Vor einiger Zeit fand ich eine E-Mail von einer Dame in meinem Postfach, deren „Aussie“ nicht „ganz so toll hört“, wie sie schrieb und weshalb sie „kurzfristig“ einen Termin mit mir ausmachen wollte. So zum Kennenlernen. Ich las mir die Mail durch und nahm mir vor, sie am Abend zurückzurüfen. Zwanzig Minuten später bekam ich eine zweite Mail von der Dame mit der Bitte um dringenden Rückruf. Oha, dachte ich mir.

Also rief ich sie an und vereinbarte spontan den Termin.

Kurze Zeit später stand ich in einer sehr wohlhabenden Gegend vor ihrer Haustür und hörte, wie das Tierchen versuchte, sich durch selbige zu fressen, um meiner habhaft zu werden. Außerdem vernahm ich ein kurzes „Aua“ und nach nur wenigen Minuten wurde das Kläffen und Fauchen etwas leiser. Die Besitzerin des herzallerliebsten Hütitütis öffnete mir und ich war derweil froh, dass es nicht regnete.

Frauchen war ziemlich unentspannt und hatte so ein nervöses Zucken rund um die Augen. Mir fiel auf, dass ihre Unterarme und Hände waren ziemlich gelocht waren, sie bat mich rein.

Auf meine – rhetorische – Frage, welches Problem sie mit ihrem Hund hätte, antwortete sie „Er beisst.“ Auf meine Nachfrage, in welchen Situationen er das tun würde, sagte sie „Eigentlich immer“, um gleich darauf klarzustellen, dass er aber eigentlich ein ganz lieber wäre.

Als wir das Wohnzimmer betraten konnte ich einen Blick auf die polternde Nylonkiste werfen, in die Marley, wie der Hund hieß, eingesperrt war. Naja, eingesperrt ist relativ, jeder, der diese Nylon-Kennels kennt, weiss, dass ein einigermaßen schlauer Hund sich innerhalb von Zwanzig Sekunden da durchgefressen hat.

Ich solle Platz nehmen, sie würde Marley gleich aus dem Kennel entlassen. Wichtig sei, dass ich ihn nicht direkt anschaue, denn „das mache ihn böse“. Nach einiger Zeit aber, so versicherte mir die gestresste Hundehalterin, würde er „von sich aus“ Kontakt aufnehmen und sei dann eigentlich ganz brav.

Na toll, dachte ich.

Ob ich einen Kaffee haben wolle, fragte Marleys Frauchen. Hm, Pfefferspray wäre mir lieber, aber Kaffee tut’s auch für den Fall, dass ihre Einschätzung doch nicht zutreffen würde.

Eine alte Hundehalterweisheit besagt, dass ein Hund immer dahin rennt, wo er hinguckt. In Marleys Fall hüpfte die Synthetikkiste knurrend in meine Richtung und ich machte mich schonmal darauf gefasst, dass ich gleich eine Schnappschildkröte in Blue Merle von mir abschütteln dürfte.

Dann geschah es. Frauchen öffnete vorsichtig die Kiste, warf ein paar Futterbrocken von sich weg und da schoss er aus seinem Gefängnis in die Freiheit.

Marley, 16 Wochen alt – ein völlig ungebremster Plüschball, der sogleich laut kläffend in Vorderkörpertiefstellung frei nach Kurt Cobain ein herzhaftes „Here I am now, entertain me“ in die Runde raunzte.

Ich musste mich erstmal sammeln, um nicht loszulachen und die arme Frau so zu düpieren, also nahm ich einen kräftigen Schluck Kaffee.

Tatsächlich war Marley eigentlich „ein ganz Lieber“, wie sich im Laufe des Gesprächs herausstellte. So lange man nichts von ihm wollte, worauf der Hund keine Lust hatte. Den Versuch, den Plüschi anzuleinen, quittierte Marley mit Knurren und beissen. Marley Futter hinstellen – Schnapp. Futter wegnehmen – Schnapp. Sitz – Leck mich. Wow. Noch nicht ganz durchgezahnt eine ziemlich blutige Angelegenheit.

In den knapp sechs Wochen, in denen Marley bei seinem Frauchen lebte, hatten er und seine Besitzerin sich ganz gut arrangiert.

Da Marley es nicht duldete, wenn sich jemand auf „sein“ Sofa setzen wollte, verbrachte die Besitzerin den Tag halt am Küchentisch. Kunstvoll und durchaus mit einer gewissen filigranen Technik hatte Frauchen einen Weg gefunden, dem Hündchen die Leine anzufummeln, OHNE, dass Marley ihr die Hände löcherte. Zwecks Füttern wurde der Hund zunächst ausgesperrt, das Futter aufbereitet und dann der Weg freigeräumt, damit Mamas Liebling in Ruhe fressen konnte.

Ich war einigermaßen erstaunt, nicht unbedingt, weil ich solche Lebensrealitäten noch nicht erlebt hätte. Aber was mich doch gewundert hatte, war der Umstand, dass der Hund noch dermaßen jung war.

Was war schiefgelaufen?

