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Dog-Whispering 101

Jeder kennt das. Manchmal entstehen so kleine Momente des peinlichen Schweigens.

Ein Beispiel: Während des ersten Termins mit meinem neuen Kunden Klaus kommt uns ein Mensch mit Hund entgegen. Klaus‘ Hauscanide zeigt uns sogleich unmissverständlich, warum die beiden bei mir sind. Und dann passiert etwas merkwürdiges.

Während der Kundenrüde seinem Gegenüber laut zeternd zu verstehen gibt, dass er ihn gleich wegatmen wird, schreitet der Klaus zur Tat und – besteigt seinen Hund.

Also, nicht so richtig, vielmehr simuliert er das Besteigen seines Hundes, was dieser wiederum gewohnt zu sein scheint und ignoriert, während dem Artgenossen weiterhin mit Mord und Todschlag gedroht wird.

Ein Blick auf den Besitzer des so Angepöbelten verrät mir, dass ich nicht der einzige bin, der das gerade ziemlich spooky findet.

Mit einer Mischung aus Angst und Verwunderung gehen unsere Gegenüber weiter und nach einiger Zeit beruhigt sich auch der Bestiegene. Und Klaus lässt seinen Hund wieder frei.

„Öhm Du“, beginne ich vorsichtig meinen Satz. „Sag mal, hast Du Deinen Hund gerade bestiegen?“

Mein Kunde guckt mich erwartungsschwanger an und erwidert, dass er das so in der Hundeschule gelernt hat. Weil nämlich sein Rüde sehr dominant sei und er ihm auf diesem Wege zeigen würde, dass er der Alpha im Rudel sei.

Aha, denke ich unterdrücke meinen Brechreiz. Gleich drei Begriffe in einem Satz, bei denen sich mir die Fußnägel hochrollen.

Wie immer in solchen Situationen frage ich erstmal „Und, funktioniert es?“, worauf Klaus etwas verdattert guckt und mir bestätigt, dass es eher nicht so doll klappt.

Klappen sollte es übrigens auch bei Sandra und ihrem Border Collie „Fly“, der schon mit fünfzehn Wochen den ersten ausgiebigen Ausflug gen Bundestraße zwecks SUV-hüten machte. Nämlich mit der Bindung, wie die Hundetrainerin feststellte. Denn die sei garnicht vorhanden.

Abgesehen davon, dass ich das ganz schön beleidigend dem Menschen gegenüber finde, ihm eine Bindung zu seinem Hund abzusprechen, finde ich es prinzipiell in einem solchen Fall gut, den Hund an sich zu binden. Und zwar erstmal mithilfe einer Leine, bis der kleine Pups verstanden hat, dass Autos keine Schafe sind.

Sandras Trainerin sah das etwas anders und verordnete der ambitionierten Problemhündchenbesitzerin, dass sich sich fortan regelmäßig auf den Zeigefinger spucken und mit dem so vollgesauten Akron das Zahnfleisch des Hobbyjägers einschmieren solle.

Anders als beim Besteigen des Monsterrüden habe ich in dem Fall etwas länger gebraucht, um den Zusammenhang zu verstehen.

Mit dem Einreiben des Zahnfleisches mittels vollgesabberten Finger würde nämlich das Maulwinkelstossen des Welpen bei der Mutterhündin simuliert.

Hunde tun das schließlich auch, wenn sie irgendwann erwachsen werden gerne mal als aktive Demutsgeste.

Was mir allerdings nicht ganz so klar werden möchte ist der Sinn der Übung.

Liegt die Hoffnung darin, dass der Hund etwas Futter vorwürgt und aufs Jagen verzichtet, weil ihm jetzt übel ist? Oder ist das wirklich als Demutsgeste gemeint und als so eine Art bettelndes Flehen zu verstehen, auf das er Einsicht zeigt und so etwas nie wieder tut?

Naja, zumindest beim Menschen spielt beim gegenseitigen Austausch von Körperflüssigkeiten in vielen Fällen Oxitozin ein große Rolle.

Gar keine Rolle spielt Oxitozin bei „Mandy“, wenn sei auf ihresgleichen trifft. Und mit ihren gerade mal neun Monaten schon ziemlich beschädigend mit anderen Hunden umspringt.

Mandys Besitzer wollten von Anfang an alles richtig machen und pilgerten brav in die Welpengruppe. Nun hatte Mandy ein Problem, nämlich das, dass die Hundetrainerin ein Problem mit Mandys Rasse hatte und der erwünschte Sozialkontakt mit Artgenossen gegen Zahlung von 15 Euro pro Termin darin bestand, dass Mandy und ihre Menschen außerhalb des Hundeplatzes hinter einem Sichtschutz zugucken durften, wie die anderen Hunde und ihre Menschen Welpenspiel veranstalteten.

Dass das so nix wird mit dem Sozialverhalten wurde Mandys Frauchen in dem Moment klar, als ihre Hündin den ersten Artgenossen ziemlich überambitioniert auf links gedreht hat.

Gottlob hatte die Trainerin auch für solche Fälle einen Tipp. Wenn nämlich Mandy das nächste Mal einen anderen Hund verprügeln will, sollen Frauchen und Herrchen doch einfach Leckerchen auf die Kontrahenten träufeln. Denn dann, da war sich die Kynopädagogin sicher, lassen die beiden Streithähne bzw. Hühner sofort voneinander ab und beschäftigen sich lieber mit dem Futter.

