„Ab jetzt arbeiten Sie besser gewaltfrei, Sie Schwein“

Diesen netten und bestimmt nicht aversiv gemeinten Satz schrieb mir eine Dame über das allseits beliebte Shitstorm-Formular. Zunächst einmal vielen Dank! Doch, und ich bin nicht ganz unstolz drauf – abgesehen von den paar On-leinenpöblern, ergeben sich hier ja einige schön zu lesende Diskussionen. Und da ich der Hilfesuchenden versprochen habe, dass sie ganz viel Feedback bekommt, geb‘ ich mir auch ganz viel Mühe!

How ever, wenn man so freundlich aufgefordert wird, kommt man einer so lieben Bitte natürlich nach. Also, los geht’s. Heute morgen erreichte mich folgende E-Mail von einer Frau Dings aus Bums:

positiv

Hallo Herr Mrozinski,

mein Name ist Hase (Name geändert), ich bin 28 und habe eine Labrador-Wasauchimmer-Mischlings-Hündin namens Frika, 7 Jahre, 45 kg. Sie ist ein Vermächnis meines verstorbenen Vaters.

Ich komme am besten gleich auf den Punkt, weil ich echt am Verzweifeln bin. Mein Hund kann der netteste, wohlerzogenste Hund der Welt sein, die Betonung liegt auf kann!

Bis sie gestern das Fass mächtig zum Überlaufen gebracht hat. Wir wohnen in einem Hochhaus, in dem sehr viele Hunde leben. Sehr viele kleine Hunde, die mir tagtäglich beim Gassi gehen begegnen und sich vor lauter Bellen halb an ihren eigenen Leinen erhängen. Über die Reaktionen deren Besitzer freue ich mich immer am meisten, die mit einem breiten Lächeln auf mich zu kommen und mir schon entgegenrufen „tja, so sind se halt“.

Aber wehe dem, meine große schwarze Hündin würde so etwas machen, dann ist sie sofort der „böse gefährliche Kampfhund“. Ich schweife schon wieder ab.

Wir hatten schon diverse Rangeleien mit anderen Hunden, nichts wildes, aber gestern war mein Freund mit ihr Gassi. Sie löste sich rückwärts aus dem Halsband, schoss über die Strasse, packte sich einen kleinen Terrier und lies nicht mehr los. Keine Vorwarnung, kein Bellen von beiden Seiten, nichts! Ich bin sehr erschrocken, zu was sie fähig sein kann. Mache mir schwere Sorgen, wie das weitergehen soll und was ich tun kann.  Ich hoffe Sie können mir irgendwie weiterhelfen.

Normalerweise würde ich so Dinge schreiben wie:

Liebe Frau Dings,

leider ist es völlig unmöglich, über das Internet seriöse Hilfe zu leisten – ohne den Hund, sein Verhalten und die Umstände zu kennen, kann ich nur Mutmaßungen anstellen. Daher würde ich Ihnen empfehlen, dass Sie sich an einen fähigen Hundetrainer wenden, der Ihnen sicherlich weiterhelfen kann. Als kleine Hilfestellung sollten Sie vorab folgende Fragen für sich beantworten können, die ein Trainer im Ersttermin – meiner Meinung nach – abfragen sollte, damit der Kollege oder die Kollegin einen guten Einblick in Ihr Zusammenleben mit Ihrer Hündin bekommt.

Wie Sie geschrieben haben, haben Sie den Hund von Ihrem Vater übernommen, wie lange lebt Frika denn schon bei Ihnen? Achtet sie eher auf Sie oder ist sie eher aussenorientiert? Wie sah Frikas Leben aus, bevor Sie den Hund übernommen haben? Wie sieht es grundsätzlich mit der Verträglichkeit mit Artgenossen aus? Kommt sie, wenn sie nicht angeleint ist, mit anderen Hunden klar? Wie sieht es da mit Hündinnen aus? Wie mit Rüden?

Sie beschrieben, dass es schon mehrere kleinere Rangeleien gab? Wie ist es zu diesen Situationen gekommen, wie sind sie abgelaufen und wie haben sie sie beenden können? Sind Sie grundsätzlich in der Lage, die 45 Kilo mit Allradantrieb zu halten, wenn sie einmal in Bewegung sind?

