In  der “SitzPlatzFuss” Nr. 8 aus dem Cadmos-Verlag ist Normen wieder mit einem Artikel vertreten, den Sie hier nachlesen können.

“Arbeitstiere, Sportgeräte auf vier Beinen oder einfach Hütehunde?”

Über Jahrhunderte hinweg waren sie die rechte Hand des Schäfers,heute sieht man sie selten. Laut der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) gehören Altdeutsche Hütehunde zu den gefährdeten Tierrassen.

In den letzten Jahren lässt sich beobachten, dass die Zahl dieser Hütehunde in Privathand steigt. Während die Hunde bis vor einigen Jahren noch ausschließlich von Schäfern gehalten wurden, finden sich nun immer mehr Altdeutsche auf den Hundeplätzen und -wiesen der Republik wieder.

Feiern diese Hunde ein Comeback oder werden sie über kurz oder lang zusammen mit dem Beruf des Wanderschäfers aussterben? Und, ist es überhaupt sinnvoll, Hunde, die für die harte Arbeit an der Herde gezüchtet wurden, als Familienhunde zu halten?

Die Ursprünge

1773 wird der „Schafrüde“ in der „Ökonomischen Encyklopädie“ von J. G. Krünitz als „ein großer, starker, zotiger Hund, welcher zur Sicherheit der Schafe und Schafherde gehalten wird (…)“ beschrieben (vgl. auch Adelung, Leipzig 1793-1801).

Doch schon wesentlich früher, nämlich bereits 1186 findet der Begriff „Schafrüde“ bzw. „Scaprode“ Erwähnung – und zwar im Zusammenhang mit dem „Constitutio contra incendiarios“, einem von Friedrich I. auf dem Nürnberger Reichstag erlassenen Gesetz gegen Brandstiftung, insbesondere der Fehde, welches den Wert des Schafrüden auf drei Schillinge festlegte.

Dass die Hunde der Schäfer zu dieser Zeit Eindringlingen oder einfach nur vorbeigehenden Wanderern nicht gerade freundlich gesinnt waren, zeigt eine Reihe von Verordnungen, die sich im Laufe des Mittelalters bis ins 18. Jahrhundert immer wieder finden.

So gab es 1659 einen Erlass, dass, „(…) die schaaf-rueden und jagt-hunde, welche dem wildpret schaedlich seyn koennen, kloeppel tragen“ sollen. (CAug. II 1, 1659).

Vom Wächter zum Hütehund

Hunde, die ebenfalls die Aufgabe der heute noch bekannten Hütearbeit übernahmen, tauchten zunächst mit der Verbreitung der Merinoschafe gegen 1340 in Spanien auf. Die Wolle der Tiere war besonders kostbar und nachdem es den Spaniern gelungen war, das Land im Rahmen der Reconquista von den Mauren nach 1212 nach und nach zurückzuerobern, verblieben die von dem Angehörigen der islamisierten Berberstämme eingeführten Schafe im Land und so wuchs der Handel mit der Wolle der Tiere stetig.

Spanische Adelige beschäftigten sich mit der Zucht der Merinoschafe und da die Tiere einen hohen Wert hatten und auch als Statussymbol galten, wurden die Tiere erstmals nicht wie in der Viehwirtschaft üblich in den ländlichen Regionen gehalten, sondern in der Nähe großer Landgüter – vor den Städten und Siedlungen und somit in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Feldern der Bauern, die Lebensmittel für die Städter anbauten.

So entstand die Notwendigkeit, die Schafe von den Äckern der Bauern fernzuhalten.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt finden sich auf der iberischen Halbinsel Hinweise auf die ersten „Furchenläufer“, also Hunde, die eine unsichtbare Grenze zwischen Weide und benachbarten Grund ziehen, um zu verhindern, dass die Schafe die Frucht zerstören.

Die „Careas“ findet man auch heute noch in Spanien. Hier unterscheidet man zwei Schläge, den Careas Leones, ein Hund, der dem süddeutschen Tiger in Aussehen und Arbeitsleistung sehr ähnelt, und den Careas Castellano, der an den in Süddeutschland bekannten Strobel erinnert.

Während die Merinoschafe über den Landweg ihren Siegeszug von Spanien aus über die Pyrenäen und Norditalien bis hin nach Süddeutschland antraten, tauchten in der Folge in den verschiedenen Regionen auch Hütehunde auf, die den Schäfern dabei halfen, die Herden zu treiben und von der verlockenden Frucht der benachbarten Felder fernzuhalten. Beispielhaft sei hier der Cane di Pastore Oropa Biellese genannt, ebenfalls ein Hund, der in Arbeitsweise und Aussehen den altdeutschen Hütehunden ähnelt.

Es ist davon auszugehen, dass gerade die süddeutschen Schläge, wie wir sie heute kennen, außerdem mit französischen Hütehunden gekreuzt wurden. Da es im Süden Deutschlands keinen Markt für Hammelfleisch gab, haben die Schäfer regen Handel mit Frankreich getrieben. Hierbei wird es zu Berührungspunkten mit Beaucerons und Briards gekommen sein.

Einen Anhaltspunkt hierfür liefert die Tatsache, dass viele der süddeutschen Schläge die doppelte Afterkralle aufweisen, die bei den Beaucerons als vermeintliches Merkmal für gute Hüteleistung sogar den Weg in den Rassestandard gefunden hat.

