Wir sind verliebt!

In dem Moment, in dem ich Rolf zugesichert hatte, dass sich Arco sehr gut abrufen lässt, startete der Köter durch und schnappte sich eines von Rolfs Hühnern.

Später dann – ich war wieder zuhause, und sammelte die Überreste eines zerfetzten Gelben Sackes im Garten ein – nutzten Tacker und Reggea die Gelegenheit des unbeobachteten Moments, um meinem Nachbarn mal zu zeigen, dass er nichts aber auch garnichts am Zaun geschweige denn auf diesem Planeten verloren hat.

Am Tag drauf kam ich nach Hause, F. saß auf dem Mäuerchen vorm Haus und rauchte angestrengt eine Zigarrette. Auf meine Frage, was sie da tue, antwortete sie „Ich geh da nicht mehr rein, die Hunde haben das Haus besetzt. Komm, wir hauen ab, Spanien soll schön um diese Jahreszeit.“ Ich überlegte kurz, verwarf den Gedanken aber wieder – Schweden fänd ich schöner …

Abends im Bett bzw. in dem, was der Junghund davon übrig gelassen hat, nachdem er gelernt hat, wie man Türen öffnet, dachte ich über eine Frage nach, die irgendwann mal in einem Forum kursierte:

Sollte ein Hundetrainer nicht einen wohlerzogenen Hund haben?

Tja, gute Frage. Der Hundetrainer von Welt rettet sich im Normalfall mit der Ausrede, dass er ja ein ganz spezielles Exemplar seinen Eigen nennt und das dieser Hund ja

  1. auf Grund genetischer Disposition dieses oder jenes Verhalten zeigt
  2. wegen seiner schlimmen Vergangenheit seinen Freiraum braucht oder
  3. früher viel schlimmer war.

Ich sage ja immer: Ein Hundetrainer, der nicht selber durch das Tal der Tränen gelaufen ist, kann sich nicht in seine Kunden hineinversetzen. Und überhaupt, leichtführige, gut erzogene „Hundies“ sind was für Weicheier.

Trotzdem, wie kann es sein, dass in einem Haushalt zwei(!) Hundetrainer leben und die Köter uns trotzdem immer und immer wieder auf der Nase rumtanzen? Klar, es sind viele, aber jeder einzelne für sich ist ja gut erzogen. Naja, bis auf ein paar Kleinigkeiten.

Der Frage nach dem wohlerzogenen Hund des Trainers nähert man sich wohl am besten mit einer Gegenfrage:

Warum gibt es Ärzte mit Übergewicht?

Die wissen doch, dass das eine der häufigsten Todesursachen ist. Aber auch Ärzte sind nur Menschen.

Und Hundetrainer sind auch nur Hundehalter.

Und wir machen genau die Fehler, vor denen wir unsere Kunden warnen.

Wir sind inkonsequent und hochemotional, wir fallen auf die Strategien unserer Hunde rein und lassen uns um den kleinen Finger wickeln. Wir sagen „Hiiiieeeer“, unser Hund sagt „Leck mich“ und wir grinsen dämlich, finden das süß und sind noch verzückt, während Rex uns den virtuellen Mittelfinger zeigt und im Wald verschwindet.

Bei der Arbeit auf der Hundewiese fällt es uns leicht, konsequent zu sein und selbiges von unseren Kunden zu fordern. Eine Stunde in der Woche, das kann jeder.

Wir machen es uns zu Nutze, dass der Hund des Kunden bei uns gehorcht wie eine Eins. Warum?

Weil er uns nur als toughe Personen wahrnimmt und uns und unsere Schwächen nicht kennt. Zwei Wochen bei uns zu Hause und das Vieh baut den selben Mist wie in seiner Familie.

Obwohl wir propagieren, dass Hunde den ganzen Quatsch nicht brauchen, den es heute zu kaufen gibt, stehen wir stundenlang im Zoofachgeschäft und gönnen unseren Lieblingen neue Halsbänder, Leinen und Hundebetten. Wir wissen, dass es ihnen egal ist, aber wir geniessen das Gefühl, unserem Hund etwas gutes zu tun.

