Dieser Text ist von den großartigen „Eure Mütter“ inspiriert:

Neulich klingelte mein iDings und eine nette Frau war am anderen Ende der Leitung. Sie hatte meine Telefonnummer von einer Bekannten und wollte meine Meinung zum Thema „Gründung eines Tierschutzvereins“ hören.

Was ich sagte …

„Mensch, das ist doch eine tolle Idee. Nicht nur, dass Ihr Eure Schützlinge von der Hundesteuer befreien könnt, nein, Ihr könnt – sobald Ihr als gemeinnützig anerkannt seid – auch Zuwendungsbescheinigungen ausstellen. Vielleicht finden sich ja ein paar Spender, die Euch unterstützen. Und außerdem ist es natürlich wesentlich seriöser, als richtiger Verein Tiere zu vermitteln, Du weisst ja, als Privatperson wirst Du wie ein gewerblicher Hundehändler behandelt.“

… und was ich dachte.

„Um Gottes willen, tu es bloss nicht. Die Idee ist ja an sich gut, aber:

In dem Moment, in dem Deine Internetseite online ist, wirst Du mit Hilferuf-E-Mails überflutet. Wenn Du die alle liest, wirst du wahnsinnig und wenn Du sie löscht, halten dich alle für herzlos. Und wenn Du darum bittest, aus diesen Verteilern rausgenommen zu werden, wird das ignoriert.

Bekommst Du keine Mails, dann wird deine Chronik auf Facebook damit zugepflastert. Gehst Du darauf ein, werden es mehr, gehst Du nicht drauf ein, dann werden es auch mehr. Wenn Du alles löscht, sind sie im Nu wieder da.

Achja, Facebook, da war ja was … Postest Du da was, dann wird jedes Wort seziert werden wie ein Frosch im Biounterricht. Postest Du jedoch nichts, dann hast du garantiert was zu verbergen.

Startest Du einen Spendenaufruf, bist Du garantiert pleite und kurz vor der Privatinsolvenz, bittest Du nicht um Spenden, dann bist du garantiert stinkreich und man kann DICH um Spenden bitten.

Es fängt schon damit an, was Du eigentlich vorhast. Kümmerst Du dich um alle Tiere, dann ist das halbseiden, kümmerst Du dich nur um Hunde, dann bist Du ein Rassist.

Und wo wir bei den Hunden sind. Kümmerst Du dich um Hunde aus dem Ausland, sind unsere Tierheime überfüllt und kümmerst Du dich um Hunde aus Deutschland, dann ist Tierschutz grenzenlos.

Kümmerst Du dich um Hunde aus Deutschland UND aus dem Ausland, dann sind unsere Tierheime überfüllt UND Tierschutz ist grenzenlos.

Egal, was Du tust, es wird falsch sein.

Nimmst Du einen aggressiven Beißer auf, werden sie sagen, dass das vergebene Liebsmüh ist und Du lieber einem netten Hund eine Chance geben solltest. Lehnst Du die Aufnahme ab, dann bist Du ein herzloser Kuscheltierschützer, der nur zu feige ist, sich auch mal einem Problem anzunehmen.

Arbeitest Du dann mit dem Hund über Abbruchsignale, bist du ein brutaler Tierquäler, arbeitest Du mit dem Hund positiv bestärkend, dann bist du ein huschiger Wattebäuschenwerfer.

Kriegst Du den Hund hin, hätten andere das schneller, besser, sanfter und toller geschafft. Kriegst du das Problem nicht in den Griff, dann bist Du unfähig und jeder andere hätte es hinbekommen.

Vermittelst Du einen Hund, sind die Adoptanten ungeeignet und ein Unglück vorprogrammiert. Vermittelst Du den Hund nicht, dann bist Du ein Animal Horder.

Achja, die Vermittlungen: Vermittelst Du viele Hunde, dann bist du ein Vermehrer, vermittelst Du wenige Hunde, dann kümmerst Du dich nicht um die armen Notfelle …

Machst Du Vorkontrollen, bist du pedantisch, machst Du Nachkontrollen, bist du fahrlässig und machst Du keine Kontrollen, dann sind Dir die armen Tiere egal. Die sogenannten Schutzgebühren sind zu hoch, weil man dafür ja schon einen Welpen kriegt. Oder zu niedrig, weil das ja niemals seriös sein kann.