Nun gibt es viele Gründe, warum es zwischen zwei Hunden „scheppert“, auch ohne dass sich die beiden vorher begegnet sind. So könnte es zum Beispiel sein, dass der kleine Terrier Ihrer Frika ständig ein „Ich bin der König der Welt“ ins Revier markiert, denn Hunde wissen sehr wohl, wer da so in ihrem Königreich rumfleucht. Vielleicht hat der Terrier ihr unverschämterweise mit einem kurzen Blick zu verstehen gegeben hat, dass sie eine dumme Kuh ist. Vielleicht ist der Terrier eine Terrierin und es gibt Ärger um die rote Lola, vielleicht spielt Ihr Freund eine Rolle, vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Was ich Ihnen unbekannterweise – sozusagen als „Erste-Hilfe-Tipp“ – mit auf den Weg geben kann, ist zu allererst, dass Sie Frika so sichern, dass sie nicht mehr aus der Leine flutschen kann. Also, entweder Geschirr bzw. Halsband enger oder im Zweifel lieber doppelt sichern.

Da Sie geschrieben haben, dass „kein Bellen von beiden Seiten“ zu vernehmen war, schliesse ich daraus, dass es sonst in solchen Fällen zu wüsten Beschimpfungen kommt. Wenn dem so wirklich so sein sollte, gehen Sie nicht drauf ein. In dem Moment, in dem Sie alles geben, um Ihren Hund zu bändigen, wird er nur erwidern „Ich hab ihn auch gesehen, zusammen machen wir die Sau platt.“

Ignorieren Sie das – ganz im Gegenteil entziehen Sie sich bewusst dem Konflikt, den Ihr Hund gerade hat. Halten Sie Ihren Hund gut fest und rezitieren Sie Goethe, stellen Sie sich eine Rechenaufgabe oder sprechen Sie mit einem Baum. Das wird das Verhalten Ihres Hundes nicht ändern, aber Sie werden die Situation auch nicht ünnötig anheizen. Alles weitere wird dann der Hundetrainer Ihrer Wahl mit Ihnen erarbeiten. Dabei wünsche ich Ihnen viel Erfolg und alles Gute.

Aaaaber, ich habe mich ja gebessert! Ab sofort arbeite ich absolut positiv verstärkend und gewaltverneinend! Ich Schwein!

Nun bin ich, was diese Thematik angeht, ja blutiger Anfänger („Blutig“, was für eine Metapher in diesem Zusammenhang!).

Um mich einzugrooven, erstmal etwas Musik!

Deshalb habe ich einfach mal ein paar Zitate aus dem Internet rausgesucht, um eine möglichst gute Figur zu machen! Ganz ehrlich , der absolut größte Teil des Textes ist geklaut!

Aaaalso – Here we go again:

Liebe Frau Dingens,

anhand Ihrer Schilderungen liegt der FALL KLAR auf der HAND!!! Bei Ihrer Hündin kommen sicherlich große Trauer wegen des Rudelwechsels in Verbindung mit Angst vor den vielen anderen Rudeln in der neuen Umgebung zusammen. Bestimmt durfte die arme Maus in der Prägephase nicht an der oberen linken Zitze ihrer Mama knabbern!!!

DER BEWEIS dafür ist, dass die Fellnase versuchte zu flüchten, als der böse Terrier (bestimmt ein Red Zone-Hund) da stand. Dies ist eine Übersprungshandlung, da Sie ein beengendes Halsband verwendet haben, so dass die Süße aus lauter Panik nach Luft ringend keine andere Möglichkeit sah, als die 25 Meter zu überbrücken und den Terrier zu zwicken. Eindeutig Prägeschaden!!

Außerdem ist Ihr Freund nicht Frikas Bezugsperson, so dass sie dachte, dass sie wieder abgeschoben wird. Ganz bestimmt hat sie auch eine schlechte Erfahrung mit einem Objekt in der Umgebung gemacht, vielleicht ein Auto, ein Briefkasten, ein Baum oder frische Luft.

Meine Empfehlung lautet daher. Zunächst einmal muss sich Frika bei Ihnen wohlfühlen. Am besten gelingt dies, in dem Sie der Maus eine komfortable und absolut störungs- und stressfreie Umgebung schaffen. Eine geräumige Kuschelhöhle als Rückzugsmöglichkeit, in der der Hund AUF GAR KEINEN FALL gestört werden darf, ist ein toller Anfang. Brauchen Sie wirklich Ihr Wohnzimmer? Bedenken Sie, Ihr Hund hat Angst!

Die neue Kuschelhöhle will positiv verknüpft werden. Doch auch ein ängstlicher Hund braucht natürlich FÜHRUNG!

