“Sabine, mein Kind”, sagte sie. “Das kriegen wir hin. Das lassen wir uns nicht gefallen.”

Die Worte ihrer Mutter waren Sabine im Ohr geblieben, als sie am nächsten Morgen mit Paul auf dem Weg nach draussen war. Ihr kam eine Nachbarin entgegen und rümpfte die Nase. „Ist das Vieh immer noch da?“ kam es Sabine unfreundlich entgegen. „Ja, und bleibt auch“ grinste sie die ältere Dame an, die sichtlich beeindruckt war ob Sabines Frechheit. Das tat gut!

Gertie hatte morgens mit einem Rechtsanwalt telefoniert, der ihr mitgeteilt hatte, dass es keinen Grund zur Sorge geben würde, da die anderen Eigentümer kein Recht hätten, die Hundehaltung „einfach so“ zu untersagen. Aber vermutlich würden sie einen Versuch unternehmen und auf die Gefahr hinweisen, die vom Paul ausgehe. Aber dem könne man gelassen entgegen sehen. Größere Sorgen machten Gertie auch die Nachbarn selber. „Es kann der frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Da war was wahres dran. Und Gertie hatte schon gemerkt, wie angespannt ihre Tochter und ihr Schwiegersohn in der letzten Zeit gewesen waren. Wenn das mal gut geht.

Gut bzw. viel besser als erwartet verlief einige Wochen später die Geburt des Kindes. Marie. Michaels Prinzessin. Die kleine hatte es eilig gehabt, kam einige Tage zu früh und auch der Geburtsvorgang ging schneller von Statten als erwartet. Michael war froh, dass Sabine noch einige Tage im Krankenhaus bleiben sollte, da er zum Geburtsttermin hin ein wenig aus den Augen verloren hatte, was so ein Kind alles an Erstausstattung benötigte.

Als er in dem Geschäft stand und die schier endlose Auswahl an Zubehör, Accesoires und Babykleidung sah, musste er grinsen und an den Tag denken, an dem Sabine und er die Erstausstattung für Paul gekauft hatten. Tatsächlich stellte er an der Kasse fest, dass er bei Marie sogar etwas günstiger weg gekommen war als damals bei Paul. Sowas.

Derweil hatte sich Sabine bereits etwas von den Strapazen der Geburt erholt. Ihr Tagesablauf begann mit der Versorgung des Säuglings unter Mithilfe einer Hebamme. In den Pausen unterhielt sie sich mit ihrer Zimmernachbarin. Nicht nur, dass beide gerade Mutter geworden waren, sie hatten auch ein ähnliches Schicksal. Die junge Frau im Bett neben ihr hatte ihren Hund jedoch einschläfern lassen, nachdem er gebissen hatte. Eine Sache, die sie zutiefst bereute. Doch die Nachbarn hatten dermaßen Druck gemacht, und sie hatte niemanden gefunden, der ihren „Paul“ übernehmen wollte. Sabine merkte, wie schwer es ihrem Gegenüber fiel darüber zu sprechen und hielt sich deshalb ein wenig zurück, wenn es auf das Thema Hund kam. Einmal jedoch sagte die junge Frau wie aus dem Nichts: „Es hätte eine andere Lösung gegeben, es gibt immer eine andere Lösung.“

Eine Lösung brauchten auch Sabine und Michael. Morgen würde sie mit der Kleinen nach Hause kommen und sie hatte etwas Angst, wie Paul wohl auf den Zuwachs reagieren würde. In verschiedenen Foren hatte sie eine Vielzahl an Tipps gelesen, wie man Hund und Kind aneinander gewöhnt. Und sie hatte sich Notizen gemacht. Doch jetzt war sie einfach nur nervös. Paul wog 45 Kilo, Marie nicht viel mehr als 4,5 Kilo. Insgeheim jedoch vertraute sie ihrem Paul, vielmehr setzte sie voraus, dass es mit dem Kind gut geht. „Wir haben so viel Ärger gehabt, wenn es jetzt daran scheitert, bring ich ihn persönlich zurück nach Spanien.“ hatte sie mal im Scherz gesagt und dabei gehofft, dass Paul ihre Worte verinnerlicht.