Einen weiteren Anhaltspunkt bietet der traditionelle badische Rufname „Barusch“, der heute noch verwendet wird und dem Spitznamen der Beaucerons „basrouge“ („Rotsocke“ oder auch „unten rot“) ähnelt.

Während die Merinoschafe zwischen 1786 und 1802 Süddeutschland auf dem Landweg erreichten, ist nachgewiesen, dass sie bereits ab 1766 auf dem Seeweg Sachsen erreichten.

Vermutlich wurden von den Seeleuten neben den Schafen auch der Euskal Artzain Txakurra, der traditionelle Hirtenhund der Basken, der auf verblüffende Weise dem (mitteldeutschen) Fuchs ähnelt, mitgebracht.

So wird vermutet, dass diese eingeführten Hunde mit den zur Verfügung stehenden Bauernschlägen gekreuzt wurden und sich hieraus schließlich die heutigen mitteldeutschen Schläge entwickelt haben.

Eine Ausnahme bildet der Westerwälder (Siegerländer) Kuhhund, der schon früher Erwähnung findet und sich vermutlich aus den zur Verfügung stehenden regionalen Bauernhunden entwickelt hat. Viele der Bauern im Mittelalter besaßen nur eine oder zwei Kühe und so gab es von den Gemeinden eingestellte Kuhtreiber, welche die Tiere am Morgen „eingesammelt“ haben und zu den Weiden getrieben haben. Diese Kuhtreiber nahmen Hunde zur Hilfe, die verhinderten, dass das Vieh sich von der Gruppe entfernte.

Vom Altdeutschen Hütehund zum Deutschen Schäferhund

Max von Stephanitz war begeistert von den Hütehunden und er war es schließlich auch, der 1898 den Rüden „Hektor von Linksrhein“ kaufte, in „Horand von Grafrath“ umbenannte und so den Grundstein für den berühmten Enkel der Altdeutschen Hütehunde legte: Den Deutschen Schäferhund.

Während dieser sich zum beliebtesten Hund der Deutschen – und immer weiter weg von seinem ursprünglichen Aufgabengebiet und Aussehen – entwickelte , verblieben die Hüteschläge in den Händen der Wanderschäfer.

Da die Schäfer ihre Hütehunde in aller erster Linie für den Eigenbedarf züchteten und so gut wie kein Welpe in Privathand gegeben wurde, reduzierte sich entsprechend der Bestand der Hütehunde mit dem Rückgang der Wanderschäfer in Deutschland.

1989 gründeten schließlich einige Schäfer mit Unterstützung von Dr. Karl-Hermann Finger, dem Autor des Buches „Hirten- und Hütehunde“, die Arbeitsgemeinschaft zur Zucht Altdeutscher Hütehunde (AAH), die sich für den Erhalt der nunmehr vom Aussterben bedrohten Hütehunderassen einsetzt.

So ist der Bestand der Westerwälder Kuhhunde heute massiv bedroht, da es kaum noch Landwirte gibt, welche die Kuhherde von einer Weide zur nächsten treiben. Die GEH ermittelte 2006 eine Population von nur noch ca. 30-40 weitgehend reinrassigen Tieren. Doch auch die anderen Schläge der Altdeutschen werden auf der Roten Liste als gefährdete Haustierrasse geführt. So wird der Bestand aller Schläge deutschlandweit auf ca. 3000 Tiere geschätzt (Stand 2009). Zum Vergleich: Nach Aussage des Vereins für deutsche Schäferhunde (SV) werden jährlich ca. 20.000 Schäferhundwelpen in das Zuchtbuch des Vereins eingetragen.

Individualisten

Anders als die anerkannten Hütehundrassen, wie der BorderCollie oder der Berger des Pyrénées, sind die Altdeutschen Hütehunde keine Rasse, vielmehr unterscheidet man hier die verschiedenen regionalen Schläge. Je nach Region und Einsatzgebiet unterscheiden sich die Tiere stark voneinander. So finden sich z.B. zott- , roll- und lang-stockhaarige Hunde ebenso wie Steh-, Kipp- und Hängeohren. Dem entsprechend sind Altdeutsche Hütehunde auch nicht von der Fédération Cynologique Internationale (FCI) oder vom Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) als Hunderasse anerkannt.

Gemeinsam haben die Hunde, dass sie mit Blick auf ihre Arbeitseigenschaften und auf die Umgebung, in der sie arbeiteten, hin selektiert wurden. Wetterhärte, Leichtfuttrigkeit und Widerstandsfähigkeit standen und stehen im Vordergrund der Zucht.

Nicht umsonst vergleichen viele Schäfer ihre Hunde mit einem Werkzeug. Die Tiere sollen einfach zu handhaben zu sein, langlebig und unempfindlich. Zuverlässigkeit ist wichtig, Aussehen spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Heute unterscheidet man grob sieben bzw. acht verschiedene Schläge: Gelbbacken, Füchse, Schwarze, Tiger, Schafpudel, Strobel sowie die Westerwälder/Siegerländer Kuhhunde, die wie erwähnt ihren Hauptaufgabenbereich in der Arbeit am Großvieh hatten. Als Stumper bezeichnet man solche Hunde, die mit einer Stummelrute auf die Welt kommen.

