selbstschuss

Es ist Frühling, auch wenn man es bei angenehmen -3 Grad ° nicht wirklich glauben sollte. Willkommen in der Jahreszeit, in der ich pünktlich zur Uhrzeitumstellung vom Winterschlaf in eine deftige Frühjahrsmüdigkeit falle. Ausgerechnet, denn mit Frühjahrsbeginn ist eigentlich erhöhte Wachsamkeit hier auf’m Berg angesagt. Denn während ich mich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten kann, erwacht rund um meinen „Hütehundejagennich“-Hütehunden und mir die pralle Natur.

Ganze Herrscharen an Kitzen, Frischlingen und sonstigen frischgeborenen Getier verwandeln jeden entspannten Spaziergang in ein psychologisches Intermezzo zwischen mir und meinen Lieblingsrüden. Ein scharfer Blick, gepaart mit einer Körperhaltung, die Türsteher an den Tag legen, um so richtig zu beeindrucken – das Ganze aber in Bewegung. So imponierlaufe ich durch die Gegend, während Tacker mich mit diesem Grinsen anschaut, welches mir ganz klar signalisiert: Warte nur, meine Zeit wird kommen!

Das schöne am Landleben ist ja bekanntlich die Ruhe und die Nähe zur Natur. Das Schlimme am Landleben mit einem Hütehund ist die Ruhe vor dem Sturm und das die Natur, und damit alles jag- bwz. hütebare, so verdammt nah ist.

Aber die Kontrolle des Jagdverhaltens kann man ja üben. Kein Problem, der Trick ist bereits beim Appetenzverhalten, wie es in Verhaltensbiologendeutsch heisst, anzusetzen und nicht erst, wenn Waldi bereits am Horizont verschwindet. Das minimale Problem dabei ist, dass wir quasi von Lebendfutter umzingelt sind. Die Streunerkatzen haben schnell rausgefunden, dass es in unserer Mülltonne immer etwas verwertbares zu finden gibt. Das enttäuschende an Hundefutter, so denkt sich der Streunerkater von Welt, es schmeckt garnicht nach Hund!

Dann gibt es noch Füchse, die meine Nachbarn in den Wahnsinn treiben, weil sie einzelne Schuhe von der Tür wegklauen und ein überaus dreistes Eichhörnchen, welches meinen Hunden in bester „Need for Speed“-Manier klar macht, dass es ersten schneller auf dem Baum ist, als die Hunde es kriegen können und zweitens den Beweis antritt, dass das mit der Schlauheit von Hütehunden nicht für für alle gilt.

Achja, und direkt vorm Haus befindet sich die Wildschwein-KiTa der Gemeinde, in der der Nachwuchs das Umgraben der Wiese, grunzen und das Umgraben der Wiese sowie Grunzen lernt – jede verdammte einzelne Nacht.

Nun sind Wildschweine nicht Ohne. Sie sind Allesfresser und eine Bache, die zum Schutze ihrer Frischlinge einen Kampf mit einem Hund aufnimmt, lässt diesem kaum eine Chance, wenn der nicht gerade ein jagdlich geführter Parson Russel Terrier ist. Der Nullachtfünfzehn-Familienhund, der einer Rotte hinterhermacht, wird häufig nicht wiedergefunden. In dieser Beziehung sind Wildschweine nämlich sehr nachhaltig, der unglückliche Jäger wird komplett verwertet.

Also, sollte der hundeliebe Mensch besser aufpassen, dass er Keiler und Co. gerade zu dieser Jahreszeit besser nicht begegnet. Wildschweine haben einen besonderen Eigengeruch, sie riechen streng nach Maggi, sagt man. Sobald man also diese feine Note in der Nase hat, heisst es den geordneten Rückzug anzutreten. Am Arsch die Räuber. Unsere Wildschweine haben das ganze Tal in diesen herben Geruch gelegt. Es riecht überall nach Sau!

