitzern.

  • Als allererstes muss die Trainerin oder der Trainer in der Lage sein, die Rasse des kleinen Fellknäuels exakt zu identifizieren. Wehe, man liegt daneben und hält den originalen Chodský pes versehentlich für einen Altdeutschen Hütehund oder noch schlimmer: für einen Mischling … Na gute Nacht.
  • Dann muss es dem Trainer oder der Trainerin irgendwie gelingen, in das Oxytozin-geschwängerte Hirn des frischgebackenen Hundebesitzers vorzustossen. Nahezu unmöglich! Gestandene Männer stehen verzückt kichernd, berauscht vom Kindchenschema und unter dem Eindruck von Milcheinschuss auf dem Hundeplatz und dann soll man denen erklären, dass die süße Luna als kaukasischer Owtscharka gegebenenfalls nicht ganz einfach in der Erziehung werden könnte. Vergiss es!

Und so wachsen Paul, Luna und Co. auf. Auf die Welpengruppe folgt die Junghundegruppe und mitten in der Pubertät wundern sich die Besitzer, warum all das nicht so richtig fruchten will und der heißbeliebte Köter trotzdem seiner Wege geht und nicht gelernt hat, wie man freundlich Kontakt aufnimmt.

Denn mittlerweile läuft man ohne Leine durchs Auslaufgebiet. Verrückt, die allermeisten Welpen tappsen ihren Menschen hinterher, werden jedoch angeleint.

Erst, wenn das Mäuschen endlich in das Alter kommt, in dem es sich explorativ verhält, wie man „den Besitzer die Mittelkralle zeigen“ romantisch ausdrückt, wird die Leine abgemacht.

Um Homer Simpson zu zitieren. Das ist K.L.U.K.!

Aber auch der mittelkrallezeigende Junghund, der die Welt erkundet, verhält sich normal. Der 19-jährige Autofahrer, der gerade die Bundesstraße entlang rast, allerdings auch. Und da kollidieren unter Umständen zwei Interessenlagen im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ich mich nicht irre, war es Hellmuth Wachtel, der mal gesagt hat, dass wir nur alle Hunde vor die Tür setzen müssten und nach wenigen Jahren nur noch solche Hunde hätten, die zu uns passen. Nur müssten wir emotional in der Lage sein, diese Form der natürlichen Selektion zu ertragen.

Als ich neulich im Kindergarten des Internets eine Diskussion darüber verfolgte, ob Notfelle, insbesondere solche, die bei Nacht aus brennenden Tötungsstationen gerettet wurden, denn in unser Leben passen oder nicht, bin ich zu dem Schluß gekommen, dass kein Hund in unser Leben passt.

Vielmehr haben wir eine Vorstellung davon, wie Hunde sich verhalten sollten, ohne dass wir darüber nachdenken, in welche Bereiche ihres Verhaltens wir eigentlich so eingreifen.

Erik Zimen war es, der das folgende Ethogramm des des Wolfes definiert hat. Und da Wölfe und Hunde ja bekanntlich verwandt sind, zeigt ein Blick darauf ziemlich deutlich, was ich meine, wenn ich schreibe, dass wir es mit Unhunden zu tun haben:

