Von Unhunden

Barendorf ist schön. Das kleine Dörfchen besteht fast ausschließlich aus Ferienhäusern, so dass es außerhalb der Saison so gut wie ausgestorben ist.

Ein perfekter Ort also, um die Seele baumeln zu lassen und den Hund einfach mal einen guten Mann sein zu lassen. Kein Wunder, dass ich den Winter über nahezu täglich hier war.

Neulich dachte ich mir, ich nutz die Gelegenheit, dass die Saison noch nicht eröffnet und so alle Strände auch Hunde frei zugänglich sind, und verbringe einen entspannten Nachmittag an der Ostsee.

Blöderweise war ich nicht der Einzige, der die ruhige Umgebung nutzen wollte.

Während ich da so vor mich hin lief und meine Hunde sich derweil amüsierten, bekamen wir plötzlich Besuch. Ein großer dicker Hund mit Schlappohren (ich will nicht ständig dieses Labbi-Klischee bedienen) kam von hinten angewalzt und wollte ausgerechnet Tacker „Guten Tag“ sagen, in dem er ihm die Nase in den Hintern rammte.

Experten sprechen hier von Ano-Genital-Kontrolle, in diesem speziellen Fall war es eher eine proktologische Untersuchung. Des Proktologen Frauchen stellte sich derweil als kleiner, hektisch auf und ab hüpfender Punkt am Horizont dar, der langsam – aber ganz langsam – näher kam.

In solchen Fällen haben meine Hunde und ich eine arbeitsorganisatorische Rollenverteilung erarbeitet:

  1. Wir reissen uns zusammen und ignorieren den Störenfreak, bis er sich trollt.
  2. Kommt er wieder, bin ich derjenige, der ihm zu verstehen gibt, dass er gerade unsere Individualdistanz unterschreitet. Zwar bin ich dabei nicht annähernd so beeindruckend wie meine Bande, aber dafür mache ich ihm auch keine Löcher in den Pelz! Und im Normalfall reicht das, um direkt zu Punkt 5. weiterzugehen.
  3. Im dritten Wiederholungsfall nutze ich all meine mir zur Verfügung stehende Stimmgewalt und informiere den am Horizont auf und ab hüpfenden Punkt darüber, dass er exakt drei Sekunden Zeit hat, seinen Hund einzufangen, wenn er seinem kleinen Liebling unendliche Schmerzen, Qualen und Leiden ersparen möchte. So ganz unter uns, das Tackerchen ist zwar sehr beeindruckend, wenn es auf Boden-Boden-Raketenmodus umschaltet, aber dafür äußerst klar und fair im Umgang mit seinem Opfer. Aber das weiß ja der besagte hysterische Punkt ja nicht und ein bisschen Motivation hilft immer.
  4. Wenn all das nicht fruchtet, darf das Tackerchen seines Amtes walten und dem „Tutnix“ ein Lerngeschenk bereiten.
  5. Man kann übrigens durchaus lernen, sich der Gestalt darzustellen, dass das menschliche Gegenüber nicht auf die Idee kommt, loszupoltern und mit Tierschutz, Polizei, NSA oder den imperialistischen Truppen zu drohen, sondern seine Fellnase zu nehmen und das Feld zu räumen.

Eigentlich könnte ich mir diesen ganzen Aufwand auch einfach sparen. Dann käme der besagte Hund, rammt Tackerchen die Nase in den Poppes, die beiden hauen sich nach alter Kneipenschlägermanier und der DBHmS (dicker, brauner Hund mit Schlappohren) trollt sich. Das wäre artgerecht, einfach und wesentlich entspannter.

Doch so läuft das nicht. Voraussetzung hierfür wäre erstmal, dass auch der DBHmS weiß, wie man kultiviert streitet. Die Wahrscheinlichkeit, dass dem so ist, tendiert jedoch stark gegen Null.

Selbst wenn sein Punkt am Horizont sehr engagiert und ambitioniert ist, die meisten Hunde haben in der Wurfkiste das letzte Mal artgerecht kommuniziert.

Wo finden sich denn heute noch Welpengruppen, in denen die lieben Kleinen sich auch mal prügeln dürfen, ohne, dass die Hälfte der Besitzer in Schnappatmung und hysterische Anfälle verfallen?

In der Regel wird jegliche Form von aggressiver Kommunikation sofort unterbunden. Hier geht es um Harmonie, um Bällebäder, Spielen (aber bitte nicht so wild) und man freut sich einen Keks, wenn der kleine Scheißer kommt, nachdem man „hiiiieeerr <3“ geflötet hat.