Denn ein Hund, der FÜHRUNG FÜHLEN kann, kann DÜRFEN müssen! Und ganz viel Mehr!

Deshalb SAGEN+ZEIGEN Sie Ihrem kleinen Schatz sein neues Reich. Sagen Sie zum Beispiel: HÖÖÖÖÖÖÖHLE und sobald Frika ein Pfötchen in den Raum setzt, sagen Sie GOOOOOOOOOD GIIIIIIIIIRL – Vermeiden Sie dabei auf jeden Fall scharfe Betonungen. Sie wissen ja, einen Moment nicht aufgepasst und das „OOOOOO“ ist das Stachelhalsband für die Seele!!!!

Um unnötigen Stress zu vermeiden, sollten Sie Frika schon den Weg raus ins Gassi so angstfrei wie möglich gestalten. Da Sie geschrieben haben, dass so viele Hunde im Haus leben und die Fellnase so angstvoll ist, ist es wichtig, den Gang durchs Treppenhaus positiv zu verstärken. Je nachdem, in welchem Stockwerk Sie leben , müssen Sie natürlich bedenken, dass so etwas Schritt für Schritt aufgebaut werden muss. So bestätigen Sie zum Beispiel mit einem Leckerchen, wenn Frika ohne ersichtliche Anzeichen von Stress(!) eine Stufe von sich aus freudig gehen möchte.

Haben Sie Geduld. Wenn Sie jedoch in einem hohen Stockwerk (z.B. zweites) leben, haben Sie natürlich das Problem, dass Frika auch mal Pipi muss. Da ein so alter Hund eigentlich eh keine Treppen laufen sollte, gewöhnen Sie sie doch ans Tragen. Das ist gut für die Bindung und Ihr Hund lernt, Vertrauen zu Ihnen zu fassen.

Bedenken Sie zudem den großen Kostenvorteil und die Ersparnis beim Tierarzt: Wenn Ihre Bandscheibe rausspringt, zahlt das die Krankenkasse!

Wenn Sie es mit Ihrem Notfell erreicht haben, dass Sie endlich entspannt gemeinsam spazieren gehen können, ist es wichtig, dass sie die Begegnung mit anderen Wuffies langsam und behutsam aufbauen. Daher empfehle ich Ihnen, dass Sie zunächst – nur für ca. 2-3 Jahre – die Wuffelrunden in die späten Abendstunden verlegen. So bleiben Ihnen unangenehme Hundebegegnungen erspart!

Jetzt geht es aber ans Eingemachte! Wir trainieren die Begegnung mit anderen Fellnasen. Um „draussen“ für den Hund schön zu gestalten, füttern wir ab sofort aus der Hand – aber nuuur, wenn wir Gassi gehen und nuuuuur, wenn uns ein Hund begegnet. Es ist kinderleicht zu erlernen.

Sobald wir einen anderen Wauzi am Horizont sehen, bieten wir unserem Hund Futter an und sagen „fu-fu-fu-fu-fu-fu-fu-fu-fu-fuuuuu“ und sobald die Süße etwas annimmt sagen wir „tter“. Auch hier ist wichtig, dass alle Hunde ein zu deutlich ausgesprochenes „R“ als Bedrohung ansehen. So finden sich „R“ zum Beispiel in Abscheulichkeiten wie „StachleR“ oder „KastRation“. Aus diesem Grund sprechen wir auch von Gooodies und nicht von LeckeRchen.

Sollte sich unser Hund wider Erwarten doch dem Gegenüber widmen, haben wir immer unser Superleckerchen dabei.

Das sollte etwas ganz besonderes für unseren Liebling sein. Zum Beispiel eine gute Suppe. Denn Kauen steigert die Aggressivität.

Das Superleckerchen haben wir natürlich vorher mit dem Superleckerchensignal verknüpft, so dass der Hund bei unserem freundlichen „Supisupisupisupisupisupisupifeinfeinfein“ sofort von seinem Plan ablässt und seine Belohnung geniesst.

Sollte selbst dass nicht helfen, bleibt immer noch der geordnete Rückzug. Am besten gelingt das, in dem wir uns  flach auch den Boden werfen, ein „funktionales U“ bilden und unserem Hund zum Schutz die Brust bieten.

All das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Jeder Schritt benötigt Zeit und Geduld und ganz, ganz GANZ viel Liebe. Doch auch wenn Frika bereits sieben Jahre alt ist, stehen die Chancen gut, dass sie einige Wochen mit Ihrem Liebling in toller Harmonie als super Mensch-Hund-Team verleben.