  • A) Allgemeine Bewegungsformen
    Die Bewegung unserer Hunde ist stark eingeschränkt, sei es weil sie an der Leine laufen müssen oder weil wir nicht möchten, dass sich sich aus unserem Blickfeld entfernen.
  • B) Ruhe und Schlaf
    Hätten unsere Hunde die Wahl, würden sie wohl kaum in der Kudde in der Ecke des Wohnzimmers schlafen, sondern sich einen erhöhten Platz suchen, von dem aus sie einen guten Überblick haben.
  • C) Orientierungsverhalten
    • 1. Nahorientierung
    • 2. Fernorientierung
      Nahorientierung gerne, aber bitte hin zum Menschen oder wenigstens zum Futterbeutel. Mit der Fernorientierung sieht es schon anders aus, vor allem, wenn Ungemach am Horizont auftaucht. Dann wird getanzt, gequietscht, gebodyblockt.
  • D) Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
    Auch das Vertreiben des Postboten gehört zum Normalverhalten, möchtet Du Deinem Hund eine tolle Kooperation anbieten, dann verscheuche doch mal mit ihm den Typen von der GEZ oder ein paar Zeugen Jehovas. Und das Dein Hund Dir beherzt in die Finger beißt, wenn Du was von ihm möchtest, ist auch erstmal normal. Wenn auch schmerzhaft.
  • E) Stoffwechselbedingtes Verhalten
    • 1. Nahrungserwerb
      Unsere Hunde dürfen nicht jagen. Verrückt, denn sie sind Beutegreifer.
    • 2. Nahrungsaufnahme
      „Schon Wahnsinn, dass es für ein Lebewesen, das ohne zu Zögern und voller Freude menschliche Scheiße, Kotze oder angeweste Fische verschlingt, Futter in hunderten Geschmacksrichtungen gibt.“
      Merkwürdig, dass eben die drei genannten nicht darunter sind.
    • 3. Transport und Speicherung von Nahrung
      Die meisten finden es nicht so witzig, nach einigen Wochen den Grund für den merkwürdigen Geruch im Haus zu finden.
    • 4. Erbrechen von Futter
      Ab zum Tierarzt!
    • 5. Defäkieren und Urinieren
      Das der Hund nicht ins Haus pinkeln sollte, ist klar. Aber er darf auch nicht in Nachbars Garten, den Spielplatz oder – etwas Intelligenzleistung vorausgesetzt – auf Weiden oder Felder kacken. Man könnte seinem Hund übrigens  beibringen, sein Business abseits davon zu erledigen. Hätte den Vorteil, dass man jede Menge Plastikmüll spart. Es gibt nichts ärgerlicheres als gefüllte Hundekotbeutel, die mangels zur Verfügung gestellter Mülltonnen in der Landschaft entsorgt werden und dort hunderte Jahre vor sich hin rotten.
  • F) Komfortverhalten
    Der Rüde, der sich im Restaurant ausgiebig die Eier leckt, ist schon von jeher Frauchens ganzer Stolz.
  • G) Soziales Verhalten
    • 1. Ausdrucksverhalten
      Ja, aber bitte nur die Netten! Jegliches aggressives Ausdrucksverhalten sei bitte zu unterlassen!
    • 2. Soziales Verhalten im Rudel
      Rudel sind Familienverbände, unsere Hunde leben – wenn – in Gruppen. Zum Leben im Rudel gehören auch Abwanderung und das Gründen neuer Rudel. Mit ein Grund, warum Wurfgeschwister mitunter äußerst kernig miteinander umgehen. Zum Leben in einer Gruppe gehören auch Streitigkeiten um Ressourcen, Status, Sexualpartner etc.
    • 3. Imponierverhalten
      Um Gottes willen. Es sei denn natürlich, es handelt sich um den netten Familienhund, der dem Besucher sein Spielzeug für die Füße spuckt.  der will natürlich nur spielen.
    • 4. Defensives Verhalten
      Muss dringend dran gearbeitet werden, die arme Angstmaus!
    • 5. Spielverhalten
      Unsere Hunde dürfen nicht spielen, wenn ihnen danach ist, sondern wenn wir die Zeit haben. Eine der Voraussetzungen für Spiel ist ein entspanntes Umfeld. Den geliebten Köter in eine „Spielgruppe“ voller fremder Hunde zu werfen, gehört nicht unbedingt dazu. Das, was man dann häufig zu sehen bekommt, sind „Spiele“ als Form der Konfliktlösung. 
    • 6. Reproduktionsverhalten (Sexualverhalten, Geburt, Welpenaufzucht)
      Wenn wir unsere Hunde nicht eh kastrieren, sprechen wir ihnen jegliches Recht auf sexuell motiviertes Verhalten ab. Und wenn sie sich fortpflanzen dürfen, dann nur mit einem Partner unserer Wahl. Beißt die Hündin den Rüden trotz Standhitze weg, bedient man sich auch gerne anderer Mittel, in dem man sie eben zwingt, sich begatten zu lassen. Auch in die Aufzucht der Welpen greifen wir massiv ein. Wenn die Hündin einzelne Welpen abstösst, drücken wir ihr diese eben auf oder „helfen“ bei der Aufzucht. Das Hunde einen guten Grund dafür haben, den Rüden abzuwehren oder später Welpen nicht anzunehmen, ist den meisten egal.
  • H) Infantile Verhaltensweisen
    Der einzige Bereich, in dem nur eingegriffen wird, um herauszufinden, ob ein mittlerer Bindehund dabei ist. Wobei ich das dauerhafte Stören, Fotografieren, Reingrabschen und Rausnehmen der Welpen in den ersten drei Lebenswochen auch nicht besonders nett finde.
  • I) Lautäußerungen
    Anders als Wölfe sind Hunde außerordentlich laut. Und das ist so lange OK, so lange sie es nicht während der Mittagsruhe oder nach 22 Uhr sind. Natürlich sollen sie Eindringlinge anzeigen, aber bitte nicht den Postboten oder den Nachbarn im Treppenhaus.

(Quelle: Zimen, der Wolf)

Wer einen Hund halten möchte, muss damit leben, dass dieser sich vermutlich sogar wie einer verhält. Dazu gehört, dass sie stinken, sich prügeln und kein peinliches Problem damit haben, sich mitten in der Fußgängerzone fortzupflanzen.

Vielmehr sollte man sich bewusst sein, dass wir unsere Hunde in ihren normalen Verhaltensweisen nur deshalb so dermaßen verbiegen könne, weil sie hochanpassungsfähig sind.

All die ach so tollen Dinge, die wir mit unsere Hunden veranstalten, sind lediglich ein mickriger Ersatz für die eigentlichen Bedürfnisse, die sie haben.

Das kann man nicht ändern, aber man könnte mal darüber nachdenken. Und es vielleicht einfach etwas sportlicher nehmen, wenn sie dann doch mal zeigen, welche Form von Humor sie so präferieren.

Der hysterische Punkt am Horizont mit dem DBHmS hätte auch einfach drüber lachen können. Ist ja nix passiert, ausser etwas Normalverhalten.

Für die Geschäftstüchtigen unter Euch – meine Hunde würden sich über Frischfutter in der Geschmacksrichtung „Menschenkacke, breiig, verfeinert mit 4-lagigem“ freuen.

Ich würde auch ein Futter-Abo nehmen.

Von Grenzfellen

„Der Obduktionsbefund des Kindes ergab massenhaft unterschiedlich tief reichende, glattrandige Hautdurchtrennungen, einen großflächigen Verlust der Haut und des Weichteilgewebes beider Gesichtshälften sowie der behaarten Kopfhaut.

Beide Brusthöhlen waren eröffnet, ebenso die hintere Schädelgrube mit Durchtrennung der harten Hirnhaut. Todesursache war ein massiver Blutverlust in Kombination mit dem Pneumothorax.“

(Quelle: Tödliche Attacken von Hunden auf Kinder – Aktualgenese und Motivation bei spezifischer Kasuistik und bestimmten pathomorphologischen Veränderungen“ S. Heinze, D.U. Feddersen-Petersen, M. Tsokos, C. Buschmann, K. Puschel)

In den letzten Tagen erreichten mich viele Forderungen, mich an der „Rettung“ eines Hundes zu beteiligen, der im Ruhrgebiet ein Kind schwerst verletzt hat und nun per Amtsbeschluss eingeschläfert wurde.

Dies habe ich abgelehnt und klargestellt, dass ich das Einschläfern in diesem Fall völlig in Ordnung finde.

Die Gründe hierfür lege ich in den nächsten Zeilen dar.

Der Ethologe von Welt unterteilt die verschiedenen Verhaltensweisen eines Hundes in sogenannte Funktionskreise. Hierzu zählt das Sozialverhalten und dazu wiederum der Bereich der Agonistik, also alles, was Angriff und Flucht betrifft.

Einen Hund, der nicht oder falsch gelernt hat, mit Artgenossen und Menschen zu kommunizieren, kann man „resozialisieren“, wie man so schön sagt.