Die guten Hundetrainer in Welpengruppen erinnern ein wenig an Don Quichotte und seinen Kampf gegen Windmühlen. Es gibt kaum einen härteren Job in diesem Business! Hund beißt? Jagt? Ist phobisch? Pffft. Das ist nichts gegen die Sisyphusarbeit mit Welpenbesitzern.

  • Als allererstes muss die Trainerin oder der Trainer in der Lage sein, die Rasse des kleinen Fellknäuels exakt zu identifizieren. Wehe, man liegt daneben und hält den originalen Chodský pes versehentlich für einen Altdeutschen Hütehund oder noch schlimmer: für einen Mischling … Na gute Nacht.
  • Dann muss es dem Trainer oder der Trainerin irgendwie gelingen, in das Oxytozin-geschwängerte Hirn des frischgebackenen Hundebesitzers vorzustossen. Nahezu unmöglich! Gestandene Männer stehen verzückt kichernd, berauscht vom Kindchenschema und unter dem Eindruck von Milcheinschuss auf dem Hundeplatz und dann soll man denen erklären, dass die süße Luna als kaukasischer Owtscharka gegebenenfalls nicht ganz einfach in der Erziehung werden könnte. Vergiss es!

Und so wachsen Paul, Luna und Co. auf. Auf die Welpengruppe folgt die Junghundegruppe und mitten in der Pubertät wundern sich die Besitzer, warum all das nicht so richtig fruchten will und der heißbeliebte Köter trotzdem seiner Wege geht und nicht gelernt hat, wie man freundlich Kontakt aufnimmt.

Denn mittlerweile läuft man ohne Leine durchs Auslaufgebiet. Verrückt, die allermeisten Welpen tappsen ihren Menschen hinterher, werden jedoch angeleint.

Erst, wenn das Mäuschen endlich in das Alter kommt, in dem es sich explorativ verhält, wie man „den Besitzer die Mittelkralle zeigen“ romantisch ausdrückt, wird die Leine abgemacht.

Um Homer Simpson zu zitieren. Das ist K.L.U.K.!

Aber auch der mittelkrallezeigende Junghund, der die Welt erkundet, verhält sich normal. Der 19-jährige Autofahrer, der gerade die Bundesstraße entlang rast, allerdings auch. Und da kollidieren unter Umständen zwei Interessenlagen im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ich mich nicht irre, war es Hellmuth Wachtel, der mal gesagt hat, dass wir nur alle Hunde vor die Tür setzen müssten und nach wenigen Jahren nur noch solche Hunde hätten, die zu uns passen. Nur müssten wir emotional in der Lage sein, diese Form der natürlichen Selektion zu ertragen.

Als ich neulich im Kindergarten des Internets eine Diskussion darüber verfolgte, ob Notfelle, insbesondere solche, die bei Nacht aus brennenden Tötungsstationen gerettet wurden, denn in unser Leben passen oder nicht, bin ich zu dem Schluß gekommen, dass kein Hund in unser Leben passt.

Vielmehr haben wir eine Vorstellung davon, wie Hunde sich verhalten sollten, ohne dass wir darüber nachdenken, in welche Bereiche ihres Verhaltens wir eigentlich so eingreifen.

Erik Zimen war es, der das folgende Ethogramm des des Wolfes definiert hat. Und da Wölfe und Hunde ja bekanntlich verwandt sind, zeigt ein Blick darauf ziemlich deutlich, was ich meine, wenn ich schreibe, dass wir es mit Unhunden zu tun haben:

