Es gibt zwei Anhaltspunkte anhand derer man merkt, dass man älter wird.

  1. Die Filme, von denen man dachte, sie seien voll im Trend, laufen plötzlich sonntags mittags auf Kabel 1.
  2. Dinge, die einen noch vor gar nicht langer Zeit auf die Palme brachten, ignoriert man einfach – und sei es, um dem ersten Herzinfarkt vorzubeugen.
  3. Weil, da krieg ich Stress – und wie jeder weiß ist Stress böse!

Und weil Stress böse ist, halten wir den gefälligst von unseren Fellnasen fern, denn wir wollen ja nur das beste für die Kleinen. Dafür nehmen wir natürlich gerne in Kauf, selber in Stress zu geraten. Denn so ein Leben für den ungebremsten Vierbeiner will ja schließlich organisiert werden.

Der Begriff „Stress“ als solcher wird erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts genutzt und beschrieb zunächst einmal die allgemeine erhöhte Aufmerksamkeit eines Organismus in einer Gefahrensituation.

Diese Reaktion unseres Körpers ist erstmal gut – egal, ob wir ein Hund oder Mensch sind.In früheren Zeiten, in denen es noch größere Gefahren gab, als das der Akku vom Smartphone leer ist, konnte die akute Stressreaktion Leben retten.

Wenn Euer UrUrUrUrUrUrUrUrUr-Großvater plötzlich vor einem Säbelzahntiger stand, sorgte unter anderem Adrenalin aus dem Nebennierenmark dafür, dass Opa in der Lage war, schnell zu reagieren.

Auf der einen Seite werden z.B. die Pupillen erweitert und die Herfrequenz sowie der Muskeltonus erhöht, auf der anderen Seite wurden – in dem Moment – unnötige Körperfunktionen eingestellt. Schließlich kann es niemand brauchen, im Angesicht einer Bedrohung erstmal kacken zu müssen.

Auf Hirnebene sorgen Serotonin und Noradrenalin dafür, dass unser schnarchlangsames Großhirn „nichts mehr zu sagen“ hat und dafür das nicht ganz so kluge, aber dafür schnellere Stammhirn das Ruder übernimmt.

Ob Euer Vorfahre die Flucht ergriffen hat oder in den Kampf gezogen ist, konnte er spontan entscheiden. Im Falle des Säbelzahntigers hat er besser den ungeordneten Rückzug angetreten, im Falle eines fremden Typen, der sich an Eure UrUrUrUrUrUrUrUrUr-Oma rangemacht hat, hat es vermutlich geknallt und dem Eindringling wurde gezeigt, wo der Frosch die Locken hat.

Der Psychologe nennt das Ganze „Fight & Flight“, der Endokrinologe glaub‘ ich auch.

Auf jeden Fall braucht unser Körper nach Lösung des Konfliktes etwas Zeit, bis das Adrenalin wieder abgebaut ist. Das ist der Grund, warum sich manche von uns noch halben Tag aufregen, wenn irgendwas passiert ist.

Viele Menschen auf dieser Erde finden diese körperliche Reaktion übrigens dermaßen witzig, dass sie sich in Achterbahnen setzen, ins Horrorkino gehen oder sich für Geld an einem Gummiseil von einer Brücke stürzen.

Erst, wenn wir mit dem Stressor überfordert oder ihm dauerhaft ausgeliefert sind, kommt es zu einer negativen Stressbelastung. Hier schießt der Körper Cortisol aus der Nebennierenrinde nach und verhindert sozusagen, dass wir „wieder runterkommen“. Was bleibt ist ein dauerhafter Alarmzustand, der im schlimmsten Falle verhindert, dass wir dazulernen. Dafür bekommen wir Bluthochdruck, Impotenz, Herzinfarkte oder ein Burnout-Syndrom.

Hans Seyle war es, der ab 1934 das sogenannte allgemeine Adaptionssyndrom (generell adaption syndrom) beschrieb und später die Begriffe „Eustress“ für positiven, also aktivierenden Stress und „Distress“ für negativen, weil dauerhaften und überfordernden Stress nutzte.

Wie ich bereits oben beschrieb,liegt es beim Empfänger, was für ihn Stress bedeutet und was nicht.

B.F. Skinner war ein Behaviorist und experimentierte mit Ratten in der von ihm entwickelten Skinner-Box.

Die Holzkiste bestand aus einem reizarmen Raum und einem Hebel. Die Aufgabe der Ratte war es, selbigen zu betätigen und dafür gab es dann Futter. Skinner maß die Zeit, die die Ratte benötigte, um hinter das Prinzip Hebel =Futter zu kommen und überprüfte in er Folge, ob das Versuchstier in der Wiederholung den Hebel schneller betätigte. Und siehe da. Einmal kapiert, zeigte die Ratte das Verhalten öfter und verstärkt, schließlich wurde sie positiv belohnt.

In einem weiteren Versuch wurde ein Aversiv- und ein Akustikreiz eingebracht. Wenn die Ratte den Hebel nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraums nach Erklingen des Akustikreizes betätigte, erfolgte ein Stromstoss.

Was folgte war eine körperliche Stressreaktion auf den Schmerzreiz, welche abgebaut wurde, sobald das Versuchstier die Lösung, nämlich den Hebel zu betätigen, wieder abgebaut wurde.

Wie realitätsfern jedoch die Theorie des Behaviorismus ist, zeigte sich, als New York zwischen den beiden Weltkriegen von einer Rattenplage heimgesucht wurde. Auf Grund seiner Versuche galt Skinner als Rattenexperte und wurde gebeten, bei der Eindämmung der Plage zu helfen.

Tatsächlich blieben all seine Versuche erfolglos – schlicht und ergreifend deshalb, weil er auf Grund der Laborbedingungen, unter denen er gearbeitet hatte, keine Ahnung von der sozialen Organisation der Tiere hatte. Das die Tiere in Gruppen leben und das jeweils älteste Tier die Rolle des Vorkosters übernimmt, war ihm neu und so konnte er nicht helfen.

Aber zurück zum Thema Stress.

Richtig fies wurde es für die Nager, die für ein vergleichendes Experiment genutzt wurden.

Hier hatte Gruppe 1 die Möglichkeit, einen Schmerzreiz zu verhindern, in dem sie eine Taste betätigten, während Gruppe 2 keine Möglichkeit hatte, dem Reiz zu entgehen. In der Folge wurden die Versuchstiere der zweiten Gruppe apathisch und defensiv, ergaben sich ihrem Schicksal und verendeten schließlich.

Auch andere Versuche belegen, dass eine Stressreaktion vermindert bzw. wieder abgebaut wird, wenn der Proband eine Möglichkeit hat, mit dem Stressor umzugehen.

Hierfür ist es allerdings notwendig, dass das Tier (oder der Mensch) über entsprechende Copingstrategien verfügt.

In der Pchychologie bezeichnet der Begriff eine Strategie im Umgang mit schwierigen Situationen, im Bereich der Verhaltenstherapie zum Beispiel Rituale, die im Umgang mit Triggern (Schlüsselreize) oder gar Flashbacks (ein Wiedererleben früherer Gefühlszustände) helfen.

Und die gibbet eben nicht bei Fressnapf, sondern müssen durch Erfahrungen erworben werden.

Warum schreibe ich eigentlich das ganze Gesummse?

In der modernen Kyno-Pädagogik hat sich ja allenthalben durchgesetzt, dass Stress böse ist und dafür sorgt, dass unsere Hunde nicht mehr lernen oder gar in die „erlernte Hilflosigkeit“ fallen, wenn sie ihm ausgesetzt sind. Des Weiteren wird Stress nur und ausschließlich durch Strafe, scharfe Worte oder die Nutzung von Konsonanten verursacht.

Zunächst einmal: Die „erlernte Hilflosigkeit“ geht vermutlich zurück auf die „experimentelle Neurose“ nach Pawlow, das war der mit dem Hund, und auf den „Depressionseffekt“ aus der Lerntheorie (Verstärker).

Pawlow erkannte, dass man im Experiment beim Versuchstier Neurose hervorrufen konnte, in dem man dafür sorgt, dass es sich „weder der Situation entziehen noch ein entsprechendes Lernverhalten entwickeln“ kann. (Quelle: Uni-Hamburg)

Ein Beispiel:

„Ein Tier in einem Versuchskäfig lernt, dass es einen Stromschlag erhält, wenn es gegen die Tür kommt. Es weicht der Tür aus. Plötzlich erhält es Stromschläge vom Boden, obwohl es sich nicht bewegt hat. Dies führt zu einer Neurose des Tieres, die experimentell hervorgerufen wurde.“

Selbiges gilt für die Konfrontation mit zwei unterschiedlich belegten Reizen, die das Tier nicht unterscheiden kann.

So wurden Versuchstiere mit zwei Ellipsen konfrontiert, bei Ellipse 1 erfolgte ein Lob, bei Ellipse 2 erfolgte ein Aversivreiz. Auf Grund dessen, dass dei Tiere nicht in der Lage waren, gut und böse voneinander zu unterscheiden, verhielten sie sich neurotisch.

Und weil die Forscher ja mit Aversivreizen gearbeitet haben, beschränkt sich ein solcher Effekt natürlich ausschließlich auf Strafe. Nicht.

Vielmehr ist es für die Messung eines Versuchserbnisses schlicht einfacher, die Schmerzreaktion zu messen als die pure Freude.

Wenn Dein Lob und Dein Nicht-Lob sich sehr ähnlich sind, kannst Du den selben Effekt bei deinem Hund erreichen. Wenn Du nicht konsequent belohnst, läufst Du ebenfalls Gefahr, dass der Hund nicht in der Lage ist, zu begreifen, was Du eigentlich möchtest.

Und dann kommt der Depressionseffekt um die Ecke. Hier findet eine Gewöhnung statt und der Verstärker verliert an Reiz. Irgendwann gewöhnt sich Waldi also an den Leinenruck und irgendwann ist das Frolic nicht mehr interessant.

Alles gar nicht so einfach. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, kommen noch die ganzen Hormone dazu und das Vieh belohnt sich auch noch selbst.

Und nun kommt da so elender Stressor um die Ecke und los geht’s

Gehen wir davon aus, dass wir einen gut sozialisierten und habituierten Hund haben, dann findet die Adrenalinausschüttung statt und der Hund kann auf Grund seiner vielfältigen Lernerfahrungen entscheiden, wie er reagiert.

Da ja sein Herrchen oder Frauchen dabei sind, kommt noch die soziale Kompomente dazu – Stichwort Oxytocin, das „Bindungshormon“.

Im Falle eines anderen, aggressiv auftretenden Hundes hat unser Vierbeiner die Wahl zwischen „den bring ich um“, „ich hau hier ab“, „ich bleibe cool“ und anderen. Im Idealfall bleibt er locker und die Situation löst sich auf.

Hier findet dann nochmal eine selbstbelohnende Hormonausschüttung durch Serotonin statt, Rex klopft sich quasi selber auf die Schulter und lernt – trotz Stress – das locker bleiben eine gute Copingstrategie ist.

Toller Hund, alles gut!

Schwierig wird es, wenn der Hund nicht ausreichend Strategien hat, mit Stress umzugehen oder der irrigen Annahme ist, dass er sein Gegenüber verprügeln möchte.

Dann muss der Mensch eingreifen – Stress hin oder her – um die Umwelt und den Hund vor sich selber zu schützen.

Und solche Hunde lerne ich in letzter Zeit immer mehr kennen. Ist ja logisch, damit unser geliebter Vierbeiner ja glücklich ist, halten wir jede Form von Stress vom kleinen Kerl fern, füttern ihn mit Bananenkeksen, weil Lernen ja Glukose verbraucht und markern fröhlich vor uns hin.

Kommt dann ein Stressor um die Ecke, wirds heikel.

Um es noch mal zu wiederholen, was Stress ist und was nicht, ist hochindividuell. Wenn ich merke, dass ich mich verspäte, bekomme ich die Krise, während meine Freundin vollkommen entspannt bleibt.

Und so ziemlich alles kann zum Stressor werden, wenn der Hund nicht vernünftig habituiert und sozialisiert wird. Bis hin zu Hunden, für die der ganz normale Alltag purer Stress bedeutet.

In der modernen Kyno-Pädagogik heißt das Zauberwort dann Desensibilisierung.

Der Ablauf ist einigermaßen logisch: Der Klient, in dem Fall Luna, wird sachte und nur so lange an den Stressor herangeführt, wie sie entspannen kann. So soll über Zeit und Wiederholung erreicht werden, dass sie im Angesicht des Stressors entspannt bleibt.

So weit, so gut.

Nun ist das mit der Desensibilisierung so eine Sache. Denn selbst in der Therapie eines Menschen ist höchstes Fingerspitzengefühl gefragt und nicht selten bleibt die Desensibilisierung erfolglos.

Ein mögliches Beispiel:

Wenn statt Luna Heike vorm Therapeuten sitzt und nicht Hunde sondern Spinnen der Stressor sind, dann beginnt die Desensibilisierung oft „in Sensu“, d.h. man würde mit Heike erstmal im Gedanken durchspielen, wie es wäre, wenn da jetzt eine Spinne daher käme, sich ihr nähert, an ihr hoch krabbelt etc. Erst, wenn es ihr gelingt, „in Sensu“ entspannt zu bleiben, würde „In Vivo“ folgen, sprich Heike würde mit einer echten Spinne konfrontiert.

Die Krux an der Geschichte ist, dass es außerordentlich schwierig ist, den Moment zu finden, in dem Heike in der Stresssituation entspannt bleiben kann. Geht der Therapeut nicht weit genug, findet keine Linderung statt. Geht er zu weit, kann Heike nicht mehr entspannen.