Mit leisen Grüßen – still und sanft – Ihr posititiver Hundefreund

Hunde in Verantwortung POSITIV (HIV-Positiv e.V.)

Klingt irgendwie schlüssig, find ich!

14 Kommentare
  1. (erforderlich)
    (erforderlich) says:

    Soeben wurde mir mein Tag versüßt!!!

    Danke für diesen genialen Beitrag, über den ich mich in 5 Wochen noch kaputt grinsen werde…

    Antworten
  2. Frau Wirrkopf
    Frau Wirrkopf says:

    Schade, dass BamBams Lehrplan für das Treppenhaus in seinem Blog nicht mehr online ist….
    „Wir beide“ haben deine Empfehlungen gerade fröhlich grinsend gelesen und BamBam meinte, er sei froh, dass ich rechtzeitig normal geworden sei. Sonst säß ich immer noch in der Tür zum Treppenhaus und er läg vor Angst zitternd auf dem Boden, mich stur ignorierend. Inzwischen wäre im Flur alles vollgeschissen und nassgepinkelt, weil in den letzten 4 Jahren mehrfach der Aufzug kaputt war und der Strom ausgefallen ist.

    Wie wir das gelöst haben? Ich hab ihn auf dem Bauch durch die Tür ins Treppenhaus gezogen, ich Schwein! Danach Tür zu, Leine vor seine Füße geschmissen und es begab sich, dass ein irrer Wolfshund eine Pfote nach der anderen die Treppe hinabstieg um vor dem Haus einen Baum zu bepinkeln. Zeitaufwand? 10 Minuten! Aber ich muss nun bis ans Ende unserer Tage mit der Schmach leben, ein ungeduldiges Schwein zu sein. Jawoll! *daumenhoch*

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  3. Canine Advice
    Canine Advice says:

    Ja ich bin auch ein Schwein, eine Drecksau und habe für einen Hund der keine Treppen steigen konnte, weil Angst. 5:26 min. gebraucht. nun rennt er mit voller Lust immer ins obere Schlafzimmer.. jipi nun kann ich ins Bettchen springen wann ich will. 😉 Klar hatte er Panik, doch ist das nicht immer so wenn man sich seinen Phobien stellt? von Phobien habe ich Ahnung. ich habe Höhenangst und was mache ich dagegen, ich fahre jedes Jahr ein Paar mal den Höchsten Tower im Freizeitpark an..

    Ich finde das eher Grauenhaft, nein seelische Grausamkeit wenn man seinen Hund ständig unter Angst leben lässt. Das ich für manche Menschen, nur weil ich CM befürworte ein Tierquäler bin ist mir egal, zum Schluß sehe ich auch diese Menschen die mich dann rufen weil sie sonst ihren Liebling abgeben oder einschläfern müssen.

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  4. Susanne Heering
    Susanne Heering says:

    Hallo, bin begeistert über deine Tips! Meine zwei Fellnasen ( Dackel) haben sich grade beim vorlesen auf den Boden geschmissen- soll wahrscheinlich heißen<<<>>>>>>>Also noch einmal alles auf Anfang!!! Danke für alles ich bin auch ein ungeduldiges Schwein….

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  5. Ute R.
    Ute R. says:

    Wie sagt Günther Bloch so schön? Der Hund versteht. bla bla bla bla, so manch ein Tier wünscht sich in so einem Fall die spontane Taubheit herbei *g*

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  6. Angela R.
    Angela R. says:

    Ich bekomme das Grinsen gerade nicht aus dem Gesicht, lese seit 2 Tagen hier und Norman, ich liebe dich!
    Im Januar ist unser Wauzi leider nach schwerer Krankheit gestorben. dann suchte ich auf diversen Tierschutzseiten nach einem neuen Hund, bisher habe ich noch keinen gefunden. Mir sind die meisten Seiten absolut suspekt, hier fühle ich mich mit meinem Eindruck bestätigt.

    Auch diverse Hundeforen sind einfach nur fürchterlich, jeder weiß alles besser, und man wird schon runtergemacht, wenn man bei Fragen wegen Krankheiten nicht sofort das komplette Blutbild gleich mit postet. Macht weiter so!

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  7. Ma
    Ma says:

    Ich lese eigentlich nicht in Hundeforen. Einmal habe ich es doch getan und bin gleich über die übereinstimmende Haltung gestolpert, bei einer kleinen Erkältung des Hundes gleich zum Tierarzt zu rennen, damit die lebensrettende Spritze verpasst werden kann.

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