„Langsam wirst Du grau!“ sagte Sabine zu Paul, als sie mit ihm das Haus verliess. Sie war mit Erika verabredet, ihr täglicher Gassigang hatte sich fest etabliert, vor allem seit dem Marie eingeschult wurde und Felix in die KiTa ging. Seitdem hatte Sabine Freizeit und konnte sich wieder mehr um sich kümmern. Und so trafen sich die beiden Frauen jeden Tag auf dem Wanderparkplatz am See, gingen die große Runde und Paul konnte sich mit Rotti-Dame Maya vergnügen.

An diesem Tag hatte es morgens geregnet und durch den Wald, den sie zum See durchqueren mussten zogen Nebelschwaden. „Fast wie in einem Sherlock-Holmes-Film“ kicherte Erika. Die beiden mochten ihr tägliches Treffen. Um diese Uhrzeit war kaum jemand am See unterwegs, lediglich hin und wieder ein paar ältere Leute in Leggings, die sich im Nordic Walking probierten. Als sie auf der Bank am See, an dem Paul damals verschwunden war, Platz nahmen, kam Erika auf den Punkt. Schon vorher war Sabine aufgefallen, dass ihrer Freundin irgendwas auf der Seele brannte. Nun rückte Erika raus mit der Sprache.

„Stell Dir vor“, sagte sie. „bald sind Ferien und der Klaus und ich haben beschlossen, dass wir unsere Brut dieses Jahr in ein Jugendcamp abschieben. Drei Wochen frei. Das erste mal seit Ewigkeiten. Da haben wir uns überlegt, dass wir mal eine Woche Urlaub nur für uns haben wollen. Meinst du, du kannst Maya in der Zeit zu Euch nehmen?“ Erika wusste, dass Sabine ihr diesen Gefallen nicht ausschlagen würde. Außerdem verstanden sich Maya und Paul prächtig. „Natürlich, ich spreche heute abend mal mit Michael.“

Michael war in sein Buch vertieft und murmelte nur „jaja, schon gut“, als Sabine ihn über ihren zukünftigen Gast informierte. Und so kam es, dass Maya Anfang Juli bei ihnen einzog.

Der Unterschied zwischen einem und zwei Hunden im Haus war, dass nun kein Platz mehr für einen Menschen auf dem Sofa war. Dass der Postbote nun die doppelte Leckerchenration über den Zaun werfen musste, um ein Paket abstellen zu können und dass zwei Hunde mit Blähungen ungefähr fünf Mal so schlimm stinken, wie einer allein. Tagesüber tobten Paul und Maya durch den Garten, abends gingen Michael und Sabine gemeinsam mit ihnen spazieren und nachts hallte ein deutliches und für jeden gut vernehmbares Schnarchen durchs Haus. Ein 15-Kilo-Sack Hundefutter reichte nur noch für etwa eine Woche, es sei denn, Sabine oder Michael hatten den Schrank nicht richtig abgeschlossen, dann reichte ein Sack nur für etwa dreißig Minuten. Einmal war Marie sehr empört, als sie die beiden Hunde beim Spielen mit ihrer Lieblingspuppe erwischt hatte. Beinahe wäre es ihr gelungen, die Fassung zu wahren, aber in dem Moment, in dem Paul ihr den Kopf der Puppe vor die Füße kotzte, liefen dann doch die Tränen. Und einmal wurde Felix einfach über den Haufen gerannt, als Sabine die Hunde ins Haus rief. Der kleine fiel auf seinen Hintern und blickte sich verwundert um. Dann fing er an zu lachen und rie „Nochmaaaal“. Das ist der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen, Mädchen greifen einmal auf die Herdplatte, Jungs einmal im Monat.

Wenn Paul und Maya zusammen im Kofferraum des Kombis saßen, sah es von außen in etwa so aus, als wenn jemand schwarze und blonde Flockatis in den Kombi gestopft hätte. Und wenn man die beiden aus dem Kofferraum entliess und sie Richtung Wald rannten, hatte das etwas von einer Büffelherde, die vor Indianern flüchtete. Wenn es regnete, trug Sabine Regenponcho und Gummistiefel, schien die Sonne ging sie Barfuss. Das die Hunde ihre selbstangeflanzten Tomaten zum Nachtisch verspeist hatten war ihr egal, dass Maya die Tomaten auf dem weißen Wohnzimmersofa wieder rausgewürgt hatte, war ihr nicht ganz so egal.

