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Auf die Fresse gibt’s umsonst!

Fußtritte und Fußstöße sind ungeeignete, abzulehnenden Strafmaßnahmen. Zu unseren Füßen sucht unser Hund gelegentlich Schutz. Sie müssen ihm so vertraut sein wie unsere Hände. (…) Zu bedenken ist außerdem, dass durch den Tritt eines schweren Schuhs oder eines Stiefels ein Hund verletzt werden kann.“ Manfred Koch-Kosteritz, 1973

Es ist schon lange nicht mehr vorgekommen, dass ich so lange über einen Text gegrübelt habe, wie in den letzten Tagen.

Der Hintergrund ist, dass sich die gesamte Hundewelt seit ein paar Wochen völlig überrascht und empört darüber zeigt, dass ein Typ, der im Internet erzählt, dass man Hunden „aufs Maul hauen muss“ (oder so ähnlich), das tatsächlich auch tut. Gefühlt 90% der Social Media-Accounts stürzen sich auf das Thema, reposten diverse Gruselvideos auf Instagram, insistieren, wie grausam das alles ist – nur um im nächsten Moment noch einen Screenshot hinterher zu posten. So verschafft man ordentlich Reichweite.

Das Gesetz des Shitstorms: In 3-4 Monaten ist die Geschichte vergessen. Was im Gedächtnis bleibt, ist der Name und dass er was mit Hunden zu tun hat. Als ein Kollege vor vielen Jahren mal einen heftigen Shitstorm abbekommen hat, schilderte er später, dass er nie zuvor so viele Anfragen für seine Angebote erhalten hatte wie in dem Jahr.

Daher bin ich mir der kognitiven Dissonanz durchaus bewusst, wenn ich was zu dem Thema schreibe.

An der allgemeinen Erregung möchte ich mich nicht beteiligen, der Grund, dass ich das hier schreibe ist ein anderer.

Nämlich, dass es allen Ernstes Leute gibt, die das für so etwas wie Hundetraining halten, was da online zu finden ist – und versuchen, dass irgendwie lerntheoretisch schön zu reden und zu erklären.

In der (virtuellen) Hundewelt stehen sich ja bekanntlich zwei Lager (v)erbittert gegenüber: Die „Grünschleifen“ auf der einen und die „Aversivler“ auf der anderen Seite.

Wenn es darum geht, dem Hund etwas beizubringen, erreicht man mit positiver Belohnung am schnellsten und elegantesten sein Ziel. Gleichzeitig stösst ein ausschliesslich auf positiver Belohnung beruhendes Hundetraining in dem Moment an seine Grenzen, in dem sich der Hund unter Abwägung von Prioritäten gegen das Angebot des Menschen entscheidet.

By the Way, positiv verstärkendes Hundetraining ist in keiner Weise straffrei. Das Ignorieren eines sozialen Lebewesens ist ebenfalls eine Strafe, für viele Hunde die Höchststrafe.

Stock oder Peitsche lehnen wir als Erziehungsmittel ab. Seit dem wir wissen, wie feinfühlig und wie leicht lenkbar ein Hund ist, sind diese barbarischen Mittel überholt. Der ‚verschlagene‘ Hund, meist mißtrauisch und argwöhnisch geworden, ist nicht mehr Freund des Menschen, sondern nur ein peinliches Zerrbild. Manfred Koch-Kosteritz, 1973

Die Idee, man könnte einen Hund ausschließlich über Strafe erziehen, ist derweil unseriös.

Wie soll der Hund denn das vielbeschworene Alternativverhalten erlernen, wenn ich das gewünschte Verhalten nicht belohne? Training muss doch so aufgebaut werden, dass der Hund die Chance hat, etwas richtig zu machen.

Ziel einer Verhaltensunterbrechung ist, dass sich der Hund – unter der erwähnten Abwägung von Prioritäten – gegen seine intrinsische Motivation entscheidet und für ein erwünschtes Verhalten, welches ich ihm vorher – mit Belohnung – beigebracht habe. Der Hund muss also lernen, welches Verhalten unerwünscht ist, gleichzeitig muss er das erwünschte Verhalten kennen, um es zeigen zu können.

