Zack, Zack! Maximales Gangbild

Seitdem ich Besitzer eines Schäferhundes bin, verbringe ich ungewöhnlich viel Zeit auf Hundeplätzen.

Das ist insofern bemerkenswert, weil ich a) eigentlich nicht so gerne auf Hundeplätzen bin und b) das letzte Mal Berührungspunkte mit der „Abrichtung des Deutschen Schäferhundes“ hatte, als ich ungefähr acht Jahre alt war. Damals hieß das noch so.

Ein Freund meines Vaters hatte so einen. Einen echten Deutschen Schäferhund mit allem Pipapo: Farbe Rot mit schwarzem Mantel und die Hüfte deutlich tiefer gelegt. Wasco mit Vor- und „vom Hassenichgesehen“ mit Nachnamen.

Hans, so hiess der stolze Besitzer von Wasko, packte seinen Hund jeden Samstag pünktlichst um 8:15 Uhr in den dafür vorgesehenen Hundeanhänger und fuhr die ungefähr 1,3 Kilometer zum Platz der örtlichen Ortsgruppe des Vereins für deutsche Schäferhunde.

Klar, die paar Meter hätte man natürlich auch laufen können, aber dann hätte sich die Anschaffung des Anhängers nicht gelohnt.

Wasco und Hans büffelten damals für die „SchH1“, und auch, wenn ich Hans als sehr netten Menschen in Erinnerung habe, erschien mir der Hundeplatz eher als Hort abgrundtiefer Spießigkeit und kleinbürgerlicher Allmachtsphantasien.

Der Platz selber war für die Hunde außerhalb der Übungszeiten tabu, das Vereinsheim sowieso und Markieren wurde mit „Zwei Mark in die Jugendkasse“ bestraft. Der Rasen war akurat gestutzt und es gab jede Menge Regeln – außer im Umgang mit den Hunden, da schien jedes Mittel recht. Natürlich konnte ich als Kind nicht in Worte fassen, was genau mich störte. Jedenfalls besuchte ich den Hundeplatz zwei- oder dreimal und verlor dann schnell das Interesse.

Mit meinen acht Jahren stellte der deutsche Schäferhund für mich den den idealen Hund dar. Hätte man mich vor fünf Jahren gefragt, welche Hunderasse ich gut finde, hätte ich geantwortet: Alle außer Schäferhunde.

Heute habe ich einen – wenn auch aus Gründen, wie man so schön sagt.

Sie ist grau, sie ist hysterisch, hat ständig Termine und sieht in jeder noch so kleinen Geste meinerseits einen sofortigen Arbeitsauftrag. Sie würde jeden noch so absurden Befehl jederzeit ausführen. Wäre sie ein Mensch, würde sie Falschparker aufschreiben, ihre Nachbarn beim Finanzamt anschwärzen und den Kindern das Betreten des Rasens untersagen. Ihre Hobbies wären Buchhaltung und Primzahlen.

Sie ist exakt die Art von Hund, deren Besitzer ich früher bemitleidet habe.

Als ich in Bayern war, traf ich auf einen alten Herrn, der mir berichtete, dass er im Laufe seinen Lebens viele Hunde „bis zur SchH3“ abgerichtet hätte. Das sagte er auch 2017 so. Er fand meinen Hund toll, sehr „triebig“, wie er feststellte. Ich könne außerdem noch ein „Pfund drauf packen“. Keine Ahnung, was genau er meinte, aber ich geh mal davon aus, dass sie ihm zu schlank war.

Wie dem auch sei, wenn man schon so einen Hund hat, warum dann nicht mal gucken, was einem im Schäferhundeverein so geboten wird.

Die erste Erkenntnis: Ziemlich wenig Schäferhunde für einen Schäferhundeverein. Um genau zu sein, war meiner der einzige. Obwohl der Schäferhund auch heute noch die Welpenstatistik mit Abstand anführt, finde ich es erstaunlich, wie selten man diese Hunde im Wald oder auf den Hundewiesen trifft. Ich meine, seit 2012 sind laut Welpenstatistik des VDH rund 55.000 Schäferhunde in Deutschland geboren worden. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum erblickten laut der selben Statistik 1.841 Australian Shepherds und 11.323 Golden Retriever das Licht der Welt.