Naja, dafür sollen die Tierchen im Normalfall sehr scheu sein. Eine Behauptung, die ich nicht bestätigen kann. Letztes Jahr fuhr ich einmal mit dem Auto den geteerten Feldweg zu unserem Haus hoch, als sich gerade eine Bache samt Nachwuchs auf der Straße die gewerkschaftlich zugesicherte 5-Minuten-Pause gönnte. So trat ich auf die Bremse, saß ich hinterm Steuer und überlegte, was zu tun ist. Einmal auf die Hupe, einmal Auflbendlicht und – die Sau gönnte mir einen Blick maximalen Unverständnisses und schnorchelte in Ruhe weiter nach wasauchimmer. Nach einiger Zeit liess sie sich dann aber doch herab, meinem Wunsch nach Weiterfahrt zu entsprechen, pfiff ihren Nachwuchs ran und ging gaaaaaaanz in Ruhe weiter.

Überhaupt, man geht friedlich mit dem Geruch von Maggi in der Nase seinen Hund ausführen, wie es so schön heisst. Einmal im Wald um die Kurve, da stehen sie schon, gucken einen schweinisch an und grunzen einem förmlich zu: „Sackgasse“. Hier gehts nicht weiter. Na toll, ich wollte eh grad umdrehen.

Irgendwer hat mal erzählt, man könnte Wildschweine mit einer Trillerpfeife verscheuchen. Stimmt nicht, ich hatte eher den Eindruck, dass sie anfangen, rhythmisch zu meinem Gepfeife zu wippen. Aber Gangnam-Style!

Nun gut, in diesem Umfeld gehe ich also mit meinen Hunden spazieren und wir üben Nichtjagen:

Von mir aus 20 Meter vor mir, von mir aus auch 30 Meter hinter mir, aber wag es und geh nur einen Meter in den Wald! Das ist die Maxime, Rehe haben auch ein Recht auf Ruhe, basta! Und ausserdem: Safety first!

Denn zu den natürlichen Feinden des expandierenden Hundes gehören schliesslich nicht nur Wildschweine, sondern insbesondere auch Jagdausübungsberechtigte. Seitdem wir mal den Hund des hiesigen Jagdaufsehers mit scharfgeschaltetem Teletakt um den Hals beim Rehekillen erwischt haben, kann man das Verhältnis zwischen uns als entspannt bezeichnen. Man grüßt sich freundlich und die Waidmannschaft hat plötzlich sehr viel Verständnis für uns!

Und wir für sie. Bei soviel Freundlichkeit. Was mich jedoch stutzig macht, ist die Tatsache, dass unser Revierjäger in der letzten Saison nicht ein Wildschwein geschossen hat. Nicht eines! Das ist ein Wildschwein weniger als mein Nachbar im Kühlergrill seines Autos hängen hatte. Vielleicht sollte er einfach mal mit Gassigehen.

3 Kommentare
  1. Corinna
    Corinna sagte:

    Prust! Danke, Normen, ich fühle mit Dir!
    Unsere Wildschweindichte ist GsD noch gering, aber ich mogel‘ mich täglich durch Gruppen von suizidgefährdeten Hasen und total verblödeten Rehen….Gehorsam am Wild ist ein tolles Trainingsmotto *würg*

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  2. Silke
    Silke sagte:

    Danke für die schöne Beschreibung des Hütehundes. Wir laufen auch so rum. Und das mit einem waschechten Pastor Vasco aus dem Baskenland. Macht viel Spaß. Prust

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  3. karla frei
    karla frei sagte:

    :) … hihi …. bei uns lassen es dieses jahr besonders die hasen krachen – die kennen gar nix mehr, rennen uns schnurstraks auf dem einzigen feldweg weit und breit entgegen und biegen keine 5 meter vor den hunden ab. mehrfach ! ich will es mal so sagen: das ist nicht besonders schonend für meine stimmbänder und die türsteher-gassi-haltung sagt mir auch was …

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