paul

Sabine brauchte einen Moment, um zu verwirklichen, dass es endlich soweit war. Endlich. Mit großen Augen schaute sich Paul unsicher um. Tatsächlich war er etwas größer als beschrieben. Aber er hatte den selben melancholischen Blick wie auf den Fotos. Dieser Ausdruck, der war es, in dem sich das Paar auf den ersten Blick verliebt hatten. Endlich griff sich Sabine ein Herz und kniete sich runter zu Paul. „Hallo Paul“ flüsterte sie leise. „Willkommen, jetzt wird alles gut.“

„Garnichts ist gut“ brüllte derweil Pablo zur gleichen Zeit etwa 2.500 Kilometer entfernt und knallte die Haustüre der kleinen Finka zu. Wütend stampfte er herunter zu den Stallungen, setzte sich in seinen Geländewagen und brauste davon. Ungefähr 15 Minuten dauerte die Fahrt zu seiner Herde. Normalerweise würde er jetzt die Ruhe nach einem harten Arbeitstag geniessen, aber seit dem Unbekannte vor einigen Tagen seine Hunde gestohlen hatten, fand er keine ruhige Minute mehr. Schon zu oft hatten irgendwelche Taugenixe die Abgeschiedenheit genutzt und Lämmer gestohlen oder seine Maschinen beschädigt. Außerdem gab es in der Gegend viele streunende Hunde, die einige Schafe gerissen hatten.

Pablo, den alle nur McEnroe nannten, weil er ein ähnlich aufbrausendes Gemüt wie der Tennisspieler hatte, war stinksauer. Ohne seine Hunde konnte er bei der Herde übernachten. Und vor allem waren es nicht irgendwelche Hunde. Lange hatte er gesucht, bis ihm ein Kollege den Tipp gegeben hatte und er endlich einen Züchter gefunden hatte, dessen Tiere fest im Wesen und zuverlässige Wächter waren.

Und viel Geld hatte er bezahlt. Aber das war nicht das Problem. Vielmehr hatte er sehr viel Zeit und Energie in die Ausbildung der Hunde investiert. Er schwor auf den Akbaş, schätzte die Zuverlässigkeit und die Selbstständigkeit, mit der diese Hunde nicht nur über die Herde wachten, sondern auch aktiv Eindringlinge bekämpfen. Besonders stolz war er auf den jungen Rüden, den er erst vor kurzem von einem Schäfer abgekauft hatte. Mit ihm hatte er große Pläne gehabt, er war begeistert von diesem treuen und dennoch ernsthaften Begleiter, der allein durch seine pure Anwesenheit jedem zu verstehen gab, dass er sich besser nicht nähert.

Pablo hatte schon Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, hatte eine Belohung ausgelobt und war stundenlang durch die Gegend gefahren. Nichts. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als bei seinen Schafen zu bleiben. Der Züchter hatte am Telefon gesagt, dass er in den nächsten Wochen einen Wurf erwarten würde. Aber bis die Hunde ihren Job machen könnten, würde mindestens ein Jahr vergehen. Ein Jahr. Verdammte Scheiße! Pablo machte es sich in seinem Land Rover so bequem, wie es in einem Land Rover möglich ist, warf einen letzten Blick auf sein Kleinkalibergewehr und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen stellte er fest, dass drei Schafe fehlten.

An nichts fehlen sollte es derweil Paul. Die erste Nacht als Hundebesitzer war überstanden. Leider war Paul noch nicht stubenrein und hatte einige Pfützen und Haufen hinterlassen. Überhaupt schien Paul das Leben im Haus noch nicht zu kennen. Der arme Hund. Die Nacht über hatte er gewinselt und an der Tür gekratzt und bei jedem kleinen Ton gebellt. Dem entsprechend waren Sabine und Michael auch etwas übernächtigt, als sie am Küchentisch saßen und einen Kaffee mehr als sonst tranken.