Das bedeutet für den Therapeuten, dass er Heike aus der Konfrontation mit dem Stressor entlassen muss.

Hormonell bedeutet das für Heike, dass sie sich durch die Distanzvergrößerung zum – in dem Fall phobischen Auslöser – selber belohnt.

Für die Lerntheoretiker unter uns: Durch Wegnehmen des unangenehmen Reizes findet eine negative Belohnung statt.

Der Grund, warum Desensibilisierung beim Menschen überhaupt funktioniert, ist in den meisten Fällen das hohe empathische Vermögen des Therapeuten.

Was bei Heike schwierig ist, ist bei Luna meiner Meinung nach nicht umsetzbar. Zumindest nicht innerhalb eines vertretbaren Zeitraum in der Lebensrealität eines Hundes.

Zunächst einmal ist es nicht möglich, sich mit einem Hund „In Senso“ einem Auslöser zu nähern.

Die Frage „Luna, stell Dir mal vor, da kommt jetzt ein fremder Hund, wie fühlst Du Dich?“ bleibt ziemlich sinnlos, da Hunde 1. erwiesenermaßen nicht über die Adaptionsfähigkeit verfügen, Gedankenspiele durchzuführen und 2. anders als wir Menschen mit unserer Symbolsprache wenig anfangen können.

Das bedeutet, dass uns nur „In Vito“ bleibt, wenn wir Luna den Stress mit anderen Hunden nehmen wollen.

Das wiederum heißt nichts anderes, als dass wir unmittelbar an die Türe zur Reizüberflutung klopfen und Luna gegen unseren Willen „flooden“, wenn plötzlich ein Hund um die Ecke kommt.

Dazu kommt, dass es schon extrem schwierig ist, bei einem Menschen den magischen Punkt zu finden, an dem eine Desensibilisierung stattfinden kann. Wie das bei einem Hund – zuverlässig – gelingen soll, ist mir schleierhaft.

Und wenn die Lunamaus dann im Stress ist, ereilt uns die selbe Problematik wie mit Heike und der Spinne.

Lassen wir sie da raus, belohnt sie sich selber und das Verhalten wird verstärkt. Das gilt übrigens auch in dem Fall, in dem Luna sich dazu entscheidet, ihr gegenüber zu attackieren.

Das Ziel von Lunas Attacke ist auch eine Distanzvergrößerung, haut der andere Hund ab oder wir treten den Rückzug an, ergibt sich das selbe Spiel – das Lunatier belohnt sich selber.

Übrigens, mit dem Gegenkonditionieren, also dem „Schönfüttern“ eines angstauslösenden Reizes, verhält es sich ganz ähnlich. Entweder hat er keine Angst im biologischen Sinne oder er frisst nicht.

Eigentlich ganz einfach.

Zeigt unser Hund ein unerwünschtes Verhalten, das wir unterbrechen müssen, dann zeigt er eine Stressreaktion. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass er deshalb nicht in der Lage wäre zu lernen.

Unserem pubertierendem Kind können wir sagen „Kevin, räum bitte Dein Zimmer auf, ansonsten nehm ich Dir dein Handy weg“. Da Kevin in der Lage ist, sich ein Leben ohne Whatsapp vorzustellen, wird er sein Zimmer aufräumen und sich selber belohnen, in dem er dem Ärger aus demWeg geht und das vorteilhafte Verhalten zeigt. Hier findet wieder die Hormonausschüttung statt, die dafür sorgt, dass Kevin sich gut fühlt.

Übrigens: Wenn Kevin gelernt hat, dass wir ihm sein Telefon eh nicht wegnehmen, dann können wir lange bitten.

Selbiges gilt, wenn wir darauf warten, dass ein 15-jähriger von sich aus ohne Not auf die Idee käme, sein Zimmer aufzuräumen, um ihn dann zu belohnen.

Dürfte jedem, der mit Kindern in dem Alter zu tun hat, klar sein.

Wir kommen zurück zu Luna: Statt „Angst“ vor anderen Hunden zu haben, pöbelt sie einfach gerne an der Leine.

Kommt uns jetzt der Rex entgegen, bekommt Luna ihren Adrenalinkick und wills jucken lassen. Das heisst, der Stress ist schon da. Vorausgesetzt, dass Luna bereits Lernerfahrungen gemacht hat und die Beziehung stimmig ist, kann Lunas Besitzer sie durchaus unterbrechen.

Auf Grund der guten Bindung kann Oxytocin den Stresspegel dämpfen, die Selbstbelohnung kann stattfinden, wenn Luna ein alternatives Verhalten zeigt.

Der Grund, warum ich nicht vom lobenden Menschen schreibe ist der, dass wir nicht nur ein Verhalten verstärken, sondern immer auch eine Stimmung. Das heißt, auch wenn Luna den blöden Rüden augenscheinlich nicht anzickt, kann es sein, dass ich ihre innere Bereitschaft dazu lobe und dadurch das Verhalten auslöse.

Leben ist die beste Prävention

Wenn man wirklich einen Hund sein Eigen nennt, der auf bestimmte Reize mit starkem Stress reagiert, sollte man tunlichst vermeiden, die selbstbelohnenden Mechanismen zuzulassen, weil – und das ist nicht neu – belohntes Verhalten häufiger gezeigt oder verstärkt wird.

Idealerweise verhindert man den ganzen Kladderadatsch, in dem man dafür Sorge trägt, dass der Hund vielfältige Erfahrungen auch mit stressauslösenden Reizen macht.

Zudem sollte man sich bewusst machen, dass ein Hund einen großen Teil der sensiblen Phasen beim Züchter verbringt. Das Geld, das man beim Welpenhändler spart trägt man oft doppelt und dreifach in die Verhaltenstherapie.

Lass die Hunde leben, lasst sie Erfahrungen machen – auch solche, die vielleicht nicht so schön sind.

Behandelt triviale Reize trivial, das macht das Leben leichter und bringt Euren Hund gar nicht erst auf die Idee, irgendwas gruselig zu finden.

Macht nicht aus jedem Scheiß eine Wissenschaft und nicht aus jedem Verhalten eine Übung.

Zieht nicht in den Krieg, dann gibt es auch keinen.

Und zu guter Letzt: Nicht vergessen zu atmen.

Mit dem Hundetrainerdasein ist das ja so eine Sache.

Während man bzw. frau früher nur die Entscheidung treffen musste, ob man jetzt, wo die Kinder aus dem gröbsten raus sind, lieber ein Naildesign-Studio (oder eine Social Media-Agentur) eröffnet oder lieber Hundetrainer wird, ist es mittlerweile ja etwas komplizierter.

Seit dem 1. August 2014 nämlich müssen Menschen wie ich nachweisen, dass sie „sachkundig“ sind. Das regelt der §11 des Tierschutzgesetzes. Dafür wiederum sind die Veterinärämter zuständig, deren Mitarbeiter bis Dato garnicht wussten, über welch weitreichende Expertise sie so verfügen.

Nun isses wie es ist und viele Hundetrainer machen seitdem ihre ersten artfremden Erfahrungen mit Pferden – um genau zu sein mit dem Amtsschimmel, der teilweise kräftig wiehert.

Um die „Sachkunde“ zu erhalten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. So kann man z.B. über den BHV eine Prüfung ablegen oder sich durch die Tierärztekammern zertifizieren lassen.

Man kann aber auch eine Prüfung beim zuständigen Amt ablegen, mit dem kleinen Haken, dass die meisten Ämter garnicht so genau wissen, wie eine solche Prüfung aussehen soll.

Dieser kleine Haken hat zur Folge, dass gefühlt Tausende von Anträgen bei den Ämtern in Ablage P zur Wiedervorlage warten.

Zudem gibt es – je nach individuellen Größenwahn und Allmachtsgefühl des zuständigen Sachbearbeiters – noch gefühlt tausend andere Möglichkeiten, irgendwie an den vermaledeiten „Elfer“ zu kommen.

Der eine Kollege darf keine Retrieverleinen mehr benutzen, obwohl von denen garnichts im TierschG steht, der nächste Kollege darf gleich einen ganzen Tierschutzbeauftragten ernennen, womit er die Anzahl seiner Mitarbeiter gerade verdoppelt, der vierte wird lächelnd durchgewunken, weil er mit der Tochter vom Amtsleiter poppt und die fünfte Kollegin bekommt ein Berufsverbot, WEIL sie selbiges mit dem Sohn der Amtsleiterin tut.

So gesehen hatte ich großes Glück mit meinem auch ansonsten sehr netten und umgänglichen Veterinäramt.

Nur knapp Tausend Euro (für eine Zertifizierung durch die Tierärztekammer und für die Bearbeitung meines Antrags) und schon darf ich – sozusagen mit Stempel drauf – weiterarbeiten. Danke!

Um sich zertifizierter Hundetrainer nennen zu dürfen, muss man mindestens zwei Tage Fortbildungen im Jahr nachweisen können.

Bis letztes Jahr war das relativ einfach. Man besuchte einen Wochenend-Workshop zu einem Hundethema, reichte die Bescheinigung ein und durfte weitermachen.

Dann ließ sich die Tierärztekammer  Schleswig-Holstein etwas neues einfallen.

Ab sofort werden nämlich nur noch Fortbildungen anerkannt, die von jemanden gegeben werden mit abgeschlossenen Biologiestudium oder mit tierärztlichen Studium inkl. der Zusatzbezeichnung „Verhaltensdingens“.

Der Grund für diese Änderung ist relativ einfach. Als es darum ging, welche Voraussetzungen durch die Ämter anerkannt werden und welche nicht, ging es bestimmt ganz besonders friedlich von Statten.

Denn in Deutschland gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich zum Hundetrainer oder waswasich ausbilden zu lassen und keine dieser Möglichkeiten ist wirklich günstig.

Derjenige Hundetrainerzertifizierer, dessen Schüler per Gesetz durchgewunken werden, erhält quasi eine Lizenz zum Gelddrucken.

Insofern kann man durchaus die Frage stellen, warum es neben den Zertifizierungen und den Prüfungen durch die Ämter auch ein kommerzieller Anbieter in die Riege der Auserwählten geschafft hat. Aber egal, es sei ihm gegönnt.

Die Hand voll Möglichkeiten, die neben dem Gang zur amtlichen Prüfung übrig bleiben, sind zwar überschaubar, aber deswegen nicht weniger Konkurrenten.

Und so wirft man sich gegenseitig vor, zu lasch, zu hart, zu sonstwas zu sein, um dem Anderen jeweils das Leben schwer zu machen.

Hier kommen dann die Zertifizierten ins Spiel. Ein guter Freund sagte man „Der Mensch lernt, wenn er muss“ und einige derer, die ihre Zertifizierung erlangt hatten, dachten sich wohl „genug gelernt“ und reichten teils merkwürdige „Fortbildungsnachweise“ ein – vom Wochenende Wellnessurlaub in einem Hotel, in das man Hunde mitnehmen durfte bishin zur Eintrittskarte zu Rütters „Mensch – Hund“.

Da aber eine gewisse Qualität der Weiterbildungen gewährleistet sein soll, gilt nun die oben erwähnte Regel – sehr zum Vorteil der Biologen und Tierärzte, sehr zum Nachteil der Referenten, die eher praxisorientiert sind.

Denn ganz ehrlich – so eine Fortbildung ist nicht eben günstig und wer hat schon das nötige Kleingeld, gleich mehrere zu besuchen.

„Ihr wollt einen Biologen? Ihr bekommt einen Biologen“, dachte ich mir und fragte eine gute Freundin, die nicht nur Biologin ist, sondern sogar Ahnung von Hunden hat, ob sie nicht Lust und Zeit hätte.

Zumindest eines von beiden hatte sie, also treten wir zu zweit an, um Fortbildungen zu geben, die unsere zertifizierten Kollegen beim zuständigen Gremium einreichen können.

Vorausgesetzt – und da wird das Ganze absurd – die gute Freundin ist vor Ort.

Einfach „nur“ Inhalte wissenschaftlich auf ihre Richtigkeit zu prüfen, die entsprechenden Quellen gegenzurecherchieren und andere wissenschaftliche Standpunkte anzubringen etc. reicht nämlich nicht!

Nein, sie muss mit im Raum sitzen und kann sich die Zeit während der Praxis, die im Normalfall ca. 70 % der ganzen Veranstaltung ausmacht, damit vertreiben, indem sie bei Facebook surft oder Socken für ihren Freund häkelt.

Im Klartext bedeutet das, dass unsere gemeinsame Fortbildung anerkannt wird, es sei denn, sie bekommt einen Tag vorher eine Magen-Darm-Grippe. Dann haben meine Teilnehmer die Wahl.

Entweder wird die Veranstaltung nicht anerkannt oder man nimmt in Kauf, dass man sich einen netten Norovirus einfängt. Naja, hat ja immerhin den Vorteil, dass man an den folgenden Tagen viel Zeit im Klo verbringt und die Gelegenheit nutzen kann, die ganzen Studien nachzulesen.

Nun bin ich ja bekanntermaßen ein Freund der TÄK, mag die Menschen im Gremium wirklich gerne und schätze ihre fachlichen Fähigkeiten.
Aber wer auch immer auf diesen Schmarn gekommen ist, hatte wohl so etwas wie eine Diarrhö im Kopf.

„Stellenausschreibung“


Da es ja auch mal Tage gibt, an denen ich gezwungen bin, Hundetrainern alleine etwas zu erzählen – sei es, weil die liebe Kollegin Urlaub hat, andere Dinge vorhat oder einfach noch über ein eigenes Leben verfügt – suche ich auf diesem Wege

  • eine junge (weil nicht so teuer),
  • dekorative (sollte so einen wissenschaftlichen Verve mit sich bringen, am besten mit Kittel)
  • Biologin (Fachrichtung egal, von mir aus kannst Du über die Anatomie von Mücken ptomoviert haben),
  • die Zeit und Lust hat, während meiner Fortbildungen, zu stricken.

