Von Söhnen und Helden

Mit ungefähr 10/11 Jahren waren wir alle, wirklich alle, große Fans von Bud Spencer und Terence Hill. Damals, Anno Tuck im Kartoffelkrieg, liefen Streifen wie „Vier Fäuste für ein Halleluja“ oder „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ nicht nachmittags auf Kabel 1, sondern in der Prime Time im ZDF.

Für die jungen Leute: Prime Time, das war 20:15 Uhr im Fernsehen, und Fernsehen, dass sind die Langweiler, die Ihr bei Youtube immer weg klickt.

Mit 10/11 Jahren durfte ich aufbleiben, wenn Bud Spencer und Terence Hill liefen,auch wenn es eigentlich zu spät war. Und einmal weckte meine Mutter mich sogar auf, als einer meiner geliebten Filme ausgestrahlt wurden.

Als Zugezogener in einem niederrheinischen Dorf gab es exakt zwei Dinge, mit denen ich bei den Söhnen der großen Bauern punkten konnte: Erstens, dass ich ein leidlich guter Torwart in der D-Jugend des DJK war, zweitens hatte ich meinen Vater.

Er war stämmig, vollbärtig und dunkelhaarig. Dass er knapp 10 Zentimeter kleiner ist, als es Bud Spencer war – vollkommen irrelevant, da wir Kinder zu der Zeit mindestens 30 Zentimeter kleiner als mein Vater waren und er so unglaublich groß wirkte.

Ich bin ein Arbeiterkind. Meine Familie war immer das, was man wohl „Mittelschicht“ nennt, ein bisschen Wohlstand aufgebaut auf Malocherei, einmal Urlaub im Jahr – Wandern im Sauerland. Nicht, dass es uns an irgendetwas gefehlt hätte, ich konnte mein Abitur machen, erfolglos studieren und erfolgreich meinen Führerschein machen.

Wenn ich mein Taschengeld aufbessern wollte, habe ich meinem Vater auf der Baustellen geholfen.

600 Quadratmeter Parkplatz im Akkord pflastern bedeutete für mich, dass ich derjenige war, der den Sand und die Steine rannschleppte. Keine Zeit für Pausen, denn mein Vater war schnell, verdammt schnell. Ich vermute, dass er es ruhig anging, damit ich nicht zwischendurch einfach umfiel.

Und er war verdammt stark.

Eine Rüttelplatte ist ein unglaublich lautes und schweres Gerät, mit dem man die frisch verlegten Pflastersteine im wahrsten Sinne des Wortes in den Boden stampft.

Ich erinnere mich daran, dass ich das verfluchte Ding nichtmal zehn Zentimeter bewegt bekommen habe, während mein Vater es einfach schwungvoll vom Anhänger wuchtete.

Solche Sachen wie Gehörschutz oder rückenschonendes Arbeiten waren zu der Zeit auf dem Bau gänzlich unbekannt. Vor allem bei „der alten Garde“, also den Arbeitern, die schon zwanzig Jahre und länger auf dem Bau waren.

Mein Vater hat mit 15 Jahren angefangen, auf dem Bau zu malochen. Angelernter Pflaster, eigentlich wollte er eine Lehre zum Metzger machen, aber das war nicht drin.

Die Arbeit hatte natürlich ihren Preis. Irgendwann waren erst die Knie und dann das Kreuz kaputt.

Mein persönlicher Bud wurde gebrechlich und nach 45 Jahren auf dem Bau schließlich arbeitsunfähig. Zu alt, um umzuschulen, zu jung, um in Rente zu gehen.

Bud Spencer war nicht der Akrobatische, nicht der Schlagfertige und nicht der Frauenschwarm in den Filmen. Ihn machte immer seine stoische Art und vor allem seine Kraft und Widerstandsfähigkeit aus.

Wenn sich Hill und Spencer am Ende von „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ prügeln, drücke ich noch heute Spencer die Daumen – auch wenn ich weiss, dass es im Abspann keinen Sieger gibt.