Im diesem Fall jedoch geht es nicht um Sozialverhalten und der Hund hat das Kind nicht „angefallen“, wie die Presse behauptet, sondern hat es gejagt, wie auch die Amtsveterinärin festgestellt hat.

Hier greift dem entsprechend keine Resozialisierung, sondern (unter anderem) ein Antijagdtraining.

Das Jagen gehört nicht zum Sozialverhalten sondern zu den stoffwechselbedingten Verhaltensweisen, also allem, was der Nahrungsbeschaffung dient. Und mit Beute kommuniziert man nicht.

Die Endhandlung des Jagens ist – auch wenn die meisten Hunde heute erfolglos bleiben – das Hetzen, Packen und Töten der Beute, um sie schließlich zu fressen.

Normalerweise gehört der Mensch nicht zum Beutespektrum des Hundes, nicht mal der Wolf hat Appetit auf uns.

Wenn ein Hund uns dennoch als Beute wahrnimmt, läuft ordentlich was schief – und ist in den allermeisten Fällen die Ursache für die schrecklichen Beißvorfälle der vergangenen Jahre.

Die liebe Dorit Feddersen-Petersen hat gemeinsam mit Rechtsmedizinern zu dem Thema geforscht und verschiedene – tödlich verlaufene – Vorfälle untersucht.

In fast allen Fällen zeigten die Hunde Elemente aus dem Jagdverhalten und keine Kommunikation mit ihren Opfern. Kein Knurren, kein Drohen, kein Nichts.

Die Verletzungen der Opfer ähneln sich häufig, ein Auszug aus „der Westen„:

„Dem Kind wurden große Teile der Kopfhaut abgerissen, es erlitt zudem teils schwere Bisswunden an Ohren, Auge, Mund, Bauch und Beinen.“

Verhalten sich Hunde aggressiv gegen Artgenossen oder Menschen, dann kommunizieren sie mit ihrem Gegenüber, jagen sie dagegen Menschen, dann stellt dieses fehlgeleitete Beutefangverhalten eine Störung dar.

Gerade Hunde, die „von Hause aus“ über ein gesteigertes Beutefangverhalten verfügen, neigen dazu, in diesem Bereich problematisches Verhalten zu zeigen.

Ungünstiges „Spiel“ kann bedingen, dass Hunde z.B. durch unreflektiertes Ball“spiel“ nicht mehr differenzieren, dem Bewegungsreiz nachgeben und schliesslich Dinge jagen, die garnicht essbar sind.

Ein Kollege sagte mal „Wenn Du wissen möchtest, ob Dein Hund ein Problem hat, schmeiss einfach den Ball vom Dach. Wenn er hinterher hetzt, hatte er ein Problem.“

Wenn der Hund die gelbe Filzkugel nicht mehr von der gelben Jogginghose unterscheiden kann, hat der Jogger ein Problem.

Noch ein Zitat aus der Studie:

„Durch Pfotenstemmen wurde Gesichtshaut abgezogen und gefressen. Auch dies gehört zum Jagdverhalten.“

Doch nicht nur „das andere Ende der Leine“ muss schuld an einer solchen Entwicklung sein.

Viele Menschen fahren vom Züchter nach Hause und haben ein Riesenproblem im Kofferraum, dem sie selbst mit größtem Sachverstand nicht Herr oder Dame werden können.

Bei einer Zuchttauglichkeitprüfung vor kurzem waren drei Erwachsene notwendig, um den Prachtrüden daran zu hindern, den Richter umzubringen, weil dieser sich die Beißrechen von dem Tierchen angucken wollte.

Der Hund bestand die Prüfung schließlich und wird nicht nur sein tolles Fell, sondern auch sein Verhalten an seine Nachkommen weitergeben.

In einer Zeit, in der Gebrauchshunderassen nach Standards gezüchtet werden, die mehr Wert auf die exakte Schulterhöhe legen als auf ein ausgeglichenes Wesen, in einer Zeit, in der das Züchten bestimmter Rassen mit Arbeitsbackground eine Lizenz zum Gelddrucken bedeutet, werden wir uns mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass wir immer wieder mit Hunden konfrontiert werden, die trotz aller ihnen entgegengebrachten Liebe und aller Mühen dermaßen genetischer Abfall sind, dass große und kleine Katastrophen vorprogrammiert sind.

Eine Amtstierärztin hatte ein inadäquates beziehungsweise fehlgeleitetes Jagdverhalten festgestellt. Eine Beißhemmung habe während des über mehrere Minuten fortgesetzten Angriffs auf das Mädchen nicht bestanden. (Quelle: Der Westen)
(Warum sollte ein Beutegreifer beim Töten der Beute eine Beißhemmung zeigen?????)

Früher mal war der Rottweiler sprichwörtlich gelassen wie ein Metzgerhund. In meiner Kindheit hatten wir einen tollen Rüden in der Nachbarschaft, den wir Kinder hätten auf Links drehen können, ohne der er auch nur einen Mucks gemacht hätte.

Solche Hunde muss man heute mit großer Sorgfalt und detektivischen Gespür suchen, noch vor zwanzig Jahren zeichnete die Hunde genau das aus.

Diese Entwicklung ist gleich aus drei Gründen dramatisch.

Erstens werden ganze Rassen unter Generalverdacht stehen, nur weil eine unseriöse Züchtermafia ohne Sinn und Verstand Viecher verpaart, bei denen Ärger vorprogrammiert ist.

Zweitens geben viele seriöse Züchter, die großen Wert auf ausgeglichene, familienfreundliche Hunde legen, irgendwann auf, weil sie auf Grund 1.) keine Käufer mehr finden.

Drittens lässt sich beobachten, dass diese Hunde dann im Tierheim landen und quasi unvermittelter sind.

Im Moment sind gerade Malinois überproportional in den Tierheimen vertreten, die ich kenne. Wenn ich im Kleinanzeigenportal meines Vertrauens lese, dass diese Hunde „familiengeeignet“, „für Senioren geeignet“ und „für Hundeanfänger“ geeignet sind und der Züchter sich gleichzeitig via YouTube einen Keks freut, dass die kleinen Racker ihm mit sechs Wochen schon in der Hetzhose hängen, dann frage ich mich, ob der gute Mann sein Gehirn in den Beinen trägt und die Hunde ihm das schon rausgeknabbert haben.