Vielleicht einen Pullover. Für anderweitige Unterhaltung ist gesorgt, ich bringe gerne Kreuzworträtselhefte oder einen Gameboy mit.

Jeder kennt das. Manchmal entstehen so kleine Momente des peinlichen Schweigens.

Ein Beispiel: Während des ersten Termins mit meinem neuen Kunden Klaus kommt uns ein Mensch mit Hund entgegen. Klaus‘ Hauscanide zeigt uns sogleich unmissverständlich, warum die beiden bei mir sind. Und dann passiert etwas merkwürdiges.

Während der Kundenrüde seinem Gegenüber laut zeternd zu verstehen gibt, dass er ihn gleich wegatmen wird, schreitet der Klaus zur Tat und – besteigt seinen Hund.

Also, nicht so richtig, vielmehr simuliert er das Besteigen seines Hundes, was dieser wiederum gewohnt zu sein scheint und ignoriert, während dem Artgenossen weiterhin mit Mord und Todschlag gedroht wird.

Ein Blick auf den Besitzer des so Angepöbelten verrät mir, dass ich nicht der einzige bin, der das gerade ziemlich spooky findet.

Mit einer Mischung aus Angst und Verwunderung gehen unsere Gegenüber weiter und nach einiger Zeit beruhigt sich auch der Bestiegene. Und Klaus lässt seinen Hund wieder frei.

„Öhm Du“, beginne ich vorsichtig meinen Satz. „Sag mal, hast Du Deinen Hund gerade bestiegen?“

Mein Kunde guckt mich erwartungsschwanger an und erwidert, dass er das so in der Hundeschule gelernt hat. Weil nämlich sein Rüde sehr dominant sei und er ihm auf diesem Wege zeigen würde, dass er der Alpha im Rudel sei.

Aha, denke ich unterdrücke meinen Brechreiz. Gleich drei Begriffe in einem Satz, bei denen sich mir die Fußnägel hochrollen.

Wie immer in solchen Situationen frage ich erstmal „Und, funktioniert es?“, worauf Klaus etwas verdattert guckt und mir bestätigt, dass es eher nicht so doll klappt.

Klappen sollte es übrigens auch bei Sandra und ihrem Border Collie „Fly“, der schon mit fünfzehn Wochen den ersten ausgiebigen Ausflug gen Bundestraße zwecks SUV-hüten machte. Nämlich mit der Bindung, wie die Hundetrainerin feststellte. Denn die sei garnicht vorhanden.

Abgesehen davon, dass ich das ganz schön beleidigend dem Menschen gegenüber finde, ihm eine Bindung zu seinem Hund abzusprechen, finde ich es prinzipiell in einem solchen Fall gut, den Hund an sich zu binden. Und zwar erstmal mithilfe einer Leine, bis der kleine Pups verstanden hat, dass Autos keine Schafe sind.

Sandras Trainerin sah das etwas anders und verordnete der ambitionierten Problemhündchenbesitzerin, dass sich sich fortan regelmäßig auf den Zeigefinger spucken und mit dem so vollgesauten Akron das Zahnfleisch des Hobbyjägers einschmieren solle.

Anders als beim Besteigen des Monsterrüden habe ich in dem Fall etwas länger gebraucht, um den Zusammenhang zu verstehen.

Mit dem Einreiben des Zahnfleisches mittels vollgesabberten Finger würde nämlich das Maulwinkelstossen des Welpen bei der Mutterhündin simuliert.

Hunde tun das schließlich auch, wenn sie irgendwann erwachsen werden gerne mal als aktive Demutsgeste.

Was mir allerdings nicht ganz so klar werden möchte ist der Sinn der Übung.

Liegt die Hoffnung darin, dass der Hund etwas Futter vorwürgt und aufs Jagen verzichtet, weil ihm jetzt übel ist? Oder ist das wirklich als Demutsgeste gemeint und als so eine Art bettelndes Flehen zu verstehen, auf das er Einsicht zeigt und so etwas nie wieder tut?

Naja, zumindest beim Menschen spielt beim gegenseitigen Austausch von Körperflüssigkeiten in vielen Fällen Oxitozin ein große Rolle.

Gar keine Rolle spielt Oxitozin bei „Mandy“, wenn sei auf ihresgleichen trifft. Und mit ihren gerade mal neun Monaten schon ziemlich beschädigend mit anderen Hunden umspringt.

Mandys Besitzer wollten von Anfang an alles richtig machen und pilgerten brav in die Welpengruppe. Nun hatte Mandy ein Problem, nämlich das, dass die Hundetrainerin ein Problem mit Mandys Rasse hatte und der erwünschte Sozialkontakt mit Artgenossen gegen Zahlung von 15 Euro pro Termin darin bestand, dass Mandy und ihre Menschen außerhalb des Hundeplatzes hinter einem Sichtschutz zugucken durften, wie die anderen Hunde und ihre Menschen Welpenspiel veranstalteten.

Dass das so nix wird mit dem Sozialverhalten wurde Mandys Frauchen in dem Moment klar, als ihre Hündin den ersten Artgenossen ziemlich überambitioniert auf links gedreht hat.

Gottlob hatte die Trainerin auch für solche Fälle einen Tipp. Wenn nämlich Mandy das nächste Mal einen anderen Hund verprügeln will, sollen Frauchen und Herrchen doch einfach Leckerchen auf die Kontrahenten träufeln. Denn dann, da war sich die Kynopädagogin sicher, lassen die beiden Streithähne bzw. Hühner sofort voneinander ab und beschäftigen sich lieber mit dem Futter.

Sozusagen Frolic statt Fresse voll. Was nicht geklappt hat.

Wie die Hundetrainerin auf die Idee gekommen ist, bleibt derweil ihr Geheimnis.

Apropo Geheimns: Das meine Kundin Ulrike morgens etwas von ihrem Morgenurin mit einer Einwegspritze aufzog, um dann jedes Mal, wenn ihr Hund irgendwo hinmarkierte, ein paar Tropfen darüber zu träufeln, hat sie niemanden verraten.

Dominique wiederum ist da etwas offener und lässt sich von ihren Hunden besteigen, weil der Experte gesagt hat, dass nur die Leithündin gdeckt würde. Und das ihre Hündin sie gleich mitdeckt ist doch ein schöner Beweis, dass Hunde liberale Tiere sind.

So liberal, dass sie uns so ziemlich jeden Schwachsinn verzeihen …

Als „Hoax“ bezeichnet man eine gezielte Falschmeldung, die im Internet rumgereicht wird, meist mit dem Ziel, Clicks zu erreichen und interessierte Leser auf die eigene Seite zu lotsen.

Es gibt Hoaxes, die sich sehr, sehr hartnäckig halten wie beispielsweise der, das es ausreichen würde, den Facebook-AGB zu widersprechen, in dem man das einfach in sein Profil postet. Auch die immer wiederkehrenden Nachrichten über „Altkleidersammler“, die Katzen klauen und den mittlerweile berühmten weißen Bulli, der vor Kindergärten rumsteht sind einfach nicht totzukriegen.

Gestern machte bei Facebook die Nachricht die Runde, dass Cesar Millan an einer „Heart Attack“ gestorben sei, was sich jedoch relativ schnell als Fake rausstellte.

Kein Fake dagegen waren die Kommentare unter der Meldung. Ein paar „Highlights“:

  • „Hoffentlich ist er elendig verreckt.“ (5 Gefällt mir-Angaben)
  • „Endlich ist die Welt diesen Tierquäler los.“ (22 Gefällt mir-Angaben)
  • „Gut so.“ (2 Gefällt mir-Angaben)
  • „Hoffentlich war es ein qualvoller Tod.“ (8 Gefällt mir-Angaben)
  • „Das hat er verdient.“ (17 Gefällt mir-Angaben)
  • etcpp.

Diese Liste ließe sich beliebig weiterführen und beweist ein weiteres Mal, wessen Geistes Kind so manche vermeintliche Tierfreude sind. Die propagierte Gewaltfreiheit beschränkt sich auf den Umgang mit dem eigenen (Haus)tier.

Schon bei solchen Tieren, die verfüttert statt gefüttert werden, hält sich das Mitleid in Grenzen.

Und geht es um Menschen, insbesondere solchen, denen man „Gewalt“ vorwirft, sieht das Ganze nochmal anders aus. Denen darf man den – möglichst qualvollen – Tod an den Hals wünschen und sich diebisch drüber freuen, wenn sie gestorben sind.

Selbstverständlich scheißegal, dass Millan vielleicht eine Familie und Hinterbliebene hat, die sich – im Falle einer echten Meldung – dann mit solchen Äußerungen konfrontiert sehen.

Viele Menschen behaupten ja, dass Facebook geradezu dazu verleiten würde, ungefiltert unter dem Schutz der vermeintlichen Anonymität die Sau raus zu lassen.

Ich sehe das etwas anders.

Bei einem Hund würde man von latenten Verhalten sprechen, also einer Verhaltensweise, die vorhanden, aber nicht unmittelbar zu erfassen ist. Der Hund ist grundsätzlich bereit zu beißen, bisher hat es jedoch keinen Auslöser gegeben, der ihn dazu veranlasst.

Viele Menschen scheinen grundsätzlich dazu bereit zu sein, sich menschenverachtend und (verbal) gewalttätig zu verhalten – und Facebook scheint ein geeigneter Verhaltensauslöser zu sein.

Und wenn man bei Facebook schonmal Erfolg hatte, dann verhält es sich ähnlich wie mit dem Hund. Wenn das mit dem Knurren auf dem Sofa funktioniert, dann kann man es ja mal mit dem ganzen Wohnzimmer ausprobieren. Und wenn es für die kreativste Morddrohung bei Facebook ein paar aufmunternde Likes gibt, vielleicht probiert man es dann mal bei Spiegel Online.

Darauf angesprochen hört man dann, dass der Facebook- oder Forennutzer „sowas im richtigen Leben“ ja niemals sagen würde.

Das Problem ist nur, dass die Empfänger der Botschaft „richtige“ Menschen sind und nicht ein paar virtuelle Schießbudenfiguren, an denen man sich abreagieren kann.

Ein Kollege erklärte mir mal ein radikal neues Konzept, er nannte es „nachdenken.“

Jetzt neu mit Hass-Mail-Live-Ticker:

(A) Präambel

Die gemeine „Angstmaus“ erkennt man daran, dass sie

  1. oft aus einem Land kommt, dessen Bewohner eine etwas andere Vorstellung von Hundehaltung haben als wir, weshalb diese Menschen alle samt und sonders „Schweine“, „Arschlöcher“ oder „Hurensöhne“ sind, die man „umbringen“, „besuchen“ oder deren „Familie man auslöschen“ sollte (vgl. Facebook 2014 et al.)
  2. auf Grund dessen eine schlimme Vergangenheit haben muss, auch wenn diese garnicht bekannt ist. In anderen Ländern landen Hunde nämlich grundsätzlich und immer an der kurzen Kette, in einem nicht rostfreien Zwinger oder auf der Straße.
  3. sie sich gerne mal wie offene Hose benimmt; ihrem Gegenüber gaaanz schüchtern zeigt, wo der ängstliche Frosch die Locken hat oder vor lauter Panik an der Leine pöbelt, als wenn’s kein morgen gäbe.
  4. oft einen Besitzer bzw. vielmehr eine Besitzerin hat, die etwas gutes tun wollte, als sie sich dafür entschieden hat einen Hund aus dem Tierschutz zu kaufen einem armen Notfell eine Chance zu geben und es zu adoptieren.

(Bis hier 5 Hass-Mails)

Wenn eine Angstmaus beißt, dann meist deshalb weil sie ein Problem mit großen Männern oder dicken Kindern oder gebrechlichen Frauen oder Menschen generell hat, was an den oben genannten Gründen liegen muss.

Dieses Verhalten war dann nicht etwa irgendwie aggressiv, sondern zumindest mal eine Übersprungshandlung.

So erklärte mir auch Sabine, warum „Tiffy“ den älteren Herrn im Park in Richtung Krankenhaus befördert hatte. Dieser nämlich hatte die Individualdistanz der Angstmaus deutlich unterschritten – und das trotz gelber Schleife, die an Tiffies Geschirr baumelte.

So ein Idiot, ist der nicht bei Facebook? Dann müsste er doch wissen, dass es die „gelbe Schleife“ ist, an der man Hunde erkennt, deren Besitzer lieber gelbe Schleifen kaufen als ihre Hunde zu erziehen oder ihre Umwelt vor dem Vieh zu schützen.

(20 Hass-Mails, nein, 19, die eine wird ironisch gemeint sein … )

Bei näherer Analyse des Beißvorfalls, ähm, ich meine natürlich der Übersprungshandlung, wurde klar, dass Tiffies Individualdistanz ungefähr 15 Meter beträgt und dass sie „normalerweise“, so Sabine auf dieser Distanz schon sehr gut gegenkonditioniert wäre.

Meine Frage, woher sie denn weiß, dass „normalerweise“ funktioniert, beantwortete sie mit dem Hinweis auf die vier anderen Menschen, denen Tiffy schon in der Hose gehangen hatte. Meine Frage, wozu sie eine Fünfzehnmeterleine hätte war nur noch rhetorischer Natur.

Denn natürlich ist Tiffy ein Hund. Und ein Hund ist ein Lauftier. Und Lauftiere müssen laufen.

Das ist schon richtig, erwiderte ich. Aber sollten sie nicht auch zurückkommen? Ja schon, so das Angstmausfrauchen, das Rankommen übe man ja mittels Angstpendeln – und nein, das habe rein garnichts mit Auspendeln zu tun.