Dennoch, die zwei Wochen vergingen wie im Fuge und an dem Samstag Abend, nachdem Erika, braungebrannt und frisch erholt,  ihre Maya wieder abgeholt hatte, fand sie, dass es im Haus irgendwie still sei.

Es war der Abend, an dem Michael plötzlich vor ihr stand und wie ein kleiner Junge von einem Bein auf das andere tänzelte. Er grinste. „Was ist los?“ fragte Sabine. „Wir haben morgen einen Termin,“ sagte Michael geheimnisvoll und zeigte ihr dann die Anzeige auf dem Notebook. Drei Jahre alt, erst Zwölftausend Kilometer gelaufen. Und preislich akzetabel. Sabine wusste, dass Michael schon länger nach einem Bulli suchte. Der Kombi war mittlerweile in die Jahre gekommen und außerdem für die Familie samt Hund etwas eng. Das früher oder später die Anschaffung eines neuen Gebrauchten anstand, war auch klar. Und so fuhren die beiden samt Kind und Kegel am nächsten Tag die Fünzig Kilometer, um sich das Auto anzuschauen.

An diesem Sonntag fuhren sie auf den Hof des großen Grundstücks und eine junge Frau kam ihnen schon entgegen. „Ach, Sie kommen wegen dem Bus?“ fragte sie und fuhr fort, ohne eine Antwort abzuwarten und sagte „Mein Mann ist noch nicht da, aber ich hole meinen Schwager, der weiss auch bescheid.“

Aus dem Haus kam ein südländisch aussehender Mann, der sich als Pablo vorstellte und sich für sein schlechtes Deutsch entschuldigte. Er war Spanier und seine Schwester hatte vor einigen Jahren diesen Deutschen geheiratet. Und nun sei er auf Familienbesuch, da seine Schwester Geburtstag habe. Kommt selten genug vor, er betreibt in Spanien eine Landwirtschaft und hat lange gesucht, bis er jemanden gefunden hat, der seine Tiere für die Zeit seiner Abwesenheit betreut.

Der Bus stand in der Garage, Pablo nahm den Autoschlüssel und fuhr den Bulli auf den Hof. Gut in Schuss, Scheckheftgeflegt, sehen Sie ihn sich in Ruhe an. „Darf der Hund hier rumlaufen?“ fragte Sabine den Spanier. „Warum nicht“ erwiderte dieser, also öffnete Sabine den Kofferraum. Paul sprang heraus, schnüffelte etwas distanziert an Pablos Hose und trottete in Richtung Marie.

„Einen sehr schönen Hund haben Sie da. Ist das ein Ahbash?“ „Ja“ sagte Sabine etwas überrascht. Woher wissen Sie das?“ Pablo erzählte ihr, dass er früher selber einen solchen Hund gehabt habe, bis irgendwelche Taugenixe ihm das Tier getohlen hatten. Heute hätte er Kangals, die seine Herde gegen Diebe, Streunerhunde und Wölfe verteidigten. Er schaute sich Paul genau an und murmelte: „Genau so einen Hund“.

In diesem Moment fuhr ein Geländewagen auf den Hof und der Verkäufer des Bullis stieg aus. Das Verkaufsgespräch dauerte etwa eine Dreiviertelstunde, dann waren sich Michael und Pablos Schwager handelseinig. Der Bulli würde den Besitzer wechseln und Paul hätte endlich einen größeren Kofferraum für sich.

„Paul? Wer ist eigentlich Paul?“ fragte der Ex-Bulli-Besitzer. „Das ist unser Hund“ sagte Michael. „Stimmt. Wo ist er eigentlich?“ Der Mann musste lachen. „Ich hoffe mal, der ist kastriert.“ Pablo wurde blaß. „Verdammt, das hab ich vergessen.“

In diesem Moment tauchte Paul wieder auf, im Schlepptau eine große Hündin, beide mit einem Gesichtsausdruck, als wenn sie eine Zigarrette bräuchten. Heiliger Bimbam.