Am Tag von Sabines Entlassung musste Michael feststellen, dass es unmöglich war, den Kinderwagen UND Paul im Kofferraum des Kombis unterzubringen. Also musste Paul zuhause warten. Heimlich fand Michael diesen Umstand gut, war er doch das Argument, sich nach einem neuen, größeren Auto umzuschauen. Sabine würde das schon verstehen. Schliesslich sollte der Hund immer dabei sein.

Zwei Stunden später, Sabine war noch mal alle Notizen durchgegangen und Michael hatte zur Sicherheit einen Regenschirm in der Hand, warum wusste er auch nicht. Würde Paul wider Erwarten die Kleine im Kinderwagen angehen, würde der Schirm auch nicht helfen. Und außerdem traute er Paul auch nicht zu, dass er so böse auf das Neugeborene reagieren würde. Aber, für den Fall, dass es in der Wohnung regnet, wäre er gewappnet. Und er kam sich einen kurzen Moment auch ziemlich männlich vor.

Wochenlang hatten die Nachbarn sie gewarnt, Gertie hatte ihre Bedenken geäußert und auch der Herr vom Ordnungsamt sah die Sache skeptisch. Sabine und Michael hatten das Internet nach Informationen durchforstet, mit jemanden und mit dem Experten telefoniert und nun standen sie vor der Wohnungstür. Die Kleine im Arm, der Hund auf der anderen Seite.

Vorsichtig schloss Michael die Türe auf und Sabine kam mit Marie rein. Paul schaute neugierig nach dem Bündel und Sabine liess ihn die kleine kurz beschnuppern. Paul schnupperte, musste niessen, hechelte kurz aufgeregt und legte sich wieder in seinen Korb. Das war’s. Dafür der ganze Aufriss. Problem erledigt.

In den folgenden Monaten machten Sabine und Michael die Erfahrung, dass sich die Nachbarn nun nicht mehr wegen des Hundes sondern wegen des Hundes und Marie beschwerten. Das Geschrei wäre nicht auszuhalten und der Kinderwagen im Treppenhaus wäre eine Zumutung. Und dann die Windeln in der Restmülltonne. Schliesslich lebten hier auch alte Leute und Menschen, die nachts ihren Schlaf brauchen. „Die Kinder haben die wohl mittlerweile vergrault“, sagte Michael irgendwann.

Die nörgelnden Nachbarn und die Tatsache, dass nicht nur der Kofferraum des Autos sondern auch die drei Zimmer für Sabine, Michael, Marie und Paul auf Dauer zu eng würden, veranlasste Michael dazu, abends im Internet nach „was anderem“ zu suchen. Das Budget der kleinen Familie war Dank Marie und einer 560 Euro teuren Tierarztrechnung für so eine vermalledeite, distanzlose Hundewiesenbegegnung ziemlich geschröpft. Aber so, das war kein Leben. In dieser verpesteten Atmosphäre sollte Marie nicht aufwachsen. Auch wenn der Verkauf der Wohnung sicherlich mit einem Verlust für ihn enden würde. Michael war bereit, das in Kauf zu nehmen.

Herr Gutmut musste in letzter Zeit auch einiges in Kauf nehmen. Seit einem Schlaganfall konnte er nicht mehr so wie er gerne wollte. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Seine Frau war schon vor einigen Jahren gestorben und der nun lebte er alleine in dem großen alten Haus. Zu seinen Kindern hatte er nicht besonders viel Kontakt, seine Tochter war nach dem Studium nach München gezogen und sein Sohn arbeitete viel im Ausland auf Montage.

Das letzte, was er von seinen Kindern mitbekommen hatte, war der Rat, doch in ein Altenheim zu ziehen. Dort würde man ihn versorgen und er hätte nicht mehr so viel Arbeit auf dem Grundstück. Er fand das frech, er war zwar nicht mehr der Rüstigste, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in so einem „Rentnerknast“, wie er es nannte, zu leben.

