Da war die Geschichte mit Herrn Piefke.

Herr Piefke war das, was man einen Macher nennt. Ein gutbezahlter Job in irgendeinem Betonsilo in einer Bankenmetropole, eine nicht hässliche aber dafür umso langweiligere Frau, zwei nichtssagende Kinder und zweimal Urlaub im Jahr. Irgendwann wurde Piefke klar, dass das Leben im großzügig geschnittenenen Loft nicht alles sein konnte. Er hatte ein „Landleben“-Abo und er träumte davon, idyllisch in einem kleinen Dörfchen inmitten der Natur zu leben.

Abends ausschalten und entspannen, Entschleunigung sollte das Motto lauten. Das Leben war schliesslich hart genug. Das hatte er sich verdient.

Eines Tages sollte sein Traum in Erfüllung gehen. Ein Haus am Waldrand mit einem großen Grundstück, auf dem seine Frau so sehr mit Gartenarbeit beschäftigt wäre, um ihn abends nicht mehr zu nerven. Und so zog Piefke mit Kind und Kegel aufs Land.

Die anfängliche Euphorie wich jedoch relativ schnell der Erkenntnis, dass das Landleben so seine Tücken hat. Zunächst in Form von „massiver Geruchsbelästigung“, wie Piefke es nannte, als er vor dem örtlichen Schiedsgericht aussagte. Denn unmittelbar gegenüber von Piefkes Landleben-Traum hatte es der ansässige Landwirt eines Tages tatsächlich gewagt, das Feld zu düngen. Für Piefke, der seine Abende liebend gerne auf seiner Dachterrasse, Typ Slåmø aus echtem Tropenholz von garantiert aussterbenden Bäumen verbrachte, eine Zumutung. So musste er tatsächlich zwei Abende mit seiner Familie verbringen, weil der Gestank – wie er es empfand – nicht auszuhalten war.

Doch nicht nur, dass der Bauer es wagte, sein Land zu bestellen, auch der Hahn, der Piefke jeden morgen aus den schönsten Träumen rieß, entwickelte sich schnell zu einem Ärgernis. „Da muss man mal was tun“ dachte sich Piefke, griff zum Telefon und rief seinen Anwalt an. Da Hähne aber nunmal krähen und Geruchsbelästigung durch Gülle eine ortsübliche Belastung auf dem Land darstellt, musste die große Klage zunächst ausfallen.

Stattdessen traf Piefke beim Schiedsgericht auf einen Landwirt, der ihm während des Schlichtungsverfahrens zunächst virtuell und später vor der Tür auch physikalisch den Stinkefinger zeigte.

Doch nicht nur der güllefahrende und hühnerhaltene Landwirt war Piefke ein Dorn im Auge. Auch die Familie, die das alte Haus einige Meter weiter bewohnte gefiel ihm garnicht.

Die Familie hatte zwei Kinder, die in der Mittagszeit einfach so spielten, ohne Rücksicht auf ihn und seine wohlverdiente Ruhe zu nehmen. Außerdem hatten diese Leute einen Hund. Ach was, das war kein Hund, das war ein Kalb. Und laut war er auch noch.

Zu diesem Zeitpunkt war Paul etwa acht Jahre alt und liebte es, mittags in der Sonne zu dösen und zu schnarchen. Sabine kümmerte sich darum, dass die Kinder die Hausaufgaben machten und da geschah es. Ein Spaziergänger lief am etwas verwitterten Jägerzaun des Grundstücks vorbei. Paul nahm den Fremden wahr, richtete sich auf und begleitete den sichtlich beeindruckten Wanderer mit lautem Gebell die fünfzehn Meter entlang des Zaunes bis zur Grundstücksgrenze.

Paul schnaufte einmal, warf dem Passanten noch einen verächtlichen Blick nach und legte sich wieder zufrieden hin.

Nun muss man festhalten, dass dies das normale Verhalten von Paul war, wenn jemand das Grundstück entlang ging. Allerdings muss man auch festhalten, dass das eher selten passierte. Vielleicht ein- bis zweimal am Tag, meistens wenn der Postbote kam. Und der hatte diverse Tricks auf Lager, wie man der Konfrontation mit Paul entging.

Doch an diesem Tag, es muss ein Freitag gewesen sein, hatte sich Herr Piefke freigenommen. Und dieser blöde Köter war im Begriff, ihm sein langes Wochenende zu zerstören. Also legte Herr Piefke seinen nachbarschaftlich-freundlichen Gesichtsausdruck auf und wollte Sabine zur Rede stellen.