In der Hauptverhandlung führte einer der angeklagten Besitzer der Hunde aus, die Hunde haben nichts Böses „tun wollen“, sie hätten „wohl den Kopf des Jungen mit einem Ball verwechselt“

Was auch immer der Grund dafür war, dass der Hund das Kind so schwer verletzt hat, stellen sich drei Fragen.

Erstens, wie möchten die tierlieben Menschen dem Opfer, das ein Leben lang von diesem Vorfall seelisch wie wohl auch körperlich gezeichnet sein wird, erklären, dass eben dieser Hund gerettet werden musste? Nachdem, was in den verschiedenen Netzwerken zu lesen war, hat wohl kaum einer der „Retter“ auch nur einen Gedanken daran verschwendet.

Zweitens, wenn man den Hund denn gerettet hätte, wie sähe dann das Leben des Tieres aus?

Kein Tierschützer hätte die persönliche Verantwortung dafür übermehmen und gewährleisten können, dass sich ein solcher Vorfall niemals auch nur im Ansatz wiederholt. Niemals bedeutet, dass keine noch so kleine Unaufmerksamkeit in all den Jahren passieren darf. Kein sich lösender Karabiner beim täglichen Gassigang, kein kaputter Verschluss am Maulkorb und kein Moment der Unachtsamkeit beim Öffnen des Kofferraums.

Ein Leben ausschliesslich an der Leine und mit Maulkorb gesichert. Ohne Freilauf, ohne Sozialkontakt, ohne Ausnahmen. Ein Leben, gegen das Tierschützer oft genug protestieren.

Drittens, welche/r seriös arbeitende Hundetrainer/in hätte denn die Verantwortung dafür übernommen, dass der Hund sein Verhalten ändert?

Und wie hätte das Training ausgesehen?

Hätte der oder die Kollegin sich im Falle unterbrechener Maßnahmen die entsprechend entrüsteten Reaktionen derer eingefangen, die nun für die Rettung plädiert haben?

Jeder, der einen jagdlich motivierten Hund hat weiss, dass man immer auf der Hut sein muss. Und die Wahrscheinlichkeit, einem Kind zu begegnen ist in der Lebensrealität der meisten Menschen einfach größer als die Wahrscheinlichkeit, dass man einem Reh begegnet.

Und niemand möchte in diesem Zusammenhang auf der Titelseite der Bildzeitung landen, wenn doch was passiert.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ein beißvorfällig gewordener Hund eine Chance bekommen soll – vorausgesetzt, es findet sich jemand, der die Verantwortung übernimmt und mit dem Hund arbeitet.

In diesem Fall habe ich zwar viel Empörung wahrgenommen, aber keiner der Empörten hat gerufen, dass er bereit wäre, den Hund zu übernehmen und die Verantwortung zu tragen.

Das war zu erwarten.

Das kaum einer dem Opfer so etwas wie Empathie oder gar Mitgefühl entgegengebracht hat, dass sogar Stimmen laut wurden, die der geschädigten Familie so etwas wie eine Mitschuld gaben, lässt tief blicken in die Seele der Empörten.

Lieber Arm ab als Arm dran?

Brigitte wirkt erstaunlich sortiert. Der Tierschutzverein, nein, der habe sich noch nicht gemeldet. Aber nachher käme ihr Sohn vorbei, der wisse bestimmt mehr.

Am Wochenende ist es passiert. Brigitte war gerade im Garten zu Gange, als ihr neuer Hund Lennox sie ohne erkennbaren Anlass attackiert und sich in ihrem rechten Arm verbissen hatte.

Mit massiven Bissverletzungen wurde sie ins Krankenhaus gebracht und noch am selben Tag operiert.

Ihren Arm wird sie wohl nie wieder vollständig nutzen können, wie der behandelnde Arzt ihr mitteilen musste. Außerdem seien noch weitere Operationen notwendig.

Da ich Lennox derweil untergebracht habe, bin ich nun hier, um mit Brigitte die weitere Vorgehensweise zu besprechen.

Der vermittelnde Tierschutzverein soll eine Chance bekommen, den Hund abzuholen. Da sich die Damen und Herren trotz E-Mails und Nachrichten auf dem Anrufbeantworter bisher nicht rühren, vermute ich jedoch, dass sie kein großes Interesse daran haben, ihn zurückzunehmen.

Im Internet habe ich den Vermittlungstext zu Lennox gefunden. Dort wird er als Husky-Schäferhund-Mix beschrieben, der unglaublich nett und anhänglich wäre und obendrein ziemlich verspielt. Außerdem, so weiter, hätten seine Menschen wohl keine Lust mehr auf den „lustigen Clown“ gehabt.

Wenn ich mir Brigittes Arm so anschaue, bekomme ich so eine Ahnung, warum Lennox‘ Leute den „Clown“ loswerden wollten.

Keine Ahnung wiederum habe ich, wie der Tierschutzverein auf die Idee gekommen ist, Lennox ohne weitere Begutachtung zu vermitteln bzw. mal genauer nachzufragen, warum er ins Tierheim sollte.

In vielen Tierheimen läuft es leider gleich.

Wenn jemand seinen Hund abgeben möchte, wird ihm ein Fragebogen in die Hand gedrückt, den derjenige bitte auszufüllen hat. Ansonsten kaum weitere Nachfrage, vielmehr bekommt der Hundeabgeber das Gefühl vermittelt, dass er der schlechteste Mensch der Welt ist.

Fatal, denn ist der Vorbesitzer erstmal weg, dann hat das Tierheim den Hund am Bein.

Blöd, wenn die eine oder andere Verhaltensoriginalität nicht bekannt ist.

Richtig blöd, wenn ein ahnungsloser Tierpfleger plötzlich ein Problem hat, wenn er in den Zwinger kommt.

Total beschissen, wenn das Tierchen sein Verhalten erst im neuen Zuhause zeigt, wie im Fall von Brigitte.