Sie könne mir das auch demonstrieren, aber hier sei dann doch zu viel los. Ich schaute mich um, weit und breit nichts zu sehen. Aber Sabine hatte recht, hier mitten auf dem Feld könnte ja was unvorhersehbares passieren. Ein Flugzeug könnte z.B. ein Piano verlieren, das dann neben uns auf den Boden knallt.

Nein, aber es könnte ja sein, dass irgendwo ein Kaninchen auftaucht und dann wäre Tiffy weg. Denn trotz Würstchenbaum und Antijagd-Clickern hatte das Mäuschen noch nicht verstanden, dass es in Vollpension lebt und das selbstständige Erlegen von Beute nicht mehr notwendig sei. Naja, außer Suchmäuseln, denn das sieht total süß aus, wenn Tiffy – nicht die Maus – so einen Spaß hat.

Ich wiederholte das bis dahin Gehörte, nämlich dass Sabines Hund bisher fünf Leute, davon einen ziemlich heftig gebissen hatte und außerdem jagt wie die Sau. Und trotzdem ohne Leine durchs Leben geht. Alter Schwede. (Hemlik Svenska)

Jetzt gerade stand Tiffy jedoch neben ihrem Frauchen und fixierte mich – nur unterbrochen durch ständiges „Mach Sitz, Tiffy“ von Seiten Sabines, was die Angstmaus mit einem kurzen „Ich hab die Sau im Blick“ quittierte und sich noch ein bisschen größer machte.

Angst sieht anders aus, dachte ich mir.

Und außerdem fragte ich mich, ob irgendwo jemand mit einer versteckten Kamera unser Gespräch filmte. Sozusagen im Sekundentakt erklärte mir Sabine ihre Methoden, natürlich alle nur die neuesten und vor allem solche, bei denen ich Brechreiz kriege.

Vielleicht will die mich verarschen, dachte ich bei mir. Vielleicht gibt es jetzt ein neues Format namens „Grünschleifen-TV“ und ich bin das erste Opfer der Sendung „Irritieren statt trainieren“, in dem böse Menschen wie ich vor laufenden Kameras in den Wahnsinn getrieben werden, bis sie den Job an den Nagel hängen oder so.

(35 Hass-Mails, zwei Anrufe)

Nachdem ich mit Sabine und Tiffy ungefähr 20 Minuten spazieren gegangen war, uns in der Zeit drei Hunde entgegenkamen, die Tiffy allesamt killen wollte, während ich penibel auf die Individualdistanz achtete, damit mir das Notfell nicht gleich in Jacke hüpft, blieben wir schließlich stehen und ich sagte:

„Sabine, du musst jetzt ganz stark sein, aber ich glaube Tiffy ist gar kein Angsthund. Ich glaube sogar, dass sie ziemlich genau weiß was sie tut und ihre Zähne einsetzt, wenn ihr was nicht passt. Und wenn du mich fragst, ist das auch der Grund, warum sie in Spanien ins Tierheim gegeben wurde. Weil sie nämlich beißt. Davon abgesehen jagt sie wie die Sau, ist nicht abrufbar und wenn sie mal an der Leine hängt, dann pöbelt sie wie irre.“

In solchen Momenten kann man die Spannung in der Luft beinahe spüren.

Ich sah Sabine an und hörte quasi die Heavy Rotation in ihrem Kopf. Sie atmete tief ein und ich machte mich auf ein Donnerwetter gefasst. Doch dann sagte sie:

„Stimmt, das habe ich mir auch schon mal überlegt“.

In solchen Momenten kann man wiederum beinahe hören, wie meine Kinnlade auf den Asphalt scheppert. *klirr*

Was nicht sein darf, darf auch nicht sein.

Und wenn die freundliche Tierschützerin aus Spanien sagt, dass die favourisierte Notnase Angst hat, dann ist das so.

Kann ja schließlich keiner wissen, dass es mit dem Fachwissen bei ausländischen Tierschützern häufig genauso weit her ist, wie bei vielen von denen, die hierzulande aktiv sind.

Viele Emotionen, noch mehr Tierliebe, das gepaart mit dem guten Gefühl, etwas uneingennütziges zu tun und dem kynologischen Fachwissen aus einem „Was ist Was“-Hörbuch – und schon wird aus dem herzhaften Beißer ein ängstliches Herzchen.

(Ticker kaputt, müssen mittlerweile tausend Hass-Mails sein.)

Ungefähr Hundertundzwölf Prozent der beißenden Hunde, die in Hundeschulen vorgestellt werden, haben Angst. Der Grund dafür ist einfach.

Denn der Hund, der aus Angst beißt, ist emotional wesentlich einfacher zu verkraften, als der, der beißt, weil er ein unerzogenes Arschloch ist.

Der Kunde mit der Angstmaus zahlt gerne die eine oder andere Zehnerkarte mehr, weil er das Gefühl kennt. Angst hat jeder, sei es vor dem Verlust des Jobs, sei es vor dem älter werden oder vor Spinnen.

Außerdem will man ja was gutes tun. Und wenn einem plötzlich klar wird, dass man da nicht einer armen Seele das Leben gerettet hat, sondern einem hundgewordenen Charles Manson Unterschlupf gewährt, steht man unter Umständen plötzlich ziemlich dämlich dar vor den Freunden aus der Facebookgruppe.

Von der nächsten Kynopädagogin positiv bestärkt, tauscht man flux noch das Stachelhalsband gegen eine Einzelstunde und schon wird fleißig an einem nicht existierenden Verhaltensproblem gearbeitet – und zwar bitte recht freundlich.

Das Mittel der Wahl ist dann häufig die Gegenkonditionierung, salopp ausgedrückt also die hohe Kunst, exakt den Moment positiv zu besetzen, bevor das Tierchen in Stress gerät. Wirklich eine eine hohe Kunst, da es genügend Stresssymptome gibt, die der geneigte Positivbestärker garnicht oder erst bemerkt, wenn es zu spät ist – es sei denn, er hat seinen Hund zufälligerweise gerade am EKG und am Elektroenzephalografen angeschlossen.

Kostenloser Marketing-Tipp!

Für die wirtschaftlich denkenden Hundetrainer unter uns (wir machen das ja eigentlich alle nur aus Liebe zum Tier und weil wir helfen wollen) ist das eine wahre Goldgrube.

Rechtzeitig, bevor die nächste Leasingrate für das vollfolierte Firmenauto fällig wird, schnell noch ein „Oh Mist, das ist aber ein bisschen doof. Jetzt hast du genau in die Angst des Mäuschens reinkonditioniert“ eingeworfen und schon kann’s von vorne los gehen.

Super, der nächste Pauschalurlaub auf Malle ist gesichert. Und wenn man schonmal da ist, kann man grad noch eine Angstmaus mitbringen, die man dann der solventen Kundschaft gegen Zahlung einer entsprechenden Schutzgebühr aufs Auge drückt – zuzüglich Einzeltraining natürlich.

Marketing-Tipp Ende.

Nachdem wir nun alle gelacht haben, wird es ernst. Und zwar unter Umständen todernst.

Angst erkennt man an verschiedenen Symptomen, laut Feddersen-Petersen müssen drei davon identifizierbar sein, um auch ethologisch von einer Angst zu sprechen. Der gravierende Unterschied zwischen Angst und Unsicherheit ist der, dass der unsichere Hund noch in der Lage ist, sich mit dem auslösenden Reiz auseinanderzusetzen. Er verhält sich also ambivalent.

Der Angsthund jedoch kann sich nicht mehr auseinandersetzen, mit dem Ergebnis, dass er – je nachdem, wem man glauben möchte – drei bis vier „f“ zeigt: Flight, Freeze, Fight und neuerdings auch Fidget.

Einem Angsthund, der flüchtet wird man maximal mithilfe einer Lebendfalle oder einer Fangstange habhaft. Beides sehr hässlich und einmal hatte ich auch das „Vergnügen“, einen solchen Hund aus einer Wohnung zu holen. Von den Tierschützern als „ein bisschen schüchtern“ beschrieben, war die „Adoptantin“ etwas verwundert, als man ihr an der Autobahnraststätte eine Flugbox mit der Aufschrift „Nicht öffnen, Fluchtgefahr“ in die Hand drückte.

Als sie dann zuhause ankam und die Box öffnete, wusste sie dann auch, was gemeint war. Drei Wochen mit einem Schatten im Haus später hatte sie die Nase voll, rief mich an und ich musste den armen Hund mit einer Moxonleine aus dem Badezimmer rausoperieren, in das wir es vorher getrieben hatten.

Es ist wirklich kein Vergnügen, einen solchen Hund aus dem zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses ins Auto zu bugsieren und ich durfte mir von durch den Lärm aufgeschreckte Nachbarn entsprechende Wünsche für die Zukunft anhören.

Insofern war es mir dann ein kleiner innerer Reichsparteitag, als die empörten Tierschützer ihren Schützling wieder abholen wollten und stundenlang mit ihren Futterbeuteln vor der Hundehütte gammelten, bevor sie eingesehen hatten, dass die Hündin lieber verhungert, als sich ihnen auch nur einen Millimeter zu nähern.

Ein Hund, der in seiner Angst einfriert, der stellt grundlegende Körperfunktionen wie den Stoffwechsel, das Komfortverhalten und die Sexualität ein. Wenn man also versucht, dem Hund ein Steak anzudrehen hat man genauso gelitten wie wenn man dem Angstrüden mit einer attraktiven Hündin in der Standhitze vor der Nase rumwedelt. Wie eine Salzsäule hockt er da und verhält sich nicht mehr – trotz der Aussicht auf eine heiße Nacht und ein „Steak danach“.

Der Angsthund, der in den „Fight“ geht, sorgt oft für bleibende, schmerzhafte Erinnerungen. Kein Wunder, denn wer unter Todesangst agiert, der macht keine Gefangenen und wird so heftig wie irgendmöglich zubeissen.

Und die neue Besitzerin, die es auch nur gut meinte, musste sich schweren Herzen wieder vom frisch zugelegten Liebling trennen angesichts der zwanzig OPs, die nach dem Angstintermezzo noch auf sie zukamen,

Angst haben ist kein Spaß und erst recht kein Zustand, den man einem Hund mit Mitleid, netten Worten und irgendwelchen kynopädagogischen Spöckes entgegentreten könnte.

Ein solcher Hund braucht in erster Linie eines – nämlich einen Besitzer, der in der Gefühlslage ist zu ertragen, dass sein Vierbeiner Angst hat. Das klingt vielleicht herzlos, aber niemanden, und am wenigsten dem Hund ist damit geholfen, wenn man ihm die Situation noch gruseliger quatscht als sie eh schon für ihn ist.

Und der Alltag mit einem solchen Tier ist in erster Linie durch viele kleine und große Momente geprägt, in denen man nur auf dem zweiten Blick gutes tut – auf dem ersten sieht das oft scheiße aus und fühlt sich emotional auch so an.

Den Angstbegriff inflationär zu gebrauchen ist nicht nur fachlich nicht haltbar und oft genug nichts anderes als eine Ausrede für die eigene Verweigerung, den Hund zu erziehen oder moralische Masturbation auf das eigene Gutmenschen-Ego.

Nein, der inflationäre Gebrauch dieses Begriffs stellt auch eine Verharmlosung eines wirklich schwerwiegenden Verhaltensproblems dar, mit der fatalen Folge, dass sich tierliebe Menschen mit einem solchen Hund ins Unglück stürzen.

Es gibt so Momente, in denen immer wieder deutlich wird, dass das Gegenteil von gut gemacht häufig doch gut gemeint ist.

Als ich zum Beispiel heute morgen die Spülmaschine einräumte und auf das Schneidebrett mit den Bratenresten von Gestern abend stiess, meinte ich es gut, als ich es dem – unglaublich süß guckenden – Nookie feilbot und sagte: „Ach du süßer, hier, darfste sauber lecken“. Dafür benötigte der Nook ungefähr 25 Sekunden. Danach benötigte ich gut 25 Minuten, um das arme Schneidebrett wieder aus seinen Fängen zu befreien.

So ist das, eine Sekunde nicht nachgedacht und schon sieht man sich mit ungeahnten Herausforderungen konfrontiert. Man fasst sich an den Kopf und könnte in die Tischkante beißen.

Ein ganz ähnliches Phänomen schilderte mir kürzlich eine Bekannte, die ihr Geld unter anderem damit verdient, indem sie Artikel für ein großes deutsches Hundemagazin verfasst.

Ich outete mich nämlich dahingehend, dass ich die Zeitschrift dermaßen belanglos und einseitig finde, dass ich fast vergessen hätte, das Abo zu kündigen, weil das Heftchen mittlerweile immer ungeöffnet im Mülleimer landet. Früher war das einmal anders.

„Ach weißt du“, erwiderte sie. „Sobald wir irgendetwas von jemanden wie Dir veröffentlichen, hagelt es Leserbriefe, Abokündigungen und Protestschreiben an unsere Anzeigenkunden. So lange wir uns im Bereich Lob, Clicker und Spaß bewegen, bleibt es friedlich“.

Klar, in Zeiten von Verlagssterben und unterbesetzten und -bezahlten Redaktionen kann sich niemand leisten, hunderte E-Mails empörter Kynopädagoginnen zu beantworten und obendrein auch noch zahlende Kundschaft zu verlieren.

Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige bin, der beginnt, sich auf dem Klo zu langweilen angesichts immer neuer Hundekeksbackrezepte und alter Tricks mit immer neuen Alltagsgegenständen.