Und obwohl wir predigen, dass Hunde auch mal aggressiv kommunizieren dürfen, sind wir tödlichst beleidigt, wenn unser Schatz mal einen auf die Mütze kriegt. Und natürlich hat der andere angefangen!

Wir füttern vom Tisch, weil er soooo süß guckt, ist er krank, werden wir fast wahnsinnig vor Sorge und wenn es irgendjemand wagt, auch nur ein Wort gegen unseren Hund zu richten, werden wir zur Furie.

Wir finden dumme Ausreden, wenn unsere Hunde Mist bauen. Auch unsere Hunde „haben das noch nie getan“ und „wollen nur spielen“.

Wir finden Erklärungen, warum der Süße jetzt gerade mal nicht gehorcht, wir reagieren zu früh, zu spät, zu falsch und manchmal garnicht.

Wir erklären, dass man sie nicht vermenschlichen darf, fühlen uns aber trotzdem persönlich beleidigt, wenn sie nicht hören.

Wir sagen, dass sie Tiere sind und lieben sie trotzdem mehr als unsere Schwiegermütter. (Sorry, Monika …)

Wir sind verliebt.

Vielmehr noch, wir lieben unsere Hunde.

Und das ist gut so.

Alles andere wäre unmenschlich.

28 Kommentare
  1. Isabella
    Isabella says:

    Wunderbar geschrieben – und vor allen Dingen ehrlich!
    Außerdem machen doch genau diese kleinen Macken uns Menschen aus … und auch unsere Hund – wer will denn schon perfekt sein 🙂

    Liebe Grüße,
    Isabella

    Antworten
  2. Ute S.
    Ute S. says:

    Ein dickes Grinsen liegt auf meinem Gesicht. Ihr seid herrlich und dafür mag ich euch. Ganz richtig: ihr seid auch nur Menschen und ihr liebt eure Hunde, wie jeder stinknormale Hundehalter. DAS macht euch richtig sympathisch.

    LG von der Bergstraße
    Ute und ihre Rasselbande (Twister UND Kiara)

    Antworten
  3. Martina Wolff
    Martina Wolff says:

    Hallo Normen,
    vielen Dank für diesen herrlich ehrlichen Beitrag der zu 100% zu mir und meiner Hündin passt.

    Herzliche Grüße
    Martina Wolff

    Antworten
  4. Andrea Hey-Meier
    Andrea Hey-Meier says:

    Hach, ist das tröstlich. Ich bin nicht allein im Hundeverzieher-Universum….
    Da gibt es nen netten Spruch, hinter dem ich mich gern verstecke. Hat zwar nen Bart wie Methusalem, ist trotzdem immer noch aktuell:
    „Lehrers Kinder, Müllers Vieh – gedeihen selten, oder nie“
    Viele Grüße von der Bergstraße
    Andrea und die Kötteldogs

    Antworten
  5. Rike
    Rike says:

    In fast allem konform 🙂
    Allerdings bin ich wohl einer der Personen die sich, trotz HuSchuh, HuPe und HuTa, für sich nur Hunde raussucht die „Balsam für die Seele“ sind.
    Sonst würde ich glaube ich durchdrehen, wenn ich zuhause auch noch das geordnete Chaos hätte 🙂
    Ich genieße es bei meinen Hunden Kraft zu schöpfen und wieder an das „Gute im Hund“ zu glauben.

    Antworten
  6. Birgit
    Birgit says:

    Wieder ein Anruf von Hundehaltern,die ihrem Labbi das Jagen abgewöhnen wollen.Er hetzt immer mal höchstens 2 Minuten hinter Nachbars Katze oder dem aufgescheuchten Feldhasen her….Ich werde schon am Telefon rot,was zum Glück keiner sieht,mache einen Termin mit den neuen Kunden und fasele etwas von Grundgehorsam festigen ect…..Am liebsten würde ich aber im Boden versinken und ins Telefon schreien:meiner macht das auch und ich kann ganz gut damit leben,denn meine Galgomix-Hündin ist viiiiiel schlimmer 🙂
    Danke für den Artikel….jetzt geht’s mir besser.

