Frau Müller

mueller

Frau Müller heisst vermutlich garnicht Müller, sondern vielleicht Kawutzke.

Sie begegnete mir einige Jahre lang jeden Morgen auf dem Weg zur U-Bahn, als ich noch in einer Stadt mit U-Bahn wohnte. Frau Müller war ungefähr einhundert Jahre alt, in etwa einen Meter groß und brachte vielleicht das Gewicht einer Kiste Premiumbier auf die Waage. Sie war eine unglaublich kleine und dünne Person, mit tiefen Falten in ihrem vom Leben gezeichneten Gesicht. Sie war grau – grauer Rock, grauer Mantel, graue Haut, in etwa so grau wie der Stadtteil, in dem wir wohnten.

Mit ihr unterwegs war immer ein Bullterrier, der so Circa genauso alt wie Frau Müller war, nur dass er – im Laufe der Jahre geschrumpft – ungefähr die Schulterhöhe und nicht das Gewicht einer Bierkiste hatte. Dafür war er deutlich schwerer als sein Frauchen. Ein unglaublich knorriger, markanter Bullterrier, der früher sicherlich sehr eindrucksvoll gewesen war. Auch der Bullterrier war irgendwie grau. Bestimmt ist er als junger Hund strahlend weiß gewesen, hat dann aber aus Solidarität zu seiner Besitzerin ihre Farbe angenommen.

Wenn man aus dem Hochhaus kam, in dem ich zu dem Zeitpunkt einen Einbauschrank mit Klo gemietet hatte, hielt man sich links, lief ungefähr 100 Meter neben dem berühmten Ruhrschnellweg entlang und gelangte so zur oberirdisch gelegenden U-Bahnhaltestelle, die sich treppabwärts genau in der Mitte der Autobahn befand.

Frau Müller war nicht mehr so gut zu Fuss, selbiges galt für ihren Bullterrier. Also überholte ich sie jeden Morgen, wenn ich eilig zur Arbeit hetzte und abends kamen mir die beiden wieder entgegen. Der Bullterrier sah das gelassen, Frau Müller sowieso.

Der Teil des Stadtteils in dem Frau Müller, ihr Bullterrier und ich wohnten, war für sie wie geschaffen. In kurzer Fussreichweite fand man alles, was man zum Leben benötigte. Einen Plus, einen Schlecker, eine Trinkhalle und eine Kneipe, in der man nicht willkommen war, aber in der dafür das Glas „DAB“ nur Einemarkvierzig kostete.

Doch selbst für die kurzen Wege brauchten Müller und Terrier ziemlich lange. Stoisch zogen sie in einer unglaublichen Langsamkeit ihre Bahnen.

Immer wenn ich die beiden sah, habe ich mich gefragt, wie Frau Müller und ihr Hund wohl gelebt haben, als beide noch jünger waren. Ob diese unglaublich kleine Person wohl 15-Kilo-Futtersäcke in ihre Wohnung im Hochparterre geschleppt hat? Oder hat sie Dose gefüttert? Ob der Bullterrier, damals noch jung und wild, wohl an der Leine gezerrt hat und wie Frau Müller ihn bändigen konnte?

Für mich waren das Team Müller immer so etwas wie meine persönlichen Helden. Wie unglaublich friedfertig und gelassen beide durch den Stadtteil schlurften. Mit sich und der Welt im Reinen.

Einmal habe ich Frau Müller dabei gesehen, wie sie im Park Pfandflaschen gesammelt hat. Ihr Bullterrier legte sich an jedem Mülleimer hin und schlief auf der Stelle ein, während sein Frauchen nach etwas verwertbarem suchte. Doch trotz ihrer offensichtlich prekären Situation, erschienen beide würdevoll und stolz.

Der Hausmeister meines Wohnklos erzählte mir mal, dass der Mann von Frau Müller gestorben und der Hund sozusagen das letzte sei, was ihr geblieben ist. Herr Müller habe im Tagebau gearbeitet, beinahe 40 Jahre lang. Die Hunde, so der Hausmeister seien in erster Linie sein Hobby gewesen. Immer Bullterrier, die ganzen 40 Jahre.

Kurz nachdem Herr Müller in Rente gegangen war, starb er an einem Infarkt. Der Hausmeister bestätigte mir, dass sowas einfach nicht fair sei. Fast 40 Jahre lang malocht und dann konnte er nicht mal seine Rente geniessen.

Zurückgeblieben sind Frau Müller und ihr Bullterrier. Und die kleine Wohnung in einem Arbeiterviertel, in dem schon lange kaum noch einer Arbeit hat. Also kümmerte sich nun Frau Müller um den Bullterrier und schlich mit ihm den ganzen Tag durch das Viertel. Zum Supermarkt, zum Schlecker, zum Bäcker und zum Pfandflaschensammeln in der Grünanlage.

An einem Morgen sah ich Frau Müller, aber diesmal lief sie nicht durch die Gegend. Sie saß auf einer Bank. Ohne Hund.

Ich habe mich nicht getraut zu fragen.

12 Kommentare
  1. Kati
    Kati says:

    Ja, ja … ich glaube Frau Müller wohnt jetzt im Altenheim … Hab sie getroffen … Läuft bei jedem Wetter eine kleine Runde, ganz langsam am Rollator … und wenn ein junger ungeduldiger Bulli vorbeikommt, schaut sie ihm tief in die Augen und der Kleine kann auf einmal auch langsam bei Fuß gehen!

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  2. Elfi
    Elfi says:

    Eine Geschichte voll aus dem Leben! Aber du hättest fragen sollen. Sie wäre sicher glücklich gewesen dir die Geschichte ihres Hundes zu erzählen. Schon ein ganz wenig Anteilnahme hilft! Diese Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht.

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