Und so wette ich auf das Titelthema der nächsten Ausgabe: „Die schönsten Weihnachtsgeschenke für den besten Freund des Menschen“ (Diese Headline kann käuflich erworben werden.)

Wirkliche Zahlen konnte mir die Bekannte als freie Autorin natürlich nicht nennen, doch sind die Abozahlen in nahezu allen Printmedien rückläufig und Anzeigenkunden reißen sich auch nicht mehr darum, Werbung zu schalten, wenn es doch online viel schneller, zielgruppengenauer und günstiger geht.

Wenn die Strategie einer Redaktion jedoch die ist, sich möglichst Ärger vom Bein zu halten, dann muss sie sich quasi aus vorauseilender Rücksichtnahme selber zensieren. Mit dem Ergebnis, dass die Publikation zwangsläufig weichgespült wird und allzu kritische oder anderslautende Meinungen keinen Platz mehr haben.

Interessant wäre an dieser Stelle mal zu eruieren, wie viele Abos eigentlich gekündigt werden, weil die „falsche“ Philosophie oder der „falsche“ Hundeguru publiziert wurde und wie viele Kündigungen dem auf Grund von Langeweile ob der ewig gleichen Inhalte entgegenstehen.

Interlude

Trotzdem kann ich die Verlage gut verstehen, denn zum gekündigten Abo kommt ja noch der Leserbrief bzw. in der heutigen Zeit die E-Mail. Und die ist schnell getippt, auf jeden Fall hochemotional und ganz bestimmt nicht positiv bestärkend.

Das bedeutet, dass dem gestressten Magazinmacher nicht nur die dreißig Euro fürs Abo flöten gehen, sondern dass er auch noch jede Menge kostbare Zeit in eine freundlich formulierte, um den Leser buhlende Antwort investieren muss. Und im schlimmsten Falle wiederum darauf eine Antwort bekommt und sich plötzlich in einer Kommunikation mit einer nicht mehr zahlenden Leserin wiederfindet, die noch mehr Zeit und Energie verschlingt.

Ein typischer Anfängerfehler. Neulich, als ich gerade auf dem Ponyhof angekommen war und auch das Internet so langsam mitbekommen hatte, dass ich mich im Norden einrichte, bekam ich eine außerordentlich nette Nachricht mit dem Text:

„Wo haben Sie eigentlich die Qualifikation her, um über den Umgang mit Hütehunden zu referieren?“

Statt einfach „Aus dem Fernsehen.“ zu antworten oder die Nachricht schlicht zu ignorieren, kam ich auf die blöde Idee, ausführlich zu reagieren und schon hatte ich den Salat. Nachdem ich ausführlich darüber informiert wurde, dass mein Gegenüber „selber seit Hundert Jahren Hundetrainerin“ ist, alle anderen ahnungslos sind und ihre Familie den Hütehund als solchen erfunden hat, wurde ich dann doch neugierig und habe sie mal gegooglet.

Das Ergebnis war eher ernüchternd. Dafür war ein halber Nachmittag draufgegangen, an dem ich auch etwas interessantes hätte tun können. Dauerwerbesendungen gucken oder Fliesen im Flur zählen zum Beispiel.

Aber zurück zum Thema

Dem typischen Hundemagazinleser ist die Problematik vielleicht garnicht so bewusst.

Und der findet dann auf der Suche nach allgemeiner Unterhaltung und interessanten Anregungen die neuesten Tipps fürs Gassigehen im Winter (warme Kleidung), den Hinweis, dass der Audi Q7 ein super Auto für Hundehalter ist und dass es für Smartphones total lustige Apps gibt, bei denen Welpen den Bildschirm abschlecken. Wahnsinn.

Dazu ein Rasseportrait irgendeiner Hunderasse, die sich besser niemand anschaffen sollte, es sei denn man möchte ein Problem im Haus.

Der Erziehungsteil, der dann neudeutsch mit „Kynologie“ überschrieben ist erklärt, warum man dreimal „jabbajabbajabba“ quietschen muss, damit die neueste Rückrufmethode auch richtig funktioniert.

Für diejenigen, die noch ein richtiges Leben haben und nicht den ganzen Tag im Internet rumhängen, um ja nicht die neueste wissenschaftliche Methode zu verpassen, beschreibt das dann den Mikrokosmos Hund:

Wir backen Kekse, kaufen SUV mit dem CO2-Ausstoss eines chinesischen Kohlekraftwerks und dürfen das dritte „Jabba“ nicht vergessen.

100.000 Hater? Mir doch egal!

Ein Hundemagazin machte mal ein Interview mit mir, in dem ich mich dazu hinreissen ließ, ziemlich deutliche Worte zu finden, was unser Zusammenleben mit dem Hund betrifft.

Zuerst lief es dem Redakteur noch feucht das Bein runter angesichts meiner provokanten Aussagen und er hatte die wahnwitzige Idee, die Reaktionen für einen weiteren Artikel zu nutzen. Nach kurzer Rücksprache mit dem Chefredakteur änderte sich dies aber schlagartig. Der redigierte Text reduzierte das Ganze mehr oder weniger auf ein „wir sollten alle nett zueinander sein, alles andere ist ein bisschen doof“.

Da ich eigentlich etwas anderes aussagen wollte, schnappte ich mir den Text und fragte bei einem anderen Magazin an, das im Veröffentlichen meiner Texte etwas kampferprobter ist.

Als ich mich dort nämlich mal auf vier Seiten über Cesar Millan, seine Fans und Kritiker lustig gemacht hatte, formierte sich prompt eine Gruppe humorbefreiter Millangegner, die verhindern will, dass ich je nach Österreich einreise …

Leider durfte ich das Interview nicht verwenden, so dass es jetzt auf meiner Festplatte gammelt und nicht in Österreich für Empörung sorgen kann.

Mittlerweile kann ich persönlich ganz gut damit leben, wenn sich 1.000 oder 2.000 Leute in einer Gruppe zusammenfinden, um mich blöd zu finden. Und selbst wenn es 100.000 wären, wäre mir das noch relativ wurscht. Warum?

Schaut man sich mal ein paar Zahlen an, dann stellt man schnell fest, dass die Masse der Empörten eigentlich relativ überschaubar ist. So hat Facebook ca. 1 Milliarde Nutzer, von denen im Januar 2014 27,38 Millionen aus Deutschland kamen.

Die öffentliche Facebook-Gruppe „Trainieren statt Dominieren“, die als virtueller Muttersumpf der positiven Hundeerziehung angesehen werden kann, hat heute 7.815 Mitglieder. Das klingt erstmal nach ziemlich viel, aber allein der SV hat 60.000 – zahlende – nichtvirtuelle Mitglieder.

Die geschlossene Facebook-Gruppe „Häkeln für Anfänger und Fortgeschrittene“ hat heute zum Beispiel 26.686 Mitglieder.

Der Vergleich hinkt natürlich, schliesslich sind die Häkler nicht unbedingt für ihre internen Grabenkämpfe bekannt und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals aufgefordert worden zu sein, eine Petition gegen jemanden zu zeichnen, der aversiv häkelt.

Dennoch. Laut dem Industrieverband Heimtierbedarf lebten 2013 6,9 Millionen Hunde in 14% der Haushalte, also 5,65 Millionen, in denen widerrum statistisch gesehen 2,02 Menschen leben.

Also haben ca. 11,4 Millionen Menschen in Deutschland Kontakt zu Hunden, die – natürlich statistisch betrachtet – in ihrem Haushalt leben. Und da gehören die, die unfreiwillig Kontakt mit den Viechern haben, noch garnicht dazu.

Gehen wir jetzt davon aus, dass sich der Prozentsatz der Hundehalter bei Facebook in etwa in dem Bereich bewegt wie im Rest der Bevölkerung, dann halten wir fest: Wenn von 81,1 Millionen Menschen 27,38 Millionen bei Facebook sind, dann entspricht das in etwa 34 % der Bevölkerung. Wenn von den 11,4 Millionen Hundemenschen ebenfalls 34% bei Facebook sind, dann entspricht die Zielgruppe einer öffentlichen Gruppe ca. 3,9 Millionen Menschen.

Wenn sich also bei Facebook 100.000 User finden, die eine Petition gegen den nächsten Hundetrainer ihrer Wahl unterzeichnen, ist das zugegebenermaßen mit viel Arbeit verbunden. Man muss nämlich entweder jede Mail löschen oder seinen Spam-Ordner entsprechend einstellen. Aber selbst 200.000 Empörte sind noch verschwindend wenig im Vergleich zu den möglichen Empörten.

Dazu kommt das Nutzerverhalten bei Facebook. Man empört sich, liked und geht sich nach kurzer Zeit woanders weiterempören.

Ein Experiment

Viele Tierschützer versuchen mithilfe des Internets, Hunden (oder Katzen oderoderoder) zu einem neuen Zuhause zu verhelfen. Das ist sooo nett.

Das Problem ist nur, dass X = (viele Tierschützer x viele Tiere x viele Seiten, Gruppen, Veranstaltungen) eine schier unendliche Masse an Hilferufe beschreibt. Möchte man einem solchen Notfall nun zu Bekanntheit verhelfen, entscheiden sich viele Nutzer dazu, den Hilferuf

  • a) zu teilen mit den Worten „Ach, wenn ich nicht schon zwei hätte“ oder so ähnlich
  • b) zu liken
  • c) zu ignorieren, weil es heute schon der tausendste Vermittlungsnotfall ist

Als ich mal einen Hund bei Facebook sah, den ich irgendwie niedlich fand (aber hab ja schon so viele), beschloss ich, ihm zu helfen.

Ich kommentierte den öffentlichen Hilferuf und das dazugehörige Foto mit den Worten „Gott, ist der hässlich“. Zu diesem Zeitpunkt standen drei Kommentare („Ich wünsche der Maus alles Gute“) unter dem Bild und es war gerade mal sechs mal geteilt.

Als ich einige Zeit später bei Facebook vorbeischaute, dachte ich mir: Erfolg!

Über 100 Kommentare, 70 mal geteilt! Dem Tierchen war die Aufmerksamkeit sicher.

Und das Überraschende: Für mich blieb der böse Spaß völlig folgenlos. Drei „Freunde“ weniger, dafür drei neue.

Wenn das größte Hundemagazin in Deutschland eine Reichweite von sage und schreibe 88.000 Exemplaren bei einer potentiellen Leserschaft von 14% der deutschen Haushalte hat, dann mag das natürlich an der großen Konkurrenz, an der selbstgewählten Kernzielgruppe oder am Untergang der deutschen Journalie liegen.

Es könnte aber auch sein, dass sich die Hundemagazine einfach zu sehr gleichen, völlig austauschbar sind und allesamt den selben Quark immer neu anrühren. Im Frühjahr gehts um überflüssige Pfunde, im Sommer um den Urlaub, im Herbst um das Herbstwetter und im Winter dreht sich alles um Weihnachten. Kennt man einen Jahrgang eines Magazins, kennt man alle.

Dabei gibt es da draussen jede Menge Konfliktstoff, jede Menge fachlicher, sachlicher aber auch pseudofachlicher und -wissenschaftlicher Gurus, die alle darauf warten, sauber und kontrovers in die Mangel genommen zu werden. Es gibt jede Woche neue Papers, die als der heilige Gral der Hundepsychologie abgefeiert werden und unzählige schöne und weniger schöne Geschichten rund um den Hund.

Und es gibt eine enorm große Zielgruppe, die all das lesen und dafür auch bezahlen würde – wenn sich denn jemand die Mühe machen würde, zu recherchieren und zu publizieren.

Gleichzeitig gibt es eine kleine, hysterische Minderheit, die sofort aufschreit, wenn ihre Heile Hundewelt in Frage gestellt wird, die vielleicht laut ist, aber bei weitem nicht so mächtig ist, wie einige Verlage oder auch Produktionsfirmen denken.

So lange sich die Hundemagazine darauf beschränken, Füllmaterial für die Lücken zwischen den Anzeigen zu produzieren, können die Leser/innen ihr Geld auch woanders ausgeben. Zum Beispiel auf dem Fischmarkt, denn da gibt’s olle Kamellen umsonst dazu.

 

Als Tacker mich mit diesem für ihn typischen flehenden Blick anschaute und „Bittebittebitte, lass mich die dumme Weimaranersau umbringen“, dachte ich mir „Ok, aber nur, wenn ich die Halterin umbringen darf“.

Da stand ich nun mitten im Futterbeutelland, wie ich es ab sofort nenne. Vor mir eine junge, dynamische Frau mit einem „Weimi“, der dermaßen an der Leine zog, dass sie sich ganz schön strecken musste, um ihm ein Leckerchen ins Maul zu stopfen.

Das edle Tierchen wiederum fixierte frolic-kauend meinen schnöden Hüteköter, was von Frauchen mit einem „feeeeiiin“ quittiert wurde.

Tacker, dem solche Gepflogenheiten gänzlich fremd sind, wollte nicht länger auf mein Ok warten, ihm kam die Einladung zum Infight gerade recht.

Der arme Hund, was der in den letzten Tagen erleben musste.

Fangen wir in dem Zoofachgeschäft an, das ich aufsuchte, um für meine Bande möglichst billiges, getreide- und zuckerhaltiges Trockenfutter zu kaufen.

Zur Erklärung, das ist meine neue Strategie, um Zoofachgeschäftsmitarbeiterinnen von mir fernzuhalten.

Sobald mir eine von denen ein fröhliches „Kann ich Ihnen helfen?“ entgegenflötet, pflege ich zu antworten „Ja, ich suche ein möglichst schädliches Hundefutter, das die Lebenserwartung meiner Hunde drastisch reduziert und Allergien auslöst. Haben Sie etwas genmanipuliertes im Angebot?“

In 94% der Fälle kann ich anschließend den Einkauf in Ruhe fortsetzen, ohne dass mir jemand „Hundewasser“ zu 11,98 € das Sixpack aufschwätzen will.