  • A) Allgemeine Bewegungsformen
    Die Bewegung unserer Hunde ist stark eingeschränkt, sei es weil sie an der Leine laufen müssen oder weil wir nicht möchten, dass sich sich aus unserem Blickfeld entfernen.
  • B) Ruhe und Schlaf
    Hätten unsere Hunde die Wahl, würden sie wohl kaum in der Kudde in der Ecke des Wohnzimmers schlafen, sondern sich einen erhöhten Platz suchen, von dem aus sie einen guten Überblick haben.
  • C) Orientierungsverhalten
    • 1. Nahorientierung
    • 2. Fernorientierung
      Nahorientierung gerne, aber bitte hin zum Menschen oder wenigstens zum Futterbeutel. Mit der Fernorientierung sieht es schon anders aus, vor allem, wenn Ungemach am Horizont auftaucht. Dann wird getanzt, gequietscht, gebodyblockt.
  • D) Verhalten des Schutzes und der Verteidigung
    Auch das Vertreiben des Postboten gehört zum Normalverhalten, möchtet Du Deinem Hund eine tolle Kooperation anbieten, dann verscheuche doch mal mit ihm den Typen von der GEZ oder ein paar Zeugen Jehovas. Und das Dein Hund Dir beherzt in die Finger beißt, wenn Du was von ihm möchtest, ist auch erstmal normal. Wenn auch schmerzhaft.
  • E) Stoffwechselbedingtes Verhalten
    • 1. Nahrungserwerb
      Unsere Hunde dürfen nicht jagen. Verrückt, denn sie sind Beutegreifer.
    • 2. Nahrungsaufnahme
      „Schon Wahnsinn, dass es für ein Lebewesen, das ohne zu Zögern und voller Freude menschliche Scheiße, Kotze oder angeweste Fische verschlingt, Futter in hunderten Geschmacksrichtungen gibt.“
      Merkwürdig, dass eben die drei genannten nicht darunter sind.
    • 3. Transport und Speicherung von Nahrung
      Die meisten finden es nicht so witzig, nach einigen Wochen den Grund für den merkwürdigen Geruch im Haus zu finden.
    • 4. Erbrechen von Futter
      Ab zum Tierarzt!
    • 5. Defäkieren und Urinieren
      Das der Hund nicht ins Haus pinkeln sollte, ist klar. Aber er darf auch nicht in Nachbars Garten, den Spielplatz oder – etwas Intelligenzleistung vorausgesetzt – auf Weiden oder Felder kacken. Man könnte seinem Hund übrigens  beibringen, sein Business abseits davon zu erledigen. Hätte den Vorteil, dass man jede Menge Plastikmüll spart. Es gibt nichts ärgerlicheres als gefüllte Hundekotbeutel, die mangels zur Verfügung gestellter Mülltonnen in der Landschaft entsorgt werden und dort hunderte Jahre vor sich hin rotten.
  • F) Komfortverhalten
    Der Rüde, der sich im Restaurant ausgiebig die Eier leckt, ist schon von jeher Frauchens ganzer Stolz.
  • G) Soziales Verhalten
    • 1. Ausdrucksverhalten
      Ja, aber bitte nur die Netten! Jegliches aggressives Ausdrucksverhalten sei bitte zu unterlassen!
    • 2. Soziales Verhalten im Rudel
      Rudel sind Familienverbände, unsere Hunde leben – wenn – in Gruppen. Zum Leben im Rudel gehören auch Abwanderung und das Gründen neuer Rudel. Mit ein Grund, warum Wurfgeschwister mitunter äußerst kernig miteinander umgehen. Zum Leben in einer Gruppe gehören auch Streitigkeiten um Ressourcen, Status, Sexualpartner etc.
    • 3. Imponierverhalten
      Um Gottes willen. Es sei denn natürlich, es handelt sich um den netten Familienhund, der dem Besucher sein Spielzeug für die Füße spuckt.  der will natürlich nur spielen.
    • 4. Defensives Verhalten
      Muss dringend dran gearbeitet werden, die arme Angstmaus!
    • 5. Spielverhalten
      Unsere Hunde dürfen nicht spielen, wenn ihnen danach ist, sondern wenn wir die Zeit haben. Eine der Voraussetzungen für Spiel ist ein entspanntes Umfeld. Den geliebten Köter in eine „Spielgruppe“ voller fremder Hunde zu werfen, gehört nicht unbedingt dazu. Das, was man dann häufig zu sehen bekommt, sind „Spiele“ als Form der Konfliktlösung. 
    • 6. Reproduktionsverhalten (Sexualverhalten, Geburt, Welpenaufzucht)
      Wenn wir unsere Hunde nicht eh kastrieren, sprechen wir ihnen jegliches Recht auf sexuell motiviertes Verhalten ab. Und wenn sie sich fortpflanzen dürfen, dann nur mit einem Partner unserer Wahl. Beißt die Hündin den Rüden trotz Standhitze weg, bedient man sich auch gerne anderer Mittel, in dem man sie eben zwingt, sich begatten zu lassen. Auch in die Aufzucht der Welpen greifen wir massiv ein. Wenn die Hündin einzelne Welpen abstösst, drücken wir ihr diese eben auf oder „helfen“ bei der Aufzucht. Das Hunde einen guten Grund dafür haben, den Rüden abzuwehren oder später Welpen nicht anzunehmen, ist den meisten egal.
  • H) Infantile Verhaltensweisen
    Der einzige Bereich, in dem nur eingegriffen wird, um herauszufinden, ob ein mittlerer Bindehund dabei ist. Wobei ich das dauerhafte Stören, Fotografieren, Reingrabschen und Rausnehmen der Welpen in den ersten drei Lebenswochen auch nicht besonders nett finde.
  • I) Lautäußerungen
    Anders als Wölfe sind Hunde außerordentlich laut. Und das ist so lange OK, so lange sie es nicht während der Mittagsruhe oder nach 22 Uhr sind. Natürlich sollen sie Eindringlinge anzeigen, aber bitte nicht den Postboten oder den Nachbarn im Treppenhaus.