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  7. Antje Herchenhahn
    Antje Herchenhahn says:

    Ich misstraue Hundetrainern, die nur so ein durchgestyltes exerzierendes Vorzeige-Modell haben, zutiefst 😉 Jeder meiner Hunde kann was richtig gut und im Durchschnitt käme sicher ein sehr präsentables Modell dabei raus. Aber jeder für sich hat eben auch so seine kleinen Macken, manches, was ich bestimmt noch mal angehe (wenn nicht in diesem dann in einem späteren Leben 😉 ) oder auch manches, was ich schlichtweg unter ’so isser eben‘ verbuche.

    Hunde ohne Ecken und Kanten sind doch irgendwie langweilig, oder?

    Antworten
  8. Frank
    Frank says:

    Lieber Normen,
    hier hast Du Dich wieder mal selbst übertroffen.
    Danke für Deine gefühlvollen Zeilen.
    Vor etwa zwei Jahren habe ich mir von einem Kollegen sagen lassen:
    „Du bist auch HundeHALTER, nicht nur Hundetrainer!“
    Es tat so gut.
    Heute kann ich darüber sehr locker mit dem ein oder anderen Kunden
    reden: und es tut den Kunden gut, wenn sie sehen, dass auch ein
    „Trainerhund“ nicht perfekt ist. Und dass er es auch gar nicht sein
    soll.
    Ja: ich liebe meinen Hund.
    PACO ist klasse und macht mir Herzchen in meine Augen.
    Er braucht nicht perfekt zu sein.
    Wer ist das schon…

    Antworten
  9. Andrea Ehler
    Andrea Ehler says:

    Danke für diesen Text! Erstens weiss ich jetzt, dass ich kein totaler Versager bei der Hundeerziehung bin (ich bin eben auch ein Mensch und masslos verliebt), und zweitens beruhigt es mich, dass Hundetrainer genauso reagieren wie ich.

    Antworten
  10. Tine
    Tine says:

    Es gibt auch Ärzte die rauchen.

    Normen – ich finde Deine Texte immer klasse. Der Artikel ist wunderbar geschrieben – wie jeder. Ich beneide Dich um Deine sprachlichen und Deine analytischen Fähigkeiten. Und um Deine Ehrlichkeit.

    Was willst Du uns aber mit diesem Artikel sagen?
    – Dass Hundetrainer die Probleme Ihrer Kunden kennen? Toll – die Probleme kennen die Kunden ja alle selber – was fehlt ist doch die Lösung.
    – Dass Hundetrainer auch Probleme haben können? Ja – haben die. Klar.

    Du lebst vielleicht lockerer mit dem beschriebenen Tohuwabohu Meins wäre das nicht. Und für mich hört die Heiterkeit auch irgendwann auf.

    Und wenn ich dann lese, dass weiter oben jemand, der sich nach diesem Artikel jetzt besser fühlt) schreibt, dem Kunden mit jagendem Hund irgendwas zu erzählen von weiß der Teufel noch was – warum sagt ihr den Kunden denn nicht: Hast Du einen jagenden Hund, dann lass ihn an der Leine“ Das wäre ehrlich. Noch dazu, wenn man das Problem selber nicht geregelt bekommt und die Lösung eben nicht kennt. Und manchmal – das wollen wir nicht vergessen – gibt es auch gar keine Lösung. Statt dessen wird da (ohne etwas unterstellen zu wollen) die Gunst der Therapie-Stunde erkannt.

    Probleme kenne ich auch – jede Menge! Hauptsache, es wird nicht jeder, der ein Problem kennt sofort zum Berater. Nach dem Motto: DAS PROBLEM kenne ich auch!

    So – und jetzt kriege ich wohl Kloppe…. (das Problem kenne ich!)

    Antworten
    • Katharina Liechti
      Katharina Liechti says:

      Nein, nein Kloppe kriegt niemand von mir, weder (Vier) noch Zweibeiner …! Aber, eine Frage hätte ich: Wie kann man sich fragen was Normen mit seinem Text sagen will ? Ist doch alles super gesagt !