Ihr glaubt nicht, wie viele Leute ihre Hunde dafür bestrafen, dass sie an der Leine zerren, ohne ihnen jemals Leinenführigkeit beigebracht zu haben.

Also z.B. nicht an der Leine pöbeln, sondern gesittet dran vorbeigehen. Das gesittete gehen wiederum muss man vorher gelernt haben. Gut gemacht, feiner Hund!

Über Vorgehensweisen kann man streiten, es gibt immer die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Dem Hund „auf“s Maul hauen“ ist derweil keine diskutable Vorgehensweise:

  • Ein Hund, der Aversionsverhalten zeigt, lernt keine Verhaltensänderung, sondern weicht dem Menschen aus, der ihn bestrafen könnte. Sobald sich der Hund außerhalb des Einflussbereichs des Strafenden befindet, zeigt er das unerwünschte Verhalten wieder.
    Ein Beispiel: Eine Kundin war mit ihrem Hund in einer Hundeschule, weil er Themen mit dem zweiten im Haushalt lebenden Hund aufgemacht hat. Das Ergebnis des Trainings war, dass die Hündin den anderen Hund in ihrer Anwesenheit nicht mehr attackierte. Dazu kam es dann, als irgendwann mal eine Tür nicht richtig verschlossen war.
  • Hunde gewöhnen sich schnell an körperliche Strafen, das nennt sich dann „Depressionseffekt“. Man denke an „harthalsige“ Hunde, die sich mangels Leinenführigkeit und immer neuer Hilfsmittel irgendwann an jede Einwirkung gewöhnt haben.
  • Bei starkem Stress ist die Lernfähigkeit herabgesetzt. Wenn wir uns massiv bedroht fühlen, wird das autonome Nervensystem aktiviert, welches für intellektuelle Vorgänge nicht erreichbar ist. Hier empfehle ich das Hirnmodell von Andreas Krüger, der das schön kindgerecht aufbereitet hat. Gerade bei Schmerzeinwirkung haben wir einen stark erhöhten Adrenalin/Noadrenalinspiegel. Alle, denen in einer Prüfungssituation schonmal ihr Name nicht mehr eingefallen ist, haben am eigenen Leibe erlebt, was eine Denkblockade ist.
  • Des Weiteren darf bezweifelt werden, dass ein Hund, der „gerade auf’s Maul“ bekommt, sich also in einer starken Belastungssituation befindet, wirklich lernen kann, was von ihm verlangt wird. Siehe z.B. Martin Seligmann und seine erlernte Hilflosigkeit oder Pawlow mit der experimentellen Neurose.

Den Begriff der „strafbedingten Aggression“  konnte man früher mal in Hundebüchern finden. Gemeint war damit ein Hund, der in Erwartung einer Bestrafung einen Menschen attackiert, um selbige zu verhindern. Oft sind solche Hunde generell freundlich bis distanzlos. Sobald sie aber die Idee bekommen, dass Ungemach droht, verlieren sie sich völlig und attackieren hysterisch und völlig inadäquat den Menschen.

Hunde generalisieren unsere Handlungen sehr schnell. Und wenn eine erhobene Hand, eine bestimmte Körperhaltung oder der Griff zu einem Objekt ungünstig verknüpft werden, kann das dazu führen, dass dem Hund die Nerven durchgehen. In der Arbeit mit solchen Hunden führt das zu von aussen absurd anmutenden Situationen, z.B. wenn man den Hund fürs Drohen belohnt, weil er diese Strategie endlich wieder zeigt. Feine Maus!

Wie Hunde auf unsere Handlungen reagieren, lässt sich mit Konditionierungsmechanismen nicht erklären. Das wussten auch schon die Behavioristen, auf deren Lerntheorie sich Hundetraining auch 100 Jahre später noch bezieht. Einer der Hauptkritikpunkte am Behaviorismus ist das sogenannte Blackbox-Modell – Verhalten wurde auf beobachtbare Reize und Reaktionen reduziert, psychische und physiologische Vorgänge fanden in den Lernexperimenten keine Berücksichtigung.