 

Verantwortungsvoller Tierschutz bedeutet nicht nur pipikackasatt mit möglichst romantischer Retterharmonie, sondern auch, zu wissen, mit wem man es zu tun hat und mögliche Interessenten zu informieren.

Dazu gehört neben einem vernünftigen Abgabegespräch – Stichwort aktives Zuhören und Empathie – mit den Vorbesitzern auch, den Hund auf Herz und Nieren zu testen und eventuelle Verhaltensauslöser zu erkennen.

Der Tierschützer von Welt protestiert dann gerne, die arme Maus, warum sollte man sie denn „ärgern“ und überhaupt, der arme Hund hat es schon schwer genug.

Also werden die Hunde bespaßt und betüddelt, bis sie in ein neues Zuhause ziehen, ohne jemals überprüft zu haben, wie das Notfell wohl reagiert, wenn etwas nicht nach seiner Fellnase läuft.

Und dann ist es unter Umständen die stinknormale Realität außerhalb des Tierheims, die dafür sorgt, dass der Hund genau das Verhalten an den Tag legt, das zum Tierheimaufenthalt geführt hat.

Aber es geht noch schlimmer. Eine Kollegin, die ehrenamtlich für ein Tierheim mit den Hunden trainiert hat, hatte einem Kandidaten dauerhaft den Maulkorb verordnet, weil er ihrer Meinung nach arschgefährlich war.

„Das geht gar nicht, das arme Tier“, so lautete der Tenor der versammelten Tierlieben, sogar bis an den Deutschen Tierschutzbund gingen die Beschwerden über die ach so herzlose Hundetrainerin.

Also entschied man sich, den armen Hund von seiner Schmach wieder zu befreien.

Mit dem Endergebnis, dass die Kollegin bei der nächsten Gelegenheit die schmerzhafte Erfahrung machen durfte, dass sie mit ihrer Einschätzung richtig lag und vom Hündchen ordentlich zerledert wurde.

Auch hier hätte der Einsatz von Hirn und Sachverstand schlimmeres verhindern können, aber darum geht es beim Tierschutz in vielen Fällen gar nicht.

Vielmehr geht es darum, sich selber gut zu fühlen und so zu tun, als würde man etwas uneigennütziges tun.

Ein Bekannter von mir, der in einem der „Vorzeigetierheime“ Deutschlands arbeitet, hat mir mal erzählt, dass die Tierpfleger angehalten sind, mit allen Hunden gemäß der Philosophie einer meiner Meinung nach völlig Wahnsinnigen zu arbeiten – egal, ob sie zum jeweiligen Hund passt oder nicht.

Wenn der eine oder andere Vierbeiner sich auf Gedeih und Verderb nicht auf Leckerchen und Clickerchen einlassen möchte, gehen die Pfleger wie folgt vor.

Sie warten, bis die Öffnungszeiten rum sind, einer steht Schmiere, und dann wird mit dem Hund so gearbeitet, wie es notwendig wäre.

Denn wehe, jemand würde mitbekommen, dass der eine oder andere Vierbeiner mal eine Ansage bekommt … Dann könnten sich die Pfleger einen neuen Job suchen.

Es ist verrückt.

Wir haben immer extremere Hunde, dürfen aber immer weniger tun, um sie zu erziehen. Will der passend zur Wohnlandschaft angeschaffte Mali seinen Artgenossen umbringen und wir unterbrechen ihn, kriegen wir eine Ansage, die sich gewaschen hat. Lassen wir ihn tun, was er zu tun müssen meint, kriegen wir auch eine Ansage, die sich gewaschen hat.

Vor ein paar Tagen habe ich mit einem Hütitüti gearbeitet, das jagdlich motiviert auf Kinder losgeht. Die Mutter des Kindes war völlig aufgebracht, weil ich den Hund körperlich daran gehindert habe, sich das Kind zu schnappen.

Wie hätte sie wohl reagiert, wenn ich den Hund nicht daran gehindert hätte?

Auch heute hat sich das Tierheim nicht gemeldet, ich überlege, ob ich einfach dahin fahre und Lennox am Tor anbinde. Mal gucken, wie er reagiert, wenn ihn jemand abmachen möchte.

Barfuss ins Stressnäpfchen treten

Es gibt zwei Anhaltspunkte anhand derer man merkt, dass man älter wird.

  1. Die Filme, von denen man dachte, sie seien voll im Trend, laufen plötzlich sonntags mittags auf Kabel 1.
  2. Dinge, die einen noch vor gar nicht langer Zeit auf die Palme brachten, ignoriert man einfach – und sei es, um dem ersten Herzinfarkt vorzubeugen.
  3. Weil, da krieg ich Stress – und wie jeder weiß ist Stress böse!

Und weil Stress böse ist, halten wir den gefälligst von unseren Fellnasen fern, denn wir wollen ja nur das beste für die Kleinen. Dafür nehmen wir natürlich gerne in Kauf, selber in Stress zu geraten. Denn so ein Leben für den ungebremsten Vierbeiner will ja schließlich organisiert werden.

Der Begriff „Stress“ als solcher wird erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts genutzt und beschrieb zunächst einmal die allgemeine erhöhte Aufmerksamkeit eines Organismus in einer Gefahrensituation.

Diese Reaktion unseres Körpers ist erstmal gut – egal, ob wir ein Hund oder Mensch sind.In früheren Zeiten, in denen es noch größere Gefahren gab, als das der Akku vom Smartphone leer ist, konnte die akute Stressreaktion Leben retten.

Wenn Euer UrUrUrUrUrUrUrUrUr-Großvater plötzlich vor einem Säbelzahntiger stand, sorgte unter anderem Adrenalin aus dem Nebennierenmark dafür, dass Opa in der Lage war, schnell zu reagieren.

Auf der einen Seite werden z.B. die Pupillen erweitert und die Herfrequenz sowie der Muskeltonus erhöht, auf der anderen Seite wurden – in dem Moment – unnötige Körperfunktionen eingestellt. Schließlich kann es niemand brauchen, im Angesicht einer Bedrohung erstmal kacken zu müssen.