Auf Anraten des Tierschutzverein hatte Michael sich zwei Wochen freigenommen. Eigentlich fand er das blödsinnig und hatte der Dame erklärt, dass er eh von Zuhause aus arbeiten würde. Aber bestimmt hatte sie recht, als sie sagte, dass es gerade zu Beginn wichtig wäre, sich viel Zeit für einen Hund mit einem dermaßen schlimmen Schicksal zu nehmen, wie Paul eines gehabt hatte.

Immerhin konnte Michael die Zeit nutzen und mit seinem neuen Mitbewohner ins  nahegelegene Zoofachgeschäft zu fahren. Denn Paul war tatsächlich etwas größer, als Sabine und er angenommen hatten.

Also packte Michael das Geschirr, das Halsband, das Hundebett, die Kuscheldecke für unterwegs, die Kuscheldecke für den Kofferraum, das weitere Hundebett für Michaels Büro und den Hundemantel auf die Rückbank und Paul in den Kofferraum des Auto und machte sich auf, die frisch erworbenen Utensilien gegen welche eine Nummer größer umzutauschen. Bzw. Zwei Nummern größer, denn der freundliche Verkäufer im Fachgeschäft erklärte Michael, dass „da noch was kommt“. Sieht man an den Pfoten, aha. Wird ein ganz schöner Brummer. Ok.

Als nächstes stand der Tierarztbesuch an. Paul durchblickte die Lage sofort und stellte sein Verhaltensrepertoire um auf „Andalusischer Esel“. Kein Bitten, kein Betteln, nichts half. Paul wollte nicht untersucht werden. Die anderen Besucher im Wartezimmer der Kleintierpraxis guckten sich das Schauspiel amüsiert an. Hilft ja nichts, dachte sich Michael, also trage ich ihn am besten rein.

Später konnte Michael nicht erklären, was der Grund dafür war, dass er mit Paul unverrichteter Dinge wieder nach Hause fuhr. Es war dieser Blick, der in ihm ein Gefühl ausgelöst hatte, dass er Paul besser nicht hochheben sollte. Ein diffuser bedrohlicher Blick. Plötzlich war ihm unwohl geworden. Sabine schüttelte mit dem Kopf. „Ist doch kein Wunder, der arme Kerl ist gerade erst angekommen. Er hat bestimmt Angst gehabt. Lass ihn sich doch erstmal eingewöhnen.“

Sanft streichelte sie Paul über seinen Kopf und Paul erwiderte die Geste, in dem er sich auf den Rücken legte und seinen Bauch zum Streicheln anbot. So ein toller Hund.

„So ein toller Hund“ dachte sich auch Pablo an diesem Abend. Aber 800 Euro? In der Gegend hatte sich natürlich rumgesprochen, was ihm passiert war. Und der Bauer, der ihm gegenüberstand wusste ganz genau, in welcher misslichen Lage er sich befand. Und nutzte das natürlich aus. In Pablo brodelte es, er spürte förmlich, wie seine Schläfen pochten und am liebsten hätte er seinem Gegenüber einen kräftigen Tritt verpasst. 800 Euro, das war ein Monatsgehalt. So ein Arsch. Aber er wusste, dass er keine Wahl hatte. In den letzten Wochen hatten Streunerköter Lämmer gerissen. Die waren so schnell, dass sie schon wieder verschwunden waren, als Pablo sich endlich aus seinem Schlafsack befreit hatte.

Nun hatte er endlich wieder einen Hund, leider keinen Akbaş, sondern einen Karabaş, ein sehr großer, ernsthafter Zeitgenosse, den sicherlich niemand so einfach stehlen würde. Er würde ihn Samsun nennen, so wie wie früher in der Türkei. Hunde so groß wie Löwen. Das passte. Nun musste Samsun nur noch lernen, die Herde zu bewachen und Pablo als seinen Herren akzeptieren.