Jean Piaget gilt als einer der Begründer der kontruktivististischen Lerntheorie. Bereits ab den 1930er Jahren hatten sich Forschende mit dem beschäftigt, was in der Blackbox vorgeht, weil schnell offensichtlich wurde, dass die Reaktionen der Versuchstiere nicht in jedem Fall zum dargebotenen Reiz passten.

Die Theorie des Kostruktivismus besagt, dass wir uns unsere Lebensrealität anhand unserer Lernerfahrungen, Wertvorstellungen und unserer Sozialisation konstruieren und anhand dieser Lebenswirklichkeiten entsprechend lernen.

Klingt komplex, lässt sich aber anhand eines simplen Beispiels verdeutlichen:

Gendern :-)

Alle, die diesen Begriff lesen, haben eine individuelle Idee dazu. Für die einen beschreibt der Begriff den Untergang des Abendlandes, für die anderen gehört dieser Begriff zum Alltag. Wie wir dazu stehen ist abhängig von unseren Erfahrungen, unserem Lebensumfeld, unseren Moralvorstellungen undsoweiterundsofort.

Genauso verhält es sich mit der Reaktion unserer Hunde auf unsere Handlungen. Ob und wie eine Handlung wirkt, hängt damit zusammen, welche Vorerfahrungen. der Hund in seinem Leben gemacht hat. Das betrifft unser Zusammenleben, vorheriges Hundetraining, aber auch Faktoren wie die Aufzucht oder – der neueste heiße Scheiss in der Hundewelt – epigentische Faktoren.

Das erklärt auch den Trainereffekt. Wenn ein Hundetrainer seinen Kunden den Hund aus der Hand nimmt und zeigt, wie toll das doch klappt, liegt das in der Regel daran, dass all die sozialen Bezüge und Vorerfahrungen im Zusammenleben fehlen.

Ich habe es schon tausendmal woanders geschrieben: Niemand kauft sich einen Hund, um ihn zu bestrafen. Die ersten Lebensmonate von Hunden drehen sich zumeist um Stubenreinheit, Welpengruppe, Leinenführigkeit und Abruf, die in aller Regel „positiv“ aufgebaut werden Erst, wenn Hunde älter und damit „explorativ“ werden, ergeben sich Probleme, die das oben beschriebene „positiv verstärkende“ Hundetraining an seine Grenzen bringen.

Wenn Hunde dann erstmalig mit einer unterbrechenden Maßnahme konfrontiert werden und sich beeindruckt zeigen, heisst es dann ganz oft: „Siehst, der braucht nur mal eine Grenze.“

Dieses Kynoblabla ist Quatsch.

Der Hund wird sich nach kurzer Zeit an die Maßnahme gewöhnen. Ob er in der Folge eine Verhaltensänderung zeigt oder weitermacht, wie bisher, hat nichts mit der Unterbrechung als solcher zu tun, sondern mit dem, was der Hund daraus macht.

In der Präambel des Tierschutzgesetzes heisst es „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerz, Leid oder Schaden zufügen“.

Unabhängig von moralischen Gesichtspunkten:

Wenn sich Hunde Menschen oder Artgenossen gegenüber derart aggressiv verhalten, dass sie eine Gefahr für sich und ihre Umgebung darstellen, dann mag das Arbeiten mit Schmerzreizen im Einzelfall einen vernünftigen Grund darstellen. Wenn das ganze Training aber von vorne herein so gestaltet ist, dass eine Verhaltensänderung maximal unwahrscheinlich wird, dann fällt der vernünftige Grund weg.

In diesem Sinne: Weniger Stiefeln, mehr Streicheln.

Btw ein bisschen Werbung – Demnächst gibt es ein Webinar zu dem Thema. Guck mal hier.