Diskussionen, die schon im Alltag nervig sind, erhalten durch den emotionalen Aspekt, nämlich dass es arme Fellnasen sind, eine noch nervigere Dimension.

Trägt der Hund ein Halsband, bekommt er’s mit der Wirbelsäule. Trägt er ein Geschirr, bekommt er’s mit dem Rücken.

Wenn Du barfst, kriegen sie Mängelerscheinungen, fütterst Du Trockenfutter, dann ist das der letzte Dreck, den man keinem Tier zumuten kann.

Ist der Hund schlank, dann verhungert er, weil Du ihn garantiert vernachlässigst. Ist er mopsig, hat er zu wenig Bewegung, weil Du ihn  garantiert vernächlässigst.

Ist ein Hund unruhig, dann unterfordert, ist er entspannt, dann hat er Langeweile.

Fragst du irgendwen um Rat, dann bist du zu blöd. Fragst Du nicht, dann bist Du arrogant.

Diskutierst Du in Foren mit, dann hast du ja sonstnichts zu tun, hältst du dich da raus, dann werden sie über dich diskutieren.

Hältst Du die Hunde in der Gruppe, kommt das Individuum garantiert zu kurz, hältst Du sie einzeln, kommen sie erst recht alle zu kurz.

Baust Du eine Zwingeranlage, ist die Haltung nicht artgerecht, hältst du die Hunde im Haus, dann bist du bekloppt.

Wenn Du mich fragst, lass es bleiben. Ehe Du es Dich versiehst bist du von Wahnsinnigen umgeben. Scheiss auf die Hundesteuer und die Spenden! Und als Verein musst du genauso Umsatzsteuer für die Vermittlungsgebühr geltend machen wie jeder Händler auch.

Such Dir einen Nebenjob am Nachtschalter einer Tankstelle neben einer Großraumdiskothek. Du wirst mehr Streitkultur finden als in den meisten Tierschutzforen und obendrein vermutlich mehr Geld einnehmen.

Wenn Du etwas gutes tun willst, dann geh in ein Altenheim und spiel mit ein paar Omas Menschärgeredichnicht. Oder hilf jemanden über die Straße. Und wenn Du was für Tiere tun willst, geh zu Ute und mach Dich nützlich …“

Nun, das war das, was ich dachte – aber nicht sagte. Und dann bekam ich eine E-Mail mit der Einladung zur Mitgliederversammlung zur Gründung des Vereins.

Was soll ich sagen? Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg, liebe Kollegen!

7 Kommentare
  1. Katharina Liechti
    Katharina Liechti sagte:

    Au weia… super (be) geschrieben, köstlich zu lesen, humorvoll… Wenn’s nur nicht sooo wahr wär,dann könnte ich jetzt zwei “ lachende Augen“ haben !!! Aber eben , das Leben (Vereinsleben) ist manchmal hart,manchmal herrlich,manchmal zwischendurch aber immer menschlich!!! (Wo’s Menschen gibt, da menschelt’s!!!)

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  2. Rike
    Rike sagte:

    Hach, wie ermutigend. Das man im deutschen Hundewesen mitunter ein dickes Fell braucht, hab ich in den Vereinen schon gemerkt. Da kann ich schon mal üben, für den Tierschutz, da wollt ich ja auch mal mitmachen.

    Ansonsten: es gibt so viel schützenswertes, warum denn immer nur Tiere. Guckst du hier:
    https://www.youtube.com/watch?v=evIhyiEv7Rw

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  3. Harald Grün
    Harald Grün sagte:

    Endlich mal jemand, der es sagt, wie es ist. Die allermeisten wissen ja leider nicht, was alles bei solch einer Aktion dahinter steckt.

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  4. Yvonne
    Yvonne sagte:

    Danke Normen, das hat gut getan. Habe herzlich gelacht und fühle ich mich jetzt nicht mehr so alleine beim hin und her gerissen sein zwischen Spaß, Freude, Wahnsinn, Irrsinn, Übelkeit, Verzweiflung oder einfach nur Gott kotzt mich diese ganze Hunde-Tierschutz-Trainer-Wissenschafts-Philosophien-Kacke an!

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