Auf Hirnebene sorgen Serotonin und Noradrenalin dafür, dass unser schnarchlangsames Großhirn „nichts mehr zu sagen“ hat und dafür das nicht ganz so kluge, aber dafür schnellere Stammhirn das Ruder übernimmt.

Ob Euer Vorfahre die Flucht ergriffen hat oder in den Kampf gezogen ist, konnte er spontan entscheiden. Im Falle des Säbelzahntigers hat er besser den ungeordneten Rückzug angetreten, im Falle eines fremden Typen, der sich an Eure UrUrUrUrUrUrUrUrUr-Oma rangemacht hat, hat es vermutlich geknallt und dem Eindringling wurde gezeigt, wo der Frosch die Locken hat.

Der Psychologe nennt das Ganze „Fight & Flight“, der Endokrinologe glaub‘ ich auch.

Auf jeden Fall braucht unser Körper nach Lösung des Konfliktes etwas Zeit, bis das Adrenalin wieder abgebaut ist. Das ist der Grund, warum sich manche von uns noch halben Tag aufregen, wenn irgendwas passiert ist.

Viele Menschen auf dieser Erde finden diese körperliche Reaktion übrigens dermaßen witzig, dass sie sich in Achterbahnen setzen, ins Horrorkino gehen oder sich für Geld an einem Gummiseil von einer Brücke stürzen.

Erst, wenn wir mit dem Stressor überfordert oder ihm dauerhaft ausgeliefert sind, kommt es zu einer negativen Stressbelastung. Hier schießt der Körper Cortisol aus der Nebennierenrinde nach und verhindert sozusagen, dass wir „wieder runterkommen“. Was bleibt ist ein dauerhafter Alarmzustand, der im schlimmsten Falle verhindert, dass wir dazulernen. Dafür bekommen wir Bluthochdruck, Impotenz, Herzinfarkte oder ein Burnout-Syndrom.

Hans Seyle war es, der ab 1934 das sogenannte allgemeine Adaptionssyndrom (generell adaption syndrom) beschrieb und später die Begriffe „Eustress“ für positiven, also aktivierenden Stress und „Distress“ für negativen, weil dauerhaften und überfordernden Stress nutzte.

Wie ich bereits oben beschrieb,liegt es beim Empfänger, was für ihn Stress bedeutet und was nicht.

B.F. Skinner war ein Behaviorist und experimentierte mit Ratten in der von ihm entwickelten Skinner-Box.

Die Holzkiste bestand aus einem reizarmen Raum und einem Hebel. Die Aufgabe der Ratte war es, selbigen zu betätigen und dafür gab es dann Futter. Skinner maß die Zeit, die die Ratte benötigte, um hinter das Prinzip Hebel =Futter zu kommen und überprüfte in er Folge, ob das Versuchstier in der Wiederholung den Hebel schneller betätigte. Und siehe da. Einmal kapiert, zeigte die Ratte das Verhalten öfter und verstärkt, schließlich wurde sie positiv belohnt.

In einem weiteren Versuch wurde ein Aversiv- und ein Akustikreiz eingebracht. Wenn die Ratte den Hebel nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraums nach Erklingen des Akustikreizes betätigte, erfolgte ein Stromstoss.

Was folgte war eine körperliche Stressreaktion auf den Schmerzreiz, welche abgebaut wurde, sobald das Versuchstier die Lösung, nämlich den Hebel zu betätigen, wieder abgebaut wurde.

Wie realitätsfern jedoch die Theorie des Behaviorismus ist, zeigte sich, als New York zwischen den beiden Weltkriegen von einer Rattenplage heimgesucht wurde. Auf Grund seiner Versuche galt Skinner als Rattenexperte und wurde gebeten, bei der Eindämmung der Plage zu helfen.

Tatsächlich blieben all seine Versuche erfolglos – schlicht und ergreifend deshalb, weil er auf Grund der Laborbedingungen, unter denen er gearbeitet hatte, keine Ahnung von der sozialen Organisation der Tiere hatte. Das die Tiere in Gruppen leben und das jeweils älteste Tier die Rolle des Vorkosters übernimmt, war ihm neu und so konnte er nicht helfen.

Aber zurück zum Thema Stress.

Richtig fies wurde es für die Nager, die für ein vergleichendes Experiment genutzt wurden.

Hier hatte Gruppe 1 die Möglichkeit, einen Schmerzreiz zu verhindern, in dem sie eine Taste betätigten, während Gruppe 2 keine Möglichkeit hatte, dem Reiz zu entgehen. In der Folge wurden die Versuchstiere der zweiten Gruppe apathisch und defensiv, ergaben sich ihrem Schicksal und verendeten schließlich.

Auch andere Versuche belegen, dass eine Stressreaktion vermindert bzw. wieder abgebaut wird, wenn der Proband eine Möglichkeit hat, mit dem Stressor umzugehen.

Hierfür ist es allerdings notwendig, dass das Tier (oder der Mensch) über entsprechende Copingstrategien verfügt.

In der Pchychologie bezeichnet der Begriff eine Strategie im Umgang mit schwierigen Situationen, im Bereich der Verhaltenstherapie zum Beispiel Rituale, die im Umgang mit Triggern (Schlüsselreize) oder gar Flashbacks (ein Wiedererleben früherer Gefühlszustände) helfen.

Und die gibbet eben nicht bei Fressnapf, sondern müssen durch Erfahrungen erworben werden.

Warum schreibe ich eigentlich das ganze Gesummse?

In der modernen Kyno-Pädagogik hat sich ja allenthalben durchgesetzt, dass Stress böse ist und dafür sorgt, dass unsere Hunde nicht mehr lernen oder gar in die „erlernte Hilflosigkeit“ fallen, wenn sie ihm ausgesetzt sind. Des Weiteren wird Stress nur und ausschließlich durch Strafe, scharfe Worte oder die Nutzung von Konsonanten verursacht.

Zunächst einmal: Die „erlernte Hilflosigkeit“ geht vermutlich zurück auf die „experimentelle Neurose“ nach Pawlow, das war der mit dem Hund, und auf den „Depressionseffekt“ aus der Lerntheorie (Verstärker).