Auch wenn viele Welpen ins Ausland verkauft werden, wo sind all die Schäferhunde hin?

Während es vor dreißig Jahren noch so ziemlich für jede Rasse auch einen Hundesportverein gab, geben sich die meisten heute „rasseoffen“, wie es so schön heisst. Dies ist nicht etwa das Ergebnis liberaler Veränderungen im Vereinswesen, sondern vielmehr die notwendige Antwort auf das immer geringere Interesse  an den Vereinen und den Angeboten. Dem entsprechend kostet es heute auch keine zwei Mark mehr, wenn ein Rüde den Platz markiert.

Viele der Vereine, die ich besucht habe, bieten heute alles mögliche an Beschäftigung und Erziehung für den Hund an – ob Agility, Obedience oder Longieren.

Die einstige Kernkompetenz, früher SchH, heute IPO, findet man derweil seltener. Immer mehr Vereine schliessen ihre IPO-Abteilung – mangels Interesse der Hundehalter und vor allem mangels geeigneter Schutzdiensthelfer.

Schade, denn ich finde diesen Sport eigentlich recht charmant.

Schon alleine die Vokabeln scheinen wie aus einer andern Zeit gefallen. Da wird mit Trieben um sich geworfen, dass es eine wahre Wonne ist – „Wehrtrieb“, „Beutetrieb“, herrlich, beinahe wie in einem ethologischen Freilichtmuseum.

Würde ein Hund tatsächlich so einer Fährte folgen wie es in der Prüfungsordnung beschrieben steht, würde er wohl elendig verhungern. Und auch der Schutzdienst hat mit der Ausbildung von Polizeihunden (da kommt er im Ursprung ja her) nur so viel gemein, dass in beiden Fällen Hunde eine Rolle spielen.

„Ist es denn noch zeitgemäß, Hunde auf Menschen zu hetzen?“ fragte denn auch jemand. Eine durchaus interessante Frage. Zum einen, weil sie voraussetzt, dass es irgendwann mal zeitgemäß gewesen sein muss und zum anderen, weil sie voraussetzt, dass der Mensch das Ziel des Hundes ist. Was nicht stimmt. Das was trainiert wird, ist der Griff des Hundes in den Schutzdienstarm, den wiederum der Helfer trägt. Keine Arme, keine Action – zumindest, wenn man vernünftig trainiert.

Die ganz überwiegende Mehrheit der Hundesportvereinsmitglieder sieht das mit der Beschäftigung eh eher familiär. Ein bisschen „Obi“ hier, ein bisschen „Agi“ da und ein bisschen „Fährti“, „Unti“ und „Schutzi“ dort. Ansonsten Geschichten vom Urlaub, Bilder von den Enkeln, ein Tässchen Kaffee und natürlich Kuchen. Typisch deutsches Vereinsleben also.

Und dann war ich zu Besuch auf einem meiner Lieblingshundeplätze. Hier gibt es immer hervorragenden Kaffee und eines der Vereinsmitglieder backt jede Woche Kuchen.

Da kam sie. Den Namen habe ich vergessen, aber vermutlich hat sie sich eh nicht vorgestellt. Als erstes prüfte sie skeptisch die Qualität des Rasens und monierte mit fachmännischen Blick, dass dieser für ihre Ansprüche viel zu hoch gewachsen sei.

Im Anhang eine junge Dame mit Schäferhund, jedoch einem belgischen. Nicht irgendeiner, sondern einer von einem ganz bestimmten Züchter, der nur und ausschliesslich Weltmeister, Könige und Imperialisten züchtet.

Die beiden betreten den Platz und diejenige, die immer den Kuchen backt, klärte mich auf: Leistungsgruppe!

Zwei Menschen, eine Mission: Training für die alles entscheidende Prüfung. Der Anspruch: 100%. Mindestens.

