Nur die Guten

An anderer Stelle habe ich es schonmal aufgeschrieben. Die Gründe, sich einen Hund anzuschaffen, sind sicherlich mannigfaltig, aber kein Mensch schafft sich einen Hund an, um sich ein dauerhaftes Problem aufzuladen.

Selbst solche Hundebesitzer, die einen wahren „Problemhund“ aufnehmen, tun dies mit dem Ziel, das Problem zu lösen und nicht aus dem Gedanken heraus, nie wieder Besuch empfangen zu können oder die nächsten 10 Jahre aufpassen zu müssen wie ein Schliesser.

Noch vor 50 Jahren gab es keine Hundetrainer und wäre jemand 1960 auf die Idee gekommen, eine Hundeschule zu eröffnen und Geld für Beratung in Sachen Erziehung und Beschäftigung des Hundes zu nehmen, wäre der- oder diejenige mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell bankrott gegangen.

Klar, auch vor 50 Jahren gab es Hunde, die gebissen, Wild gehetzt und an der Leine gezogen haben. Und sicherlich ist es so, dass Hundebesitzer heute auf Grund von Rasselisten, Hundegesetzen und Co. wesentlich sensibler sind, was das Verhalten ihrer Vierbeiner angeht.

Ebenso klar ist, dass Hunde heute eine ganz andere soziale Rolle in unseren Leben spielen als noch vor ein paar Jahrzehnten. Und ja, wir treffen heute in Familien auf Hundetypen, die noch vor garnicht langer Zeit Schäfern, Jägern oder Polizisten vorbehalten waren.

Doch sollen das die Ursachen dafür sein, warum so viele Menschen heute mit einem Tier überfordert sind, dass uns – je nach Schätzung – schon über 30.000 Jahre oder gar länger begleitet?

Wer sich heute einen Hund anschaffen möchte oder ein Problem mit dem vorhandenen Vierbeiner hat, der informiert sich in aller Regel – und die Liste der Ratgeber ist so lang wie die Ratschläge unterschiedlich sind.

Während die Tierschützerin sehr gute Argumente dafür hat, einem Hund aus dem Tierheim ein Zuhause zu geben, hat der VDH ebenso gute Argumente, sich lieber für einen Welpen vom Züchter zu entscheiden.

Und die Frage, was für einer es denn sein soll, ist noch garnicht beantwortet.

Es gibt in Sachen Hund jede Menge Themen, über die gestritten wird. Angefangen bei der Gesunderhaltung über das Futter bis hin zum richtigen Zubehör, der Beschäftigung und natürlich der Erziehung.

Zwischen all diesen unterschiedlichen Positionen steht ein Mensch, der eigentlich „nur“ einen Hund haben will, diesen – man kann es deutlich so sagen – von Herzen liebt und nur das beste für ihn will.

Wenn es mit dem besten Freund nicht so klappt wie gewünscht, spielen Emotionen wie das Gefühl von Scheitern, das Zweifeln an der eigenen Fähigkeit und das schlechte Gewissen eine riesengroße Rolle.

Die eigene Wahrnehmung verzerrt sich dahingehend, dass man nur noch wohlerzogene, nette Hunde sieht, die scheinbar nichts aus der Ruhe bringen kann, während der eigene Hund vielleicht an der Leine ausflippt, als fände gerade eine Alieninvasion statt.

Also sucht man Hilfe.

Und schon stehen sie wieder parat – all die Ratgeber im Internet, die Experten in Funk und Fernsehen mit der einzig richtigen Lösung und die mitleidig kopfschüttelnden Nachbarn mit den entscheidenen Tipp.

Im Versuch, alles richtig zu machen, gehen schlimmstenfalls Bauchgefühl und gesunder Menschenverstand und der Mensch verliert sich selbst und das eigentliche Problem auf der Suche nach Lösungen aus dem Auge.