Aufgabengebiet

Im Gegensatz zu bekannten Hüte- und Treibhundrassen anderer Länder gelten die Altdeutschen und insbesondere die Süddeutschen Schläge als nicht besonders leichtführig.

Da die Wanderschäfer wenig Geld hatten und so meist nur ein oder zwei Hunde ernähren konnten, wurden nur die am besten geeigneten Welpen behalten und die anderen Tiere des Wurfes getötet.

So müssen die Hunde ausdauernde Läufer sein und, nachdem sie viele Stunden an der Herde gearbeitet haben noch fähig sein, dem Schäfer dabei zu helfen, die Schafe einzupferchen oder ggf. zurück zum Stall zu treiben.

Außerdem müssen die Altdeutschen eigenständig in großer Entfernung zum Schäfer arbeiten können. So laufen die Hunde „Furche“ und ziehen so eine unsichtbare Linie zwischen dem Gehüt und den benachbarten Grundstücken, um zu verhindern, dass die Frucht des Nachbarfeldes durch die Schafe zerstört wird.

„Nascher“, also Schafe, die sich vom Gehüt entfernen wollen, um Futter vom Nachbarn zu stibitzen, werden von den Hunden wieder zurück zur Herde getrieben.

Hierbei setzt der Hund den sogenannten „Griff“ an, d.h. er beißt dem Schaf in ein bestimmtes Körperteil, ohne dabei Schaden anzurichten, also das Tier zu verletzen.

Dieser Griff kann ein Nacken-, Rippen- oder Keulengriff sein, greift der Hund ständig zu hart zu oder zeigt einen falschen Griff (z.B. zum Bauch), dann ist er als Herdengebrauchshund ungeeignet.

Neben diesen Eigenschaften sollen die Tiere außerdem ernstzunehmende Wächter für die Herde und Schutzhund für den Hirten sein, so entstand also eine Kombination aus Herdenschutzhund und wendigen Hütehund.

Der Hütehund als Couchpotatoe

Seit einigen Jahren finden sich vermehrt Altdeutsche Hütehunde in Privathand.Über die Sinnhaftigkeit, einen solchen Hund in der Familie zu halten, streiten sich die Geister.

Viele Schäfer sind in Sorge, dass die Tiere nach und nach ihre Leistungsfähigkeit verlieren könnten, wie es bei anderen Rassen immer wieder zu beobachten war.

Die Befürworter argumentieren indes, dass man für den Erhalt der Hunde auf Privatleute angewiesen sei, da der Berufsstand des Schäfers und insbesondere die Wanderschäferei immer weiter schrumpft.

Fest steht, dass sich Hütehunde, egal ob es sich um Altdeutsche oder andere Rassen wie Border Collie, Cattle Dog, Kelpie und in letzter Zeit vor allem Australian Shepherd handelt, großer Beliebtheit auch bei Menschen erfreuen, bei denen die Tiere keiner „geregelten Arbeit“ nachgehen können.

Und während es viele Beispiele dafür gibt, dass auch Fuchs, Strobel und Co. erfolgreich als Familenhund gehalten werden können, landen auf der anderen Seite immer mehr solcher Tiere im Tierschutz.

Welche Gründe dazu führen, dass die Zahl der Hütehunde, die auf Grund unerwünschten Verhaltens oder Überforderung (meistens gehen die beiden Gründe Hand in Hand) abgegeben werden, in der letzten Zeit massiv angestiegen ist, und was angehende Besitzer eines solchen Hundes beachten sollten, versuche ich auf den nächsten Seiten zu erörtern.

Vom Arbeitstier zum Obdachlosen

Besonders häufig finden sich in letzter Zeit Australian Shepherds in den Merle-Varianten aber auch Altdeutsche Tiger bei uns im Tierheim. Der Merle-Faktor, also die „bunte“ Fellfarbe, erfreut sich momentan größter Beliebtheit, was zur Folge hat, dass gerade solche Tiere oft aus einer ersten Verliebtheit heraus gekauft und mit der Einsicht, dass man sich verschätzt und übernommen hat, auch häufig weitergegeben werden.

In den letzten Monaten wurden wir immer wieder gefragt, ob wir blinde oder taube Merle-Hunde aufnehmen könnten. Diese stammten meist aus Verpaarungen zweier Tiger von verantwortungslosen Vermehrern oder ahnungslosen Züchtern, denen nicht bewusst ist, welche Folgen das Verpaaren von Merle x Merle hat und das dies nicht umsonst verboten ist.

Dazu kommen Mixe, meistens Border Collie-AH-Kreuzungen, die aus privaten Zuchten stammen. Hin und wieder bekommen wir auch Strobel, zumeist Rüden, die im besten Alter ihren Besitzern klargemacht haben, was sie von aufgestellten Regeln halten.

Seltener im Tierschutz, dafür sehr häufig in der Hundeschule, finden sich Füchse und die mitteldeutschen Tiger, da diese Hunde als etwas leichtführiger gelten und es meiner Erfahrung nach seltener zu einer Eskalation kommt.

Nahezu alle Abgabetiere, die wir bekommen, haben Probleme mit mangelnder Frustrationstoleranz und können kaum ertragen, wenn sie z.B. einem Bewegungsreiz nicht nachgeben dürfen. Die Hunde haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, wirken hypernervös und neigen bei Unterbrechung von Fehlverhalten zum Schnappen.