So stand ich also in diesem Zoofachgeschäft und wollte gerade den Sack Tod auf Raten bezahlen, als eine dieser Mitarbeiterinnen ankam, sich überfallartig auf das Tackerchen stürzte und ihn „Och, bist du süß“-quietschend mal so richtig durchkuschelte.

In diesem Moment vernahm ich ein leises „Pock“. Das war meine Kinnlade, die gerade auf die Fliesen geklatscht war.

Ich fragte mich, ob die Dame wahnsinnig ist, kam aber nicht mehr dazu, sie zu fragen, denn just in dieser Sekunde steckte ein Labbi-Mix seine dicke Nase in den Hintern meines Rüden, was dieser in der selben Sekunde mit sofortiger Exekution beantworten wollte.

Ich zischte möglichst leise ein „Nein, Wag es dich“ in Richtung Tacker und spürte sofort die bohrenden Blicke der um ihren Trauernden in Spe im Kreuz. „Hat der etwa Nein gesagt?“ Ja, hat er.

Angesichts solch derber Aversion meinerseits hätte ich erwartet, dass die Labbi-Mix-Halterin vielleicht mal ihre Fellnase zurückpfeifen würde. Immerhin befanden wir uns in einem Zoofachgeschäft. Jede Menge Ware, die entsorgt werden müsste, wenn das Tackerchen den Labbi auf den Fliesen verteilt.

Aber nö, sie stand da, fand sich und ihren Hund offensichtlich witzig und ich hatte das Vergnügen, den Hüte-Rambo am Amoklauf zu hindern.

Als ich vor zwei Wochen im tiefsten Bayern auf einem Bauernhof zu Gast war, trafen wir auf Simba, den Hofhund.

Simba, 12 Monate alt, Howi-Berni-Irgendwas mit grazilen 40 Kilo, der meinte, in einem Akt gnadenloser Selbstüberschätzung über mein gemerltes Grauen herzufallen. Ungefähr drei Minuten später war Simba um eine Erfahrung reicher und die Besitzer immer noch gelassen.

Hier wären Tacker und ich auf der Stelle ausgewiesen worden. Achwas, hätte ich meinen Hund tun lassen, was Hunde so tun, hätten die mich vermutlich gefesselt und mit Fackeln und Forken zur nächsten Tierärztin mit Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie getrieben, wo das Tackerchen unter lautem Geclicker kastriert worden wäre.

Überhaupt scheinen die Menschen hier – natürlich nicht alle, aber die Ausnahme bestätigt ja die Regel – ein etwas anderes Verhältnis zur Hundeerziehung zu haben als andere Menschen.

Die örtlichen Hundetrainerinnen mit kynopädagigischem Positiv-Diplom zum Beispiel verschreiben samt und sonders Schleppleinentraining und beim Gassigehen aus der Hand füttern als Allheilmittel für jegliche Probleme.

Super Sache, denn erstens kann der geneigte Vierbeiner mit so einer Schleppleine sein Opfer fesseln, bevor er es killt und zweitens kann man seinen Hund prima am Jagen hindern, indem man ihm massives Übergewicht anfüttert.

Die Individualdistanz der hiesigen Hundehalter scheint irgendwo bei Minus 12 cm zu liegen, hier wird nicht gefragt, hier wird getestet. Und sollte es ein Köter auch nur wagen, etwas Distanz einzufordern, liegt das Problem natürlich bei ihm und nicht in der Rücksichtslosigkeit der Menschen.

Als ich dann abends noch mal unterwegs war, hörte ich plötzlich eine Frau quietschen. Sie stand etwas verloren auf dem Weg und machte stimmgewaltig und hochoktavig „Jabajabajaba“. Allein.

Gerade als ich ihr zu Hilfe eilen wollte, weil ich einen Anfall oder schlimmeres vermutete, nahm ich am Horizont einen schwarzen Punkt wahr, der sich hin und her bewegte. Als der Punkt ein wenig größer wurde, brüllte die alleinstehende „Feeeeeeiiiiiin“, worauf der Punkt wieder kleiner wurde.

Ich schaute mir das Spektakel an, guckte Tacker an und ich glaube, er schüttelte kurz den Kopf.

Glaube.

Kein Mensch kauft sich einen Hund mit dem Ziel, sich ein Problem zuzulegen.

Wir handeln in dem Glauben, dass alles gut wird.

Wir glauben daran, dass wir uns ein Familienmitglied ins Haus holen, einen Spielkameraden für die Kinder, eine Sportskanone, mit der wir Erfolge feiern werden oder jemanden, der uns motiviert, uns mehr zu bewegen.

Wir glauben der netten Tierschützerin, dass wir wirklich etwas gutes tun, wir glauben den freundlichen Menschen im Forum, die uns mit Erziehungstipps behilflich sind und wir glauben dem Züchter, dass die Rasse unserer Wahl perfekt zu uns passt.

Schließlich glauben wir, dass unsere Sehnsucht erfüllt wird, unsere Erinnerungen an den Hund unserer Kindheit, unser Bild vom treuen Freund, der mit uns durch dick und dünn geht oder unser Wunsch, einer geschundenen Kreatur ein schönes Leben zu ermöglichen.

All das ist menschlich, all das ist gut.

Liebe.

Kein Mensch verliebt sich, um unglücklich zu werden.

Wir lieben unsere Hunde. Auch das ist menschlich und nachvollziehbar.

Einige Soziologen vertreten die Ansicht, dass wir Menschen mit der Entwicklung einfach nicht Schritt halten konnten, dass wir evolutionär betrachtet nicht in der Lage sind, die Folgen der Industrialisierung und Globalisierung zu verarbeiten.

Der Mensch verinselt, vereinsamt und die Familie, wie sie noch vor Einhundert Jahren Normalzustand war, ist zusammengebrochen. Unsere sozialen Zellen sind mehr und mehr geschrumpft, bis nur noch jeder Einzelne für sich übrig blieb.

Viele von uns sind allein. Und so nehmen unsere Haustiere eine neue Position in unserer Gesellschaft ein. Sie befriedigen quasi unsere sozialen Bedürfnisse, denn eines haben Hund und Mensch gemeinsam. Wir leben sozial obligat.

Mit der Einsamkeit ist das so eine Sache. Sie wird zur effektivsten Methode des Überlebens hochstilisiert. In Vorstellungsgesprächen kommt die Frage nach dem Familienstand nicht von ungefähr. Eine Einzelperson ohne „Anhang“ ist flexibler, abends wartet niemand zuhause, dem man Rechenschaft schuldig wäre. Außer vielleicht dem Hund.

In unserer Liebe zum Hund sind wir bedingungslos. Auch wenn sie manchmal sehr einseitig zu sein scheint.

Wir tun sprichwörtlich alles für unsere große Liebe. Wir opfern uns bis zur völligen Selbstaufgabe auf, passen unser Leben an, geben unsere Hobbys auf und suchen Gleichgesinnte, Menschen, die uns verstehen und die genauso leiden wie wir.

Wagt es jemand, unsere Liebe in Frage zu stellen, dann reagieren wir hochemotional. „Du darfst den Mann, die Kinder und die ganze Familie beleidigen, aber wenn es um den Hund geht, darfst du nicht mal etwas gegen sein Futter sagen“ hat ein Kollege mal bitter zusammengefasst.

Unsere Art der Liebe ist die einzig wahre. Dessen müssen wir uns ständig vergegenwärtigen und vergewissern. Und diesen Umstand müssen wir wohl verteidigen – gegen alles. Denn alles ist das, was wir tun, damit unsere Liebe erwidert wird.

In den Momenten, in denen wir uns fragen, warum er oder sie so ist, obwohl wir doch alles tun, uns so große Mühe geben und uns so aufopfern, spüren wir Zweifel, die uns beinahe zerreißen, weil wir doch nur glücklich sein wollen und geliebt werden.

Hoffnung.

Kein Mensch hofft, dass es wirklich hoffnungslos ist.

Die Hoffnung nicht aufgeben, denn sie stirbt zuletzt. Jeden Strohhalm greifen, vielleicht bringt er ja die (Er-)Lösung. In unserer Hoffnung sind wir vereint, heisst es. Und warum fühlt sich der Mensch so verdammt allein, wenn er am Waldrand steht und – hofft.

Er hofft, dass nichts passiert. Verrückt, denn ständig passiert was, alles ist im Fluss. Vielmehr stehen wir da und hoffen, dass der Kelch an uns vorüber geht. Wir hoffen, dass es ausreicht. Wir hoffen, dass wir nicht scheitern.

Scheitern.

Kein Mensch beginnt, um zu scheitern.

Am Ende ist alles Scheitern. Und am Ende steht der Mensch allein da, mit all seinen Ängsten und Hoffnungen, seiner Liebe und seinem Glauben an das Gute.

Egal, ob es um den Hund, einen geliebten Menschen, den Job oder was auch immer geht. Menschen scheitern nunmal. Ein irrsinnig schmerzhaftes Gefühl voller erfüllter Selbstzweifel, voller sich erklärender Irrtümer und der Ungewissheit, wie es nun weitergehen soll.

Und dennoch ist Scheitern ein Teil des Lebens. Und häufig ist das Eingeständnis, gescheitert zu sein, sogar der Beginn etwas guten.

Denn die Erde dreht sich weiter, wir können sie weder anhalten noch die Zeit zurückdrehen. Und unsere Facebook-Freunde geben uns vielleicht ein „Like“ des Mitleids und ein paar aufmunternde Worte mit, doch dann wenden sie sich wieder um ihrem persönlichen Scheitern zu.

Wenn Hunde scheitern, dann meistens am Menschen. Sei es an einer gestellten Aufgabe, sei es an einer Form der Kommunikation, die sie nicht verstehen oder an Ansprüchen, die sie nicht erfüllen können.

Die Menschen wiederum, die scheitern zu allererst, an sich selber. An Aufgaben, die einfach nicht zu lösen sind, an Konflikten, denen sie nicht gewachsen sind und an Ansprüche, derer sie selber nicht gerecht werden.

Wir sind schnell dabei, ihnen ihr scheitern vorzuwerfen. Ihnen zu sagen, dass man es hat kommen sehen, dass man sich eh immer gewundert hat, wie der oder die scheiternde nur so blöd gewesen sein könne.

Das ist nicht fair, wir sollten uns darüber bewusst sein, dass es zutiefst menschlich ist, zu glauben, zu lieben und zu hoffen.

Menschen sind so wertvolle Lebewesen, unvollkommen klar, voller Fehler und voller Missverständnisse. Und doch so zerbrechlich, dass wir aufpassen müssen, ihnen nicht weh zu tun.

Ich wollte immer nur Dein bestes. Wir müssen aufhören, immer nur das Beste zu wollen, vielleicht will unser Gegenüber es ja behalten. Wir sollten dankbar sein, für die schönen Momente und nicht nur an die traurigen und ärgerlichen denken.

Wir sollten Respekt haben. Vor der Lebensleistung eines jeden, dem wir begegnen. Wenn jemand fällt, sollten wir nicht über den Sturz lachen, sondern Beifall klatschen, wenn er wieder aufsteht.

Wir sollten anfangen, in unseren Gegenübern das wertvolle, dass einzigartige zu sehen, das es ausmacht und all die Fähigkeiten anerkennen, die es mitbringt.

Wir sollten Respekt haben vor der Fähigkeit anderer, bedingungslos zu lieben, für jemanden zu leiden und für die Bereitschaft, sprichwörtlich vor die Hunde zu gehen.

Am Ende läuft alles auf diese sieben Buchstaben hinaus: RESPEKT.

Respekt vor dem anderen. Mit seiner Meinung, seinen Schwächen und seinen Entscheidungen, die uns vielleicht missfallen. Eine Haltung, die leider vielen Menschen – und insbesondere solchen mit Hund – zu fehlen scheint.

 

Schon vor einiger Zeit habe ich mir abgewöhnt, Hundeforen oder -gruppen im Internet aufzusuchen. Denn allzu oft passiert es, dass ich mich auf meine Hände setzen muss angesichts der teils abenteuerlichen Tipps, die da so zu finden sind.

Würde ich jedes Mal in die Tastatur greifen, wenn ich mich mal wieder aufrege, hätte das nichts anderes zur Folge, als dass

a) ich keine Zeit für irgendwas anderes mehr hätte
b) der erste Herzinfarkt in großen Schritten näher käme
c) F. irgendwann ausziehen würde.

Also lasse ich es. Naja, meistens.

Denn manchmal kann man garnicht anders. So wie neulich, als ich mich bei diesem großen blauen sozialen Netzwerk in eine Gruppe verirrt hatte, die es sich zur Aufgabe macht, Hütitütis an den Mann oder die Frau zu bringen, die vermutlich versehentlich als Familienhund vermittelt wurden.

Dort fand ich einen „Threat“, in dem jemand seine Probleme mit dem hauseigenen Border Collie schilderte, dass dieser alles fixieren, Kinder, Autos, Schmetterlinge und hyperaktive Schnecken „hüten“ und Fremden gegenüber auch mal die Zähne einsetzen würde.

Und da stand es, sozusagen schwarz auf weiß von einer Userin in den Äther geblasen:

„Wer einen Border Collie halten möchte, muss lernen mit diesem Verhalten zu leben. Schließlich wurden sie dafür gezüchtet, alles zu hüten.“

Ich las diese beiden kurzen Sätze und bekam kurzfristig Ganzkörperherpes, gefolgt von einem Schluckauf, den ich seit dem nicht mehr loswerde, sobald ich an diese Aussage denke.

