Unter Hundehaltern (1)

Der von mir hochgeschätzte Michael Frey Dodillet rief einst seine Leser via Internet dazu auf, ihm die absurdesten Ratschläge mitzuteilen, die ihnen jeweils ein „Krause“ (so heißen in seinen Büchern alle Sorten von Hundetrainern, Ratschlaggebern und Ahnunghaber) mit auf den Weg gegeben haben.

Eine Leserin berichtete daraufhin, dass ihr angeraten wurde, in der Dämmerung Mülltonnen zu umarmen, weil ihr Hund unsicher vor selbigen reagierte.

Die Anekdote sorgte natürlich für Lacher, da jede/r sofort das Bild von der Mülltonnenumarmenden Hundebesitzerin bei Dämmerung – und natürlich die Reaktionen der Passanten, die sie dabei beobachten – vor Augen hatte.

Doch so lustig das ist, der Ansatz als solcher ist gar nicht so falsch.

Vorausgesetzt nämlich, dass die Hundehalterin es tatsächlich schafft, dem Hund glaub- und ernsthaft zu versichern, dass Mülltonnen total nett sind, dann kann diese Vorgehensweise funktionieren und der Hund sich an die neuen merkwürdigen Freunde seiner Besitzerin gewöhnen.

Ich persönlich würde spätestens bei 30° und der ersten Biotonne aussteigen, aber das ist meine persönliche Meinung.

Eine Bekannte von mir hat in einer Hundeschule ihren Hund einschätzen lassen, weil sie wissen wollte, „wessen Geistes Kind“ er so sei. Der Versuchsaufbau zur Charakterisierung war sehr aufwändig, es gab Checklisten, Fragebögen und Ablaufpläne, machte also erst mal einen sehr seriösen und wissenschaftlichen Eindruck.

Das Ergebnis der Einschätzung sagte jedoch nicht besonders viel aus. Warum? Weil es keine definierten Sollwerte für Verhalten beim Hund gibt. Wenn in der Auswertung z.B. „verhält sich sehr explorativ“ steht, dann würde meine Gegenfrage „Im Vergleich zu was?“ lauten. Das er abhaut, wenn die Besitzerin die Leine abmacht, wusste sie auch schon vorher.

Das bedeutet, dass sich der Hund meiner Bekannten so lange „sehr explorativ“ verhält, bis ich auf eine Gruppe unerzogener Huskys treffe – die verhalten sich noch viel explorativer. Die mangelnde Datenbasis macht eine pauschale Einordnung sehr schwierig, in jedem Fall ist das Ergebnis nicht wissenschaftlich.

Alles nicht so einfach.

Vor kurzem war ich in ein paar Hundeschulen und Hundesportvereinen und bekam eine Menge Ratschläge mit auf den Weg, auf die ich so nicht käme und die mal sehr merkwürdig mal logisch und fundiert klangen.

Einen Teil davon habe ich einfach mal mit meinen Hunden ausprobiert, Mülltonnen umarmen war jedoch mangels sich vor solchen fürchtenden Hund nicht dabei.

Teil 1: Ein Calming-Cap für die Schäfertrulla?

Ein Calming-Cap ist grob zusammengefasst so eine Art Verschleierung, wobei dem Hund durch den Stoff tatsächlich die Sicht genommen werden soll.

Hunde, die zum Beispiel auf fahrende Autos sehr aufgeregt reagieren, sollen dadurch – wie der Name „Calming“ schon sagt – beruhigt werden, in dem die Wahrnehmung eingeschränkt wird.

Der einzige etwas nervösere Hund, den ich habe ist die Schäfertrulla. Zu Beginn einer jeden Aktivität neigt sie dazu hochzudrehen, wenn ich vorher keine Ansage mache.

Wenn mir ein Calming-Cap das Einnorden erspart, weil sie dadurch ruhiger wird – warum nicht?

Also habe ich mich beraten lassen und die Schäfertrulla verschleiert.