      Antworten
  11. Tine
    Tine says:

    Ja, alles super gesagt. Keine Frage. Ich habe den Text jetzt wirklich öfter gelesen und mich natürlich auch amüsiert. Da ist der Hund der sich (- ach, doch nicht! ) abrufen lässt (und ein Huhn ermordet – sowas kommt in den besten Familien vor), Und ich stelle mir das bildlich vor, dass eine Hundetrainerin und ja im Nebenberuf auch „Menschin“ vorm Hause raucht während drinnen das Chaos tobt, dass man trotz des vielen Wissens nicht geregelt kriegt. Weil’s eben manchmal so ist.

    Und dann die Frage, sollte das bei Hundetrainern nicht eigentlich anders sein? Jau – sollte es. Bei Hundetrainern und auch bei Ottonormalhundehaltern.

    Dass man seinen Hund liebt und sich um ihn sorgt und ihm manchmal auch völlig sinnfreie Dinge kauft, das ist normal. Für mich jedenfalls. Daran ändert auch nichts, wenn der Hund Jobs macht, die einem selber jetzt grad nicht in den Kram passen (Löcher buddeln, Postboten vertreiben, Sessel zerstören – weiß der Geier, auf was für Ideen Hunde so kommen, wenn sie meinen, sie hätten Freizeit oder Frust oder was) das ist auch normal.

    Ich kann eigentlich mit problemhunderfahrenen Hundehaltern gar nicht mitreden. Ich habe wahrscheinlich einen extrem leichtführigen Hund (was man Hovawarten nun nicht grade nachsagt – aber es muss ja so sein) vom Züchter eines Rassezuchtverbandes. Für Problemhunde fehlen mir nicht nur die Nerven.

    Aber wenn ich ein Problem habe und ich möchte es lösen. dann frage ich einen, der es lösen kann – und nicht einen, der das Problem auch kennt und selber hat. Dann versteht der mich vielleicht, aber er kann mir nicht helfen.

    Schön, wenn man als Hundetrainer Erleichterung verspürt, wenn man liest, dass andere Hundetrainer auch nicht perfekt sind. Aber als problembelasteter und hilfesuchender Hundehalter wünsche ich mir dann einfach, dass man mir sagt. Du, ja, wir können das versuchen, aber manche Hunde sind einfach so…

    Und sie sind ja auch gut so – meistens jedenfalls.

    So ziemlich alle Artikel konnte ich bisher „abnicken“ und in meine persönliche „Habe ich verstanden und sehe ich auch so“ – Schublade stecken. Dieser Text kommt in eine andere Schublade. Das habe ich grade soeben beschlossen – wie gut, dass wir darüber gesprochen haben! Darauf steht: „Nicht schön, aber menschlich.“

    Trotzdem weiß ich nicht, was Normen grade so bewegte, als er seinen Text schrieb. Wahrscheinlich war es wirklich :Liebe 🙂

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  12. Petra
    Petra says:

    Diesen Text hätte ich lesen müssen, als die letzten Trainer – das war ein Duo – zu mir ins Tal der Tränen kamen und mir den Kopf noch komplett unter Wasser gedrückt haben. Aber das ist auch ein Jahr her, da gab’s den Text noch gar nicht. (An dieser Stelle ein aufmunterndes „Normen, schreib schneller!“ einfüge.) Mittlerweile bin ich soweit, dass ich „es geht um mich und meine Hunde in dieser Welt“ denke und nicht darum, den ganzen Experten um mich herum die geforderten Bestätigungen zukommen zu lassen.
    Hunde haben halt ihre Persönlichkeiten, das lieben wir ja so. Aber das ist auch der Grund, warum es keine garantierten Lösungen gibt und warum auch der beste Trainer manchmal nur dumm aus dem Hemd gucken kann. Ein guter Trainer ist der, der dann bereit und in der Lage ist, angepasste Lösungen zu suchen und den Hundehalter dabei mitnehmen kann. Da kommt dann eines zum anderen und im Laufe der Zeit ein funktionierendes Ganzes. Plus Möglichkeiten, das, was nicht funktioniert, anders im Griff zu behalten. Z.B. jagende Hunde an der Leine zu halten – macht meinen Beagles wenig, weil sie das Schnüffeln lieben und sich mit Begeisterung „kopfmüde“ schnuppern können. Für den freien Auslauf gibt es eben wildarme Gebiete. Und wenn mal was schief geht – das nächste Mal geht’s wieder besser.

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