Mit festem Schritt ging er zum Gartentor, öffnete es und wollte gerade „Hallo“ rufen, als er wie von einem Boxer getroffen zu Boden ging.

Piefke konnte mit Hunden noch nie etwas anfangen und als er die Augen öffnete und Paul ihm 42 Gründe entgegenstreckte, warum es besser wäre sich nicht zu bewegen, änderte sich daran auch nichts mehr.

Sabine eilte heran und befreite den sichtlich erbosten Nachbarn aus den Klauen ihres Hundes und holte sich eine Ansage ab, mit der sie sich die Haare fönen konnte.

„Naja, ganz unrecht hatte er ja nicht“, sagte sie abends zu Michael. „Wenn Paul loslegt, ist es schon laut, ich werde etwas mehr drauf achten müssen.“

Michael konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Er hatte Piefke erst einmal kennengelernt. Michael hatte an dem Morgen etwas vergessen und kurz am Feldrand geparkt, als Piefke versuchte mit seinem Auto der gehobenen Mittelklasse an ihm vorbeizukommen. Besonders gut Autofahren konnte Piefke augenscheinlich nicht, denn obwohl mehr als ausreichend Platz da war, musste er umständlich hin und her manövrieren und warf Michael dabei finstere Blicke zu.

In der nächsten Zeit achtete Sabine verstärkt darauf, dass Paul nicht mehr bellte, wenn jemand am Haus vorbeikam.

Doch hatte sie vergessen, ebenfalls darauf zu achten, das Paul nicht fiept, schnarcht, atmet oder – ganz schlimm – gar an die Büsche pinkelt.

„Das riecht ja schon ein bisschen streng.“ zischte Piefkes Frau, die so langweilig war, dass Sabine sich ihren Namen einfach nicht merken konnte. Dabei streckte sie sich so, dass sie gerade über den Zaun gucken konnte und zeigte hysterisch mit dem Finger auf einen Busch. „Da hat der doch bestimmt hingepinkelt.“

Sabine seufzte aus. „Ja, das kann schon sein.“

Ein anderes Mal beschwerte sich Piefke bitterlich, dass Paul gefiept hätte. Michael war in der Küche und hatte davon nichts mitbekommen. Und er konnte sich auch nur schwerlich vorstellen, dass die Nachbarn in 30 Metern Entfernung etwas gehört hätten.

„Ich versuche mich, auf meiner Terasse zu entspannen.“ keifte Piefke und Michael dachte bei sich „Wie wär’s, wenn Du dich auf deiner Terasse erhängst“. Aber das behielt er für sich. Der Mann hatte Anstand.

Den Gipfel der nachbarschaftlichen Unzufriedenheit markierte ein Hundehaufen. Nein, der stammte nicht von Paul. Aber er hätte von Paul stammen KÖNNEN.

Abends saßen Michael und Sabine noch im Bett und schauten einen Film. Plötzlich und durchaus ernsthaft drehte sich Michael zu Sabine und fragte: „Kennst du einen Auftragskiller?“. Sabine erwiderte frustriert „Habe ich auch schon überlegt, leider nein.“

Das Leben mit einem Nachbarn wie Piefke ist sehr anstrengend und die alte Weisheit „Es kann der frömmste nicht in Frieden leben …“ bekommt eine neue, nervige Bedeutung. Doch, so viel sei verraten, auch Piefkes haben ihre Leichen im Keller. Und auch wenn es Zufall war, irgendwann wurden auch Michael und Sabine fündig …

(Fortsetzung folgt)

Hier gehts zu Paul.

3 Kommentare
  1. Corinna
    Corinna sagte:

    Ich hab‘ da auch so eine Frau Piefke nebenan…hat ’n selbst einen markierenden Mopsrüden..und fragt mich ernsthaft, ob ich die Hundehaufen in meinem 30 qm-Garten liegen lassen würde…AHHHHHHHHHH!

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  2. Rike
    Rike sagte:

    Meiner ist auch ein meldender Vollidiot, der sich dann wenigstens 1-2x am Tag so richtig aufblasen kann und irgendwelchen imaginären Einbrechern zeigt, was für ein Prachtexemplar von Riesenfluffi er doch ist. Aber glücklicherweise haben die Nachbarn ihre Hunde noch weniger im Griff und ich kann bei jeder Beschwerde wunderbar in alle möglichen Richtungen mit dem Finger zeigen und mich beschweren!
    Außerdem soll das Marshmallow-Hirn ruhig mal akustisch zeigen, wo der Hammer hängt. Traut sich wenigstens keiner mehr in den Garten. Und ja, da laufen gern mal Menschen durch, die wir noch nie gesehen haben.

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