Lernen stand am Samstag vormittag auch auf dem Programm von Paul. Ein Besuch in der Junghundestunde war angesagt. Etwas aufgeregt fuhren Sabine und Michael auf den Parkplatz des Geländes, auf dem sich die Hundeschule befand. Einige Hundebesitzer waren schon da, die Hunde tobten wild über den Platz, während sich die Besitzer angeregt unterhielten. Die Hundetrainerin kam zum Tor, begrüßte Sabine und Michael und schaute Paul freundlich an, was dieser mit Desinteresse erwiderte.

„Er ist sehr schüchtern.“ sagte Sabine, „er wurde von Tierschützern gerettet und lebt erst seit zwei Wochen bei uns.“ Die Hundetrainerin lächelte freundlich und sagte: „Naja, schüchtern finde ich ihn garnicht, er ist sehr reserviert, aber das ist für die Rasse typisch.“ Michael staunte und erwiderte, dass Paul doch ein Labrador-Mix sei und die doch eigentlich eher sehr gesellig wären. „Labbi-Mix? Nein, bestimmt nicht. Paul ist ein Herdenschutzhund, ich würde sagen, ein Kuvasz oder sowas. Naja, kommen Se erstmal rein, lassen Sie Paul an der Leine und wir gucken mal, wie er sich mit den anderen Hunden verträgt.“

Es wäre übertrieben zu sagen, dass Paul, der ja erst geschätzte 6 Monate war, unverträglich mit Artgenossen wäre. Vielmehr zeigte er keinerlei Interesse an dem Unfug, den die anderen Hunde so trieben. Eher gelangweilt schaute er sich das bunte Treiben an. Nur als ein Labbi (Michael fiel auf, dass die wirklich viel kleiner sind als ihr Paul) sich ihm etwas ungestüm näherte, zeigte Paul dem Jüngling sehr deutlich, dass er besser Abstand halten sollte. Für die Besitzerin des Aufdringlings reichte das jedoch völlig aus, um in hysterische Panik zu verfallen. Danach kamen sich Sabine, Michael und vermutlich auch Paul etwas ausgestossen vor, denn den Rest der Stunde mussten sie hinterm Wildzaun warten. Die Hundetrainerin entschuldigte sich noch etwas beschämt für die harrsche Reaktion ihrer Kundin, als die anderen Hundehalter den Platz mit geringschätzigen Blick in Richtung unseres Trios verliessen.

Beim Abendessen sprach Michael es aus: „So eine hysterische Kuh, ihr Hund hatte nicht einen Kratzer. Und hast du gesehen, wie die uns angeschaut haben? Das war das letzte Mal, dass wir in die Junghundegruppe gegangen sind.“ Sabine nickte nur mit dem Kopf und kraulte grübelnd ihren Paul hinterm Ohr.

Nach dem Essen setzte sie sich an den Rechner und begann zu recherchieren. Ein Herdenschutzhund hatte die Hundetrainerin gesagt …

(Fortsetzung folgt)

Hier geht es zum ersten Teil von „Paul, der Labbi-Mix“ und hier geht es zum dritten Teil von „Paul, der Labbi-Mix“.

13 Kommentare
  1. Paulinchen
    Paulinchen sagte:

    .Traurig, aber war! Ddiese Geschichte erinnert mich sehr stark an eine „Labrador-Bernhardiner-Mix“-Hündin (steht so im Impfpass von der „Züchterin“) die bei uns im Tierheim abgegeben wurde, weil sie keinen mehr auf den Hof lies….

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  2. Michael Frey Dodillet
    Michael Frey Dodillet sagte:

    Sehr geehrter Herr Mrozinski,

    von einem multiplen Tierschutzvereinvorsitzenden erwarte ich mehr Sachkenntnis.
    Das Geschöpf da oben in dem Bild ist kein Labbimix, sondern ein Landseermix.

    Mit freundlichem Dings
    MFD

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