Sozusagen Frolic statt Fresse voll. Was nicht geklappt hat.

Wie die Hundetrainerin auf die Idee gekommen ist, bleibt derweil ihr Geheimnis.

Apropo Geheimns: Das meine Kundin Ulrike morgens etwas von ihrem Morgenurin mit einer Einwegspritze aufzog, um dann jedes Mal, wenn ihr Hund irgendwo hinmarkierte, ein paar Tropfen darüber zu träufeln, hat sie niemanden verraten.

Dominique wiederum ist da etwas offener und lässt sich von ihren Hunden besteigen, weil der Experte gesagt hat, dass nur die Leithündin gdeckt würde. Und das ihre Hündin sie gleich mitdeckt ist doch ein schöner Beweis, dass Hunde liberale Tiere sind.

So liberal, dass sie uns so ziemlich jeden Schwachsinn verzeihen …

8 Kommentare
  1. Genki & Co
    Genki & Co says:

    Ich gebe ja zu, dass ich nicht all zu viel Ahnung von Hundeerziehung habe und bei einigen mir vorgeschlagenen Trainingsmethoden unschlüssig bin, ob diese Aussicht auf Erfolg haben, aber bei den hier aufgelisteten Methoden, kann ja selbst ich nur den Kopf schüteln. Auch verstehe ich nicht, warum man merkwürdige Praktiken, die offenbar noch nie Erfolg gezeigt haben, weiterführt.

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  2. Alex
    Alex says:

    Herrlich! Ich beömmel mich!!!
    Das mit dem Besteigen lassen hab ich auch schon öfter gehört. Gerne dann, wenn ich irgendwo einen Hausbesuch machen musste und plötzlich Bello, der freundliche Rammler, an meinem Bein hing. Die begeisterten Rufe der (meist) Frauchen: „Ohhhh, Sie können ja toll mit Tieren! Bello hat Sie richtig gern!Das ist aber schön für Sie!“ gellen heute noch in meinen Ohren.
    Und ich habe mir dann immer vorgestellt, dass ich mal reinplatze, wenn die ihren Mann grad auf der Nachbarin/Postbotin/Arbeitskollegin finden, um dann sagen zu können: „Ohhh, Ihr Mann kann aber wirklich gut mit den Nachbarinnen/Postbotinnen/Kolleginnen! Er hat sie richtig gern! Das ist aber schön für Sie!“

    Diese absurden Momente versüßen einem doch das Leben, oder? 😀

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  3. Antje
    Antje says:

    Ich hab Tränen gelacht 😀 wie dämlich doch manche sind. Liegt das an mangelndem Selbstbewusstsein? Sonst könnte man da doch ein bisschen auf seinem Bauch hören … Und wenn schon nicht auf den Bauch, dann auf den Kopf der doch laaauuut schreien muss DUMMFUUUUUUUG.

    Also nicht das meine Hunde nicht auch besser sein könnten, wenn ich konsequenter wäre … aber besser geht ja immer 😉

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  4. Rike
    Rike says:

    Sind diese Tipps der Kynopädagogen mit oder ohne 11er ergangen? Weil irgendwie…fehlt mir wahrscheinlich wirklich die Qualifikation für solchen Mist auch noch Geld zu verlangen.

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  5. Monika Herwig
    Monika Herwig says:

    Da bleibt mir glatt die Spucke weg…. Dass es einen solchen Blödsinn gibt!!!! Dass die Leute dafür auch noch bezahlen!!!!! Ich begreife das nicht. Haben die Menschen so wenig natürliches Empfinden für gut und schlecht???? Sehr traurig….. Wieso darf sich so jemand „Kynopädagogin“ nennen??? Äh…. wahrscheinlich weiß die gar nicht, was das ist…. Die denkt, das hat was mit Kino zu tun… und da wird ja bekanntlich viel Mist gezeigt und produziert…..

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  6. Katrin W.
    Katrin W. says:

    Ich kenn das so gut. Es wurde mir wirklich von Freunden/ Bekannten vorgeschlagen das ich meinen Ersthund (1998- 2013) besteigen solle um ihm klar zu machen wer hier Chef is. Macht man halt so.
    Kam zwar mal in den ersten 2 Jahren vor das er meinen Arm berammeln wollt, aber bei 12 kg ist das nicht schwer zu unterbinden. Leider hat er nicht die Weltherrschaft an sich gerissen und war sonst eher ein verträglicher Zeitgenosse.
    Heute habe ich ein Münsterländer/Labbi Mix, knapp 11 Monate alt und 30kg.
    Mir wurde schon vorgeschlagen den Hund zu besteigen, zu Boden zu drücken, in die Ohren beißen/kneifen und wenn er mich anspringt(vor Freude) dann den Unterkiefer festhalten.
    Mein Hund ist eine absolute Weichflöte. Kein Dominanzverhalten, keine Agressivität, aber halt typisch Labbi- liebt erstmal prinzipiell alles und jeden. Möchte nicht wissen zu welchem Hund Ted geworden wäre, hätt ich auf solch unsinnige Ratschläge gehört.

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