Viele der Hunde zeigen unerwünschtes Jagdverhalten sowie AggressionsVerhalten gegenüber Menschen sowie Unverträglichkeit gegen Artgenossen.

Schließlich sind wir hin und wieder mit Hunden konfrontiert, die Stereotypien und Verhaltensstörungen wie Flysnapping, Kreiseln oder Autoaggressionen zeigen.

Gründe für die Anschaffung

Viele Menschen sind begeistert von der Intelligenz und dem „Will to Please“, den man bestimmten Hütehundrassen wie dem Border Collie oder dem Australian Shepherd nachsagt.

Solche Menschen sehnen sich nach einem pfiffigen und aktiven Familienbegleithund, der eine schnelle Auffassungsgabe besitzt, gerne lernt und sich unkompliziert ins Familienleben einfügt.

Dazu kommt, dass das Potential der Hunde häufig unterschätzt wird, was sicherlich mit der romantisierten Darstellung z.B. von Border Collies in den Medien zu tun hat.

Hündin Fly adoptiert im Film „Ein Schweinchen namens Babe“, Rico kann über 100 Gegenstände auseinanderhalten und schafft es so mit seiner Begabung ins Fernsehen.

Wenn man Bilder und Videos solcher Hunde im Internet oder in Zeitschriften sieht, dann handelt es sich zumeist um strahlende Turniersieger, sensible Therapiehunde oder um echte Helden, die untermalt von romantischer Musik Schafe in Schottland oder Wales hüten.

Den neurotischen Tapetenfresser und unberechenbaren Beisser hingegen sieht man kaum in den Hundezeitschriften oder auf den Internetseiten der Züchter.

Bei den Altdeutschen Hütehunden aber auch bei Kelpies, Cattle Dogs und anderen Hunden, die nach wie vor ihrer ursprünglichen Aufgabe nachgehen, steht meiner Meinung nach häufig der Wunsch nach etwas besonderen, einem Stück „unverdorbener Natur“ mehr oder weniger unbewusst im Mittelpunkt.

Die Hunde sind von einer Aura umgeben, die sie besonders macht. Sie gelten als urig, sind vom Aussterben bedroht und sehr selten. Außerdem stellen sie eine Herausforderung für den ambitionierten Hundehalter dar. Gelingt es, den Hund „zu bändigen“, ist einem der Respekt anderer Tierfreunde auf der Hundewiese sicher.

Nicht umsonst sagte ein prominenter Hundetrainer mal zu einer Besitzerin eines jungen, unbändigen Altdeutschen Tigers: „Wenn Du ihn hinbekommst, hast Du einen großartigen Hund, wenn nicht, ein großes Problem.“

Dazu kommt sicherlich das Bild des Schäfers und seinem treuen Hund, draußen in der Natur.

Dass die Arbeit der Schäfer und damit die der Hütehunde alles andere als romantisch ist, dass die Tiere sehr robust und selbstbewusst sein müssen, wird dabei leider häufig vergessen.

Und dass ein Hund, der auch dann noch nachsetzen muss, wenn der Hammel oder die Kuh einen Tritt platzieren konnte, sich nicht unbedingt von einem netten Menschen beeindrucken lässt, müssen viele Halter eines solchen Hundes früher oder später selber erfahren.

Dabei ist schon der Begriff „Hütehund“ irreführend, da das, was die Hunde an der Herde machen, nicht mit „Hüten“ im Sinne von Schützen oder Bewahren zu tun hat. Der Begriff „Herdengebrauchshund“ oder „Working Sheep Dog“ ist hier deutlich passender.

Showlinie vs. Arbeitslinie

Bei vielen Rassen unterscheiden Züchter zwischen Show- und Arbeitslinien. Hiermit ist salopp gemeint, dass die Vorfahren des Hundes gearbeitet haben oder ob die Tiere „auf Schönheit“ gezüchtet wurden. Gerade bei Hütehunden findet sich von Verkäuferseite häufig die Argumentation, dass der Welpe aus einer Showlinie stammt und deshalb für eine Familie besonders gut geeignet ist, da er über keinen so hohen „Hütetrieb“ verfügen würde.

Abgesehen von den Auswirkungen auf die Rassegesundheit, die gegeben sein können, wenn ausschließlich hinsichtlich äußerlicher Merkmale hin selektiert wird, möchte ich doch in Frage stellen, auf welcher Basis eine solche Aussage fußt.

Denn nur weil ein Hund bestimmten Schönheitsidealen entspricht und nie an einer Herde gearbeitet hat, verfügt er doch über das entsprechende genetische Potential dazu.

Die Selektion der Showlinien beschränkt sich auf das Aussehen und nicht auf ein bestimmtes Verhalten. Und so finden sich sehr oft Hunde aus einer „Showlinie“, die trotz ihrer äußerlichen Attribute hervorragende Hütehunde sind und dies auch zeigen – sehr zum Leidwesen ihrer Besitzer.

Auf der Suche nach dem richtigen Hund

Bei den Altdeutschen findet sich derweil keine Unterscheidung hinsichtlich irgendwelcher Linien, auch wenn es mittlerweile Menschen gibt, die eine solche gerne sehen würden.

Hunde, die in Privathand landen, wurden meistens von Schäfern als „untauglich“ ausgemustert oder stammen von Hobbyzüchtern, die auf den einschlägigen Internetportalen Welpen anbieten.