Diese Aussage, gute Frau, ist aus vielerlei Gründen blödsinnig und schlicht falsch! Und für die Tatsache, dass Sie so einen Dummfug für etwa ein Achtel der Weltbevölkerung gut lesbar bei Facebook hinterlassen, würde ich Sie am liebsten aversiv anstupsen! So.

  1. Kein Border Collie wurde je dafür gezüchtet, irgendetwas zu hüten. Denn das, was die Tierchen da tun hat nischt aber auch jaanischt mit „hüten“ zu tun. Denn der Koppelgebrauchshund als solcher treibt das Vieh. Die Engländer, die ja ein kluges Völkchen sind, nennen den Border Collie deshalb auch „Sheep Dog“ oder „Herding Dog“ und den Hütehund „Tending Dog“ oder „Shepherd Dog“. Aber genug klug geschissen. Vielleicht meinen Sie ja eigentlich das Treiben.
  2. Trotzdem, selbst, wenn er den Nachwuchs ins Kinderzimmer treibt anstatt ihn zu hüten, wurde kein Border Collie dafür gezüchtet, an Kindern, Autos oder sonstwas zu arbeiten.

Tatsächlich ist es so, dass diese Hunde dazu neigen, unbestimmten Bewegungsreizen nachzugeben. Diese Disposition zu managen ist wiederum Aufgabe des Besitzers.

Ich kenne zig Besitzer von Border Collies – solche, die mit den Hunden an Schafen arbeiten und solche, die es nicht tun – die keine derartigen Probleme mit ihren Hunden haben. Der Grund dafür ist einfach. Diese Menschen haben eben nicht eingesehen, dass man mit einem solchen Verhalten leben muss, sondern haben ihren Hund erzogen.

Es ist verrückt.

Der Besitzer eines Jack Russel Terriers muss die angeborene Disposition seines Hundes managen, der Border Collie-Besitzer muss lernen, damit umzugehen. Dabei stammen beide Verhalten – das Hetzen, Packen und Töten der Beute genauso wie das Fixieren und Anschleichen – aus ein und dem selben Funktionskreis, nämlich dem Jagen und damit dem stoffwechselbedingten Verhalten.

Das könnte wiederum ein Hinweis darauf sein, warum diese Verhalten mit Spiel genauso viel gemein haben könnte wie mein morgentlicher Gang zur Toilette.

Doch zurück zum Border Collie. Die Aufgabe, nämlich das rassetypische Verhalten zu managen, kann mitunter tatsächlich schwierig bis unmöglich werden. Zum Beispiel dann, wenn man sich einen Hund aus einer VDH-Zucht kauft.

Innerhalb des VDH zeichnet sich der Club für Britische Hütehunde für den Border Collie verantwortlich.

Ein Club, dessen Mitglieder solche Dinge behaupten wie, das ein Border Collie nicht rollhaarig sein darf, weil es in Schottland so oft regnet. Naja gut, der selbe Club behauptet auf seiner Internetseite auch, dass die Shetlander den Sheltie gezüchtet hätten, weil sie zu den winzigen Shetlandponies und den noch winzigeren Shetlandsheeps eben ganz besonders winzige Hunde gebraucht hätten. Überhaupt, die Shetländer, ein außerordentlich kleines Volk mit großen behaarten Füßen, dessen Hauptstadt Michelbinge heißt …

Die Züchter des „CfBrH“, wie der Verein abgekürzt heißt, züchten gemäß des Rassestandards der FCI, also der Fédération Cynologique Internationale.

Das sechseitige Dokument inklusive Illustration beschäftigt sich in exakt 18 Worten mit den gewünschten Verhalten des Hundes, nämlich:

Zu harter und ausdauernder Arbeit fähiger Hund von guter Führigkeit; aufgeweckt, aufmerksam, empfänglich, intelligent, weder nervös noch aggressiv.

Im restlichen Text erfahren wir zum Beispiel, dass der Nasenschwamm bitte schwarz zu sein hat – mit Ausnahme bei braunen oder schokoladenfarbigen Hunden, da darf er braun sein. Jedes, aber auch jedes Schaf auf dieser Erde verliert in der Sekunde den Respekt vorm Sheepdog, in dem es feststellt, dass er einen fehlpigmentierten Nasenschwamm hat! Nicht.

Irgendwie ist den Verantwortlichen dann aufgefallen, dass die paar Wörtchen wohl ein bisschen wenig sind und haben dem letzten Absatz noch einen weiteren Halbsatz (in fett) hinzugefügt:

Jede Abweichung von den vorgenannten Punkten muss als Fehler angesehen werden, dessen Bewertung in genauem Verhältnis zum Grad der Abweichung stehen sollte und dessen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Hundes und seine Fähigkeit, die verlangte rassetypische Arbeit zu erbringen, zu beachten ist.

Die Aufnahme in die FCI hat noch keiner Rasse gut getan, beim Border Collie und anderen Gebrauchshundetypen ist es jedoch nahezu absurd, einen Standard festzulegen, der beschreibt, wie das Tierchen bitteschön auszusehen hat.

Aber schlimmer geht ja bekanntlich immer.

Wenn ein Schäfermeister zwei Hunde miteinander verpaart, dann legt er Wert darauf, dass die Elterntiere bestimmte Eigenschaften mitbringen, die später bei der Arbeit am Vieh hilfreich sind.

Im Falle des Border Collies wären das zum Beispiel neben anderen das Fixieren in Verbindung mit dem Anpirschen („Eye and Style“), gepaart mit dem entsprechenden Druck am Vieh, der dann gerne mal als „Power“ bezeichnet wird.

Gemäß Mendel’scher Vererbungslehre stehen die Chancen dann gut, dass die Nachkommen die gewünschten Eigenschaften an den Tag legen.

Ein Züchter, der sich dem Rassestandard verpflichtet fühlt, wird die Elterntiere nach den gewünschten äußerlichen Merkmalen aussuchen und versuchen, dem Standard möglichst nahe zu kommen – mit der Nebenwirkung, dass die hypertrophierten (also stärker ausgeprägten) Merkmale der Tiere ungünstig vererbt werden können.

So wird aus dem „aufgeweckten“, „aufmerksamen“ und „empfänglichen“ Hund unter Umständen ein hypernervöses Wrack mit Geräuschphobie und dem Hang zur genetisch bedingten Störung. Psycho + Psycho ergibt eben Psycho. Lass ihn doch Tapeten fressen, spart Futter …

Neben Ganzkörperherpes und Schluckauf bekomme ich dann hin und wieder hektische Zuckungen, wenn ich auf die Internetseite von „Stehohrbordercollies von Kleinpopelsdorf“ stosse.

Border Collies, aber die mit Stehohren bitte, waren übrigens die letzten Vertreter ihrer Rasse, die dem Meer entstiegen sind. Deshalb auch die Stehohren, denn der Hund soll ja empfänglich sein … Wie das Rollhaarverbot mit den erlaubten Stehohren einhergehen soll, bleibt mir derweil ein Rätsel. Immerhin regnet es da rein – und in Schottland, das wissen wir ja …

Das muss natürlich nicht bedeuten, dass alle Hunde, die rein auf äußerliche Merkmale hin verpaart werden, unbedingt problematisch werden müssen, aber die Gefahr ist größer als bei Verpaarungen, bei denen das Verhalten im Vordergrund steht.

Vorausgesetzt, die hübschen Tierchen sind nicht schon von Geburt an bekloppt, gibt es jede Menge Möglichkeiten, dies nachzuholen – teilweise mit einem Eifer, der vermuten lässt, dass es Zulieferverträge zwischen Züchtern und Hundetrainern geben muss.

Wirft man zum Beispiel einen Blick auf die Internetseite einer beliebten Züchterin, findet man jede Menge herzzereißender Videos, in denen die kleinen Scheißer schon im Alter von Sechs Wochen munter irgendwelchen Objekten hinterher trampeln Niedlich. 250 Personen gefällt das.

Den späteren Welpenkäufern allerdings nicht unbedingt, die sich dann mit monochromen Plüschkugeln rumschlagen müssen, die mit 10 Wochen jedem Auto hinterher machen. Und dann zur Erklärung zu hören bekommen, dass sich das von alleine erledigt.

Das, was da passiert, nämlich das unkontrollierte Hetzen von unbelebten Objekten, bezeichnen viele Menschen als „Spiel“. Viele Hundetrainer, Tierärzte und Ethologen bezeichnen so etwas als problematisch.

Denn, und das dürfte sich mittlerweile bis ins letzte Hundeforum durchgesprochen haben, das Jagdverhalten ist selbstbelohnend. Der Hund, der jagt, wird mit körpereigenen Endorphinen zugeschüttet, der Begriff Endorphin ist eine Wortkreuzung aus endogenes und Morphin sagt Wikipedia und trifft den Nagel auf den Kopf.

Anders als von diversen TsDlern propagiert sind diese Endorphine sehr wirkungsstark und der Versuch, einen Hund mittels Leckerchen-Belohnung aus dem Jagen zu holen (unterbrechen sagen wir nicht, denn das ist Pfui! Achja, und „Tscht“ sagen wir nicht, weil das Geräusch den Hund bei seiner Urangst vor der Schlange packt, genau) vergleichbar ist, wie Sie mit einem trockenen Knäckebrot vom Sex abzuhalten (vergl. Krawallmaus). Aber egal.

Im Normalfall wird jeder Hund im Laufe seiner Entwicklung früher oder später mit der glücklich- und süchtigmachenden Wirkung des Jagens konfrontiert.

Der Welpe indes probiert sich bereits im Spiel aus, allerdings noch verschwurbelt mit jeder Menge anderer Verhaltensweisen, die so ein kleiner Pups lernt. Erst im Laufe der Zeit lernt er die verschiedenen Verhalten voneinander zu trennen und sozusagen nach Funktionskreis zu sortieren. Er lernt (im besten Fall), dass man Artgenossen nicht hetzt, packt und tötet und das man seiner Beute nicht vorher lautstark zu verstehen gibt, dass man sie gleich fressen wird.

Wird ein junger Hund jedoch schon sehr früh und einseitig mit jagdlichen Reizen konfrontiert, so wird die arme Maus (so nennt man die doch) mit den körpereigenen Belohnungssystemen im wahrsten Sinne des Wortes vollgeballert, obwohl das Tier vom Entwicklungsstand her noch garnicht in der Lage ist, damit umzugehen.

Verrückt, würden Sie heute abend auf der Straße einen 11-jährigen treffen, der sturzbetrunken ist, würden Sie sich fürchterlich aufregen. Der viermonatige Hütitüti der morphingeschwängert einer wertlosen Filzkugel hinterhetzt, als wenn es kein Morgen gäbe, den youtubet man und genießt die „Oh Cuuuute“-Kommentare …

Anders als die Hundebespaßungsindustrie uns glauben machen will, braucht ein Border Collie (oder irgendeine andere Rasse) keinen Agility-Vorbereitungskurs für Welpen, nein, rein genetisch betrachtet ist es für einen Hund, der dafür gezüchtet wurde, den Outrun quasi per Disposition mitzubringen, eher widersinnig,  einen Parcours zu absolvieren.

Die erste Lektion des Border Collie-Welpen: Nicht glotzen! Gefolgt von der zweiten Lektion des Border Collie-Welpen: Immer noch nicht glotzen. Schafe (und anderes Vieh) sind im ersten Jahr tabu, die bekommt er nicht zu Gesicht. Achwas, er bekommt nicht mal Lamm & Reis!

Dann mit etwa einem Jahr stehen da auf einmal diese komischen Tiere, machen „Mäh“ und hassenichgesehn – jetzt darf er. Mehr brauch er nicht. Vorausgesetzt, man möchte einen Hund haben, der adäquat am Vieh arbeitet.

Möchte man einen Hund haben, der Familienbegleiter ist, dann lautet die erste Lektion immer noch: Nicht glotzen!

Nur mit dem Unterschied, dass man das angeborene Verhalten tatsächlich bis in alle Ewigkeit managen muss, ohne einen adäquaten Einsatz für das Tier bieten zu können. Zu glauben, man könnte ihm irgendetwas anderes vorsetzen, der irrt bzw. glaubt dem Marketing der Hundeschulen. Kein Hund geht zum Treibball und sagt „Mensch, eigentlich werde ich ja seit Jahrhunderten für die Arbeit am Vieh gezüchtet, aber hey, so ein paar Bälle in ein Handballtor treiben, das ist viel cooler!“

Auch wenn der eine oder andere ISDS-Anhänger nun meinen sofortigen Tod fordert, für Familien mit Border Collie-Anspruch könnten verantwortungsvolle Züchter genau solche Exemplare verpaaren, die das typische Verhalten weniger stark ausgeprägt zeigen. Mit dem Nachteil, dass auch untalentierte Border Collies nicht unbedingt dem Rassestandard entsprechen. Die hätten dann vermutlich Rollhaar, da regnet es durch …

Die Engländer, ich erwähnte schon, was für ein pfiffiges Volk das ist, nennen solche Hunde dann übrigens „Pet Dog“. Und Pet bedeutet neben „Haustier“ eben auch „streicheln“. Und auch das wäre ja ein tolles Leben für einen Hund.

Doch so lange auf der einen Seite Hunde in erster Linie auf Schönheit hin selektiert, Verhalten nur eine Nebenrolle bei der Zucht spielt, die Tiere ungünstig sozialisiert und wie lebendige Sportgeräte behandelt werden, hat die Dame bei Facebook wohl nicht ganz Unrecht:

Dann muss man wohl damit leben. Eigentlich schade.