Immerhin hatte Marleys Frauchen mit ihm schon eine Hundetrainerin besucht, die ihr auch gute Tipps gegeben hatte, wie ich fand, und die die nun so Gestresste wohl auch beherzigt hatte.

Etwas ratlos schlug ich vor, dass wir mit Klein-Marley mal rausgehen und ich mir das Gespann mal ausserhalb des Kriegschauplatzes anschaue. Und da wurde es deutlich. Irgendwo auf dem Weg lag Pferdescheisse und der Jungund machte sich sofort auf, diese zu verspeisen. Geduldig wartete Frauchen, bis er sein Werk verrichtet hatte und gab dann ein ausgiebiges „Feeeeiiiini!“ von sich. Ich war etwas irritiert.

„Wollten Sie denn, dass er die Pferdeäpfel frisst?“ fragte ich sie. „Nein, natürlich nicht.“ antwortete Marleys Frauchen. „Deshalb habe ihn doch auch gelobt, als er es gelassen hat!“.

Sie schaute mich ungläubig an, ich schaute ungläubig zurück und rieb mir die Schläfen. Wir liefen weiter, Hütitüti zeigte sich in etwa so leinenführig wie eine Zugmaschine und jedes Mal, wenn er irgendwo hinwollte und ins Ende der Leine rannte, lenkte er um, sprang seine Besitzerin an und biss ihr in die Hände. In dem Moment, in dem er von ihr abliess, kam es wieder: „Feeeeiiiini!“. Ich war baff.

Irgendwann fragte ich dann nach, wie sie denn auf den Trichter käme, dass der Hund mit dem Beissen (und den ungezählten anderen unangenehmen „Nettigkeiten“) aufhören würde, wenn sie ihn dafür auch noch loben würde.

Die Antwort: „Die Hundetrainerin hat mir gezeigt, wie ich Marley „Sitz“ beibringen kann. Sobald er sich hingesetzt hat, habe ich ihn gelobt und er hat ein Leckerchen bekommen. Das hat super geklappt!“ Stimmt, „Sitz“ konnte er, zumindest so lange er es wollte. Wollte er nicht, hatte man die Hände besser in der Manteltasche vergraben.

Nachdem der Hund also „Sitz“ konnte, hatte die Hundehalterin die Trainerin kostenbewusst nach einer Trainingseinheit wieder entlassen und sich gedacht, dass das, was bei „Sitz“ klappt, ja auch bei allem anderen klappen müsse. Und so hat sie ihren Hund in den darauf folgenden Wochen konsequent fürs Scheisse bauen belohnt. Und Marley, der Aussie, lernte schnell und bereitwillig, dass er tun und lassen konnte, was er wollte.

Also erklärte ich der guten Frau, was genau sie Marley beigebracht hatte und das es nun dringend an der Zeit wäre, dass Marley auch mal lernt, was er nicht darf. Und, dass das eben nicht einfach würde. Welcher Prinz lässt sich schon freiwillig vom Thron stürzen. Sie guckte mich einigermaßen zerknirrscht an und erwiderte, dass sie sich das Ganze durch den Kopf gehen lassen würde.

Mich beschlich in dem Moment das Gefühl, dass ich es mit einer „Einwegkundin“ zu tun hatte. Manche Menschen rufen an, es ist dringend, und danach hört man nie wieder was von ihnen.

Abends habe ich dann F. davon erzählt. „Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint.“ sagte sie. Und sie hatte Recht.

Mich persönlich hat das Ganze ziemlich geärgert, denn wenn die Hundehalterin der Kollegin etwas mehr Zeit als eine Stunde gegeben hätte, hätte sie sich eine Menge Ärger sparen können.

Ich sollte übrigens recht behalten. Gehört habe ich von der Frau danach nichts mehr. Dafür aber von zwei Kolleginnen, bei denen sie noch vorstellig geworden war und die ihr das selbe erzählt haben. Beide Male kam es ebenfalls zu keinem Anschlusstermin.

Eine andere Kundin erzählte mir neulich, dass sie die Frau auf der Hundewiese getroffen habe. Ohne Marley, dafür mit einer Luna.

5 Kommentare
  1. Rike
    Rike sagte:

    Leider kann ich bei sowas nicht lachen, ist für mich noch zu aktuell. Ich bin kein Hundetrainer, vielleicht bin ichs mal irgendwann, aber ich kann trotzdem nicht verstehen, warum Menschen bei ihren Hunden sämtlichen Verstand ausschalten. Die Viecher kommen nicht vom Mars und Verknüpfungen funktionieren in etwa wie bei Kleinkindern – halbwegs erzogene Hunde sind kein Wunder.

    Übrigens, ich hätte vom Instanthundetrainer gern einen Tipp, wie ich meinem Aussie abgewöhne, an der Tür jedes Mal die volle Punktzahl für Stellen & Verbellen abzuräumen. Bitte irgendwas, was auf Knopfdruck funktioniert, für alles andere war ich noch nicht ausdauernd und stur genug :P

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  1. Anonymous sagt:

    […] – wiedereinmal – sehr lesenswerter Artikel von Normen Mrozinski: http://nomro.de/das-bisschen-wahnsinn-2/ […]

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