Wenn ein Schäfer einen – älteren – Hund abgibt, weil dieser für die Arbeit nicht geeignet ist, kann dies verschiedene Gründe haben, die der interessierte Hundefreund hinterfragen sollte.

Manchmal finden sich auch bei den Altdeutschen im Wurf Hunde, die sich nicht „schicken“ lassen, am Menschen förmlich kleben oder kaum Interesse an den Schafen zeigen. Ein solcher Hund kann für das Familienleben ein wahrer Glücksfall sein und wird die Nähe zu seinen Menschen genießen, während er für den Schäfer nur eine Belastung darstellt.

Häufiger jedoch werden Hunde abgegeben, weil sie an den Schafen Schaden anrichten oder zum „Wildern in der Herde“ neigen. Ein Hund, der dermaßen überambitioniert an seine Arbeit geht, wird dieses Verhalten auch in die Familie tragen, mit dem Ergebnis, dass Probleme hier vorprogrammiert sind.

Gibt ein Schäfer Welpen ab, so sollte man sich außerdem immer darüber bewusst sein, dass er die wesensstärksten und robustesten Tiere an Schäferkollegen geben wird und der Privatmensch die Welpen zur Auswahl hat, die der Schäfer „aussortiert“ hat.

Des Weiteren sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Aufzucht der Hunde in Schäferhand nicht unbedingt mit der bei einem Züchter vergleichbar ist. Zwingerhaltung ist normal, auch Anbindehaltung findet man häufig vor und wichtiger noch: Die Welpen werden hinsichtlich ihres späteren Verwendungszwecks sozialisiert – und dieser unterscheidet sich meistens deutlich von den Anforderungen, die das Leben in einer Familie mit sich bringt. Bällchenbäder, Familienanschluss, Geräusche-CDs und Spielzeug wird man meist vergeblich suchen.

Eine andere Möglichkeit, einen Altdeutschen Hütehund zu finden, sind wie schon beschrieben die zahlreichen Angebote im Internet.

Insbesondere der Harzer Fuchs und Hunde, die den Merle-Faktor in sich tragen, erfreuen sich großer Beliebtheit und dem entsprechend gibt es viele Hobbyzüchter, die solche Welpen anbieten –meistens mit dem Hinweis, dass es sich hierbei um tolle Hunde für Sportarten wie Agility handelt, und selbstverständlich wird auch betont, dass es sich um eine sehr seltene Rasse handelt.

An dieser Stelle möchte ich nicht näher darauf eingehen, woran man einen seriösen Züchter erkennt, natürlich sollte sich jeder Interessent diesbezüglich vorab informieren und mit offenen Augen und kritischen Fragen zum Welpenbesichtigen fahren. Erstaunlich ist jedenfalls, wie viele vermeintliche Füchse und Tiger für teils horrende Preise im Internet gehandelt werden.

Um sicher zu gehen, dass man auch einen Altdeutschen Hütehund erwirbt, gibt es schließlich die Möglichkeit, sich für einen Hund von einem der AAH (Arbeitseigenschaft zur Zucht Altdeutscher Hütehunde) angeschlossenen Züchter zu entscheiden. Diese Welpen verfügen über Papiere, aus denen ersichtlich wird, wer die Vorfahren waren.

Hunde mit AAH-Papieren erfreuen sich mittlerweile großer Beliebtheit bei Privatleuten, es muss an dieser Stelle jedoch festgehalten werden, dass es viele Schäfer und auch andere Züchter gibt, die „echte“ Altdeutsche auch ohne Papiere züchten. Oder um es mit einer befreundeten Schäferin zu sagen: „Papier hütet keine Schafe.“

Ursachen für Verhaltensprobleme

Wenn man im Internet, in Zeitschriften und Büchern über die Erziehung von Hütehunden recherchiert, findet man immer wieder den Hinweis, dass diese Tiere unbedingt ausgelastet werden müssen, weil sie ansonsten Neurosen, Verhaltensstörungen usw. entwickeln würden.

Dies wird auch von Züchterseite und sogar auf der Internetseite der AAH immer noch weitestgehend undifferenziert verbreitet, so dass viele neue Welpenbesitzer mit dem Wunsch, ihren Hund zu fördern, erst mal ins Zoofachgeschäft gehen, sich mit allerlei Spielzeug eindecken und ihren Hund im nächsten Hundesportverein anmelden.

Vor lauter „Auslastungsanspruch“ bleibt jedoch unerwähnt, dass mit der vermeintlich hohen Notwendigkeit der Beschäftigung auch gewisse Gefahren für den noch jungen Hund verbunden sein können, wenn diese nicht verantwortungsvoll und dem Entwicklungsstand des Hundes entsprechend stattfindet.

Und so haben manche Hunde mit wenigen Lebensmonaten bereits ein Programm wie ein 12-jähriges Mädchen mit überambitionierten Eltern: Montags Ballet, dienstags Geigenunterricht usw.

Dabei spricht an sich überhaupt nichts dagegen, auch den Junghund zu beschäftigen. Ganz im Gegenteil, es ist sogar zu empfehlen, das Tier zu fördern – und zwar in den in Bereichen, in denen es nicht so talentiert ist.

Schnell ist ein Hütehund aufgrund seiner Disposition, aber wie sieht es mit Konzentration aus? Mit Ruhe halten oder feinmotorischen Fähigkeiten?