Frau M. hatte immer eine Augensalbe dabei. Für den Fall, dass sich „Charlie“, ihr dreijähriger Mops-Rüde mal aufregen sollte. Dann nämlich konnte es passieren, dass er – flutsch – eines seiner Augen aus der Höhle presste. Routiniert zückte Frau M. dann die Salbe, schmierte das Auge damit ein und – nochmal flutsch – drückte es wieder in die vorgesehene Position.

Möpse trifft man in der Hundeschule eigentlich eher selten außerhalb von den mittlerweile obligatorischen Welpengruppen. Denn so ein leinenpöbelnder Mops ist ja eigentlich ganz gut zu managen und nur die wenigsten Zeitgenossen sehen in dem kleinen Hund eine Gefahr für Leib und Leben.

Frau M. sah das eigentlich ganz ähnlich, würde sich „Charlie“ nur nicht immer so fürchterlich aufregen, wenn ihm andere Hunde begegnen. Ihr Tierarzt hatte ihr nämlich gesagt, dass es garnicht so gesund wäre, wenn der Hund vor lauter Theater ständig seine Augen aus den Höhlen pressen würde.

Also übten Frau M. und ich nun, an anderen Hunden vorbeizukommen, ohne dass „Charlie“ ein Auge nach ihnen warf – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ganz andere Probleme hatte derweil Frau P. mit ihrer Cavalier King Charles-Hündin „Yvette“. Die war nämlich eine Futtermittelallergikerin, wie Frau P. in einem Forum erklärt bekam und ihr erst die Züchterin und dann eine Ernährungsexpertin bestätigte.

Nun könnte man sagen, ein bisschen Google hätte Frau P. viel Geld und ihrer „Yvette“ einiges an Leid ersparen können. Aber so einfach war es nicht.

Denn das Hündchen litt unter der sogenannten Syringomyelie, ganz grob zusammengefasst passte das Gehirn des Tieres auf Grund züchterischer Übertreibungen nicht mehr in den Schädel. So kommt es zu einem „inneren Wasserkopf“ auf Grund des erhöhten Drucks des Hirnwassers auf das Gehirn.

Auf Grund der Symptome vermutete Frau P. zunächst eine Allergie, probierte verschiedenste Futter aus, diskutierte sich quer durchs Internet und kam schließlich zum Barfen, was auch nicht weiterhalf.

Als die Symptome immer schlimmer wurden und der Hund beinahe durchdrehte vor Qualen, suchte Frau P. einen Spezialisten auf, der ihrem Hund helfen sollte.

Eine OP sollte es richten, allerdings konnte Frau P. den Erfolg nicht mehr messen, da „Yvette“ die Narkose nicht überstanden hatte.

„Anton“ wiederum ist ein Deutscher Boxer, seine Besitzer Herrn und Frau S. lernte ich kennen, weil der Hund „ein wenig nervös“ wäre, wie es hieß. Tatsächlich war „Anton“ das hündische Pendant zu einem „Zappelphilipp“, extrem aufgedreht und ein echter Wirbelwind. Allerdings nur bis er etwa fünf Jahre alt wurde. Ab da vergreiste der Hund genauso schnell wie er in jüngeren Jahren über die Wiese flitzte.

Mein Freund Gerd hat mir mal erzählt, dass sich diese merkwürdige Entwicklung des schlagartigen Alterns auf einen einzigen Rüden zurückführen ließe, dessen – preisgekrönte – Nachkommen für dieses Phänomen bei vielen Boxern geführt hätte.

„Kurti“ seines Zeichens war ein Golden Retriever wie er im Buche steht. Ein wunderschöner Hund und rassetypisch sehr freundlich. Warum er im Tierheim gelandet war, wollte niemanden so recht einleuchten, bis „Kurti“ bei der Abholung durch seine neuen stolzen Besitzern aus dem Nichts den Familienvater attackierte und schwer verletzt hatte.

In den 1980er Jahren machte mal die sogenannte „Cocker-Wut“ die Runde. Die roten Cocker Spaniel attackierten ohne ersichtlichen Grund ihre Besitzer, verletzten sie zum Teil schwerst und brachen danach ebenso unvermittelt in sich zusammen – als wenn sie sich schämten, wie einige der zu Schaden gekommenen Besitzer später erklärten . Nachdem sich solche Fälle häuften, klärte sich auf, dass die viele der betroffenen Tiere eine verwandtschaftliche Nähe aufwiesen. Später, Ende der 1990er Jahre und Anfang der 2000er Jahre wurden solche Fälle bei Golden Retrievern wie „Kurti“ bekannt, meistens bei besonders hellen Hunden mit großen, dem Kindchenschema entsprechenden Augen.

Nicht ganz so spektakulär, aber dafür umso fataler erging es „Lotte“, einer dreijährigen Australian Shepherd-Hündin aus einer „liebevollen Zucht mit Familienanschluss“, wie es so schön heißt. Weil die Liebe ja bekanntlich überall hinfallen kann, war „Lotte“ das Ergebnis einer Verpaarung zweier eng miteinander verwandter Hunde der Familie.

Als Andenken dieser Liebesbeziehung behielt „Lotte“ eine Degenerierung der Speiseröhre zurück, sprich das Gewebe war an einer Stelle geschwächt, so dass sich Nahrung und Wasser dort sammelten. In der Folge bekam „Lotte“, wenn sie etwas fressen oder trinken wollte, Erstickungsanfälle und verlor schließlich das Bewusstsein.

Es ist von Glück zu sprechen, dass „Lottchen“ bei einer verantwortungsvollen Tierärztin vorgestellt wurde, die das Argument, der Hund hätte ja drei Jahre damit überlebt, nicht gelten ließ und dieser abscheulichen Qual ein Ende setzte.

Trotz solcher Kollateralschäden erfreuen sie die Aussies der „Züchterin“ großer Beliebtheit und so habe ich in der letzten Zeit so manche Exemplare kennengelernt, die aus der „Zuchtstätte“ stammen. Immerhin sind sie wunderhübsch und neben der Inzuchtschäden auch mit dem Merle-Gendefekt ausgestattet, der sie so lustig bunt aussehen lässt.

Laut der Universitätsklinik in Leipzig sind heute ungefähr 500 Erbkrankheiten bei unseren Rassehunden bekannt.

Ein Großteil davon hängt damit zusammen, dass Äußerlichkeiten bei der Zucht eine völlig übergeordnete Rolle spielen, während altmodische Tugenden wie „Wetterhärte“, „Leichtfüttrigkeit“ und „Langlebigkeit“ in den Hintergrund gerückt sind.

Selbst Hunde, die eigentlich auch heute noch für einen klaren Auftrag gezüchtet werden, bekommen einen Rassestandard aufgedrückt, in dem festgelegt wird, wie der Hund auszusehen hat. Als ob es irgendeine Bewandtnis für ein Schaf hätte, wie der Border Collie aussieht, der es gerade über die Koppel treibt.

Wie kann es sein, dass immer mehr Schäfer darüber klagen, dass ihre Hunde den Anforderungen des Arbeitsalltags nicht mehr gewachsen sind? Wie kann es sein, dass sich der Harzer Fuchs seit einiger Zeit einer immer größer werdenden Fanschar erfreut und gleichzeitig die ersten Fälle von Epilepsie bei den Hunden auftauchen?

Ein Bekannter von mir züchtet Französische Bulldoggen, die er eigentlich nicht so nennen darf, weil sie richtige Nasen haben. Sein Argument, dass es ihm wichtiger sei, dass seine Hunde frei atmen könnten und alle Freuden eines richtigen Hundeleben geniessen können, kam bei seinem Verein nicht gut an, so dass er ihn verlassen musste und nun ohne Papiere züchtet.

Seinen Welpenkäufern ist das derweil egal, sie freuen sich über pfiffige und robuste kleine Hunde. Seinem ehemaligen Verein ist das nicht egal und so wird er als „Vermehrer“ beschimpft. Ein Blick auf seine Hunde, die auch im Sommer über die Wiese toben können und keinen Fahrradkorb brauchen, um bei einer längeren Radtour mithalten zu können, hilft dabei, die Begrifflichkeiten in ein anderes Licht zu rücken.

Auf internationalen Ausstellungen werden Hunde zu Siegern und damit zu wertvollen Vererbern für unzählige Nachkommen gekürt, die kaum in der Lage sind zu atmen, ohne Hilfe durch den Showring zu gehen oder ständiger Kühlung bedürfen, damit sie in der Halle nicht kollabieren. Und ihre Nachkommen wiederum sind allesamt Halbgeschwister. Die hiermit verbundene Verkleinerung des Genpools stellt einen weiteren Grund dafür dar, warum nahezu wöchentlich neue Erbkrankheiten bekannt werden.

Und während Frau P. um ihre „Yvette“ trauert und mir am Telefon erzählt, wie sehr sie es ärgere, wie die Krankheit von Züchtern und Verbänden immer noch verharmlost und verheimlicht wird, schaue ich „Pugsley“ an, meine Deutsche Dogge, und muss froh sein, dass er für sein Alter noch so gut drauf ist.

Denn am Ende sind wir alle Kinder dieser Zeit. Und eine Bulldogge sieht einfach unglaublich süß aus. So lange man nicht zuhören muss, wie das arme Tier um Luft ringt. Während sich Züchter, Zuchtverbände und besonnene Tierärzte darüber in den Haaren liegen, ob es sich bei den Tieren nun um eine Ikone oder um eine Qualzucht handelt, wird eine Studie veröffentlich, nach der die Hälfte der vorstellig gewordenen kurznasigen Hunderassen regelmäßig nach dem Fressen umfällt.

Als ich „Pugsley“ kaufte, war ich begeistert von den sensiblen Riesen und mir war sogar klar, dass die Lebenserwartung Deutscher Doggen geringer ist als die anderer, kleinerer und genetisch variablerer Rassen. Mein Irrtum lag darin zu glauben, dass mein Hund einfach früher altert. Das er nie wirklich gesund war, musste ich im Laufe der Zeit lernen.

Mit den Jahren wird man ja schlauer. Und obwohl ich auch heute noch Doggen-begeistert bin, wird „Puglsey“ die einzige bleiben, mit der ich mein Leben teile.

Denn am Ende unterstützen wir alle – und ich mit „Pugsley“ sowieso – eine ganze Industrie, die es garnicht gäbe, wenn unsere Rassehunde gesund wären.

Wir geben sehr viel Geld für Hunde, die nie geboren geschweige denn gezeugt worden wären, wenn es nicht die künstliche Befruchtung und die Möglichkeit der Kaiserschnittgeburt gäbe.

Wir geben sehr viel Geld für Hunde aus, die Spezialfuttermittel benötigen, um ein einigermaßen erträgliches Leben führen zu können.

Wir geben sehr viel Geld für Hunde aus, die wir vor Wärme, Kälte und Feuchtigkeit schützen müssen, damit sie nicht sterben.

Wir geben sehr viel Geld für Hunde aus, die ohne schlechtes Gewissen und in purer Absicht krank gezüchtet werden, weil genau diese Krankheit dem Ideal der Rasse entspricht.

Der Gewinner des Spiels ist die Industrie: Die Züchter und Zuchtverbände, die trotz „Pedigree Dogs Exposed“ und anderen immer noch die Augen vor dem Problem verschließen. Und die Tierärzte, die Futtermittelhersteller und die Pharmaindustrie, die Milliarden mit den Hunden umsetzen und trotz ihrer unbestrittenen Macht schön den Ball flach halten, um ihre Gewinne nicht zu gefährden.

Verlierer sind die Hunde, die oft trotz aller Liebe und Fürsorge ein Leben führen, welches zumindest im Graubereich der Tierschutzrelevanz stattfindet.

So muss ich, so müssen wir uns die Frage stellen, ob wir Hunde brauchen, die auf Gedeih und Verderb ins Extreme gezüchtet werden.

Brauchen wir Hunde, die so klein sind, dass sie sich den Schädel brechen, wenn sie vom Sofa fallen? Brauchen wir Hunde, die in ihrem ersten Lebensjahr das 200-fache ihres Geburtsgewichtes zunehmen? Brauchen wir Hunde, die nicht in der Lage sind, sich alleine fortzupflanzen oder ohne Hilfe ihren Nachwuchs auf die Welt zu bringen? Brauchen wir Hunde, deren Schönheitsideal ein offener Rücken ist? Brauchen wir Hunde, denen so viel Fell angezüchtet wurde, dass sie nicht mal mehr kacken können, ohne dass man sie danach baden muss? Hunde, die kein Fleisch mehr vertragen? Die nicht mehr bellen können? Die immer und ständig entzündete Augen haben? Die mit ihrem Bauch immer auf dem Boden schleifen? Die nicht mehr in der Lage sind, mit Artgenossen zu kommunizieren?

Wir sollten uns ernsthaft fragen, wie es heute noch möglich sein kann, dass immer noch ein Markt für diese Hunde existiert. In Zeiten von Internet und Smartphone kann sich jeder immer und überall informieren. Überall kann man von der Macht des Konsumenten lesen, wir haben es in der Hand, bestimmte Rassen einfach nicht mehr zu kaufen.

Die Züchter zu unterstützen, die Wert auf Gesundheit und ein ausgeglichenes Wesen legen und diejenigen abzustrafen, deren einziges Ziel es ist, vermeintliche Schönheit zu vermehren. Sollen diese Unmenschen doch auf ihren Hunden sitzen bleiben.

Denn wenn sich rumspricht, dass den Menschen Gesundheit wichtiger ist als eine möglichst kurze Nase, dann werden sich die Rassen verändern. In dem Moment, in dem es ans Eingemachte geht, werden Frischbluteinkreuzungen plötzlich kein Problem mehr sein, dann werden innerhalb kurzer Zeit die Nasen länger, das Fell kürzer, die Riesen kleiner und die Zwerge größer.

Bis dahin bin ich froh, dass Pugsley noch so fit ist.