Vor einiger Zeit hatte mein Vater einen schweren Schlaganfall, vor einigen Monaten einen zweiten.

Gerade habe ich erfahren, dass er Krebs hat. Lungenkrebs.

Mein Telefonat mit ihm entsprach der ganz eigenen Dynamik, die unsere Telefonate immer haben:

„Schöne Scheisse!“ sage ich.

„Da kannste nichts machen.“ antwortet mein Vater und ergänzt.

„Da muss man halt durch. Ich geb dir mal Mutter, die will noch was.“

Telefonat beendet. Alles gesagt, läuft weiter. Als wenn es ihn nicht selber betreffen würde.

Während ich Steine schleppte, habe ich meinen Vater oft verflucht. Er, der Kohl gewählt hat, ohne mir auch nur einmal stichhaltig erklären, warum. Ich, der sich die Haare grün färbte und davon träumte, in Berlin Häuser zu besetzen.

Erst später wurde mir klar, wie ähnlich wir uns sind. Und wie kleinkariert meine Weltsicht.

Als ich E-Gitarre lernen wollte, besorgte mir mein Vater einen Verstärker von einem Bekannten, dessen Einfahrt er gepflastert hatte. Das Lernen des Instruments war meine Aufgabe.

Als ich ein Auto brauchte, um zur Uni zu kommen, organisierte er ein Auto. Als dieses kurz darauf in Flammen aufging, organisierte er ein anderes. Das Studium war meine Aufgabe.

Er hat sich immer gekümmert, wenn es ihm sinnvoll erschien.

Um seine Baustellen, seine Freunde, uns als Familie. Auch wenn er selten da war.

Auch das gehörte dazu. Malochen für ein bisschen Wohlstand. Nach Feierabend, am wochenende.

Stoisch, kraftvoll, schweigsam. Ein bisschen wie Bud Spencer immer ein Lied auf den Lippen pfeifend, das ausser ihm keiner kannte.

Eines meiner Credos, nämlich „Lieber ehrlich als höflich“ habe ich von ihm.

Als ich feststellen musste, dass ich mich in jemand wichtigen getäuscht hatte, sagte er nur: „Hätte ja auch gut gehen können, sei froh, dass Du‘s versucht hast.“

Mein Vater hat jeden, wirklich jeden Menschen, den ich je mit zu meinen Eltern nahm, sofort und ohne Vorurteil akzeptiert. Sogar mein Freund Manfred wurde kurzerhand zum Schwiegersohn erklärt, obwohl wir uns nur das Auto geteilt hatten und Manfred seit zwanzig Jahren verheiratet ist.

Als ich meinen Vater nach seinem Schlaganfall besucht hatte, war es weniger der körperliche Verfall, der mich schockiert hat, sondern vielmehr die Tatsache, dass er sich den Bart abrasiert hatte.

Als ich ihn das letzte Mal sah, war es nicht fehlende Bart, sondern die fehlende Melodie, die er sonst immer vor sich hin pfiff.

Ich glaube, für die Jungs, die nie Terence Hill sondern immer Bud Spencer waren, ist die Tatsache schwer erträglich, dass Kraft und Stärke vergänglich sind.

Dass unsere Väter alt werden, zeigt uns unseren eigenen körperlichen Verfall. Zeigt uns, dass wir keine Kinder mehr sind, dass wir uns plötzlich um unsere eigenen Familien und eigenen Baustellen kümmern müssen.

Dass da niemand ist, der sich kümmert und dass unsere Helden alt werden und irgendwann sterben.

Was meinen Vater angeht: Wenn er es hinbekommt – und ich bin mir ziemlich sicher – dass sein persönlicher Abspann von „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ nur fünf Minuten länger läuft, Hill geht zu Boden.

2 Kommentare
  1. Lillith
    Lillith says:

    Ich habe so einen Papa. Inklusive Bart. Vor zwei Jahren hab ich ihn fast bei einer Lungenembolie verloren, seit letztem Jahr hat er die Diagnose Parkinson. Zum Glück alles weit weg von Krebs. Alles Gute und viel Kraft!

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.