„Gigigigigigigigi – Hiiiiiiiier!“ johlte Frau P. ihrem Hund hinterher, der sich gerade vom Acker machte.

Das Geräusch erinnerte ein wenig an einen an ADHS erkrankten Gockel, der soeben in einen Mixer gefallen war. Während „Fly“ davon nicht besonders beeindruckt war, schauten uns die anderen Menschen auf der Wiese mit einer Mischung aus Sorge und Angst an.

Vor etwa 15 Minuten hatte ich Frau P. kennengelernt, Ersttermin, denn Fly brauchte noch „ein wenig Erziehung“, wie Frau P. mir am Telefon gesagt hatte. Nun war Fly weg und nur hin und wieder konnte man etwas schwarzweisses am Horizont zwischen den Büschen erkennen.

„Der Abruf klappt noch nicht so gut.“, bestätigte mir denn auch Frau P. und während ich mich fragte, warum sie ihren Hund dann von der Leine läßt, blieb meine Neukundin bemerkenwert gelassen in Anbetracht der Tatsache, dass hier noch jede Menge anderer Menschen samt Hund unterwegs waren und auch die nächste Straße nicht allzuweit entfernt war.

Nach gefühlt 30 Minuten, aber vermutlich waren es aber nur 10, tauchte Fly dann am Horizont wieder auf und Frau P. nutzte die Gelegenheit, wie ein Terrorverdächtiger auf der Flucht vor der Polizei in den nächstgelegenen Busch zu hechten.

„Gigigigigigi – Hiiiiiieer!“

„Dann verstecke ich mich immer und meisten kommt sie dann.“, erklärte Frau P., während ein erster Spaziergänger sichtlich besorgt Anstalten machte, zur Hilfe zu eilen und der armen Frau einen Krankenwagen zu rufen.

Aber so ist das. Hat man einen Hund muss man sich auch mal zum Affen machen. Nur das das Fly gerade ziemlich egal war.

Und weil Frau Ps. Strategie jetzt gerade nicht so richtig fruchten wollte, ergriff sie die Flucht. Man kennt das. In der Theorie. Besitzer rennt los, Hund kommt hinterher, schliesslich will er ja nicht verloren gehen.

Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass der Hund auch bemerkt, dass da jemand wegrennt. Fly hatte jedoch gerade wichtigeres zu tun, nämlich in der Form, dass sie gerade einem fremdem Labbi die Nase in den Hintern steckte.

Die anfängliche Besorgnis der herumstehenden Leute ob des merkwürdig anmutenden Verhaltens von Frau P. wich so langsam aber sicher der Verärgerung darüber, dass Fly wie von der Sau gestochen über die Wiese rumpelte, während ihre Besitzerin erfolglos hin und her rannte und „Gigigigigigi“ brüllte.

Eine junge Mutter mit Kind erbarmte sich schliesslich, fing den Hund kurzerhand ein, als er an ihr gerade hochspringen wollte ein und übergab ihn Frau P., die sich überschwenglich darüber freute, „Feeeiiiini“ johlte und Fly ein Frolic ins Maul stopfte.

Gerade in dem Moment, in dem sie ihren Plüschderwisch wieder auf die Menschheit loslassen wollte, konnte ich meine Fassungslosigkeit für einen kurzen Moment überwinden und sagte: „Leinen Se den Hund mal an.“

Angeleint zeigte Fly beste Ambitionen, die nächste Weightpulling-Weltmeisterin zu werden, ständig unterbrochen durch ihr Frauchen, die alle eineinhalb Meter stehen blieb, abwartete, bis Fly sie eines geringschätzigen Blickes würdigte und dann „Feeeeiin!“ hauchte. Sozusagen als Hinweis, dass Fly jetzt weiter ziehen darf.

Frau P. erzählte mir, dass ihr Hund jetzt sechs Jahre alt wäre und Fly schon wahnsinnige Fortschritte gemacht hätten. Gut, das mit dem Abruf funktioniert noch nicht und an der Leine zieht sie auch ein wenig. Zuhause klaut sie wie ein Rabe und wenn Frau P. ihr die Beute wieder wegnehmen möchte, knurrt sie.

Achja, leider kann sie Fly auch nicht alleine lassen – vermutlich Verlustängste. Seitdem die Hundesitterin weggezogen ist, gestalteten sich manche Dinge etwas schwierig. Einkaufen zum Beispiel. Oder Müll rausbringen.

Aber mit Menschen, da ist sie eigentlich toll, freut sich über alles und jeden und begrüßt jeden freudig. Gut, die Leute sollten nicht unbedingt den guten Sonntagsanzug tragen, denn Fly ist sehr kontaktfreudig, höflich ausgedrückt.

Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir vor, wie sich Fly wohl so verhalten hat, bevor sie die wahnsinnigen Fortschritte gemacht hat.

Wie gesagt, angerufen hatte Frau P., weil ihr Hund ihrer Meinung noch „ein wenig Erziehung“ benötige, im Laufe der vergangenen 10 Minuten eröffnete sich mir eine riesen Baustelle und ich war mir sicher, dass ich noch länger das Vergnügen mit Frau P. und Fly haben dürfte.

So richtig nachvollziehen konnte sie meinen Einwandt nicht, dass Fly vielleicht ein klitzeklein wenig ungebremst sein könnte und es nur ganz vielleicht und unter Umständen nur so semitoll für anderen Menschen sein könnte, von einer Border Collie-Rampensau angesprungen zu werden, die kurz zuvor noch durch den nassen Acker gewalzt ist.

Eigentlich war Frau P. echt glücklich mit ihrer Hündin und der Meinung, dass sie eeeeecht lieb ist. Mit dieser Meinung stand sie allerdings ziemlich alleine auf der Welt. Aber nunja, der Mensch wächst an seinen Aufgaben. Und häufig arrangiert man sich mit seinem Problem.

Und so lernt man als Hundetrainer auch mal Menschen kennen, die sich einen Helm aufziehen, wenn sie ihren Hund ausführen. Aus Erfahrung, könnte ja sein, dass noch mal wieder jemand anders nachts um Drei durch die Gegend läuft. Oder die ins ehemalige Kinderzimmer umziehen, weil der Vierbeiner sie nicht mehr ins Schlafzimmer lässt. Oder diejenigen, die Futter in die Küche schmeissen und fluchtartig den Raum verlassen, damit der geliebte Vierbeiner ins Chappi und nicht in den Besitzer beißt.

Verrückt. Könnte man meinen, aber irgendwie auch menschlich.

Frau P. hat übrigens zwischenzeitlich einen Teilerfolg verbuchen können. Mittlerweile ist es tatsächlich möglich, fast zwanzig Minuten das Haus zu verlassen, ohne das Fly die Wohnung zerlegt. Sie ist da sehr glücklich drüber, Lebensmittel sind im Supermarkt wesentlich günstiger als von der Tankstelle.

4 Kommentare
  1. Rike
    Rike sagte:

    Man muss irgendwie ziemlich viel Geld haben, um so ein Arrangement mit seinem Hund auch zu überleben. Oder man braucht ein paar schlagende Argumente wie „wenn der Köter die Schnauze nicht halten kann, fliegt man aus der Wohnung raus“, um endlich mal die Erziehung anzupacken.

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