Beim ersten Versuch verhielt Madame sich tatsächlich zumindest anders als sonst. Die verminderte Sicht sorgte erstmal für Verwirrung. Außerdem sicherlich der fehlende Hinweis, dass wir nicht wie Boden-Boden-Raketen aus dem Auto schießen.

Da sich mein „Problem“ auf die ersten Meter eines Spaziergangs beschränken, habe ich die Hündin wie angeraten nach einiger Zeit vom Cap befreit. Das wiederum nutzte die Trulla, um nachzuholen, was sie am Auto noch versäumt hatte.

Na toll.

Aber ich bin ja tapfer und so wiederholte ich das Ganze nochmal, diesmal „durfte“ sie das Cap den ganzen Spaziergang tragen. Tatsächlich fiel der Raketenstart aus. Die Nervosität jedoch blieb mir persönlich zu hoch.

Daher finde ich es für uns passender, der Schäfertrulla vorm Aussteigen klarzumachen, dass wir bitte gesittet durch die Gegend laufen. Das geht in der Folge wesentlich entspannter ab und ist auch besser für unser aller Herzkreislauf.

Dennoch kann ein Calming-Cap in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein. Zum Beispiel, wenn ein Hund selbst bei geringen Reizlagen dermaßen überreagiert, dass der Hund nicht mehr ansprechbar und eine Anpassung der Rahmenbedingungen nach unten nicht möglich ist.

Vor Jahren habe ich auf einem Workshop mal eine Malinoishündin erlebt, für die die ganz normale Umgebung eine totale Überforderung dargestellt hat. Für sie wäre es zumindest überlegenswert gewesen, zum Claming-Cap zu greifen.

Wie bei allem im Leben kommt es nur auf die Gelegenheit an.

 

4 Kommentare
  1. Rolf Bauerdick
    Rolf Bauerdick says:

    Mir wurde von einem „Kynologischem Hundeverein“ angeraten in eine andere richtung zu gehen, wenn meine Sarplaninac Hündin ( O-Ton: Noch nie von gehört.) mal wieder Terror macht wenn uns Abends andere Hunde entgegen kommen. Mit anderen Worten: Problem entweichen, anstatt es aufzulösen. Habe mich Kopfschüttelnd bedankt und sorge weiterhin dafür das ich sie beruhige bevor sie im roten Bereich ist.

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  2. Kerstin Finger
    Kerstin Finger says:

    Ich habe mal den interessanten Tipp bekommen mich einfach in die Leine einzudrehen, wenn mein Hund ausflippt. Frag mich nicht, ich war verzweifelt und habe es ausprobiert. Es muss für Außenstehende ein tolles Bild gewesen sein, wie ich dann im direkten Anschluß direkt, vollkommen ungebremst, ich war ja in die Leine gewickelt, auf die Fresse gefallen bin. Mein Hund war nicht mal irritiert. Die Hundeschule habe ich danach verlassen 🙂

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  3. Elke Börner
    Elke Börner says:

    Um unsere sehr hibbelige Leinenpöblerin und uns überhaupt zu trainieren, gab es von einem durch Presse und TV bekannten Trainer die Vorgabe, das mein Mann und ich zunächst mal eine mehrwöchige Therapie bei einer mit ihm befreundeten systemischen Kinesiologin/spirituellen Beraterin machen. Der Hund sei natürlich traumatisiert, aber die Probleme bei uns seien so gravierend, das ein Training mit dem Hund sinnlos sei. Na ja, wir haben uns dagegen entschieden, haben geheiratet und kaspern immernoch mit dem Hund rum. Klar, ohne Therapie…..;-)

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  4. Conny Hovestadt
    Conny Hovestadt says:

    Meine Auslands-Tierschutz-Hündin kam zu mir und konnte natürlich nicht ordentlich an der Leine laufen. Der Ratschlag eines Hundetrainers war, (den er auch gleich in die Tat umsetzte) ihr die Hinterbeine in die Luft zu heben („Schubkarre fahren“) und ihr so die Lust zu nehmen, hin und her zu flitzen und mich zu ignorieren.
    Ich habe das nicht angewandt und heute läuft sie entspannt neben mir an der Leine….

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