Ein befreundeter Hundetrainer hat nannte es so: „Wenn Dein Kind gut in Mathe und schlecht in Geschichte ist, dann fängst du ja auch nicht an, mit ihm Mathematik zu üben.“ Ähnlich verhält es sich mit den Hunden.

Es stellt sich also die Frage, welche Beschäftigung für einen solchen Hundetyp geeignet ist.

Es gibt bestimmte Hundetypen, die von ihrer Disposition her dazu neigen, stark auf bestimmte Angebote wie z.B. Bewegungsreize zu reagieren und dann ein übersteigertes Beutefangverhalten bis hin zu einer wahren Sucht mit all ihren körperlichen und geistigen Auswirkungen zu entwickeln.

Hierzu würde ich neben den Hütehunden z.B. auch bestimmte Terrier-Typen zählen.

Die Bedürfnisse des Schäfers, nicht die des Hundes

Voraussetzung für bewegungsintensive Beschäftigung wie z.B. Agility sollte also sein, dass das Tier die nötige Reife hat und in der Lage ist, Bewegungsreizen auch zu widerstehen.

Der Schäfer nimmt seinen Junghund mit an die Herde und bindet ihn am Feldrand an. Während er mit seinen Hunden und den Schafen arbeitet, lernt der junge Hund, Frustration zu ertragen und nicht jedem Reiz hinterherzujagen. Erst, wenn er diese Eigenschaft sicher besitzt, darf er – zunächst angeleint – auch an die Schafe.

Bei der Erziehung und dem Zusammenleben mit ihrem Hund haben jedoch viele Menschen in allererster Linie die Bedürfnisse des Tieres vor Augen.

Verschiebt man den Fokus vom Hund hin zum Hirten und macht sich bewusst, welche Ansprüche der Schäfer an seinem Hund hat, dann kommt man schnell zu dem Schluss, dass dieser einen Helfer benötigt, der in der Lage ist, Ruhe zu halten, auf Kommando jedoch hellwach ist.

Ein Schäfer kann keinen Hund gebrauchen, der durch ständige Bewegung die Schafe am Fressen hindert, jedem Kaninchen hinterherjagen muss oder jeden Wanderer belästigt, der an der Herde vorbeikommt.

Aus diesem Grund wird mit dem jungen Hütehund im ersten Lebensjahr oft konsequent nichts getan, außer dass er dem Hirten und den anderen Hunden bei der Arbeit zusehen darf und gut behandelt wird. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Hund in dieser Zeit nichts lernen würde – ganz im Gegenteil: Der Hund lernt, gelassen auf Außenreize zu reagieren und diese zu differenzieren – eine unendlich wichtige Voraussetzung für einen guten Arbeitshund.

Training mit Gefahrenpotential

Häufig sieht man gerade bei Hundesport-Turnieren völlig aufgedrehte, kläffende Hunde, die deutliche Stressmerkmale wie starkes Hecheln usw. zeigen. Diese Verhaltensweisen werden von den Besitzern dann gerne als „Vorfreude“ interpretiert.

Tatsächlich ist diese Aufgedrehtheit nicht selten das Ergebnis einer viel zu frühen Fixierung auf Bewegungsreize, ohne dass der Hund die notwendige Souveränität und Reife hatte.

So gibt es einige Sachbücher im Bereich Agility, in denen den Haltern empfohlen wird, bereits mit acht Wochen unter Zuhilfenahme von Reizangeln, Bällen und anderen Wurfgegenständen den „Spieltrieb“ der Hunde zu fördern.

Was tatsächlich geschieht, ist das gezielte Training des Beutefangverhaltens – mit dem Ergebnis, dass die Hunde unter Umständen irgendwann auf jede Bewegung reagieren, egal ob vorbeifahrendes Auto, Radfahrer oder rennendes Kind. Häufig mit dramatischen Folgen für die Umwelt oder den Hund.

So ist es nicht erstaunlich, dass ich persönlich keinen Schäfer kenne, der Probleme mit dem Jagdverhalten seiner Hunde hätte, gleichzeitig genau dieses Problem den Großteil der Hütehundehalter in unsere Hundeschule treibt.

Ein Hund, der dergestalt auf Bewegungsreize fokussiert wurde, zeigt im Laufe der Zeit häufig sehr nervöses Verhalten, welches von einer inneren Unruhe und der Unfähigkeit zur Entspannung geprägt ist.

Häufig erleben wir Abgabe-Hunde, die – sobald sie zur Ruhe gefunden haben – völlig erschöpft tagelang durchschlafen.

Stellt man einen solchen Hund vor eine ihm unbekannte Aufgabe, lässt sich nicht selten beobachten, dass er alle ihm bekannten Tricks abspult und schließlich – mangels Erfolg – in hysterisches Kläffen verfällt.

Fatalerweise wird genau dieses unruhige Verhalten wiederrum oft als mangelnde Auslastung interpretiert und der Besitzer bemüht sich, dem Hund noch mehr Beschäftigung zukommen zu lassen.

Ein Teufelskreis, der nicht selten in einer Änderung der chemischen Prozesse im Gehirn und damit zu einer Verhaltensstörung beim Hund führt.

Dem jungen Herdengebrauchshund eine Entwicklung zu ermöglichen, die ihn zu einem ausgeglichenen Begleiter auch für die Familie werden lässt, ist also prinzipiell machbar, wenn man sich bewusst ist, welche grundlegenden Fähigkeiten ein solcher Hund erlernen sollte, BEVOR man in bewegungsintensive Sportarten einsteigt.