In einem anderen Text habe ich mal etwas ketzerisch geschrieben, dass Altruismus nicht funktioniert und Menschen in den allermeisten Fällen eigene Ziele verfolgen, auch wenn sie vordergründig erstmal gutes tun.

Um zu verhindern, in der Flut der Informationen zu ertrinken, kann es daher hilfreich sein, mal zu hinterfragen, welches Ziel diejenigen verfolgen, die einen mit Ratschlägen versorgen.

Die nette Verkäuferin im Zoofachgeschäft empfiehlt auch deshalb das „Premium“-Hundefutter der Eigenmarke, weil sie dafür eine Provision bekommt. Dem Fernsehsender geht es darum, Werbeminuten zu verkaufen und nicht, den Zuschauer mit Erziehungstipps zu versorgen. Und der Hundetrainer – und zu denen gehöre ich ja auch – wäre ohne die Probleme, die Menschen mit ihren Hunden haben, schlicht arbeitslos und könnte sich einen anderen Job suchen.

Doch auch die Menschen, die vermeintlich uneigennützlich bei Facebook und sonstwo ihre Meinung äußern, ziehen natürlich einen Nutzen aus ihrem Handeln.

Wer sich zum Beispiel besonders intensiv mit der Fütterung seines Hundes beschäftigt, erhöht die eigene Person bewusst oder unbewusst moralisch gegenüber denen, die schnödes Trockenfutter kaufen.

Das eigene Handeln macht einen zum besseren Menschen und die Tatsache, dass andere scheitern bestätigt einen darin, dass man schon immer gewusst hat, wo der Hase lang läuft.

Die im sozialen Netzwerk propagierte Erziehungsmethode bestätigt einen darin, dass man über Expertise verfügt, die andere nicht haben. Und der Bestätigungsfehler unterstützt uns in der Annahme, dass das, was wir für richtig halten auch richtig ist.

Das ist nur menschlich. Wir sind nicht perfekt, wir sind nicht mal nahe dran.

Doch mittendrin steht ein Mensch mit seinem Hund, der nur das beste will. Umgeben von unzähligen Ratgebern, die mehr oder weniger offensichtlich eigene Ziele verfolgen, die oft nichts oder nur wenig damit zu tun haben, tatsächlich zu helfen.

Es stünde uns allen – mich eingeschlossen – gut, wenn wir uns beim dringenden Impuls, einen Ratschlag geben zu müssen, öfter mal zurückhalten würden. Wenn wir uns darauf beschränken würden, Fragen zu beantworten anstatt neue aufzuwerfen, nur um uns darüber aufzuwerten.

Überhaupt sollten wir nicht vergessen, dass unsere Idee davon, wie Hunde gehalten werden sollten, eine regional sehr begrenzte westeuropäische ist, die sich nur auf Grund unseres Wohlstandes und mangels wirklich existentieller Probleme verbreiten konnte.

Unsere Vorstellungen von einem Hundeleben anderen aufzuzwingen ist ganz schön arrogant – und mit Blick auf die Lebensrealität anderer Menschen in anderen Ländern auch ziemlich aus der Wirklichkeit gerissen.

Die von mir hochgeschätzte Dorit Feddersen-Petersen sagte mir mal , dass zwei kritische Fragen meistens weiterhelfen: „Wo haben Sie das her? Und können Sie das belegen?“

 

 

3 Kommentare
  1. B
    B says:

    Es ist eine Freude das zu lesen… Danke für den Spiegel.. und den Anstoß sich immer und immer wieder zu reflektieren… Wenn das nur mehr Menschen täten hätten wir nicht nur bessere, fundiertere Ergebnisse und Ratschläge sondern auch ein entspannteres miteinander – Mensch und Hund…

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  2. Alexandra
    Alexandra says:

    Danke! Der Beitrag bringt einen wieder auf den Boden. Das Informationsangebot ist riesig und leider hat Google noch keinen Faktenfilter, mit dem man Schwachsinn aussieben kann.

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