Die Schwierigkeit ist das Problem

Der Termin zieht sich. Normalerweise komme ich mit der geplanten Stunde ganz gut hin, doch meine Kundin stellt sich als außerordentlich schwierig dar.

Bisher konnte ich kaum etwas dahingehend herausfinden, warum ich eigentlich hier bin.

Dafür jede Menge privates, nein, intimes über sie, über ihr Leben und sich ständig wiederholende, sehr persönliche Fragen an mich, die ich jedoch nicht beantworte.

Der Hund kommt nur am Rande vor und ich merke, ich bin nicht hier, um sie bei einem Erziehungsproblem zu beraten.

Vielmehr nutzt sie das Tier als Vorwand, um sich jemanden anzuvertrauen.

Sie ist tieftraurig, einsam und sie hat ernsthafte Probleme.

Und in ihrer tieftraurigen Einsamkeit vertraut sie mir Dinge an, die mich nichts angehen und bei denen ich ihr nicht helfen kann und will. Schlimme Dinge, ganz schlimme Dinge.

Ich bin Hundetrainer, kein Therapeut. Ich bin hier falsch.

Also schlage ich vor, dass wir mit dem Hund rausgehen. Frische Luft täte mir jetzt nämlich gut, außerdem mag ich das Gefühl nicht, mit ihr in ihren Räumen zu sein. Ich bereite meinen Abgang vor.

Also leint sie ihren Hund an und wir gehen auf die Straße.

Ich starte einen weiteren Versuch und frage sie, welches Problem sie mit ihrem Hund hat. Sie weicht aus, erzählt aus ihrer Vergangenheit, nun weiche ich aus und versuche, beim Hund zu bleiben.

Nach schier unendlich erscheinenden Eineinhalb Stunden entschließe ich mich, den Termin abzubrechen.

Es tut mir leid, aber ich glaube, nein, ich weiß, ich kann Dir nicht helfen.

Innerlich brülle ich sie an: „Mensch, such Dir professionelle Hilfe. Und wenn wir schon dabei sind, bitte bring dich nicht um, wenn ich gefahren bin.“

Aber ich spreche es nicht aus.

Vielmehr gebe ich ihr ein paar Erziehungstipps und schlage vor, dass sie mich anruft, wenn sie weiter trainieren möchte.

Ich weiß, dass sie das nicht tun wird, aber so gebe ich ihr immerhin eine Option und lasse sie nicht komplett verlassen zurück. Dabei hätte ich ein schlechtes Gefühl.

Sie macht einen ziemlich labilen Eindruck.

Auf dem Weg zurück stelle ich fest, dass ich mir nicht mal den Namen des Hundes gemerkt habe.

Dafür ihre höchstprivate Geschichte, die ich eigentlich gar nicht wissen wollte.

Ich hole mir bei „Junge“ einen Kaffee, sitze im Auto und höre Nachrichten.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Da vertraut sich dir jemand völlig unbekanntes, jemand, den du nie vorher gesehen hast, plötzlich mit intimsten Details aus seinem Leben und traumatischsten Erlebnissen an.

Damit umzugehen, vor allem, sich nicht einnehmen zu lassen, ist eine riesige Herausforderung.

Nicht wenige fühlen sich geschmeichelt ob des vermeintlich entgegengebrachten Vertrauens und nicht wenige versuchen – weit außerhalb ihres eigentlichen Betätigungsfeldes – zu helfen.

Was unter Umständen fatal enden kann.

Nicht ohne Grund dauert eine fundierte therapeutische Ausbildung Jahre und selbst dann braucht es jede Menge Praxis, um komplexe psychische Probleme behandeln zu können.

In der Arbeit mit bissigen Hunden sage ich immer, dass wir am Auslöser arbeiten sollten und nicht mit dem Auslöser. Selbiges gilt für die Arbeit mit Menschen.