Sportgeräte auf vier Beinen?

Leider erleben wir immer wieder, dass bestimmte Menschen weniger auf der Suche nach einem Hund sind, als nach einem Sportgerät, das möglichst schnell spektakuläre Leistungen erbringen soll.

Und wenn bis vor ein paar Jahren der Border Collie das „Gerät der Wahl“ war, so finden sich nun gerade im Agility viele Menschen, die auf den Altdeutschen Hütehund zurückgreifen – sozusagen als „Border Collie für Fortgeschrittene.“ Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass diese Hunde allenthalben als geradezu prädestiniert für diesen Sport beschrieben werden.

Dabei möchte ich gerade hinsichtlich der Altdeutschen hinterfragen, wie sinnvoll ein Hundesport für diese Tiere ist, bei dem sie einem vorgegebenen Parcours absolvieren sollen, wie es beim Agility der Fall ist.

Eine Eigenschaft der Hunde ist schließlich, bei der Arbeit recourcenschonend vorzugehen, kurze Wege zu wählen und pragmatische Lösungen zu finden. Immerhin müssen sie viele Stunden täglich laufen. Ein vorgegebener Parcours, der für den Hund „unlogische“ Umwege enthält, widerspricht dem Wesen der Hunde, die z.B. beim Furche laufen oder beim Zurückholen von Naschern den direkten Weg wählen würden.

Dennoch möchte ich festhalten, dass grundsätzlich nichts dagegen spricht, mit einem Altdeutschen Agility oder andere bewegungsorientierte Sportarten zu betreiben, wenn der Hund die nötige Reife hat und sein Besitzer das notwendige Verantwortungsbewusstsein für seinen Hund.

Hüteseminare

Einen weiteren Trend bei der Beschäftigung von Herdengebrauchshunden im privaten Bereich stellen Hüteseminare dar. Der Gedanke, dass man seinem Hütehund etwas Gutes tut, in dem man ihn mal „Herdenluft“ schnuppern lässt, liegt zunächst auf der Hand. Das Problem ist jedoch, dass diese Hunde eben nicht dauerhaft hüten dürfen, man ihnen also eine tolle Möglichkeit aufzeigt, der sie danach nicht nachkommen dürfen.

Ähnlich wie ein Kind, dem Eltern die schöne Welt des Schlagzeugspiels zeigen, um direkt danach klarzustellen, dass in der hellhörige Mietwohnung kein Schlagzeug willkommen ist.

Das ist nicht nur gemein, es könnte auch dazu führen, dass das Kind – einmal angefixt – eben mit den zur Verfügung stehenden Töpfen seiner neuen Leidenschaft nachgeht. Ärger mit den Nachbarn vorprogrammiert …

Auf den Hund bezogen, kann es passieren, dass der Hund anfängt, statt Schafe dann eben die vorbeilaufende Gruppe Kinder zu hüten, was dann nicht nur für die Kinder unangenehm wird, sondern auch für den Hundehalter.

Abgesehen davon handelt es sich beim Hüten um Bestandteile aus dem Funktionskreis des Jagdverhaltens, so das von den Border Collies nahezu perfektionierte Fixieren aber auch das Treiben und im Falle des Griffs das Packen der „Beute“.

Kein Besitzer eines Dackels käme auf die Idee, seinen Hund zur Beschäftigung mal in einen Fuchsbau zu schicken, nur weil es zum ursprünglichen Aufgabengebiet des Hundes gehört.

Leider finden sich zudem viele unseriöse Anbieter solcher Seminare. Hier sollte man immer einen Blick auf die Schafe werfen und wie sie sich verhalten. Sind sie extrem scheu und machen einen gestressten Eindruck, würde ich immer empfehlen, sich samt Hund ins Auto zu setzen und nach Hause zu fahren.

Apropos Schafe: Die Idee, sich einige Schafe oder auch Laufenten anzuschaffen, damit der Hund diese im Pferch oder im Garten „hüten“ kann, ist übrigens als tierschutzrelevant anzusehen.

Sinnvolle Beschäftigung

Doch welche Beschäftigungsform eignet sich eigentlich für einen Altdeutschen? Und kann man ihn überhaupt körperlich auslasten?

Die Frage nach der körperlichen Auslastung ist schnell beantwortet.

Einen Hund, der wie schon erwähnt über Jahrhunderte dahingehend selektiert wurde, viele Stunden am Tag zu laufen und schließlich trotz körperlicher Erschöpfung noch dabei zu helfen, die Schafe zu pferchen, wird man körperlich nicht auslasten können.

Hierzu müsste der Hund die Möglichkeit haben, 7-8 Stunden täglich zu laufen – ein Pensum, das selbst ambitionierteste Hundesportler ihrem Hund nicht bieten können.

Die Frage sollte daher vielmehr lauten, ob ein Hütehund ein solches Programm tatsächlich benötigt, um ein tiergerechtes Leben führen zu können.

Hier lautet die Antwort „Ja, aber“. Vorausgesetzt, man weiß um das Potential dieser Hunde, verzichtet darauf, dieses zu fördern und legt gerade in den ersten Lebensmonaten Wert darauf, dass sie ein hohes Maß an Ruhe und Frustrationstoleranz erlernen, dann können solche Hütehunde zu souveränen Begleitern im Alltag werden.