Pawlow erkannte, dass man im Experiment beim Versuchstier Neurose hervorrufen konnte, in dem man dafür sorgt, dass es sich „weder der Situation entziehen noch ein entsprechendes Lernverhalten entwickeln“ kann. (Quelle: Uni-Hamburg)

Ein Beispiel:

„Ein Tier in einem Versuchskäfig lernt, dass es einen Stromschlag erhält, wenn es gegen die Tür kommt. Es weicht der Tür aus. Plötzlich erhält es Stromschläge vom Boden, obwohl es sich nicht bewegt hat. Dies führt zu einer Neurose des Tieres, die experimentell hervorgerufen wurde.“

Selbiges gilt für die Konfrontation mit zwei unterschiedlich belegten Reizen, die das Tier nicht unterscheiden kann.

So wurden Versuchstiere mit zwei Ellipsen konfrontiert, bei Ellipse 1 erfolgte ein Lob, bei Ellipse 2 erfolgte ein Aversivreiz. Auf Grund dessen, dass dei Tiere nicht in der Lage waren, gut und böse voneinander zu unterscheiden, verhielten sie sich neurotisch.

Und weil die Forscher ja mit Aversivreizen gearbeitet haben, beschränkt sich ein solcher Effekt natürlich ausschließlich auf Strafe. Nicht.

Vielmehr ist es für die Messung eines Versuchserbnisses schlicht einfacher, die Schmerzreaktion zu messen als die pure Freude.

Wenn Dein Lob und Dein Nicht-Lob sich sehr ähnlich sind, kannst Du den selben Effekt bei deinem Hund erreichen. Wenn Du nicht konsequent belohnst, läufst Du ebenfalls Gefahr, dass der Hund nicht in der Lage ist, zu begreifen, was Du eigentlich möchtest.

Und dann kommt der Depressionseffekt um die Ecke. Hier findet eine Gewöhnung statt und der Verstärker verliert an Reiz. Irgendwann gewöhnt sich Waldi also an den Leinenruck und irgendwann ist das Frolic nicht mehr interessant.

Alles gar nicht so einfach. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, kommen noch die ganzen Hormone dazu und das Vieh belohnt sich auch noch selbst.

Und nun kommt da so elender Stressor um die Ecke und los geht’s

Gehen wir davon aus, dass wir einen gut sozialisierten und habituierten Hund haben, dann findet die Adrenalinausschüttung statt und der Hund kann auf Grund seiner vielfältigen Lernerfahrungen entscheiden, wie er reagiert.

Da ja sein Herrchen oder Frauchen dabei sind, kommt noch die soziale Kompomente dazu – Stichwort Oxytocin, das „Bindungshormon“.

Im Falle eines anderen, aggressiv auftretenden Hundes hat unser Vierbeiner die Wahl zwischen „den bring ich um“, „ich hau hier ab“, „ich bleibe cool“ und anderen. Im Idealfall bleibt er locker und die Situation löst sich auf.

Hier findet dann nochmal eine selbstbelohnende Hormonausschüttung durch Serotonin statt, Rex klopft sich quasi selber auf die Schulter und lernt – trotz Stress – das locker bleiben eine gute Copingstrategie ist.

Toller Hund, alles gut!

Schwierig wird es, wenn der Hund nicht ausreichend Strategien hat, mit Stress umzugehen oder der irrigen Annahme ist, dass er sein Gegenüber verprügeln möchte.

Dann muss der Mensch eingreifen – Stress hin oder her – um die Umwelt und den Hund vor sich selber zu schützen.

Und solche Hunde lerne ich in letzter Zeit immer mehr kennen. Ist ja logisch, damit unser geliebter Vierbeiner ja glücklich ist, halten wir jede Form von Stress vom kleinen Kerl fern, füttern ihn mit Bananenkeksen, weil Lernen ja Glukose verbraucht und markern fröhlich vor uns hin.

Kommt dann ein Stressor um die Ecke, wirds heikel.

Um es noch mal zu wiederholen, was Stress ist und was nicht, ist hochindividuell. Wenn ich merke, dass ich mich verspäte, bekomme ich die Krise, während meine Freundin vollkommen entspannt bleibt.

Und so ziemlich alles kann zum Stressor werden, wenn der Hund nicht vernünftig habituiert und sozialisiert wird. Bis hin zu Hunden, für die der ganz normale Alltag purer Stress bedeutet.

In der modernen Kyno-Pädagogik heißt das Zauberwort dann Desensibilisierung.

Der Ablauf ist einigermaßen logisch: Der Klient, in dem Fall Luna, wird sachte und nur so lange an den Stressor herangeführt, wie sie entspannen kann. So soll über Zeit und Wiederholung erreicht werden, dass sie im Angesicht des Stressors entspannt bleibt.

So weit, so gut.

Nun ist das mit der Desensibilisierung so eine Sache. Denn selbst in der Therapie eines Menschen ist höchstes Fingerspitzengefühl gefragt und nicht selten bleibt die Desensibilisierung erfolglos.

Ein mögliches Beispiel:

Wenn statt Luna Heike vorm Therapeuten sitzt und nicht Hunde sondern Spinnen der Stressor sind, dann beginnt die Desensibilisierung oft „in Sensu“, d.h. man würde mit Heike erstmal im Gedanken durchspielen, wie es wäre, wenn da jetzt eine Spinne daher käme, sich ihr nähert, an ihr hoch krabbelt etc. Erst, wenn es ihr gelingt, „in Sensu“ entspannt zu bleiben, würde „In Vivo“ folgen, sprich Heike würde mit einer echten Spinne konfrontiert.

Die Krux an der Geschichte ist, dass es außerordentlich schwierig ist, den Moment zu finden, in dem Heike in der Stresssituation entspannt bleiben kann. Geht der Therapeut nicht weit genug, findet keine Linderung statt. Geht er zu weit, kann Heike nicht mehr entspannen.

Das bedeutet für den Therapeuten, dass er Heike aus der Konfrontation mit dem Stressor entlassen muss.