(Quelle: Zimen, der Wolf)

Wer einen Hund halten möchte, muss damit leben, dass dieser sich vermutlich sogar wie einer verhält. Dazu gehört, dass sie stinken, sich prügeln und kein peinliches Problem damit haben, sich mitten in der Fußgängerzone fortzupflanzen.

Vielmehr sollte man sich bewusst sein, dass wir unsere Hunde in ihren normalen Verhaltensweisen nur deshalb so dermaßen verbiegen könne, weil sie hochanpassungsfähig sind.

All die ach so tollen Dinge, die wir mit unsere Hunden veranstalten, sind lediglich ein mickriger Ersatz für die eigentlichen Bedürfnisse, die sie haben.

Das kann man nicht ändern, aber man könnte mal darüber nachdenken. Und es vielleicht einfach etwas sportlicher nehmen, wenn sie dann doch mal zeigen, welche Form von Humor sie so präferieren.

Der hysterische Punkt am Horizont mit dem DBHmS hätte auch einfach drüber lachen können. Ist ja nix passiert, ausser etwas Normalverhalten.

Für die Geschäftstüchtigen unter Euch – meine Hunde würden sich über Frischfutter in der Geschmacksrichtung „Menschenkacke, breiig, verfeinert mit 4-lagigem“ freuen.

Ich würde auch ein Futter-Abo nehmen.

6 Kommentare
  1. Katharina Liechti
    Katharina Liechti says:

    Einfach nur SUPER!!!! Würde alles unterschreiben! Danke!!!
    Aber….was ich so erlebe… Hoffnung stirbt zuletzt!

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  2. Caro
    Caro says:

    Super!!!! Falls Du übrigens irgendwann mal Futter im besagter Geschmacksrichtung finden solltest… wir würden auch einen lebenslangen Vorrat davon nehmen

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  3. Susi
    Susi says:

    Herzlichen Dank für diesen Lacher am Morgen.
    Ich bin beim lesen gerade die selbsternannten Hundehalterspezies bei uns im Wald durchgegangen und habe nur abgenickt.
    Gott sei Dank darf mein Hund immer noch Hund sein – egal was andere sagen.

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  4. Sigrid Möhlmeier
    Sigrid Möhlmeier says:

    Grandios! Und ich dachte schon lange bei mir selbst , ich sei völlig inkompetent, weil ich in (m)einem Hund immer noch einen Hund sehe. Natürlich habe ich ihm all das beigebracht, was heute angesagt ist.Und mein treuer Gefährte hat alles verstanden. Diabolisch freut er sich allerdings – und ich mich mit ihm – wenn ich die Regeln für ein herrliches Hundeabenteuer außer Kraft setze. Wir Menschen in den Industrieländern zwingen uns und unseren Mitgeschöpfen ein Korsett auf, in dem wir allesamt ersticken – zumindest seelisch. Es genügt, wenn sich ein Mensch selbst verbiegt; was gibt ihm das Recht, ein Tier zu verbiegen? Statt Predigern nachzulaufen kann man auch schlicht das Wesen seines Mitgeschöpfes studieren und auch mal den Mut zur eigenen Einschätzung aufbringen und damit Verantwortung übernehmen. Danke für die erfrischende Darstellung und ein glückliches Leben für dich und deine Hunde! PS: Übereifrige mögen sich die Mühe sparen: ich zahle Hundesteuer (wozu weiß ich allerdings nicht).

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  5. Tanja
    Tanja says:

    Meine Hunde sind scheinbar keine echten, sie umkreisen Fremdkacke. Von sich aus. Stinken tun sie auch nicht,m dazu muss sich Akuma erst mal panieren, Yoma wälzt sich nicht in Stinkigem – obwohl er dürfte.
    Sie wollen sowas auch nicht in ihren Näpfen. Akuma frisst nicht mal die Shcafskacke, in der er sich gerne mal wälzt, obwohl er es dürfte.

    Auch dürften sie trotz Heititei-Frauchen ihre Ausdrucksverhalten ausleben. Ja, meine Hunde dürfen andere anlefzen, anknurren und auch anbellen.

    Die Welpenstunde, die du da als ideal beschreibst, war übrigens der erste Schritt in Akumas Unverträglichkeit.

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