Hier ist nix mit Käffchen und Klönschnack. Hier geht es zur Sache. Das ist nicht Fahrradfahren, das ist Tour de France!

Los geht es mit der Unterordnung. Die junge Dame läuft los, ich denke mir noch, dass sieht ziemlich gekonnt aus, unterschätze aber mit meinem laienhaften Blick die messerscharfe Analyse der Trainerin: „Wie schön, dass Du schon in Grundstellung falsch stehst“ flötet sie ihrem Schützling maximalsarkastisch entgegen. Zack, das hat gesessen.

Dann folgt mein Zitat des Tages, achwas, des Monats. Gerade als die junge Dame „viiiieeel zu ausladend“ einen Richtungswechsel absolviert hat, brüllt es „Und jetzt Zack Zack! Maximales Gangbild!“ Mir läuft fast der Kaffee durch die Nase.

Als nächstes der Apport. Der Hund ist nicht das Problem, vielmehr hapert es an der Wurfgenauigkeit und -kraft der Hundeführerin. Zumindest in den Augen der Expertin. Mit kleinen charmanten Demütigungen wird an der Technik gefeilt. Immer und immer wieder.

Die beiden zu beobachten ist so etwas wie eine Mischung aus einem Loriot-Sketch und einem Laurel und Hardy-Film.

Mal ist man Hund, mal ist man Baum. Die junge Frau ist heute Baum, und zwar ein ganz niedriger.

Die Trainerin gefällt mir. Das meine ich ernst. Mit ihrer Art, maximale Unhöflichkeit und Kasernenatmosphäre mit minimalen Mitteln zum Ausdruck zu bringen, könnte sie alleine und ohne Hilfe ein kleines Land unterjochen.

Blöderweise formuliere ich meinen Gedanken, ein Mensch neben mir schaut mich abschätzig an. Später stellt sich heraus, dass es sich dabei um den Helfer der Truppe handelt, also denjenigen, der den oben erwähnten Ärmel trägt.

Die Platzablage wird auf den Millimeter genau trainiert, jede Eventualität mit einkalkuliert. Mensch und Hund funktionieren wie eine gut geölte Maschine. Und sie scheinen dabei auch noch eine Menge Spaß zu haben – nur eben auf eine schräge Art und Weise.

Aber was soll’s? Ist bestimmt billiger als eine Domina dafür zu bezahlen, dass sie einen zusammenfaltet. Vielleicht muss das ja so sein, wenn man ganz nach oben will. Und das es nur einen Weg, nämlich den aufs Treppchen, gibt, atmen alle Beteiligten aus allen Poren.

Ich hole mir derweil einen Kaffee und ein Stück Donauwelle – ganz vorzüglich.

Nächste Woche mache ich mit meiner Schäfertrulla vielleicht ein bisschen „Unti“ und freue mich bis dahin für die junge Dame, dass bei Turnieren keine Preisgelder ausgezahlt werden.

3 Kommentare
  1. Wolfhart
    Wolfhart says:

    Der Deutsche Schäferhund war auch für mich sehr lange der Inbegriff „des Hundes“ schlechthin. Das damals zwangsläufig dazu gehörende Vereinsleben war mir aber immer (auch bis heute noch) im höchsten Maße suspekt. Damals war es aber auch normal seinem Schäferhund einen gefährlich klingenden Namen zu geben und die Besitzer waren immer mächtig stolz auf ihre „gefährlichen“ Hunde. Es ist meiner Meinung nach nicht besonders schwer dem Ursprung dieser fragwürdigen Einstellung auf die Schliche zu kommen. Dieses Bild scheint sich aber tatsächlich gewandelt zu haben. Die meisten Schäferhunde die uns heute begegnen sind umgängliche Zeitgenossen.

