Paul lag zwischen den Bäumen und atmete schwer. Aus seinem Maul quoll Blut und er konnte sich augenscheinlich nicht bewegen. Sabine könnte schwören, dass sie das „Oh Gott“ nur geflüstert hätte, doch augenscheinlich hatte sie es in ihrer Verzweiflung geschrien.

Erika kam in das Waldstück gerannt, warf einen kurzen Blick auf Paul und rief: „Sabine, geh das Auto holen, wir müssen ihn sofort zum Tierarzt bringen.“ Sabine rannte so schnell wie sie nur konnte. Und hatte das Gefühl, dass sie nicht vorwärts kam. Nein, nicht das, nicht jetzt, Nein, Nein. Der Weg zum Parkplatz kam ihr unendlich lang vor und jeder Schritt fühlte sich an, als wenn sie im Sand versinken würde. Nervös fingerte sie an ihrem Schlüsselbund rum. Wo ist der verdammte Autoschlüssel? Mit Vollgas fuhr sie den Wanderweg hoch, dass ein paar Spaziergänger sie noch beschimpfen, weil sie zur Seite springen mussten. Kurz vor dem See kam ihr Erika entgegen. Sie hatte den nun leblosen Paul wie einen Sack Zement geschultert. Später könnte Erika sich auch nicht mehr erklären, wie sie den 45-Kilo-Hund soweit hätte tragen können. Maya, die Rotti-Dame lief aufgeregt neben ihrem Frauchen her.

Sabine bremste, sprang aus dem Auto und riss die Heckklappe auf. Tränen liefen ihr das Gesicht runter und sie zitterte bei jeder Bewegung. Die beiden Frauen hievten den Hund in den Kofferraum, Erika rief Sabine zu, dass sie fahre und Maya nahm auf der Rückbank Platz. Erika zückte ihr Handy, während sie den Wanderweg runter raste und sagte ins Telefon „Hallo Herr Dr. Müller, wir sind in 10 Minuten da, der Hund hat wohl Gift gefressen und atmet nicht mehr.“ Er atmet nicht mehr. Er atmet nicht mehr. Dieser Satz kreist in Sabines Kopf rum, sie fragte sich, wie sie das den Kindern erklären sollte. Und wie Michael. Warum hatte sie nicht aufgepasst? Hätte sie Paul doch nur an der Leine gelassen.

Plötzlich drang in ihre Gedanken die Stimme von Erika. Sie musste sich konzentrieren, um wahr zu nehmen, was sie sagte. „Wir sind da“ …

Dr. Müller kam mit einer Tierarzthelferin auf den Parkplatz gerannt. Sie bugsierten Paul mit einem Satz auf eine Trage, die auf einem Wagen stand und rannten mit dem Hund in das Klinikgebäude. Als Sabine einen Blick in den Kofferraum warf, sah sie, dass alles voller Blut war. Noch bevor sie sich richtig gesammelt hatte, kam schon Dr. Müller an und erklärte ihr, dass ihr Hund vermutlich einen scharfen Gegenstand gefressen hätte, der mehrere Schnittwunden in der Speiseröhre verursacht hätte. Er müsste den Hund sofort operieren, da ansonsten die Gefahr bestehe, dass Paul in kurzer Zeit stirbt.

Jaja, machen Sie, bitte. Sabine konnte ihre eigene Stimme kaum hören. Wie in Trance stand sie daneben und nahm nur verschwommen wahr, was da gerade passierte. Nur Erika gab ihr Halt. Erika, die ruhig und souverän geblieben war und ohne die Sabine vermutlich immer noch regungslos vor ihrem Hund in diesem Waldstück am See stehen würde.

Zwischenzeitlich war ein Taxi vorgefahren und Michael war dazu gekommen. Er hatte extra im Sportstudio angerufen und Gertie aus ihrem Yogakurs holen lassen, damit er bei Sabine sein konnte.

Nach fast drei Stunden kam ein sichtlich erschöpfter Dr. Müller aus dem OP-Saal raus und sagte mit sorgevoller Stimme: „Er ist soweit stabil, aber wir behalten ihn erstmal hier. Ihr Hund hat wirklich Glück gehabt. Nur kurze Zeit später und es wäre zu spät gewesen.“

In dieser Nacht bekamen Sabine und Michael kein Auge zu. Sie waren mit ihren Gedanken bei Paul, der nun in dem kleinen Zwinger in der Tierklinik an Infusionen hing. Wer macht sowas? Wer legt mit böser Absicht Köder mit Rasierklingen aus, um Hunde zu töten? Das wollte nicht in ihren Kopf.

Am nächsten Morgen fuhren Michael und Sabine direkt in die Klinik. Ausnahmsweise durften sie Paul auf der Station besuchen, aber nur, weil zur Zeit kein anderes Tier stationär aufgenomen war. Paul sah müde aus, lag flach auf dem Bauch und schnaufte ein wenig. So ein großer Hund und jetzt so ein Häufchen Elend. Die Tierarzthelferin erklärte Michael, dass Paul Schmerzmittel bekommen habe und noch etwas erschöpft von der OP war. In den nächsten Tagen dürfe er nichts zu sich nehmen, nur ein bisschen Spezialnahrung und etwas Wasser. Die Wunden müssten verheilen, das wäre jetzt wichtig. Außerdem müssten sie regelmäßig zur Nachbehandlung kommen, Antibiotikum und etwas gegen die Schmerzen.

Morgen schon könnte Paul wieder nach Hause, der Doktor will ihn noch eine Nacht da behalten.

Eine weitere schlaflose Nacht später holte Sabine Paul gleich morgens aus der Tierklinik ab und es dauerte noch einige Zeit bis Paul wieder der Alte war.

Auch Sabine brauchte einige Zeit, bis sie wieder die Alte war, der Schock über das Erlebte hatte ihr doch stark zugesetzt.

Nun lag Paul in seinem Körbchen uns schlief. „Ach Paulchen“, flüsterte Sabine, als sie im Wohnzimmer das Licht ausmachte und schlafen ging.

(Fortsetzung folgt)

Hier geht es zu den anderen Teilen von Paul.

4 Kommentare
  1. annette
    annette sagte:

    Paul ist mir schon so ans Herz gewachsen,f – Variante 11 a gefällt mir besser
    Schnief ! Gänsehaut pur
    Wann schreibst du ein Buch? Ich freu mich schon auf den 16.05.

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