Herr Gutmut nahm seinen Stock, den er zum Aufstützen brauchte und beschloss, ein paar Meter durch die Landschaft zu laufen und sich eine Pfeife zu gönnen. Er kam gerade zu der Bank neben dem alten Wasserwerk und wollte Platz nehmen, als er am Horizont eine Person wahrnahm, die irgendetwas rief. Auf dem zweiten Blick sah er, dass der Grund für die Rufe geradewegs auf ihn zurannte. Es musste ein Grizzlybär oder so etwas sein, dachte er noch, als er nochmal genau hinschaute und genau in diesem Moment – Rumms – zu Boden ging. So lag er da erstmal einige Sekunden wie eine Schildkröte auf dem Rücken.

Als er die Augen aufmachte, stand da dieser riesengroße hechelnde Hund über ihn und schaute Herrn Gutmut ernst an. Von hinten kam eine Frau mit einem Kinderwagen angespurtet, die so etwas wie „ohmeingottohmeingottohmeingottohmeingott“ vor sich hinstammelte und etwas hysterisch wirkte.

„Nun beruhigen Se sich mal, junge Frau“ sagte Gutmut und versuchte, sich aufzurichten. Das würde einen schönen blauen Fleck geben. Als er es endlich geschafft hatte, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, klopfte er sich den Dreck von den Hosen und suchte nach seiner Pfeife. Die junge Frau hob sie auf und streckte sie ihm hin, während unzählige Entschuldigungen aus ihrem Mund sprudelten. Die Pfeife war hin, genau am Aufsatz abgebrochen, Mist. Herr Gutmut setzte sich auf die Bank und rief lauter als er wollte: „Is‘ ja gut, is ja nichts passiert.“

Die junge Frau stellte sich ihm als Sabine vor, die Kleine in dem Kinderwagen wäre Marie und der große Hund, der Herrn Gutmut beinahe entschuldigend anschaute, das war Paul. „Paul,“ sagte der Rentner, „wie mein Opa, der hiess auch Paul und war genauso ein harter Hund.“ Sabine beteuerte noch circa fünfzig Mal, dass ihr das fürchterlich peinlich sei und das sie die Pfeife natürlich ersetzen würde.

Sie begleitete ihn noch nach Hause und Herr Gutmut kam sich etwas wie einer dieser alten Leute vor, mit denen er Mitleid hatte. Aber die junge Frau hatte es nur gut gemeint und der Hund war mittlerweile auch freundlicher gesinnt. Und das Kind war wirklich entzückend. Gutmut war immer ein Familienmensch gewesen und genoss das Gespräch mit Sabine. Am Abend saß er in seinem alten Fernsehsessel mit dem dunkelgrünen Cordbezug und fühlte sich einsam. Er wollte sich eine Pfeife stopfen, aber die war kaputt. Glücklicherweise hatte er noch ein paar Cigarrillos gefunden. Die waren bestimmt schon Zwanzig Jahre alt. „Da bin ich mal gespannt,“ dachte er bei sich und schaute aus dem Fenster raus auf das Naturschutzgebiet, in dem er lebte. „ob die mir wirklich die Pfeife ersetzt.“

(Fortsetzung folgt)

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2 Kommentare
    • Vanni
      Vanni sagte:

      ich rieche das gute Ende auch schon… bin heute durch Zufall auf deine Seite gestossen und musste – während meiner Arbeitszeit – tränen lachen, wie wahr doch deine „Geschichten“ sind, habe ich doch einen 30 kg schweren schwarzen Jagdhund der mich seit 4 Jahren begleitet und auch musste ich über so manchen Blödsinn schmunzeln den auch ich begangen habe (Erstausstattung Hund… ohmeingottohmeingottohmeingott, entschuldigung rufend von weitem wenn mein Köterchen voller Dreck auf nichtsahnende Spaziergänger zuraste etc etc) einfach herrlich
      weiter so
      grüsse aus Ösiland ;-)

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