Hormonell bedeutet das für Heike, dass sie sich durch die Distanzvergrößerung zum – in dem Fall phobischen Auslöser – selber belohnt.

Für die Lerntheoretiker unter uns: Durch Wegnehmen des unangenehmen Reizes findet eine negative Belohnung statt.

Der Grund, warum Desensibilisierung beim Menschen überhaupt funktioniert, ist in den meisten Fällen das hohe empathische Vermögen des Therapeuten.

Was bei Heike schwierig ist, ist bei Luna meiner Meinung nach nicht umsetzbar. Zumindest nicht innerhalb eines vertretbaren Zeitraum in der Lebensrealität eines Hundes.

Zunächst einmal ist es nicht möglich, sich mit einem Hund „In Senso“ einem Auslöser zu nähern.

Die Frage „Luna, stell Dir mal vor, da kommt jetzt ein fremder Hund, wie fühlst Du Dich?“ bleibt ziemlich sinnlos, da Hunde 1. erwiesenermaßen nicht über die Adaptionsfähigkeit verfügen, Gedankenspiele durchzuführen und 2. anders als wir Menschen mit unserer Symbolsprache wenig anfangen können.

Das bedeutet, dass uns nur „In Vito“ bleibt, wenn wir Luna den Stress mit anderen Hunden nehmen wollen.

Das wiederum heißt nichts anderes, als dass wir unmittelbar an die Türe zur Reizüberflutung klopfen und Luna gegen unseren Willen „flooden“, wenn plötzlich ein Hund um die Ecke kommt.

Dazu kommt, dass es schon extrem schwierig ist, bei einem Menschen den magischen Punkt zu finden, an dem eine Desensibilisierung stattfinden kann. Wie das bei einem Hund – zuverlässig – gelingen soll, ist mir schleierhaft.

Und wenn die Lunamaus dann im Stress ist, ereilt uns die selbe Problematik wie mit Heike und der Spinne.

Lassen wir sie da raus, belohnt sie sich selber und das Verhalten wird verstärkt. Das gilt übrigens auch in dem Fall, in dem Luna sich dazu entscheidet, ihr gegenüber zu attackieren.

Das Ziel von Lunas Attacke ist auch eine Distanzvergrößerung, haut der andere Hund ab oder wir treten den Rückzug an, ergibt sich das selbe Spiel – das Lunatier belohnt sich selber.

Übrigens, mit dem Gegenkonditionieren, also dem „Schönfüttern“ eines angstauslösenden Reizes, verhält es sich ganz ähnlich. Entweder hat er keine Angst im biologischen Sinne oder er frisst nicht.

Eigentlich ganz einfach.

Zeigt unser Hund ein unerwünschtes Verhalten, das wir unterbrechen müssen, dann zeigt er eine Stressreaktion. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass er deshalb nicht in der Lage wäre zu lernen.

Unserem pubertierendem Kind können wir sagen „Kevin, räum bitte Dein Zimmer auf, ansonsten nehm ich Dir dein Handy weg“. Da Kevin in der Lage ist, sich ein Leben ohne Whatsapp vorzustellen, wird er sein Zimmer aufräumen und sich selber belohnen, in dem er dem Ärger aus demWeg geht und das vorteilhafte Verhalten zeigt. Hier findet wieder die Hormonausschüttung statt, die dafür sorgt, dass Kevin sich gut fühlt.

Übrigens: Wenn Kevin gelernt hat, dass wir ihm sein Telefon eh nicht wegnehmen, dann können wir lange bitten.

Selbiges gilt, wenn wir darauf warten, dass ein 15-jähriger von sich aus ohne Not auf die Idee käme, sein Zimmer aufzuräumen, um ihn dann zu belohnen.

Dürfte jedem, der mit Kindern in dem Alter zu tun hat, klar sein.

Wir kommen zurück zu Luna: Statt „Angst“ vor anderen Hunden zu haben, pöbelt sie einfach gerne an der Leine.

Kommt uns jetzt der Rex entgegen, bekommt Luna ihren Adrenalinkick und wills jucken lassen. Das heisst, der Stress ist schon da. Vorausgesetzt, dass Luna bereits Lernerfahrungen gemacht hat und die Beziehung stimmig ist, kann Lunas Besitzer sie durchaus unterbrechen.

Auf Grund der guten Bindung kann Oxytocin den Stresspegel dämpfen, die Selbstbelohnung kann stattfinden, wenn Luna ein alternatives Verhalten zeigt.

Der Grund, warum ich nicht vom lobenden Menschen schreibe ist der, dass wir nicht nur ein Verhalten verstärken, sondern immer auch eine Stimmung. Das heißt, auch wenn Luna den blöden Rüden augenscheinlich nicht anzickt, kann es sein, dass ich ihre innere Bereitschaft dazu lobe und dadurch das Verhalten auslöse.

Leben ist die beste Prävention

Wenn man wirklich einen Hund sein Eigen nennt, der auf bestimmte Reize mit starkem Stress reagiert, sollte man tunlichst vermeiden, die selbstbelohnenden Mechanismen zuzulassen, weil – und das ist nicht neu – belohntes Verhalten häufiger gezeigt oder verstärkt wird.

Idealerweise verhindert man den ganzen Kladderadatsch, in dem man dafür Sorge trägt, dass der Hund vielfältige Erfahrungen auch mit stressauslösenden Reizen macht.

Zudem sollte man sich bewusst machen, dass ein Hund einen großen Teil der sensiblen Phasen beim Züchter verbringt. Das Geld, das man beim Welpenhändler spart trägt man oft doppelt und dreifach in die Verhaltenstherapie.

Lass die Hunde leben, lasst sie Erfahrungen machen – auch solche, die vielleicht nicht so schön sind.

Behandelt triviale Reize trivial, das macht das Leben leichter und bringt Euren Hund gar nicht erst auf die Idee, irgendwas gruselig zu finden.

Macht nicht aus jedem Scheiß eine Wissenschaft und nicht aus jedem Verhalten eine Übung.

Zieht nicht in den Krieg, dann gibt es auch keinen.

Und zu guter Letzt: Nicht vergessen zu atmen.