Die Trächtigkeit einer Hündin dauert etwa 63 Tage. Und genau nach 65 Tagen klingelte Michaels Handy. Am anderen Ende der Leitung war Klaus, der Mann, der ihm den Bulli verkauft hatte. Seine Hündin hätte gestern geworfen und wenn die Familie Lust hat, könnten sie gerne mal vorbeikommen und den Nachwuchs ihres Rüden begutachten. Acht Welpen, fünf Rüden und drei Hündinnen, alle wohl auf. Am besten so in vier bis sechs Wochen, dann sind die Kleinen aus dem Gröbsten raus.

Doch bevor Pauls Kinder besucht werden konnten, stand erstmal ein Tierarztbesuch auf dem Plan. Paul war etwas ruhiger geworden in den letzten Monaten und manchmal schien er morgens nicht so recht auf die Beine zu kommen. Seit dem Sabine Paul das erste mal in seine Bernsteinfarbenden Augen geblickt hatte, waren mittlerweile fast Acht Jahre vergangen.

Der Tierarzt Dr. Müller stellte Paul an diesem Morgen auf den Kopf, hörte das Herz ab, knetete den Hund durch, entnahm Blut und Sabine hatte eine Kotprobe mitgebracht. Das Fazit des Veterinärmediziners war eindeutig. „Ihr Hund wird langsam alt.“ sagte er. Außerdem vermutete er, dass Paul eine leichte Athrose hätte. In dem Gespräch klärte er Sabine auf, dass große Hunderassen keine so hohe Lebenserwartung hätten wie zum Beispiel ein kleiner Terrier. Aber Paul wäre seinem Alter entsprechend fit, man müsse ihn halt wie einen älteren Menschen betrachten. Und Höchstleistungen dürfte man von Paul nicht mehr erwarten.

Alles ist endlich. Auch Paul. Sabine hatte nie darüber nachgedacht. Gut, als es Paul mal richtig schlecht ging, hatte sie Angst, dass er sterben würde. Aber alt? Alt war Paul noch lange nicht, fand sie. Und als der Tierarzt gesagt hatte, dass sie bestimmt noch drei, vier schöne Jahre mit ihrem Hund zu erwarten hätte, kam ihr das ziemlich kurz vor.

Der Sommer verging dieses Jahr viel zu schnell und es war bereits anfang September als Sabine, Michael und Paul zu Klaus fuhren. Paul Kinder waren mittlerweile sieben Wochen alt und das Paar wollte sehen, was Paul da angerichtet hatte. Sicherheitshalber hatten sie die Kinder bei Gertie untergebracht. Die würden eh nur qunegeln und unbedingt einen der Welpen mitnehmen wollen. Aber ein zweiter Hund, nein, wirklich nicht. Und außerdem sind die Welpen noch zu jung, um die Mutter zu verlassen.

Sie fuhren auf den Hof und Klaus erwartete sie bereits. Als die den Garten betraten, rannten ihnen schon Acht blond-braun-weisse Welpen entgegen. Pauls One-Night-Stand war ebenfalls ein Herdenschutzhund und sah in etwa aus wie ein Owtscharka. Dem entsprechend waren die Nachkömmlinge auch kleine Wuchtbrummen, die hier wild durcheinander tobten. Klaus‘ Frau hatte ziemliche Augenringe, als sie mit Kaffee auf die Terrasse trat. Die Kleinen wären putzmunter und sie dem entsprechend ziemlich in Hektik. Aber sie musste lachen.

Michael schaute sich das Spektakel an und war froh, dass die Kinder bei Gertie waren. Er warf einen Blick auf Sabine. Die hatte sich auf den Rasen gesetzt und kuschelte mit einem der Welpen. Michael erschrak und wurde etwas nervös. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. Sie war verliebt.

(Fortsetzung folgt)

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6 Kommentare
  1. Antje Herchenhahn
    Antje Herchenhahn sagte:

    Du bist ein richtiger Normancier! Biete das doch mal als Filmplot an. Wenn das kein Kassenmagnet wird! Und Ute kann danach jeden herbeigeretteten ‚Landseermix‘ ab Grenzübergang vermitteln …

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  2. Ute Heberer
    Ute Heberer sagte:

    Das geht mir ja echt etwas zu schnell mit dem Paul, das ist ja wie im echten Leben: gerade mal erwachsen, ist er schon wieder 8 Jahre alt. Ach menno :-(

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