Glücklicherweise habe ich noch weitere Termine an diesem Tag, bei denen es um leinenpöbelnde, jagende oder schlicht unerzogene Hunde geht.

Trotzdem kaue ich am Abend noch lange am Gehörten rum.

Während meines Studiums war oft von Abgrenzung und Selbstschutz in der Arbeit mit Klienten die Rede.

Mit einer der Gründe, warum ich nie in dem Bereich gearbeitet habe war, dass ich genau mit diesem Thema so meine Probleme hatte, als ich noch jünger war.

Während eines Praktikums in einer Einrichtung für obdachlose Jugendliche hatte ich nichts besseres zu tun, als genau diese bei mir unterzubringen. Eine vermeintlich  „gute Tat“, die mich einen Fernseher und zwei Handys kostete. Dafür aber die Erkenntnis einbrachte, dass das mit der Abgrenzung doch eine gute Sache ist.

In Zeiten, in denen Hunde eine immer wichtigere Rolle im Leben ihrer Menschen spielen, werden wir als Hundetrainer immer öfter mit komplexen Problemen konfrontiert, die nichts mit Erziehung- oder Beziehungsproblemen zwischen Mensch und Hund zu tun haben.

Kein Wunder, dass es mittlerweile eine Fortbildung für Hundetrainer mit dem Titel „Häufige psychische Erkrankungen bei Kunden“ gibt.

Vor einigen Jahren fand ich mich übrigens schon einmal in einer Situation wieder, die mich lange nicht losließ.

Damals war ein Kind im Spiel, die völlig überforderte Mutter derart verwirrt, dass ein Gespräch nicht möglich war. Die Wohnung in einem Zustand, der für Mensch und Tier nicht haltbar war.

Im Anschluss an dieses Debakel rief ich nach einigem Zögern beim Jugendamt an und schilderte die Situation.

Ich wollte ob des Gesehenen nicht diejenige oder gar eine weitere Person sein, die tatenlos zusah wie die kleine Familie verwahrloste.

Was daraus wurde? Ich weiß es nicht.

Und ich bin auch froh darüber, wenn ich ehrlich bin.

 

3 Kommentare
  1. Katja
    Katja says:

    Immer die Visitenkarte von Coaches und Therapeuten dabei haben 🙂
    Bei mir ist es notwendigerweise andersrum, viele fragen nach Hundeerziehungs- oder Katzenhaltungstipps und darüber kommen wir zum eigentlichen Anliegen. Aber genau das wollte ich ja, Tiere als Türöffner. Und ich sammle Visitenkarten von allen und allem…

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  2. Alexandra
    Alexandra says:

    Oweh, das war ein kräftezehrender Termin!
    Das Blöde daran ist ja, dass man wesentlich schneller einen Termin bei einem Hundetrainer bekommt als bei einem Psychologen. Dabei brauchen auch seelische Probleme eine baldige Hilfe und nicht nur der Schnupfen oder der hohe Blutdruck.
    Der Tip von Katja ist super! Visitenkarten sammeln und weitergeben. Es gibt nicht nur eine Tierarztpraxis, die ein paar Kollegen mit Couch fürs Frauchen/Herrchen im Visitenkartenstapel haben.

    Ausserdem möchte ich dir gratulieren, dass du nicht nahtlos ins Helfersyndrom gesprungen bist, sondern dich abgrenzen konntest. Das ist schwer, wird oft genug als unsozial bewertet und ist wirklich der beste Selbstschutz – und Schutz des anderen – den es gibt.

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  3. Marc
    Marc says:

    Laufe auch unter der Rubrik Hundetrainer; doch wenn mich jemand fragt, was ich mache, antworte ich immer: ich coache Menschen und ihre Hunde.
    Hunde trainieren machen andere- ich versuche den Menschen ein Lebensgefühl zu vermitteln und als Katalysator dient der Hund.
    Wer keine Menschen mag sollte HUNDETRAINER werden.

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