    Kürzlich fühlte ich mich dann aber mal für einen Moment zurück versetzt in meine Kindheit. Wir parkten beim Getränkemarkt unseres Vertrauens, als ein Kombi gegenüber in die Parklücke fuhr. An beiden hinteren Seitenscheiben klebten Pappen mit selber gemalten Huldigungen für eine populistische Partei. Das sah dilettantisch aus und wirkte auf mich extrem abstoßend. Der Gesamteindruck vervollständigte sich als ein runder älterer Mann aus dem Auto stieg, gekleidet in Klamotten in Nato-Oliv, die aussahen als hätte er sie seit 6 Monaten nicht gewechselt. Er öffnete den Kofferraum der dann den üblichen Metallgitterkäfig mit einem Schäferhund darin zum Vorschein brachte. Dieser Hund war extrem aggressiv und fletschte sofort alles an was sich in seinem Blickfeld befand.

    Und für einen Moment war es wieder da: das Bild vom „bösen Schäferhund“, das ich eigentlich schon so lange vergessen hatte. Aber genauso schnell wie es da war, war es auch wieder weg. Denn diese Situation war eindeutig. Wie so oft war auch in diesem Fall der Hund das Opfer. Und irgendwie tut es mir auch leid für den schlechten Ruf dieser Hunde. Denn eigentlich sind Schäferhunde doch echt tolle Hunde – in den richtigen Händen!

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  2. claudi
    claudi says:

    Tja, wo sind Sie nur die Schäferhunde. Wenn man davon ausgeht das ein Großteil wirklich nur als reines Sportgerät gekauft wird, sieht man davon nicht all zuviel auf den Straßen. Allerdings geht es einem Schäferhundbesitzer heute leider kaum anders als einem „Kampfhundebsitzer“. Da seit Jahrzehnten in sämtliche „Beisstatistiken“ immer wieder darauf hingewiesen wird, das der Deutsche Schäferhund und deren Mischlinge (also alles was Spitzohren und einen langen Fang hat) immer auf Platz 1 des Rankings stehen, geraten heute sehr viele Leute in Panik wenn Sie einen DSH sehen. DSH Halter werden genauso gemieden wie ein „Kampfhundehalter“. Während der DSH Welpe noch verzückte ah und ohs hervorruft, hört das mit 6 Monaten auf einmal auf und Menschen fangen an die Straßenseiten zu wechseln, einem aus dem Weg zu gehen. Hundekontakte kaum noch möglich, nehmen Sie Ihren Schäferhund da weg, der ist gefährlich. Sicher, zum einen haben die Medien Ihren Teil dazu beigetragen. Aber den größten Teil, tragen leider die Hundehalter untereinander dazu bei. Bei jeglicher Diskussion um diese blöden Rasselisten, immer wieder zu sagen, der DSH oder Mali müsste da auch mit draufstehen. Diese Rasselisten gehören abschafft, nicht aufgestockt. Aber dem Gesetzgeber kann es ja nur Recht sein, wenn sich die Hundehalterschaft untereinander nicht grün ist und Sie die Gesetzte immer weiter verschärfen das Hundehalter sich kaum noch trauen irgendjemandem zu begnenen, weil ja etwas passieren könnte.Aber ich schweife vom Thema ab. Ich glaube viele DSH Besitzer sind ziemlich einsam unterwegs und daher sieht man Sie auch nicht so oft.

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  3. Heidrun
    Heidrun says:

    Deine Beschreibungen treffen es hier einfach perfekt. Die Charakterisierung von Isa zeichnet ein Bild – das könnte auch mein Schäferhündchen gewesen sein 😉 Und die Hundevereinlichkeit damals und heute habe ich fast genau so auch selbst erlebt.
    Wo die ganzen Schäferhunde alle abgeblieben sind, frage ich mich immer noch – man traf und trifft sie kaum. Wenn man aber selbst mit Schäferhund unterwegs ist, hat jeder zweite Hund, der einem begegnet, schon mal „schlechte Erfahrungen mit Schäferhunden gemacht“. Also müssen die ja noch irgendwo sein…
    Eigentlich isses ja eher traurig, das Ganze. Aber Dein Humor und Schreibstil helfen darüber hinweg – danke für die Lacher und diesen Blogbeitrag 🙂

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