Ein bekannter Besitzer dreier Altdeutscher hat mal gesagt: „Ein Altdeutscher Hütehund will Dir bei irgendetwas helfen, bei was, ist ihm egal“.

Dies kann auch das schlichte, aber so wertvolle gemeinsame Spazierengehen sein, der Besuch im Café, der Sozialkontakt mit Artgenossen oder eben auch das Agility-Turnier oder Rettungshundearbeit.

Quo Vadis, Altdeutscher Hütehund

Ähnlich wie viele Border Collies im Zuge ihrer steigenden Popularität Teile ihrer Arbeitseigenschaften verloren haben, finden sich schon heute vermehrt auch Altdeutsche Hütehunde, die nicht mehr die gewünschten Eigenschaften mitbringen, die sie einst für die Schäfer unersetzbar gemacht haben.

Zwar gab es auch schon früher immer wieder Hunde, die für die Hütearbeit ungeeignet waren und so ihren Weg in Privathand gefunden haben, wenn sie nicht getötet wurden.

Gerade in den letzten zwei Jahren lässt sich jedoch beobachten, dass immer mehr Hunde angeboten werden, die den Anforderungen des Schäfers nicht mehr genügen würden. Und so ergibt sich die paradoxe Situation, dass zwar der Bestand der Hunde wieder zunimmt, die Schäfer jedoch mittlerweile Schwierigkeiten haben, geeignete Tiere zu finden, wenn sie nicht gerade selber züchten.

Wann ist ein Hütehund ein Hütehund?

Dazu kommt, dass viele Hunde als „Altdeutsche Hütehunde“ angepriesen werden, die zwar einem Hütehund ähnlich sehen, aber keine oder nur wenige der gewünschten Leistungsmerkmale in sich vereinen. Diese Hunde landen dann wieder bei Hobbyzüchtern und werden verpaart.

Interessanterweise findet man auch auf den einschlägigen Tierschutzseiten im Internet immer mehr „AH-Mixe“, was darauf schließen lässt, dass ein „Markt“ für diese Tiere besteht und einige Tierschutzvereine sich erhoffen, die Vermittlungschance ihrer Schützlinge durch das Prädikat „Altdeutscher Hütehund“ zu erhöhen.

All diese Umstände lassen beinahe vergessen, worum es den Schäfern einmal ging.

Und wenn man sich nochmal vergegenwärtigt, was die Altdeutschen eigentlich ausmacht und darüber nachdenkt, in welche Richtung sich die Zucht und die Haltung der Hunde – außerhalb der Schäfereibetriebe – derzeit entwickeln, neige ich dazu, diesen tollen Hunden zu wünschen, dass sie in Würde und ohne die Tortur menschlichen Ehrgeizes und zu erwartender züchterischer Übertreibung aussterben dürfen.

2 Kommentare
  1. Florian S
    Florian S sagte:

    Danke für diesen Artikel.
    Es ist das gleiche wie bei den Jagdhunden, wo uns bei unserem Beagle schon fast eingeprügelt wird,
    Mantrailing machen zu müssen. Dass sie dabei hochdrehen würde wie sonst was, scheint nur uns zu passieren (wir haben einmal Futterschleppe getestet, der Hund war fix und fertig, aber dabei auch aufgeregt wie sonst was). Daher beschränken wir uns auf einfach Such- und Apportierspiele und üben damit gleichzeitig die Impulskontrolle.

    Antworten
  2. Stefan Esser
    Stefan Esser sagte:

    Ganz großes Kompliment an Sie für diesen absolut hervorragenden, ausgeglichenen Artikel. Und ich bin wirklich von zwei Seiten „einer vom FacH: Seit Jahrzehnten Journalist in großen Verlagen und Autor von 14 Büchern und andererseits seit Jahrzehnten ein absoluter Hundemensch. Habe in den Siebzigern, noch blutjung, einen herrenlosen Schäferhund aus dem Tierheim München genommen, beherzt – niemand kam mit diesem wilden Tier (ein Fundhund) zurecht. Ich erkannte, allein pack‘ ich das nicht – und war dann zwei Jahre Mitglied des Deutschen Schäferhundvereins hier in München. Es war etwas spießig, ABER: Von hunden verstanden die was, auch wenn man manches heute anders macht. Ich hatte dann einige Hunde in meinem Leben und habe nun, mit 70, seit einem knappen Jahr wieder einen Hütehund: Früher einen Briard, jetzt eine Hündin, Mix Briard-Altdeutsche Gelbbacke. In den Parks hier in München staunten alle, wie schnell alles lief, dass diese Hündin zwei Tage, nachdem ich sie hatte ohne Leine lief, obwohl sie ihr erstes halbes Lebensjahr bei leider hundeunfähigen Leuten ausschließlich an der Leine war. Ich sage den Menschen immer wieder, weder Lekkerlibombardierungen noch Krawallo-Befehle bringen es sondern nur ein Hineinfühlen in diese extrem wunderbaren Wesen, also ganz einfach Liebe mit klarer Führung – voller Empathie, aber mit im Rudelsinne stringenter Klarheit. In den Parks hier sta7unen alle, dass ich keine Lekkerlies einsetze… Danke nochmals für Ihren superklugen Artikler und liebe Grüße aus München, Stefan Esser

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